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StartseiteKultur heute"Voraussetzung dafür, dass Europa zusammenwachsen konnte"08.05.2020

Weltkriegsende am 8. Mai 1945"Voraussetzung dafür, dass Europa zusammenwachsen konnte"

Die Perspektive auf den 8. Mai habe sich im Laufe der Geschichte verändert, sagte der Historiker Norbert Frei im Dlf. Heute sei klar, dass der Tag die Voraussetzungen für ein geeintes Europa geschaffen habe - ein Europa, das heute wieder gefährdet sei. Das Gedenken sei daher umso wichtiger.

Norbert Frei im Gespräch mit Maja Ellmenreich

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Der Historiker Norbert Frei spricht in der Paulskirche bei einem Festakt zum Gedenken des 50. Todestages des ehemaligen Generalstaatsanwaltes Fritz Bauer am 01.07.2018. Dieser hatte 1963 den Auschwitz-Prozess in Frankfurt initiiert. (dpa / Frank Rumpenhorst)
Der 8. Mai sei heute nicht nur ein deutscher, sondern auch ein europäischer Gedenktag - so der Historiker Norbert Frei (dpa / Frank Rumpenhorst)
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Das Gedenkkonzert in der Lindenoper zur Erinnerung an den 8. Mai 1945 fand ohne Publikum im Saal statt. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier legten Kränze nieder – an der frischen Luft. Der zentrale Staatsakt mit Gästen aus dem In- und Ausland wurde jedoch abgesagt. Die Debatte über den Status des 8. Mai als Gedenktag wird jedoch kontrovers fortgeführt.

Der Historiker Norbert Frei ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Mit ihm hat Maja Ellmenreich über das Erinnern an das Weltkriegsende gesprochen.


Maja Ellmenreich: Herr Frei, wie wichtig finden Sie es für diesen Tag, an dem im Jahr 1945 die Kapitulation Deutschlands unterschrieben wurde – wie wichtig finden Sie es, dass Menschen tatsächlich zusammenkommen, um zu erinnern?

Norbert Frei: Interessant ist, dass der Bundespräsident Richard von Weizsäcker vor 35 Jahren, am 8. Mai 1985, 40 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa, geradezu noch darauf insistiert hat zu sagen: Wir Deutsche erinnern und gedenken heute unter uns.

Und nun hat Bundespräsident Steinmeier davon gesprochen, dass wegen dieser Pandemie jeder von uns gewissermaßen alleine oder vielleicht in den Familien gedenken muss. Da ist eine interessante Parallele, obgleich sie eigentlich einen Unterschied markiert. Denn Steinmeier hat heute darauf hingewiesen, mehrfach darauf hingewiesen in seiner Rede, dass eigentlich ein Gedenken mit den europäischen Freunden und in sozusagen einer großen Gemeinschaft angedacht gewesen ist. Das ist sozusagen schon ein Hinweis darauf, wieviel sich in diesen Jahrzehnten seit der Weizsäcker-Rede auch wieder verändert hat.

Und das ist überhaupt das Charakteristikum von Geschichte und Perspektiven auf die Geschichte, dass sich natürlich diese Perspektiven verändern – auch in dem länger werdenden Abstand von dem historischen Ereignis.

"Demokratiepolitische Normsetzung"

Maja Ellmenreich: Sie haben die Weizsäcker-Rede angesprochen vor 35 Jahren, das war damals zum 40. Jahrestag, diese vielbeachtete Rede, die als so eine Art Zäsur in der Erinnerungskultur mehrfach definiert wurde. Beurteilen Sie die auch so? Würden Sie auch sagen, dass die Aussage von Richard von Weizsäcker damals, es handele sich um einen Tag der Befreiung mit dem 8. Mai, dass das wirklich eine Veränderung in der Art zu gedenken hervorgebracht hat?

Frei: Es war eine demokratiepolitische Normsetzung. Es war ja etwas, was er hier aussagte, was gegen die Gefühle doch sehr vieler 1945 gewesen ist. Denn die allermeisten Deutschen fühlten sich damals vielleicht erleichtert, sie waren froh, dass der Krieg zu Ende war. Aber es gab auch viele – namentlich Soldaten – und Richard von Weizsäcker gehörte ja selbst als Offizier der Wehrmacht an, hatte also die ähnlichen Erfahrungen – viele von denen fühlten natürlich zunächst tatsächlich eine Niederlage, dass der Sieg ausgeblieben ist, für den sie gekämpft hatten.

Und insofern war es eine wirklich damals ganz gemischte Situation. Wirklich befreit konnten sich 1945 nur die Überlebenden des Holocaust, diejenigen fühlen, die aus den Konzentrationslagern oder von den Todesmärschen befreit worden waren, die Millionen von Zwangsarbeitern, die Kriegsgefangenen, die erwiesenen Gegner des Regimes.

Aber für die Mehrheit der Deutschen waren es gemischte Gefühle. Und das ist etwas, was dann in dieser Rede gewissermaßen demokratiepolitisch anders gefasst worden ist. Indem Weizsäcker sagte, wir wissen aus der Rückschau, damals 40 Jahre Rückschau, dass das der Anfang war, von dem an Demokratie in Deutschland überhaupt wieder möglich war. Und jetzt sind wir wiederum eine ganze Generation weiter und können sehen: Dieser Tag, dieser 8. Mai, war auch die Voraussetzung dafür, dass Europa wieder zusammenwachsen konnte, ein Europa, das heute doch in vielerlei Hinsicht auch wieder gefährdet ist. Und insofern haben wir wieder eine neue Perspektive darauf und tun gut daran, dieser Anfänge und dieses Tages zu gedenken.

Vergewisserung von ganz Europa

Ellmenreich: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat heute Mittag in seiner Rede an der Neuen Wache in Berlin ja auch gesagt: Wir müssen Europa zusammenhalten, wenn Europa scheitert, scheitert auch das "Nie wieder". – Also sollte das eigentlich ein europäischer Gedenktag sein, der 8. Mai?

Frei: Ja. Und wenn wir uns daran erinnern, was geplant gewesen ist für diesen 8. Mai 2020, dann war in der Tat ja auch ein Zusammenkommen insbesondere von jungen Menschen in Berlin aus ganz Europa und aus Israel geplant. Und natürlich hat auch Russland seine Feierlichkeiten am 9. Mai – Russland, das den größten Blutzoll auch – abgesagt. Also in der Tat: Es erinnern nicht nur die Deutschen, sondern es ist ganz Europa, das an diesem Tag registriert und sich neu vergewissert, dass das der Tag war, an dem der Krieg, mindestens der Zweite Weltkrieg, in Europa zu Ende gegangen ist.  

Ellmenreich: Nun ist der heutige 8. Mai vielleicht der letzte für viele mittlerweile hochbetagte Zeitzeugen, die wirklich hätten dabei sein können, die hätten teilnehmen können an den Veranstaltungen. Das alles passiert jetzt nicht. Was bedeutet dieser Verlust für unser künftiges Gedenken, das ohne die Erfahrungen aus erster Hand auskommen muss? Verblasst da die Dringlichkeit womöglich, an den Naziterror zu erinnern?

Frei: Ich hoffe nicht. Und ich glaube es auch nicht. Aber natürlich ist es zutiefst bedauerlich, dass die Veranstaltungen nicht in der Gegenwart der Zeitzeugen haben stattfinden können. Das galt übrigens auch schon für die vielen Gedenkveranstaltungen für die Befreiung der Konzentrationslager in den vergangenen Wochen. Das war ja ein Prozess, der diesem Tag der Kapitulation vorangegangen ist. Auch die konnten nicht stattfinden. Da ist jetzt vielfach die Idee, das eben dann doch im nächsten Jahr wenigstens nachzuholen.

Denn, wie Sie sagen, viele derer, die dies erlebt haben, denen bleibt nicht mehr allzu viel Zeit und für die ist es auch wichtig, dass das, was eigentlich in diesem Frühjahr hätte stattfinden können, wenn es denn irgend geht, dann auch im nächsten Jahr noch nachgeholt werden kann.

Doppelte Erinnerungskultur

Ellmenreich:: Eine Holocaust-Überlebende, die gleichzeitig auch die Vorsitzende des Auschwitz-Komitees ist, nämlich Esther Bejarano, sie fordert ja - und wird dabei unterstützt von ganz vielen, dass der 8. Mai grundsätzlich und bundesweit ein Feiertag ist. Heute ist er das ja ausnahmsweise bzw. einmalig in Berlin. Können Sie, Herr Frei, erklären, warum es der 8. Mai nicht längst schon ist in Deutschland? 

Frei: Naja, es war sozusagen diese doppelte Erinnerungskultur auch in den beiden Deutschlands. In der DDR wurde 1950 in der Tat aufgrund dieses antifaschistischen Selbstverständnisses der 8. Mai zum Tag der Befreiung erklärt und hat natürlich für viele Menschen in Ostdeutschland auch überdeckt, dass auch dort eben der 8. Mai gerade nicht als Tag der Befreiung erfahren worden war und insbesondere auch viele in dem damaligen oder vorherigen Osten Deutschlands den Vormarsch der Roten Armee nun nicht als Befreiung erlebt hatten. Insofern gab es gewissermaßen ein offizielles, ein verordnetes Gedenken, das das Thema der Befreiung in Ostdeutschland sehr stark gemacht hatte.

Im Westen wollte man von Befreiung gar nichts wissen. Und insofern sind zwei sehr verschiedene Perspektiven erst langsam zusammen gekommen. Also, mit anderen Worten: Jetzt das heute auf den Tag der Befreiung festzulegen, das ist etwas, was uns heute in diesem langen Abstand politisch sehr viel leichter fällt als es in der Geschichte der beiden deutschen Staaten der Fall gewesen ist.

Gauland-Äußerung: "Terminologie der 50er-Jahre"

Ellmenreich: Wo Sie gerade die Definitionen dieses 8. Mai ansprechen, da fällt mir ein Zitat ein von Alexander Gauland, dem AfD-Fraktionschef, der vor wenigen Tagen gesagt hat, der 8. Mai sei ein Tag der absoluten Niederlage. Für diese Aussage ist er heftig kritisiert worden. Was, Herr Frei, sagt solch eine Formulierung aus? Ist es das andauernde oder womöglich wiederbelebte Verharren in einer Opferrolle?

Frei: Ja, es ist vor allem die Rückkehr in die Terminologie der 50er-Jahre. Es ist im Grunde genommen ein Insistieren darauf, dass wir aus der Geschichte nichts lernen können, dass wir uns nicht weiterentwickeln können. Er bedient damit die Bedürfnisse seiner Wählerschaft, aber er bedient überhaupt nicht, so meine ich, die gesellschaftliche Stimmung der übergroßen Mehrheit in Deutschland.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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