
Im vergangenen Jahr hat Volkswagen noch angekündigt, 35.000 Stellen bis 2030 abzubauen. Nun plant die Konzernleitung offenbar noch drastischere Maßnahmen. Laut Medienberichten könnten bei Europas größtem Automobilhersteller in den nächsten Jahren weltweit bis zu 100.000 Stellen wegfallen. Auch eine Senkung der Investitionen um 45 Milliarden Euro soll geplant sein.
Der Vorstand habe dem Aufsichtsrat ein umfangreiches Maßnahmenpaket vorgestellt, teilte der Konzern mit. Man werde Überkapazitäten abbauen und die Modellpallette schrittweise um die Hälfte reduzieren, erklärte VW-Chef Oliver Blume. Eine mögliche Schließung von Werken scheint mittlerweile nicht mehr geplant zu sein. Es gebe intelligentere Lösungen, sagte Blume der “Bild am Sonntag”. Die Probleme des Konzerns sind zum Teil hausgemacht, zum Teil aber auch Folge äußerer Umstände.
Konjunkturelle Probleme
Die deutsche Wirtschaft schwächelt schon länger. Durch Inflation ist in den vergangenen Jahren der Konsum zurückgegangen. Die gestiegenen Löhne sollten die Preissteigerungen ausgleichen und den Konsum fördern. Doch statt mehr Geld auszugeben, sparen die Menschen lieber. Die Sparquote liegt laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung mit 10,8 Prozent deutlich über dem, was in den zehn Jahren vor der Coronapandemie beiseitegelegt wurde.
Davon bleibt auch die Autoindustrie nicht verschont. Nicht nur VW kämpft mit schwachen Absatzzahlen und den Kosten für den Umstieg auf den E-Antrieb. Im Durchschnitt waren die deutschen Werke von Volkswagen, BMW, Mercedes & Co. im vergangenen Jahr nur zu etwas mehr als zwei Dritteln ausgelastet, berichtet der Datenspezialist Marklines.
US-Zölle und die starke Konkurrenz aus China
Die wichtigsten Absatzmärkte des VW-Konzerns sind neben Europa (und Deutschland als größtem Einzelmarkt) China und die USA.
Doch der Markt in Europa sei schwach und werde wahrscheinlich nicht mehr wachsen, sagt Stefan Reindl, Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen. Am US-Markt habe der Konzern weniger mit Absatzproblemen statt mit den Zöllen zu kämpfen, die die Rendite kaputt machten. Und in China sehe man sich einem massiven Wettbewerb durch einheimische Anbieter ausgesetzt und hinke in der Elektromobilität hinterher.
Chinesische Autobauer haben sich derweil mithilfe hoher Subventionen auf die Herstellung von E-Autos fokussiert. Die dortigen niedrigen Löhne, Energie- und Anschaffungskosten wirken als zusätzlicher Wettbewerbsvorteil. Zunehmend kaufen Chinesen E-Autos vor allem aus heimischer Produktion.
Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management, erinnert daran, dass VW in den letzten Jahren wegen Absatzproblemen fünf Werke in China geschlossen hat. Man sei dort lange Zeit Marktführer gewesen, und der Anteil einheimischer Hersteller lag bei unter 40 Prozent. Mittlerweile beherrschten diese aber zwei Drittel des Marktes. Hinzu kommt: Wettbewerber aus China drängen immer stärker auch in den europäischen Markt und drohen, Marktanteile von VW zu übernehmen.
Fehler des Managements
Das Management habe sich auf dem vorangegangenen Erfolg ausgeruht, die Früchte geerntet und versäumt, frühzeitig Weichen für die Zukunft zu stellen, sagt Wirtschaftshistoriker Hartmut Berghoff. VW habe zu lange auf die Entwicklung von Fahrzeugen im hoch- und mittelpreisigen Segment gesetzt und sich zu wenig um kleinere und preiswertere Fahrzeuge gekümmert. Außerdem habe man ebenfalls zu lange am Diesel festgehalten und das Potenzial der E-Mobilität unterschätzt.
Trotz exorbitanter Gewinne in den Jahren 2021 bis 2024 habe man es verpasst, eine Restrukturierung einzuleiten, sagt Frank Schwope, Lehrbeauftragter an der Fachhochschule des Mittelstands.
In der Kritik stehen auch die Dividendenzahlungen der letzten Jahre: Der VW-Konzern hat zwischen 2021 und 2025 rund 28 Milliarden Euro an Dividenden an die Anteilseigner ausgeschüttet. Das seien Summen, die dem Unternehmen gutgetan hätten, sagt Schwope.
VW braucht eine neue Strategie
Angesichts des verschärften globalen Wettbewerbs braucht es einen Umbruch, um schneller und flexibler darauf reagieren zu können, sagt Stefan Reindl von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen. Er hält die Zahl von bis zu 100.000 Stellenstreichungen weltweit für realistisch. Mitarbeiter in Deutschland werden zu einem großen Teil davon betroffen sein, denn es gebe Werke, die schon länger nicht ausgelastet seien.
Bei den Elektroautos habe der Konzern nach einigen Flops mittlerweile einen Aufholprozess eingeleitet, sagt der Autoexperte Jürgen Pieper. Hier gilt das Werk in Zwickau als Vorreiter. Doch der Absatz läuft schlechter als erwartet, Personal wurde abgebaut, die Nachtschicht gestrichen.
Der Beschäftigungsabbau könne aber eine aussagekräftige und realistische Strategie für die Zukunft des Konzerns nicht ersetzen, sagt Reindl. Dazu müsse man den Bedarf einzelner Märkte berücksichtigen: Bisher habe der Konzern weder eine Antwort auf die Nachfrage an großen Pick-ups und SUVs in Nordamerika gefunden, noch auf die dynamischen Entwicklungen in China.
2024 hatte VW beschlossen, die Produktion von Fahrzeugen am Standort Osnabrück 2027 zu beenden. Momentan verhandelt der Konzern mit Rüstungsfirmen, um dort eventuell Produktion anzusiedeln und Mitarbeiter zu übernehmen.
Solch eine Umwidmung von Werken liege nahe, sagt Analyst Jürgen Pieper. Die Rüstungsindustrie erlebe einen Boom, der noch einige Zeit anhalten werde und es gebe eine industrielle Nähe. Autoexperte Stefan Bratzel ist da skeptischer. Die Autoindustrie beschäftigt sehr viele Menschen. Eine Rüstungsumwidmung allein kann den drohenden Stellenabbau der Branche nicht kompensieren.
Onlinetext: Rade Janjusevic













