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StartseiteForschung aktuellWenn der Schwarm das Wetter berechnet28.08.2013

Wenn der Schwarm das Wetter berechnet

App-Entwickler wollen die Wettervorhersage personalisieren

Smartphones erfahren immer mehr über die Welt: In aktuellen Modellen stecken GPS-Empfänger, Kompass, Barometer, Temperatur- und Feuchtigkeitssensoren. Das hat Londoner App-Entwickler auf die Idee gebracht, Smartphone-Schwärme für Wettervorhersagen einzusetzen.

Von Dagmar Röhrlich

"Hier ist es richtig warm." - Erfassung von Wetterdaten per Smartphone (picture alliance / dpa /  Daniel Naupold)
"Hier ist es richtig warm." - Erfassung von Wetterdaten per Smartphone (picture alliance / dpa / Daniel Naupold)

Moderne Smartphones stecken voller Sensoren, und deshalb fragte sich eine Gruppe von Londoner App-Entwicklern, was sich mit diesen Information so alles anfangen ließe. Zufälligerweise stießen sie dabei auf eine Verbindung zwischen Akkutemperatur und Wetter: Im Lauf eines Tages zeigten in London die Temperaturen der Stadt und der Smartphones zwar unterschiedliche Absolutwerte, aber die Verläufe der Kurven ähnelten sich doch sehr. Zunächst gab es jedoch für eine gute Statistik einfach zu wenig hochgerüstete Smartphones. Das hat sich inzwischen geändert:

"Deshalb haben wir die Idee, mithilfe der Smartphone-Sensoren eine Schwarmwettervorhersage zu entwickeln, aus der Schublade geholt. Moderne Smartphones sind mit Temperaturmessfühlern bestückt, mit Druck-, Feuchtigkeits- und Lichtsensoren. Diese Telefone sind im Grunde verkappte Wetterstationen."

Die erste App habe man innerhalb von zwei Wochen geschrieben und verbessere sie seitdem ständig, erklärt James Robinson von der Firma OpenSignal in London:

"Sie sammelt von den Smartphones, auf denen sie läuft, die Daten der Druck-, Temperatur und Feuchtigkeitssensoren so wie die der Magnetfeld- und Beschleunigungsmessfühler. Die brauchen wir zwar nicht für die Wettervorhersage, wohl aber um zu verstehen, ob der Nutzer etwa gerade in einem Gebäude ist oder im Freien."

Für die Schwarmwettervorhersage am wichtigsten ist der Temperatursensor. Der soll eigentlich verhindern, dass der Akku überhitzt, wenn stromfressende Funktionen laufen. Robinson:

"Offensichtlich hängt die Batterietemperatur davon ab, welche Programme gerade laufen, ob der Nutzer drinnen oder draußen ist oder ob das Handy in seiner Tasche steckt oder auf dem Tisch liegt. In den Temperaturdaten, die wir bekommen, steckt also eine Menge Rauschen. Das lässt sich jedoch mit Hilfe von Hunderten Telefonen herausrechnen. Denn gleichgültig, was mit dem einzelnen Smartphone gerade los ist: Es gibt in einer Stadt immer einen Parameter, der bei einer großen Gruppe von Nutzern gleich ist - die Außentemperatur."

Die App, die eigentlich dazu dient, die Netzabdeckung und W-LAN-Hotspots zu erkennen, läuft inzwischen auf 700.000 Smartphones. Und 90 Prozent der Nutzer haben zugestimmt, dass die von ihrem Gerät gesammelten Daten für die Wettervorhersage genutzt werden dürfen. Bislang funktioniert das allerdings nur bei Handys mit dem Betriebssystem Android. Dort sei es aber unkompliziert, urteilt James Robinson.

In London, Los Angeles, Paris, Mexikocity, Moskau, Rom, San Paolo und Buenos Aires lassen sich die Temperaturen mit dieser App inzwischen auf anderthalb Grad genau bestimmen. Mit der wachsenden Zahl der beteiligten Smartphones steige die Präzision, so die Entwickler. Ziel sind persönliche Wettervorhersagen für den jeweiligen Aufenthaltsort. So etwas sei derzeit unmöglich, weil selbst in den meisten Metropolen die Temperatur nur an einer Messstelle genommen und nur wenige Male am Tag aktualisiert werde, erklärt James Robinson:

"Zurzeit ist das System noch experimentell. Aber haben wir erst einmal genügend Informationen, könnten wir wirklich sehr genaue, kurzfristige Wettervorhersagen liefern. Die könnte man nutzen, um beispielsweise zu entscheiden, ob man jetzt oder erst in 20 Minuten seine Mittagspause machen möchte. Wird bald eine Wolke die Sonne blockieren, kann man sie einfach verschieben, bis es wieder sonnig ist."

Das vergangene Wetter lasse sich schon recht gut nachvollziehen, für persönliche Vorhersagen müssten noch viel mehr Smartphones Daten liefern. Auch erfolgt die Feinabstimmung noch mithilfe der normalen Wetterstationen. So weit, die Vorhersagen auch auf Regionen auszudehnen, in denen es keine meteorologischen Stationen gibt, sind die Forscher noch nicht. Aber die Entwicklungsarbeit läuft. Als Nächstes wollen sie die Informationen der Lichtsensoren einbinden, um zum Beispiel zwischen bedecktem Himmel und strahlendem Sonnenschein unterscheiden zu können.

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