Archiv

Wann ist Trauer Depression?

Medizin.- Alle 15 bis 20 Jahre wird von der amerikanischen Psychiatrie-Vereinigung APA ein neues "Handbuch für psychiatrische Störungen" herausgegeben - das sogenannte DSM. Die fünfte Version sorgt schon vor Veröffentlichung für heftige Diskussionen. Einer der Kritikpunkte: Das Werk verwandele normale Verlusttrauer in eine große Depression.

Von Martin Hubert | 01.02.2013

Lange Zeit interessierte das DSM, das "Diagnose- und Statistik-Handbuch für psychische Störungen" nur Experten. Aber seit dem Jahr 2009 ist es zu einer öffentlichen Angelegenheit geworden. Denn seitdem gab es immer mehr Kritik an diesem Handbuch, das für die nächsten Jahre die psychiatrische Forschung und Praxis maßgeblich beeinflussen wird. An der Spitze der Kritiker steht der bereits emeritierte Psychiater Allen Frances von der Duke University in North Carolina. Seine Stimme hat besonderes Gewicht, denn Frances stand der Kommission vor, die das bisher gültige Handbuch, das DSM-4 ausarbeitete.

"Ich befürchte, dass DSM-5 die Grenzen der Psychiatrie über das Notwendige hinaus ausdehnt und so das Leben vieler Menschen dramatisch beeinflusst."

Psychiater wie Prof. Wolfgang Gaebel weisen diese Kritik zurück. Gaebel ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Düsseldorf, als einer der wenigen Europäer hat er an der Entstehung des DSM-5 mitgewirkt.

"Ein doch sehr komplexer Prozess, wo ich nun nicht anstehe zu sagen, es ist alles Mist, was da rausgekommen ist."

Allen Frances Kritik lautet im Einzelnen: Psychiatrische Symptome sind oft vieldeutig , wandelbar und unscharf. Sie können daher nicht immer eindeutig einer bestimmten psychiatrischen Störung wie Depression oder Schizophrenie zugeordnet werden. Das gelte vor allem für leichte Symptome, die nicht unbedingt bedeuten, dass ein Mensch wirklich psychisch erkrankt. DSM-5 weite nun das Reich der Störungen unzulässig aus. Das betreffe unter anderem neue Krankheitsdefinitionen wie die "Komafressstörung" oder unerklärliche Wutanfälle bei Kindern. Aber auch milde Demenzen, das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom für Erwachsene - oder die Depression.

"Die umstrittenste Änderung besteht darin, ganz normale Verlusttrauer in eine große Depression zu verwandeln. Jemand, der nur zwei Wochen lang nach dem Verlust eines geliebten Menschen noch traurig ist, interesselos, appetitlos, der schlecht schläft und keinen Antrieb verspürt - ein solcher Mensch würde nach DSM-5 bereits als depressiv eingestuft. Und wie die Dinge in der Welt so laufen, werden ihm die Ärzte eine Pille verschreiben."

In DSM-4 musste jemand, der trauert, längere Zeit an diesen Symptomen leiden, um als depressiv eingestuft zu werden. Zusätzlich musste er unter anderem noch Selbstmordgedanken und Wahnvorstellungen haben. Das fällt nun weg. Allen Frances meint daher, in DSM-5 werde ganz normale Trauer unnötig pathologisiert. Wolfgang Gaebel, der Direktor der Düsseldorfer Universitätspsychiatrie, argumentiert dagegen.

"Der Punkt ist hier in diesem Fall, dass die Trauerreaktion, selbst wenn sie sich in einem Maße zeitlich bewegt, was noch unterhalb einer Schwelle liegt, wo man sagen würde, das beginnt pathologisch zu werden, dass das offenbar doch ein Risikofaktor für das Entstehen einer echten depressiven Störung ist. Als Risikofaktor sozusagen dieses zu betrachten heißt ja noch nicht, denjenigen die Diagnose geben, sondern sozusagen hier besonders genau zu beobachten und das heißt auch noch nicht, dass man hier gleich mit der Pharma-Keule zuschlägt."

Trotzdem hat die Kritik von Allen Frances und vielen anderen Psychiatern und Therapeuten dazu geführt, dass die Macher des DSM-5 kurz vor Torschluss noch eine Kompromissformel einführten. Sie fordern die Psychiater auf, jeden Verlust, den ein Mensch erleidet, besonders vorsichtig und sorgfältig zu untersuchen, bevor sie die Diagnose "Depression" stellen. Ob damit der Streit um das neue Verständnis der Depression ad acta gelegt ist, kann erst die Praxis zeigen, die auf die Veröffentlichung des neuen Handbuchs im kommenden Mai folgen wird.

Störungswahn? Psychiater streiten um die Zukunft ihres Fachs
(Von Martin Hubert)