Freitag, 27. Mai 2022

Archiv

Wegen Pegida-Demonstrationen
Dresdner Gastronomen und Händler beklagen Kundenschwund

Jeden Montag Abend zeigt sich in der Dresdener Innenstadt dasselbe Bild: Die Geschäfte und Restaurants leeren sich bevor um 18 Uhr die Pegida-Demonstration beginnt. Bis zu 20 Prozent weniger Kunden beklagen die anliegenden Geschäfte. Dem wollen sie jetzt entgegen wirken: mit der Initiative "Dresden geht aus".

Von Bastian Brandau | 20.01.2016

Pegida-Anhänger am 21.12. auf einer Kundgebung am Elbufer in Dresden
Pegida-Anhänger am 21.12. auf einer Kundgebung am Elbufer in Dresden (picture alliance/dpa/)
Montag Abend, 18 Uhr, Theaterplatz. Gedämpftes Licht im Restaurant Alte Meister, die Zahl der Gäste: überschaubar. Fast alle Tische sind leer. So läuft das an Montagen in Dresden, am späten Nachmittag leert sich die Innenstadt, bevor Pegida demonstriert, Händler und Gastronomen beklagen Kundenschwund bis zu 20 Prozent. Sie haben die Aktion "Dresden geht aus" gestartet, die Menschen montags wieder in die Innenstadt locken soll. Alte-Meister-Geschäftsführer Kay-Marten Graul:
"Wir haben eine Tafel vorbereitet, einen offenen Tisch eigentlich geplant, für Gäste, die hierher kommen, um ein kleines Menü zu essen, miteinander zu reden, sich zu begegnen. Vielleicht auch über diese Situation zu reden. Es ist jetzt keine gekommen, aber das ist nicht weiter schlimm. Wir waren mit dabei, und das ist mir in dem Falle wichtig."
Stadtrundfahrten zum halben Preis, kostenloser Eintritt ins Hygienemuseum, Rabatte oder eben ein Sondermenü im Restaurant. Graul geht es, wie anderen Gastronomen und Händlern vor allem darum, mit der Aktion ein Zeichen zu setzen.
"Es ist wichtig, dass glaube ich klargemacht wird, dass das keine Lösung ist, wenn bestimmte Gruppierungen dafür sorgen, dass die Innenstadt montags tot ist. Und dass keine Umsätze mehr stattfinden, dass die Stadt gemieden wird. Mal davon abgesehen, dass Pegida sowieso ein schlechtes Image für die Stadt bring. Aber man hat einerseits diese mittelbaren Auswirkungen, dass weniger los ist in der ganzen Stadt und eine komische Stimmung auch teilweise. Und die unmittelbaren, dass montags die ganze Stadt tot ist."
"Ein Zeichen für Normalität"
Elsa und ihre Mutter sitzen im Apfel und Bäckchen, einem Kinderklamottenladen im Dresdner Barockviertel. Schmuck-Basteln wird hier heute geboten und Elsas Mutter Sandra Coym verwandelt Kinder mit Schminke in Tiger oder Mäuse.
"Ich als Mutter hab das mitgekriegt, dass wir durch die Innenstadt sind, montags abends und Altmarkt haben meine Kinder die Demonstranten gesehen und fanden die auch sehr gruselig. Die waren nämlich alle ziemlich dunkel angezogen, haben laut gebrüllt und das macht den Kindern Angst."
"Wir möchten gerne wieder freier sein und jeden Montag und jeden Tag ausgehen und shoppen gehen und Dresden genießen und nicht immer mit Pegida und anderen Demos in Verbindung bringen."
Deswegen sind Coym und ihre Kinder heute im Apfel & Bäckchen, um Inhaberin Anja Beckert zu unterstützen. Shoppen und Ausgehen als Widerstand? Geschäftsinhaberin Beckert.
"Es ist ein Zeichen für Normalität, ein Zeichen dafür man einfach wieder eine Lebensfreude entwickeln sollte auch eine Wertschätzung der Stadt gegenüber entwickeln sollte und das man ganz normal wieder ins kleine Einmaleins übergehen sollte und alles was so links und rechts an Problematiken reinkommt, ich denke man sollte ein bisschen Gleichgewicht wiederfinden."
Vor dem Kinderladen trotzt das Gitarren-Duo Mas que nada der winterlichen Kälte in der Einkaufspassage. Auch der Geschäftsführer des City Management Jürgen Wolff ist gekommen, wärmt sich im Café gegenüber an einem Glühwein.
"Ziel ist, die Proportionen gerade zu rücken und wir sprechen eine Einladung aus. An die Dresdner, die sich zunehmend montags aus der Stadt zurückgezogen haben, natürlich weil immer Demonstrationen waren. Und die auch geglaubt haben, naja man kommt gar nicht in die Stadt rein, die Verkehrswege sind dicht. Überall ist gesperrt und ist vielleicht auch ein bisschen unsicher. Und deshalb machen wir Angebote."
Angebote, die an diesem ersten Abend hier vor allem von befreundeten und ebenfalls betroffenen Händlern angenommen werden. Aber das ficht Wolf nicht an.
"Von Anfang an war klar dass wir nicht an einem Montag das schaffen, was in einem Jahr runtergemacht wurde. Niemand, auch von den Partnern erwartet, dass jetzt Riesenumsätze, Riesenfrequenzen bei den Besuchern kommen. Aber irgendwann muss man anfangen. Und wenn Menschen kommen und interessieren sich, haben uns zugehört und finden das gut, wenn die Leute das gut finden, dann kommen sie auch über die Montage in die Stadt rein und dann wird's Frühling und dann können wir uns andere Dinge ausdenken. Das wird schon in Ordnung sein auf die Dauer. "
"Gute Resonanz"
Noch lässt der Frühling auf sich warten, an diesem kalten Winterabend locken die fremdenfeindlichen Parolen etwa 3.000 bis 4.000 Menschen zu Pegida. Ihre Anführerin Festerling vergleicht auf der Bühne die Regierungsparteien mit Nazis. Als sich der Tross gegen 19 Uhr 30 in Bewegung setzt, zieht er wie meist durch eine überwiegend menschenleere Innenstadt an den Geschäften und Einkaufszentren vorbei.
In der Altmarkt-Galerie herrscht permanenter Grundbetrieb. Hier wie in anderen Einkaufszenten der Stadt gibt es an diesem Abend Gutscheine, etwa beim Bekleidungsgeschäft SinnLeffers. Hier kann man sich außerdem an diesem Abend kostenlos gekaufte Kleidung ändern lassen. Abteilungsleiterin Babette Reinsch:
"Bis jetzt noch relativ verhalten, aber die Zeit bis 21 Uhr ist noch lang, aber wir haben schon eine gute Resonanz gehabt, gerade jetzt in dem Zeitraum zwischen 17 und 18 Uhr, auf alle Fälle sind wir da schon sehr zufrieden für den heutigen Tag. Und es geht ja auch darum, die Kunden reinzubekommen wieder zu uns ins Haus in die Altmarktgalerie, den Montag einfach wieder attraktiv zu gestalten, und da hilft alles was uns spontan einfällt."
In der Altmarktgalerie ist man zufrieden, ebenso bei C &A. Und über 300 Menschen sind an diesem Abend ins Hygienemuseum gegangen. In der kommenden Woche soll es weitergehen, Partner und Orte für die kommenden zwei Monate stehen schon fest.