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Warme Kissen für die Gläubigen

In vielen der rund 20.000 christlichen Kirchengemeinden in Deutschland wird der Rotstift angesetzt. Die Chefs der Kirchenpolster-Firma Havener in Saarlouis schauen trotzdem optimistisch in die Zukunft. Mit patentierter Technik wollen sie weiterhin für warme Gottesdienste sorgen.

Von Tonia Koch | 17.05.2013

    Geschickte Hände führen ein braun-rotes Bankpolster an der Nadel einer Industrienähmaschine entlang. Die etwa 30 Zentimeter breite Auflage ist sechs Meter lang, für Gabriele Gerard keine Herausforderung:

    "Das ist ein kurzes, wir hatten schon längere ..."

    Nur wenn es um die abgerundeten Ecken geht, verlangsamt die Näherin die Geschwindigkeit. Auf das Verfahren, Polster in dieser Weise zu ketteln, besitzt die Saarlouiser Firma Havener ein Patent, erläutert Juniorchefin Sandra Havener:

    "Die werden dreifach Hochdruck vernäht, d. h. der Schaum, der Stoff und der Haftschaum werden miteinander vernäht, sodass das Polster undeformierbar ist. Also, der Schaum im Inneren wird sich nie verziehen, weil er mit vernäht ist."

    Neben der Technik sind es die Längen, die Produkte von Havener gegenüber der Konkurrenz abheben:

    "Wir sind Marktführer in Europa, also, die Polster, bis zu 20, bis zu 25 Meter lang, dazu ist sonst niemand in der Lage. Wir nehmen halt auch große Mengen an Schaumstoff ab und deshalb können wir das in einem Stück produzieren."

    Und Kirchenbänke mit solchen Ausmaßen seien gar nicht so selten, fügt sie hinzu. Hinter dem Nähplatz sind riesenhaft wirkende Garnspulen aufgereiht. Viel Grau und auch viel Blau sind darunter, trotzdem überwiegen die braun-rot getönten Garne und Stoffe:

    "Hellrot, das ist ein ganz, ganz gängiger Stoff, in Bayern sehr beliebt."

    Mutig in der Farbwahl sind die Kirchengemeinden nirgendwo in Deutschland, weder die katholischen noch die evangelischen. Im Allgemeinen gelte:

    "Im Norden werden häufig grau, blau und auch Grüntöne genommen, während im katholischen Süden eher rot und braun an erster Stelle stehen."

    Ronny Havener teilt sich mit der Schwester und dem Vater, der sich allmählich zurückzieht, die Leitung des Familienbetriebes. Er freut sich, dass es hin und wieder auch besondere Aufgabenstellungen zu lösen gilt, wie in jüngster Zeit die Restaurierung der Kapelle des Schweriner Schlosses. An diesem Wochenende, an Pfingsten, wird sie wieder eröffnet. Das Musterkissen für Schwerin besticht in Farbe, Form und mit besonderen Details, die Kissen sind mit goldenen Nägeln beschlagen.

    "So sehen die Polster dort aus, mit den Ziernägeln, es ist halt was Besonderes gegenüber einem normalen Kissen. Das ist ein Samtstoff, ein Stoff, wie er original schon vor 150 Jahren auf die Bänke gemacht wurde, natürlich anders imprägniert, aber, im Prinzip ähnlich in der Optik. Da haben die Architekten Wert darauf gelegt, dass es keine Renovierung, sondern eine Restauration der Bänke ist."

    Wer sich künftig auf den weichen Sitzen niederlässt, wird es warm haben, denn die Polster sind beheizt. Von Hand wird das drahtlose Heizsystem aus Carbonfasern eingearbeitet:

    "Zwischen Stoff und Schaum kommt der Heizleiter, sodass man, wenn man drauf sitzt, direkt warm bekommt."

    Vor allem Kirchengemeinden, die ihre in die Jahre gekommene Heizung in den Gotteshäusern erneuern müssen, denken über beheizte Kissen nach. Auch der Denkmalschutz, der Fresken und Malereien vor schädlicher Heizungsluft, Temperaturschwankungen und aufgewirbelten Staubteilchen schützen möchte, finde in den beheizbaren Bankpolstern eine wirkungsvolle Alternative zu gängigen Heizsystemen, glaubt der Juniorchef:

    "Es ist halt schwierig, den Leuten beizubringen, jetzt schalten wir die Heizung ab. Die sind eine Raumtemperatur von 16 bis 18 Grad gewöhnt in vielen Gemeinden, da ist es halt schwierig, wenn der Pfarrer sagt, ab sofort haben wir null Grad und heizen mit den Kissen. Richtig teuer wird es bei einer Umluftheizung bei 12-13 Grad, wenn man da höher geht, das geht richtig ins Geld. Und wir sagen jetzt, die Temperaturschwankungen ganz raus nehmen, die Temperatur runter fahren auf einen Wert, der mit der Orgel vereinbar ist, so neun bis zehn Grad. Die Temperatur wird gehalten und zu den Gottesdiensten wird zusätzlich nur noch mit unseren Polstern geheizt, so kann man doch schon 50 Prozent der Heizkosten einsparen."

    Die Polster lassen sich stufenlos bis auf 35 Grad erwärmen, mehr sei nicht nötig, sagt der Hersteller. Und in einer Modellrechnung rechnet Havener vor, dass 55 Cent, die für den Strom aufgewendet werden müssen, genügen, um 200 Gottesdienstbesuchern für die Dauer einer Stunde zu wohliger Wärme zu verhelfen. Befürchtungen, dass die fortschreitende Umwidmung von Kirchengebäuden dazu führen wird, dass das Geschäft mit den Bankpolstern einbrechen könnte, hegt Ronny Havener nicht.

    "Man muss bedenken, in Deutschland gibt es um die 20.000 Pfarrgemeinden. Und wenn da jetzt mal 100 Kirchen geschlossen werden, werden irgendwo wieder andere aufgebaut. Es ist ja so, die werden geschlossen, um Kosten zu sparen für andere Kirchen. So können vielleicht, wenn eine Kirchengemeinde vier Kirchen unter sich hat und eine schließt, können die anderen drei Polster kaufen, also, es ist also gar nicht so schlecht für uns."

    Gestärkt durch die Zuversicht, dass sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche in den Hauptabsatzmärkten des Unternehmens, in Deutschland, Österreich und Polen ihre Gotteshäuser auch weiterhin pflegen und erhalten werden, will der Familienbetrieb weiter wachsen. Zurzeit kümmern sich 21 Beschäftigte, sechs davon im Außendienst, um die individuellen Wünsche der Kundschaft. Viele Mitarbeiter sind seit langen Jahren in der Firma. Sie haben die zweite Generation, die Juniorgeschäftsführer aufwachsen sehen:

    "Die kenne ich schon, seit ich ein kleines Kind war, wir haben Mitarbeiter hier, die sind schon 25 Jahre bei uns."

    Einer davon ist Bernhard Stark. Er freut sich, dass es keine Nachwuchsprobleme gibt im Betrieb, sondern dass die familiäre Kontinuität in der Firmenleitung gewahrt bleibt.
    "Das ist prima, ich find das gut, so muss es sein."

    Über die Entwicklung der Geschäftszahlen der GmbH, über Umsätze und Ertrag wollen die Junioren keine Angaben machen. Nur so viel, mit der aktuellen Situation seien alle sehr zufrieden beim Polsterspezialisten Havener im saarländischen Saarlouis.

    "Uns geht es immer besser, wenn es in der Wirtschaft überall schlecht läuft, denn es ist so, wenn die Leute wenig Geld haben, dann gehen sie mehr in die Kirche und das ist gut für uns!"