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"Weltmeister wird Deutschland"

Gerade bei Männern sei noch nicht so richtig angekommen, dass Fußball auch für Frauen eine wunderbare Sportart sei, sagt ARD-Fußball-Kommentator Tomas Bartels. Das sei auch der Grund, warum so viel verglichen werde.

Tomas Bartels im Gespräch mit Jürgen Liminski | 27.06.2011
    Jürgen Liminski: Die Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen läuft, gestern spielten die deutschen Kickerinnen im ausverkauften Berliner Olympia-Stadion, die Sonne spielte mit, es gibt Fan-Meilen in großen Städten, alles sieht nach einem Sommermärchen aus. Gibt es noch Unterschiede zum Männerfußball, wenn nicht in der Kulisse, dann vielleicht auf dem Feld und in den Köpfen? – Darüber sprechen wir jetzt mit dem ARD-Fußball-Kommentator Tomas Bartels, der das Endspiel Spanien - Italien der Männer begleitet und kommentiert hat und natürlich auch die Spiele dieser Weltmeisterschaft verfolgt. Guten Morgen, Herr Bartels.

    Tom Bartels: Ja! Einen wunderschönen guten Morgen! - Ich möchte aber nicht gleich mit einer Korrektur beginnen: Spanien - Italien war noch kein Finale.

    Liminski: Ach ja, gut.

    Bartels: Aber das ist ja nicht schlimm.

    Liminski: Okay. – Also, Herr Bartels, wir reden jetzt über ein bisschen Fußball. Freuen Sie sich darüber, dass wir auch über Frauen reden?

    Bartels: Auf jeden Fall! Sie wollen sagen, meine beiden Lieblingsthemen? – Nein, sehr gerne. Natürlich! Ich freue mich sehr darüber!

    Liminski: Die Medien hierzulande waren vor allem auch am Wochenende voll mit Berichten und Reportagen, Analysen, aber auch mit Koketterien über die Frauen im Allgemeinen und die Fußballerinnen im Besonderen. Offenbar ist die Akzeptanz noch nicht so selbstverständlich in Deutschland. Wie sieht das in anderen Ländern, etwa in Amerika aus?

    Bartels: Das sieht in Amerika ganz anders aus. Ich weiß nicht, ob die Akzeptanz in Deutschland noch nicht so da ist. Wenn ich jetzt das Spiel gestern sehe, bei dem ich war, in Sinsheim, dann denke ich, dass vielleicht auch viele Artikel längst überholt sind. Wenn ich sehe, mit welcher Begeisterung Familien, junge Familien ins Stadion gehen, mit welcher Selbstverständlichkeit Mädchen heutzutage Fußball spielen, auch in deutschen Vereinen, glaube ich, dann hat sich da unglaublich viel getan. Wenn ich die Pressespiegel lese, die Artikel in den Medien, dann habe ich sehr oft das Gefühl, dass auch über die Vergangenheit berichtet wird. Die Gegenwart hat sich meiner Ansicht nach schon dermaßen schnell und dynamisch verändert, dass ich glaube, dass Frauenfußball inzwischen hier komplett akzeptiert ist. Dass Nationen wie die USA einen Riesenvorsprung haben, weil das dort einfach schon seit Jahrzehnten praktiziert wird, der Frauenfußball seit Jahrzehnten eine riesige Rolle spielt über ihr Schul- und auch Universitätssystem, das steht außer Frage, aber ich denke, dass da Deutschland enorm aufgeholt hat.

    Liminski: Finden Sie Frauenfußball eleganter, graziöser, weniger kraftvoll? Was ist das Schöne, das Besondere am Frauenfußball?

    Bartels: Weder noch im Prinzip. Frauenfußball vergleiche ich wirklich eins zu eins mit dem Fußball, den ich als Mann spiele. Natürlich sind die Frauen nicht so athletisch, nicht ganz so athletisch, zumindest nicht alle, aber auch da würde ich mich hüten, das jetzt zu pauschalisieren. Es gibt wahnsinnig athletische Frauen und wahnsinnig schnelle Frauen und Frauen, die richtig gut technisch sind, gibt es auch. Es gibt aber auch bei den Frauen natürlich Spielerinnen, die das alles nicht so drauf haben, genau wie bei den Männern auch, eben nur auf einem anderen Niveau, aber ich denke, da macht der Fußball auch keine Ausnahme. Das ist in anderen Sportarten, die Frauen betreiben, ob Handball, ob Basketball, ob auch Boxen, auch nicht anders. Wahrscheinlich ist es in Deutschland deswegen so oft, dass man vergleicht, weil es wirklich, wie Sie sagten, gerade bei vielen Männern noch nicht angekommen ist, dass Fußball auch eine wunderbare Sportart für Frauen ist.

    Liminski: Es heißt, Frauen hätten eine bessere räumliche Wahrnehmung, sie benutzten beide Gehirnhälften gleichermaßen und seien deshalb auch im Spiel kreativer, intuitiver, fantasievoller. Spielen wir Männer den zwar kraftvollen, aber auch dümmeren Fußball?

    Bartels: Diese These kann ich nicht unterstützen, dann müsste Messi eine Frau sein, oder auch Mesut Özil in erster Schaar. Uns fallen bestimmt, wenn wir jetzt überlegen würden, ganz viele Männer ein, die unglaublich kreativ Fußball spielen. Es gibt, glaube ich, eine Menge Unterschiede auch zwischen Mann und Frau, aber vielleicht sind sie dann auch nicht so groß, wie man sie manchmal sich herbeidenkt oder wissenschaftlich beweisen möchte. Auf jeden Fall kann ich das auf dem Fußballfeld nicht feststellen.

    Liminski: Ganz kurz Ihre Prognose. Wer wird Weltmeister?

    Bartels: Weltmeister wird Deutschland.

    Liminski: Das war Tomas Bartels, ARD-Kommentator, über Frauenfußball und die Weltmeisterschaft, ein Märchen, das gerade beginnt. Besten Dank.

    Bartels: Sehr gerne!