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StartseiteHintergrundWarum sich Mädchen rosa Prinzessinnenkleider wünschen10.12.2011

Warum sich Mädchen rosa Prinzessinnenkleider wünschen

Geschlechterbild von Jungen und Mädchen im Wandel

Mancher Forscher befürchtet schon ein "Roll-Back" auf das Rollenverständnis der 50er-Jahre, weil Mädchen heute die Farbe Rosa und Prinzessinnenkleider lieben. Die Spielwarenindustrie hat sich jedenfalls ganz auf dieses neue, alte Rollenverständnis eingestellt.

Von Claudia van Laak

Uneingeschränkte Königin der Kinderzimmer: Barbie (AP-Archiv)
Uneingeschränkte Königin der Kinderzimmer: Barbie (AP-Archiv)
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Liselotte spielt Mundharmonika. Die Mundharmonika ist rosa. Liselotte auch. Die Vierjährige trägt ein bodenlanges, rosafarbenes Prinzessinnenkleid mit Reifrock, um den Hals eine Glitzerkette. Auf den blonden, zu Zöpfen geflochtenen Haaren sitzt eine Glitzerkrone.

Liselotte: "Prinzessinnenkleid, ganz schick, rosa."

Liselotte hat eine klare Vorstellung davon, wie Mädchen und Jungen aussehen und wie sie sich verhalten sollen. Jungs sind wilder und wollen immer kämpfen, sagt die Vierjährige, Mädchen sind ganz ruhig. Wir wollen nicht das machen, was die Jungs machen, sagt Liselotte bestimmt:

"Zum Beispiel Hose anziehen, das wollen die Mädchen nicht machen."

Liselotte weigert sich standhaft, Hosen zu tragen. Am liebsten würde sie jeden Tag als Prinzessin verkleidet in den Kindergarten gehen. Ein bodenlanges rosa Glitzerkleid für Jungs? Auf keinen Fall:

"Dann lach' ich die ja aus. Das sieht dann nämlich ganz komisch aus. Jungs tragen Hosen, Prinzhosen, und die Mädchen tragen Prinzessinnenkleider."

Liselotte dreht sich vor dem Spiegel hin und her, läuft ins Badezimmer, legt Lipp-Gloss auf. Sie hat sich inzwischen umgezogen, das eine rosa Prinzessinnenkleid mit dem nächsten vertauscht.

Manche Jungs kommen nicht mehr zum Spielen zu Liselotte, weil sie immer nur Prinzessin spielen will, erzählt ihre Mutter Uta Bielfeld. Woher das kommt? Sie und ihr Mann Magnus Rüde haben schon öfter darüber nachgedacht, sie sind reflektierte Eltern. Beide arbeiten als Wissenschaftsmanager, sie für die Leibniz-Gemeinschaft, er an der Berliner Charité. Die Erklärung, das ist doch alles genetisch bedingt, ist ihnen zu einfach.

Mutter und Vater (Dialog): "Wir haben uns ein bisschen gewundert, weil wir uns bemüht haben, das neutral zu halten, was das Spielzeug betrifft. Dass die Tendenz doch sehr stark zu Puppen ging, wir waren da wirklich erstaunt." - "Ja, sogar so beeindruckend, weil eines der großen Spielsachen eine Duplo-Eisenbahn war. Das ist ja schon so etwas, wo man versucht, entgegen der typischen Geschlechterrollen mal Interessen zu wecken und das hat nicht so richtig verfangen. Auch bestimmte Farben, dass plötzlich Rosa so einen großen Stellenwert hatte, das kam plötzlich. Es ist schwierig zu erklären, woher das kommt."

Liselottes Eltern sind hin- und hergerissen. Ihre vierjährige Tochter soll ihren Interessen, Neigungen, Leidenschaften nachgehen können – einerseits. Andererseits soll der Rosa-Wahn nicht zu weit gehen - Uta Bielfeldt und Magnus Rüde setzen Grenzen. Liselotte darf nicht mit dem Prinzessinnenkleid in die Kita, das Traumschloss aus billigem rosa Plastik bekommt sie ebenfalls nicht, stattdessen bastelt der Vater am Wochenende gemeinsam mit der Tochter ein Schloss.

Die Eltern machen sich Sorgen, Liselotte könnte ein bestimmtes Mädchenideal verinnerlichen. Denn die Prinzessinnenwelt vermittelt: Erfolg, Bewunderung und Anerkennung gibt es allein für ein schönes Äußeres, nicht für eine bestimmte Leistung. Ruhig, brav und anpassungsfähig, so sind die Prinzessinnen in aktuellen Kinderbüchern, Filmen, Hörbüchern.

Mutter: "Also, es ist ein sehr passives Frauenbild. Ich versuche, dagegenzusteuern. Also, das ist definitiv etwas, was ich sehr ablehnenswert finde."

Doch dann erinnert sich die 33-Jährige an ihre eigene Kindheit. Wie sie gegen die dunkelbraunen Gardinen in ihrem Kinderzimmer kämpfte, unbedingt den rosafarbenen Stoff wollte. Als ich die rosa Gardinen hatte, war ich glücklich, sagt Uta Bielfeldt:

"Ich möchte ehrlich gesagt jetzt rosa Gardinen für meine Tochter nähen, wenn sie das so glücklich macht, als da so stark gegenzuhalten.
Ich würde mich trotzdem wehren, Produkte zu kaufen, die genau auf diese Zielgruppe zugeschnitten sind, also zum Beispiel haben wir noch nie aktiv etwas von Prinzessin Lillifee gekauft."

Prinzessin Lillifee – ursprünglich eine Kinderbuchfigur, mittlerweile eine millionenschwere Marke. Eine Mischung aus Fee und Prinzessin, immer in glitzerndem Rosa gekleidet. Sie fährt in einer Kutsche, kümmert sich um die Tiere, liebt ihr Einhorn und ist der Traum vieler Mädchen im Kindergartenalter. Natürlich auch der von Liselotte. Ich habe ein Lillifee-Heft, das zeige ich dir mal, ruft sie und läuft in ihr Kinderzimmer:

"Hier gibt´s auch Geschichten drin. Hier kann man sich als Lillifee verkleiden, man kann auch so einen Lillifee-Koffer haben, so ein Portemonnaie, das hier, das hier. Katarina, meine beste Freundin hat den Koffer, aber in rosa."

400.000 Mal haben sich die CDs der Prinzessin in der rosa Glitzerwelt inzwischen verkauft. Die Bücher aus dem Coppenrath-Verlag erscheinen mittlerweile in 25 Ländern, jedes Jahr kommt ein neues auf den Markt, verbunden mit aktuellen Merchandising-Produkten – 50 Seiten umfasst der Katalog allein für die Marke Lillifee.

Rosa Wecker in Herzform, Einhörner aus Plüsch, Plastiksammelfiguren, Ketten, Armbänder, ein Beauty-Set mit Lippenstift, Nagellack, Glimmerpuder.

"Wir möchten Kinder glücklich machen."

Wolfgang Hölker, Inhaber des Coppenrath-Verlags.

"Und das ist kein dummer Spruch, sondern wir möchten Kindern Wurzeln geben und das erleb' ich immer wieder und das macht mir riesig Spaß."

Auf den wirren grauen Locken von Wolfgang Hölker sitzt eine Schiebermütze, zur ausgebeulten Cordhose trägt der 63-jährige ein ebenfalls ausgebeultes, beige-rot kariertes Tweed-Jacket.

Vor fast 35 Jahren übernahm Wolfgang Hölker den damals winzigkleinen Wissenschaftsverlag Coppenrath. Er verlegte Kunstbände, Kochbücher und bereits ein paar Bücher für Kinder. Dann hatte Wolfgang Hölker eine Idee, die sich im Nachhinein als genialer Verkaufserfolg herausstellen sollte:

"Wenn Du eine Geschichte hörst, die Du lieb hast, mit einem Teddy, dann möchtest Du den Teddy in den Arm nehmen, nicht nur das Buch. Da habe ich auf die Augen und die Herzen und den Verstand meiner Kinder geschaut. Und daraus hat sich das entwickelt. Das war auch kein Businessplan, das war nicht strategisch vorgeplant, das ist alles Quatsch."

Damals war es die Idee eines kreativen Kopfes, heute heißt dies "Cross-Merchandising". Das Buch zum Film, die Backmischung zur CD, das Radiergummi zum Traumschloss, die Bettwäsche zum Buch.

Der Umsatz ist explodiert – lag er vor 20 Jahren noch bei knapp drei Millionen Euro, liegt er aktuell bei 73 Millionen Euro jährlich. Wolfgang Hölker und seine 120 Mitarbeiter verkaufen heile Welten, in denen Mädchen passive Prinzessinnen sind, Jungs aktive Piraten und Forscher.

Dass die Figuren Geschlechterstereotype aus mindestens dem letzten Jahrhundert bedienen, diese Kritik weist Firmeninhaber Wolfgang Hölker zurück. Er erzählt gerne die Geschichte von der Untersuchungshaftanstalt, deren Wände rosa gestrichen wurden und – schwupps – sei die Gewalt drastisch zurückgegangen. Im Übrigen seien die Eltern, nicht sein Unternehmen dafür verantwortlich, was in den Kinderzimmern herumstehe und –liege. Wir verführen auf nachdenkliche Art und Weise, sagt der Unternehmer:

"Ich bin ja vom Jahrgang 48, also 68er, Sie verstehen, ich brauche nichts weiter zu erklären. Sie müssen einfach nicht alles kaufen."

Nicht alles zu kaufen – das fällt Eltern, Onkel, Tanten, Großeltern besonders an Weihnachten schwer. Die Wunschzettel sind lang, die Zeit kurz, der Weihnachtsstress groß. Warum nicht einen großen Wunsch erfüllen und an Heiligabend strahlende Kinderaugen genießen? Auch Erwachsene schenken einander viele unnütze Sachen – warum nicht den Star-Wars-Kämpfer für den Jungen und das Prinzessinnen-Traumschloss für das Mädchen kaufen?

Knapp 2,5 Milliarden Euro geben die Deutschen hochgerechnet in diesem Jahr für Spielwaren aus. Die Zahl der kleinen, inhabergeführten Spielzeugläden geht zurück, auch die der Warenhäuser mit eigenen Spielzeugabteilungen. Große Ketten wie "Spiele Max" oder der US-amerikanische Konzern "Toys´r ´us" sind auf dem Vormarsch. Wer schon lange Jahre keinen Spielzeugladen mehr betreten hat, dürfte sich heute wundern.

Immer lauter, greller und bunter geht es hier zu. Derzeit im Angebot: für Mädchen eine dreistöckige grell pinkfarbene Barbie-Traumvilla mit Aufzug, Lichtern und Geräuscheffekten. Für Jungen ferngesteuerte Monster mit Laserschwertern. Außer bei den traditionellen Brettspielen sind die Mädchen- und Jungenbereiche im Spielzeugkaufhaus farblich klar voneinander abgegrenzt – nie würde ein Junge die rosa Zone betreten, nur selten ein Mädchen die schwarz-grau-braune Kampfzone der Jungs.

Auch Hersteller von ursprünglich geschlechtsneutralem Spielzeug haben ihre Angebote ausdifferenziert. War das dänische Steckspiel Lego ursprünglich für Mädchen und Jungen gedacht, gibt es seit Mitte der 90er-Jahre zusätzlich eine spezielle rosa Edition – ein Traumhaus, einen Pferdestall, eine Hundefamilie. Für Jungen hat Lego Monster namens Bionicle sowie Star-Wars-Figuren und Raumschiffe im Angebot. Die Erziehungswissenschaftlerin Renate Valtin:

"Die Spielzeugindustrie ist sehr daran interessiert, zwei Märkte zu haben, einen für Jungen und einen für Mädchen. Ich habe jetzt gerade Weihnachtsprospekte bekommen, da haben die Mädchen die rosafarbenen Puppen und Puppenstuben und Puppenküchen, also sie werden schon auf ihre späteren fraulichen Tätigkeiten festgelegt. Und für die kleinen Jungen sind schon ganz interessante Werkzeuge vorgesehen oder Bauklötze, technische Spielzeuge, Waffen aller Art."

Das Spielzeug für Mädchen werde immer traditioneller, hat die emeritierte Berliner Pädagogik-Professorin Renate Valtin festgestellt und nennt als Beleg die Barbie-Puppe. So gab es in den 60er- und 70er-Jahren für diese Puppe immer wieder neue Berufsbekleidung, vom Astronautenanzug bis zum Arztkittel, sogar eine Barbie mit Doktorhut. Aktuell geht es nur noch um die Themen Mode und Styling. Und, wie sollte es anders sein - um die Prinzessin in grellem Pink:

"Zur brandneuen Barbie-DVD "Die Prinzessinnen Akademie". Eine zauberhafte Prinzessinnen-Tasche wird zum königlichen Schlafzimmer.
Beauty-Spiegel und noch mehr. Neu: Barbie-Prinzessinnen Schlafzimmer und Bad. Zauberhaft schön."


Wenn die Erziehungswissenschaftlerin Renate Valtin in Kinderzimmer, Spielzeugläden und ins Fernsehprogramm blickt, überall sieht sie ein gesellschaftliches Roll-Back zuungunsten der Frauen. Auch die von ihr durchgeführten Studien bestätigen längst überwunden geglaubte Klischees. So hat Renate Valtin vor 30 Jahren Aufsätze von 10-jährigen Schulkindern schreiben lassen. Das Thema: Warum bin ich gerne ein Junge, warum bin ich gerne ein Mädchen?

1980 waren die Ergebnisse klar: Jungen waren zufrieden mit ihrem Geschlecht, empfanden sich als überlegen, als körperlich stärker, als dominant. Die Mädchen waren in ihren Selbstbeschreibungen viel bescheidener:

"Sie waren mit ihrer Rolle im stärkeren Maße auch unzufrieden als Jungen, weil sie schon die sozialen Beschränkungen erlebt hatten. Sie meinten, die Mädchen mussten immer ordentlich sein, sie dürften nicht auf Bäume klettern, sie müssten dauernd Hausarbeit machen oder sich um andere kümmern. Also, da war klar: Ein richtig positives Selbstbild war an den Mädchen nicht zu erkennen."

Im letzten Jahr hat Renate Valtin erneut Schulaufsätze zu diesem Thema schreiben lassen. Ihre These: Die Selbst- und Fremdbeschreibungen der Mädchen und Jungen müssten sich mittlerweile angeglichen haben. Schließlich hat sich in den letzten 30 Jahren in puncto Gleichberechtigung eine Menge getan.

Doch die Auswertung der Aufsätze zeigte: Bei den Jungen hat sich kaum etwas verändert. Genau wie 30 Jahre zuvor fühlen sie sich als das stärkere Geschlecht. Bei den Mädchen hat eine Verschiebung stattgefunden: Nicht mehr Hausarbeit und soziale Fürsorge stehen im Mittelpunkt der Selbstbeschreibungen, stattdessen überwiegen Äußerungen, die sich auf Schönheit und modische Attribute beziehen.

"Man liest mit deprimierender Regelmäßigkeit: Ich bin gerne ein Mädchen, weil ich lange Haare habe, weil ich mich schminken kann, weil ich schöne Sachen anziehen kann, weil ich Fußkettchen tragen kann. Also, dieses Ergebnis hat mich fast umgehauen, das finde ich doch sehr deprimierend."

Die Aufsätze geben ein momentanes Bild wieder, die Datenbasis ist zu klein, um repräsentativ zu sein. Doch die Ergebnisse einer groß angelegten repräsentativen Längsschnittstudie von Renate Valtin zeigen in dieselbe Richtung.

Befragt wurden mehrere Tausend Jungen und Mädchen von der Klasse zwei bis zur Klasse 9. Das Ergebnis: Jungen haben generell ein positiveres Bild von sich selber als Mädchen. Der Selbstwert der Mädchen ist geringer, er hat sich auch im Laufe der Jahre nicht verbessert.

"Noch schlimmer fanden wir eigentlich das geringe Leistungsvertrauen der Mädchen. Also, wir haben danach gefragt, ob sie sich in der Lage fühlen, neue Anforderungen zu bewältigen, ob sie zuversichtlich sind, dass sie schwierige Leistungen erbringen können. Und da zeigte sich, dass Mädchen auch in Bezug auf Jungen ein geringes Vertrauen in ihre eigene Leistungsfähigkeit haben."

Das Ergebnis der Studie konterkariert die Ansicht einiger Bildungsexperten, Jungen seien die Verlierer im deutschen Schulsystem. Jungen besuchen eher die Hauptschule, ihre Noten sind schlechter, sie verlassen häufiger als Mädchen die Schule ohne Abschluss. Die Erklärung dafür sei einfach, meint Renate Valtin. Mädchen passten sich aufgrund ihres geringeren Selbstwertgefühls einfach besser an als Jungen. Allerdings helfe ihnen diese Eigenschaft später im Leben nicht weiter, ganz im Gegenteil.

"Kommt rein, sucht euch ein Plätzchen, ganz gemütlich hier, verteilt euch auf die Kissen, setzt euch. Ach so, bitte die Schuhe vorher ausziehen."

Das Familienplanungszentrum Balance in Berlin-Lichtenberg. Der Sexualpädagoge Ludwig Drefahl hat die Klasse 4a der Grundschule am Planetarium zu einem Workshop eingeladen. Auf dem Boden ein flauschiger orangefarbener Teppich, dicke weinrote Sitzkissen.

"Wisst Ihr, worum es heute gehen soll? Habt Ihr eine Ahnung, warum Ihr heute da seid? Ja, es geht um Unterschiede Jungs, Mädchen. Was ist typisch Junge, typisch Mädchen."

Die Kinder haben sich passend zum Thema gesetzt – in der einen Ecke lümmeln sich die Jungs in die Kissen, in der anderen die Mädchen.

"Dann frag' ich mal die Jungs, was ist typisch Mädchen?"
- "Sie kochen viel, waschen, bügeln."


"Was noch, fragen wir die Jungs mal weiter.
- "Sie tragen immer sehr viel Schmuck und Make-up."
- "Ich möchte auch noch was sagen, die Frauen machen gern den Haushalt und die Männer sind die faulen."
- "Bei uns macht alles unsere Mama."
- "Die Mädchen wollen immer schön aussehen, auch die Frauen."

Ludwig Drehfahl kennt die Antworten. Am Anfang kommen immer die Klischees, weiß der Sexualpädagoge. Erst im Laufe des Vormittags gelingt es, sie ein wenig aufzubrechen. Besser, wenn beide Gruppen gleich stark auftreten. Schlechter, wenn die Jungs so dominant und die Mädchen so zurückhaltend sind wie an diesem Vormittag. Ludwig Drehfahl nimmt einen Stapel Karten vom Tisch. Jeder soll eine ziehen, die Frage darauf vorlesen und beantworten.

"Wer fährt besser Auto, Männer oder Frauen?"
- "Ich finde, dass es alle beide gleich können."
- "Frauen am Steuer sind nicht ganz geheuer."

Würde die Erziehungswissenschaftlerin Renate Valtin diese Dialoge hören, sie würde sich in ihrer Meinung vom gesellschaftlichen Roll-Back bestätigt sehen. Andere Experten, Entwicklungspsychologen und Jugendforscher, sehen diese Befunde gelassener. Sie weisen daraufhin, dass Kinder im Alter von vier bis zehn Jahren generell stark auf die eigene Geschlechterrolle fixiert sind. Erst danach beginnt die kritische Auseinandersetzung mit dem Mädchen- und Jungensein.

Eltern sollten diese Phase akzeptieren und nicht versuchen, Kinder geschlechtsneutral zu erziehen, meint zum Beispiel Axel Dammler. Der Münchener Jugendforscher hat gerade ein Buch mit dem Titel "Rosa Ritter und schwarze Prinzessin" veröffentlicht. Darin plädiert Dammler, Geschäftsführer des Marktforschungsinstituts "iconkids & youth" dafür, die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen zu akzeptieren:

"Also, der Rosa-Wahn ist eine Phase, die die Mädchen durchlaufen, das tut den Mädels nicht weh. Es tut nur meinen Augen weh, aber damit kann ich leben. Wichtig ist letztendlich: Die Mädchen dazu zu ermutigen, dass sie ihre eigenen Fähigkeiten entwickeln und dass sie auch stolz darauf sein dürfen."

Eine Gruppe aktiver Mütter aus Großbritannien sieht das ganz anders. Sie prangert seit Jahren an, dass die Kosmetik- und Modeindustrie bereits gezielt sechs- bis achtjährige Mädchen umgarnt – mit zielgruppengerechter Werbung für Nagellack, Parfüm, Lipp-Gloss und mit betont weiblicher Kleidung, die aus den kleinen Mädchen Lolitas mache. Die Mütter riefen zum Weihnachtsboykott einer Spielwarenkette auf und starteten eine Kampagne im Internet. Der Titel: "Pink stinks" – Rosa stinkt.

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