Automobilindustrie
Was die Sparpläne bei VW vorsehen und wie es jetzt weitergeht

Nach wochenlangem ​Ringen hat der Volkswagen-Aufsichtsrat einstimmig ein gemeinsames Sanierungspaket für Europas größten Autobauer gebilligt. Geplant ist ein historischer Konzernumbau, der unter anderem die Streichung zehntausender Stellen vorsieht. Diskutiert wird weiterhin die Zukunft von vier deutschen Werken. Eine Übersicht über die wichtigsten Punkte und Reaktionen.

    Blick auf das VW-Werk in Osnabrück
    VW hat ein großes Sparprogramm auf den Weg gebracht. (picture alliance / dpa / Friso Gentsch)

    Personal und Werke

    Der Rotstift wird zuallererst bei den Personalkosten angesetzt. Konzernweit sollen rund 50.000 Arbeitsplätze gestrichen werden. Die Werkskapazitäten in Europa sollen um 500.000 Fahrzeuge jährlich sinken. Der Sanierungsplan sieht vor, dass bis spätestens Juni 2027 ein Konzept ​für eine wettbewerbsfähige Produktionsstruktur vorliegt. Der Aufsichtsrat habe zur Kenntnis genommen, dass für die Werke in Neckarsulm, Zwickau, Emden und Hannover ab 2031 bis 2034 ‌keine Folgebelegung gewährleistet werden könne, teilte der Konzern mit. Diese vier Werke stehen damit auf der Kippe.
    Der SPD-Wirtschaftspolitiker Zorn geht aber davon aus, dass sie allesamt erhalten bleiben. Werksschließungen seien komplett vom Tisch, sagte der stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion im Deutschlandfunk . Der Vorstand habe nun die Aufgabe, eine Auslastung für alle Standorte zu erwirken. Gemäß Aufsichtsratsbeschluss werden für die Werke "parallel und ergänzend alternative Verwendungsmöglichkeiten geprüft".
    Der Ministerpräsident des Landes Niedersachsen, das knapp zwölf Prozent der VW-Anteile hält, wertet die Einigung als "zukunftsfähiges Konzept". Der Sozialdemokrat Lies erklärte, für alle Standorte würden "langfristige Perspektiven" entwickelt - "mit neuen Fahrzeugen, wo dies wirtschaftlich ist, und mit neuen Formen industrieller Wertschöpfung". Als mögliche Option gilt etwa, VW-Werke auch für die Rüstungsproduktion zu nutzen.
    Weniger optimistisch äußerte sich Hannovers Oberbürgermeister Onay. Der Grünen-Politiker sprach gegenüber dem Deutschlandfunk von einem "Rückschlag". Die Unsicherheit werde fortgesetzt. Gerade mit der Nutzfahrzeugsparte, die in der niedersächsischen Landeshauptstadt angesiedelt ist, gebe es einen leistungsfähigen Bereich, welcher nicht in Konkurrenz zu China stehe. Es sei "absolut unerklärlich", dass der Vorstand diesen Standort nicht weiter stärken wolle. Die Folgenutzung, die in Aussicht gestellt werde, hänge von dem Vorstand ab, der an die vier betroffenen Standorte eigentlich nicht mehr glaube, kritisierte Onay.

    Investitionen

    Vorstandschef Blume sprach von einem Zukunftsplan, der mit Investitionen in dreistelliger Milliardenhöhe verbunden sei. Bei ⁠Sachanlagen sowie bei Forschung und Entwicklung wird allerdings ebenfalls gekürzt. Von 2027 bis 2031 sind Investitionen von 135 Milliarden Euro geplant, deutlich weniger als ursprünglich vorgesehen. Ziel ist es, die Rendite bis 2030 auf neun Prozent zu steigern, von 3,8 Prozent im ersten Halbjahr 2026. Das entspreche einem operativen Ergebnis von rund 31 Milliarden Euro. Über Details zu den konkreten Investitionen muss der Aufsichtsrat allerdings noch abstimmen.
    Sein Beteiligungsportfolio will Volkswagen verschlanken: Der Konzern wird sich von weiteren Unternehmensanteilen trennen. Zuletzt hatte VW gut die Hälfte am Schiffsmotorenbauer Everllence an die US-Beteiligungsgesellschaft Bain verkauft.

    Modellpalette

    Auch bei der Produktpalette gibt es große Einschnitte: Die Zahl der Modelle soll bis 2035 um die Hälfte verringert werden. Dabei ⁠fallen ⁠zum einen Modelle aus dem Programm, die nur ⁠selten verkauft werden, so hatte VW etwa den Touran vom Markt genommen. Dazu kommen Verbrennerfahrzeuge, die in der Europäischen ⁠Union ab 2035 kaum noch verkauft werden dürften. Zusätzlich soll die Komplexität erheblich ⁠reduziert werden, etwa durch den Einsatz gleicher Teile bei mehreren Produktlinien. Der Autobauer verspricht sich ‌davon niedrigere Kosten.

    Konzernstruktur

    Der strittigste Punkt im Vorfeld waren Pläne des Vorstands, die Marke Volkswagen aus dem Konzern herauszulösen. ‌Das wurde von Kritikern als Angriff auf ‌das VW-Gesetz verstanden. Zu dem Punkt heißt es nun, der Aufsichtsrat bitte den Vorstand, ein Modell für eine "fortentwickelte Entscheidungs- ​und Konzernstruktur" zu entwickeln, die eine "klare Zuordnung der Verantwortlichkeiten und eine schnellere, effizientere und moderne Konzernsteuerung" ermögliche. Die IG Metall und der Konzernbetriebsrat erklärten in einer gemeinsamen Reaktion, eine Ausgliederung der Kernmarke VW und der Komponentensparte sei damit vom Tisch und der ‌Angriff auf die Mitbestimmungsstrukturen sei erfolgreich abgewehrt worden.

    Nordamerika und China

    Wachstum verspricht sich das Unternehmen vom Nordamerika-Geschäft. Dort soll der bisherige Vertriebschef Marco Schubert für Schwung sorgen, geplant sind unter anderem ein Pick-up und ein SUV, die im US-Werk Chattanooga gebaut werden sollen. So konzentriere sich das Unternehmen auf die profitabelsten Segmente, heißt es. Das derzeit kriselnde China-Geschäft indes werde an die veränderte Erwartung und an das Gesamtwachstum des Marktes angepasst. VW-Autos aus China sollen in den "globalen Süden" exportiert werden.

    Einschätzung von Experten

    Der Automobil-Experte Ferdinand Dudenhöffer bezeichnete den Zukunftsplan als "Light"-Version. "Die Werksschließungen sind nicht beschlossen, aber auch nicht ausgesetzt", sagte er. Immerhin sei der Kompromiss besser als die quälenden öffentlichen Diskussionen der vergangenen 24 Monate. Er sorge zwar für eine gewisse Entspannung, aber noch lange nicht für "Frieden".
    Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung": "Einsparungen allein werden Volkswagen nicht retten." Er forderte mehr Investitionen in neue Wachstumsfelder wie autonomes Fahren oder Robotik. Der VW-Konzern habe "hervorragende Techniker und Ingenieure". Hier müsse das Unternehmen mutiger werden und stärker ins Risiko gehen.

    Weiterführende Informationen

    Wirtschaftsgespräch des Deutschlandfunks über die VW-Entscheidung
    Diese Nachricht wurde am 04.09.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.