Samstag, 21. Mai 2022

Stewart O'Nan: "Ocean State"
Wenn Teenager morden

In seinem 20. Roman lässt der amerikanische Erfolgsschriftsteller Stewart O’Nan zwei verliebte Schulmädchen um einen nichtsnutzigen Mitschüler kämpfen, was eine der beiden mit dem Leben bezahlt. Der Roman „Ocean State“ gibt vor, ein Krimi zu sein. Doch das täuscht.

Von Sigrid Löffler | 21.04.2022

Stewart O'Nan: "Ocean State"
Als würde sich ein alternder Schriftsteller jugendliche Gefühlstumulte vorstellen: So lesen sich manche Passagen in Stewart O'Nans "Ocean State". (Foto: IMAGO / SKATA, Buchcover: Rowohlt Verlag)
Der Roman beginnt mit einem Paukenschlag. Die Ich-Erzählerin ist hier Marie, eine 13-jährige Schülerin in Ashaway, einer Kleinstadt im Staat Rhode Island.
„Als ich im achten Schuljahr war, half meine Schwester Angel dabei, ein anderes Mädchen zu töten. Sie sei verliebt gewesen, sagte meine Mutter, als wäre das eine Entschuldigung. Sie habe nicht gewusst, was sie tat.
Das Mädchen, bei deren Tod meine Schwester die Finger im Spiel hatte, hieß Birdy. Wie Angel war sie beliebt, aber sie gehörte einer anderen Clique an.“
Der Roman stellt also gar nicht erst die „Wer ist der Täter?“-Frage, denn das ist von vornherein klar. Vielmehr interessiert sich der Autor für die Vorgeschichte, dafür, wie und warum es zu der Mordtat kam. Dabei geht es um mehr als nur um die Eifersucht und Rivalität zweier Schulmädchen, die in denselben Jungen verliebt sind, einen banalen Hübschling aus reicher Familie.

Konfliktreiche familiäre Umstände

Das Thema ist ja nicht eben neu: Zahllose Romane und Filme haben die Schüler-Liebeleien und pubertären Hormon-Stürme amerikanischer Teenager durchdekliniert, wir kennen also die Erzählungen über ersten Sex, Cliquen-Bildung, Mobbing und Schulhof-Terror an amerikanischen High Schools zu Genüge. Kann Stewart O’Nan diesem ausgeschriebenen Genre noch einen interessanten Aspekt abgewinnen?
Doch, das kann er. Er richtet sein Augenmerk auf die konfliktreichen familiären Umstände der Beteiligten, vor allem auf die dysfunktionale Familie der jungen Mörderin. Ihre Mutter ist eine alleinerziehende Frau Anfang vierzig, die sich und ihre beiden halbwüchsigen Töchter als Hilfspflegerin in einem Altenheim durchbringen muss und ständig auf der Suche nach einem neuen Liebhaber ist. Vier weibliche Stimmen erzählen den Roman aus jeweils eigener Perspektive: Neben dem Opfer Birdy sind das die Schwestern Angel und Marie samt ihrer überforderten und haltlosen Mutter.

Undeutlich erinnert, routiniert anempfunden

Wobei der Romantitel „Ocean State“ mit Bedacht gewählt ist. Diesen Beinamen trägt Rhode Island, der kleinste und von De-Industrialisierung schwer gebeutelte amerikanische Bundesstaat an der Ostküste. Stewart O’Nan hat die wirtschaftlichen und sozialen Zustände dort für seinen Roman offenbar genau recherchiert. Sogar sein Schulmädchen Marie durchschaut, wie hoffnungslos die Lage in dieser abgehängten Region ist:
„In jenem Herbst wohnten wir in einem Haus auf der anderen Straßenseite von der Garn- und Schnur-Fabrik. Das Haus bei der Line & Twine stand zum Verkauf, aber 2009 wollte es niemand haben. Wie die meisten Häuser an der River Road stand es schon jahrelang leer. Auf den Schindeln wuchs Moos und in den Dachrinnen Unkraut. Die Line & Twine war geschlossen, überall hingen rostige BETRETEN VERBOTEN-Schilder.
Das Talent meiner Mutter bestand darin, jedes Mal einen neuen Verehrer zu finden und eine neue Bleibe für uns. Sie arbeitete als Hilfspflegerin und verdiente so gut wie nichts. Die Verehrer meiner Mutter waren Fremde. Manchmal bezahlten sie unsere Miete. Wenn sie mit meiner Mutter Schluss machten – urplötzlich, in betrunkenem Zustand, das Gebrüll der beiden riss uns aus dem Schlaf –, mussten wir wieder umziehen. Unser Vater hatte uns nicht gänzlich verlassen. Er kam immer noch vorbei. Für unsere Mutter hatte er manchmal einen Scheck und manchmal auch nicht. Sie stritten bitterlich wegen des Geldes.“
Der Mord selbst, den Angel und ihr nichtsnutziger Boyfriend an der unglücklich verliebten Mitschülerin Birdy begehen, wird von Stewart O’Nan eher beiläufig abgehandelt. Er geht da nicht ins Detail. Breiteren Raum nehmen die vorhergehenden Liebeswirren dieser Teenager ein. Diese Passagen lesen sich so, wie sich ein alternder Erfolgsschriftsteller eben adoleszente Gefühlstumulte vorstellt – nur undeutlich erinnert, aber routiniert anempfunden.

Ein nichts als netter Autor

Weitaus interessanter liest sich, wie es mit dem Jungen aus der reichen oberen Mittelschicht und dem Mädchen aus der prekär lebenden Unterschicht nach dem Prozess weiterging. Können die beiden sich nach Verbüßung ihrer jeweiligen Strafen im Leben noch mal berappeln? Stewart O’Nan greift weit in die Zukunft aus und skizziert, was aus allen Beteiligten später geworden ist.
Der Roman endet so, wie es dem menschenfreundlichen Temperament dieses nichts als netten Autors entspricht – nämlich auf sehr amerikanische Art optimistisch. Jeder verdient eine zweite Chance, so die unausgesprochene Botschaft. Das Resümee legt er der kleinen Schwester Marie in den Mund, aus der inzwischen eine tüchtige altjüngferliche Lehrerin geworden ist:
„Ich bin stolz auf meine Familie und darauf, dass wir nicht aufgegeben haben. Auch wenn wir uns nicht völlig neu erfinden konnten, haben wir alle ein neues Leben begonnen.“
Stewart O’Nan: „Ocean State“
Aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel
Rowohlt Verlag, Hamburg. 254 S., 24 Euro.