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StartseiteSport am WochenendeSport als Medium der Entwicklungshilfe31.10.2020

Weltspiele – Sport und Kolonialismus (10)Sport als Medium der Entwicklungshilfe

Seit der Vergabe der Fußball-WM 2010 an Südafrika ist Sport ein beachtetes Thema der Entwicklungshilfe. Doch die Finanzierung vieler Projekte ist befristet, die Fluktuation der Mitarbeiter hoch. Ob die Projekte die Lebenssituationen vor Ort tatsächlich verbessern, lässt sich schwer bemessen.

Von Ronny Blaschke

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Jugendliche spielen im warmen abendlichen Gegenlicht Fußball in einem Slum Nairobis. (laif / Christoph Goedan)
"Entwicklungshilfe hat für Regierungen und viele Menschen im Norden noch immer den Charakter von Ablasshandel", schreibt der deutsche Diplomat Volker Seitz in seinem Buch. (laif / Christoph Goedan)
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Kigali, die Hauptstadt von Ruanda. Im Stadtteil Kimisagara zählt ein Kunstrasenplatz zu den beliebtesten Treffpunkten. Täglich kommen hier Jugendliche für Fußball zusammen. Daneben ein Raum für Workshops, eine Tischtennisplatte, ein Schild mit dem Namen des Projektes: Espérance, Hoffnung. Die Verantwortung trägt Victor Sewabana. "Es gibt hier Probleme: Schulabbrüche, Drogenmissbrauch, Gewalt. Mit Fußball erreichen wir Jugendliche aus dem Viertel, die wir sonst vielleicht nicht erreichen würden."

1994 ist Victor Sewabana noch ein Junge. Damals kostet der Völkermord 800.000 Tutsi und moderaten Hutu das Leben. Bald verschreiben sich Projekte der Versöhnung. So wie Espérance, gegründet 1996. Mädchen und Jungen kicken ohne Schiedsrichter. Für Selbstvertrauen, Empathie, Teamfähigkeit. Victor Sewabana ist seit Anfang an dabei. "Die Menschen waren traumatisiert. Damals war das Misstrauen groß. Viele Eltern warnten ihre Kinder vor intensiven Kontakten. Sie dachten, das Morden könne wieder losgehen."

Victor Sewabana (Ronny Blaschke)Victor Sewabana (Ronny Blaschke)

"Ablasshandel" für europäische Regierungen

Regelmäßig schauen Vertreter des ruandischen Sportministeriums bei Espérance vorbei, ebenfalls von den Vereinten Nationen und der Fifa. Auch Profiklubs wie Werder Bremen und der DFB sind in Ruanda unterwegs. Das dichtbesiedelte Land gilt bei europäischen Geldgebern als verlässlicher Partner, schreibt der langjährige deutsche Diplomat Volker Seitz in seinem Buch "Afrika wird armregiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann".

Ansonsten zeichnet Seitz ein kritisches Bild: "Entwicklungshilfe hat für Regierungen und viele Menschen im Norden noch immer den Charakter von Ablasshandel, bei dem es vor allem darauf ankommt, Altruismus, Mitleid und Großzügigkeit zu zeigen."

In den vergangenen sechs Jahrzehnten sollen rund zwei Billionen Dollar aus dem globalen Norden in den Süden geflossen sein. Dennoch haben sich Lebensbedingungen in vielen Ländern nicht wesentlich verbessert. In Ruanda ist der Staatshaushalt zu mehr als dreißig Prozent von ausländischen Zahlungen abhängig. Allein in der Hauptstadt Kigali sind mehr als 200 Hilfsorganisationen aktiv. Deren Mitarbeiter brauchen Unterkünfte, Büromaterial und Fahrer, schreibt Volker Seitz.

"In Afrika hat sich eine Art Entwicklungshilfe-Industrie entwickelt, die längst zum Selbstläufer geworden ist. Es ist von keiner dieser Organisationen zu erwarten, dass sie sich selbst abschafft."

Die Wirkung der Projekte lässt sich schwer messen

Spätestens seit der Vergabe der Fußball-WM 2010 an Südafrika ist Sport ein beachtetes Thema der Entwicklungshilfe. Ein beliebtes Motiv in den Broschüren der Organisationen sind Helfer, die mit Einheimischen auf staubigen Bolzplätzen kicken. Rund um die WM 2010 lässt die Fifa in Afrika zwanzig Begegnungsorte bauen: "Football For Hope". Etliche dieser Zentren entwickeln sich gut, auch Espérance in Ruanda profitiert von dem neuen Kunstrasenplatz. Andere verfallen, weil ihre Mitarbeiter nicht ausreichend fortgebildet wurden.

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Der britische Sportwissenschaftler Fred Coalter gilt als führender Experte auf diesem Gebiet: "Viele Leute denken, dass Sport automatisch eine positive Rolle spielt. Das ist naiv. Wir haben es häufig mit kulturellen Konflikten zu tun, auch mit ökonomischen Herausforderungen. Die meisten Projekte werden aus dem globalen Norden finanziert, dadurch werden lokale Bedürfnisse oft vernachlässigt. Manchmal haben die Helfer mehr davon als die Teilnehmer. Es ist sehr schwer, die Wirkung der Projekte zu messen."  

Außenminister Steinmeier geht mit Sportlern auf Reisen

In Deutschland entsenden das Auswärtige Amt und der DFB bereits in den 1960er Jahren Trainer nach Afrika. Oftmals fügt sich ihr Engagement in den damaligen Zeitgeist ein, in eine gönnerhafte Perspektive auf die "Dritte Welt". Ab 2005 stärkt Außenminister Frank-Walter Steinmeier die "Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik". Auf seinen Reisen wird er auch von Sportlern begleitet, zum Beispiel von Fußballer Gerald Asamoah. Aktuell verantwortlich für diesen Bereich ist im Auswärtigen Amt die Staatsministerin Michelle Müntefering.

(Ronny Blaschke)Kinder spielen Fußball beim Prjekt Espérance in Kigali, das Victor Sewabana gegründet hat. (Ronny Blaschke)

"Außenpolitik mit Zivilgesellschaft zusammen zu bringen, geht eben ganz besonders gut auch über den Bereich des Sports. Dass wir das ja auch verbinden mit politischen Zielsetzungen wie zum Beispiel mit Gleichberechtigung, mit der Frage von Inklusion. Einige von den Teilnehmern aus den verschiedenen Sportprojekten werden auch später in ihren Ländern in bestimmten Funktionen tätig. Diese Projekte sind erfolgreich. Und ich finde auch, dass sie ausgebaut werden sollten. Weil so schaffen wir eben auch die Bindung langfristig an Deutschland." 

Wie viel Geld fließt an korrupte Regime?

In der Sportförderung des Auswärtigen Amtes wurden mit DFB und DOSB rund 1500 Maßnahmen in mehr als hundert Ländern durchgeführt, für eine Dauer von zwei Wochen bis zu vier Jahren. Lange ging es gerade in Afrika um den Aufbau von Sportstrukturen, nun aber zunehmend um Armutsbekämpfung, Gesundheitsförderung, Geschlechtergerechtigkeit. Seit 2013 kooperiert der DFB auch mit dem Entwicklungsministerium.

Besonders angesehen auf diesem Gebiet: Monika Staab. Die Trainerin war für Projekte in mehr als achtzig Ländern unterwegs. Ihr Ziel: "Natürlich die Frauen stärken. Dass sie vielleicht auch in die Politik gehen, dass sie natürlich auch die schulische Ausbildung bekommen. Ich glaube, der ganz wichtige Weg ist, dass wir das Gefühl geben: sie haben die Ideen, obwohl du sie in diese Richtung lenkst mit deinen Expertisen, mit deinen Erfahrungen. Und am Ende ist natürlich wichtig, Multiplikatoren auszubilden, die natürlich die ganzen Projekte weiterführen."

16th June 2019, Old Trafford, Manchester, England; ICC World Cup Cricket, India versus Pakistan; Fakhar Zaman of Pakistan plays a sweep shot PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxSWExNORxDENxFINxONLY ActionPlus12144781 AlanxMartin   (imago images / Action Plus) (imago images / Action Plus)Wie Indien und Pakistan ihre Rivalität im Kricket austragen
Kriege, Terror, religiöse Spannungen: Seit mehr als siebzig Jahren schwelt zwischen Indien und Pakistan ein Konflikt mit globalen Folgen. Deutlich wird das auch im Nationalsport: Kricket.

Wer sich unter Entwicklungshelfern umhört, stößt auch auf Frust: Die Finanzierungen vieler NGOs sind befristet, die Fluktuation der Mitarbeiter hoch. Und niemand kann mit Gewissheit sagen, wie viel Entwicklungsgeld der Fifa über Umwege an korrupte Regime fließt. Monika Staab: "Heute wird das Geld nur projektbedingt ausgeschüttet. Es ist keine hundertprozentige Sicherheit. Nur wenn du den Antrag stellst für dieses Projekt, dann bekommst auch die finanzielle Zuwendung. Wir sind verpflichtet, alle vier Monate einen Bericht zu schreiben. Einen sehr ausführlichen Bericht."

(Ronny Blaschke)Monika Staab (weißes T-Shirt) beim Festival von Discover Football in Berlin. (Ronny Blaschke)

Unvorbereitet nach Afghanistan

Von der Kulturabteilung im Auswärtigen Amt fließen 0,5 Prozent des Etats in den Sport, fünf Millionen Euro. Lange haben etliche Beamte aus anderen Abteilungen nicht an den Fußball als einen außenpolitischen Hebel geglaubt. Und einige Funktionäre des DFB lassen sich ungern von einem Ministerium hineinreden. Doch zunehmend wachse das Verständnis füreinander, sagt der Trainer Klaus Stärk, der unter anderem im Libanon, in der Mongolei und in Namibia tätig war. Aber: "Wir Trainer haben mal im kleinen Kreis damals gefordert, dass alle Kollegen, die zu einem Langzeitprojekt ins Ausland sollen, zunächst mal vier Wochen durchs Auswärtige Amt und durch den Deutschen Olympischen Sportbund vorbereitet werden. Das ist bis heute, so viel ich weiß, nie zustande gekommen. Ich weiß auch noch, wie ich nach Afghanistan ging, das war praktisch unvorbereitet."

Seit der WM 2006 in Deutschland ist das Netzwerk im "Sport für Entwicklung" gewachsen. In Ministerien auf Bundes- und Landesebene, in der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GIZ, in Stiftungen, NGOs, Vereinen. Es fehlt aber eine Zentrale,

die unterschiedliche Interessen bündelt. Das Büro des UN-Sonderbeauftragten für Sport und Entwicklung hätte eine solche Schnittstelle sein können, aber nach dem Abgang des Bremers Willi Lemke 2016 wurde es aufgelöst. Viele Diplomaten und Politiker wollen offenbar mit der Sportindustrie nichts zu tun haben.

Der Fußballplatz eines Dorfes ohne nennenswerten Rasen und mit einem roh gezimmerten Tor ohne Netz aus Baumstämmen, aufgenommen am 2006 nahe der Stadt Blantyre (Provinz Mphuka) in Malawi. (picture alliance/dpa - Frank May)Ein Fußballplatz in Malawi (picture alliance/dpa - Frank May)

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