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StartseiteDie neue PlatteIn Furtwänglers Fahrwasser29.11.2020

Wiener PhilharmonikerIn Furtwänglers Fahrwasser

Tickets für die Konzerte der Wiener Philharmoniker im Musikverein sind schwer zu ergattern. Mit einer beim Label Sony erschienenen Aufnahme lässt sich jetzt eines der wohl spannendsten Konzerte der vergangenen Saison nacherleben: Christian Thielemann dirigiert Bruckners monumentale achte Sinfonie.

Am Mikrofon: Raoul Mörchen

Ein Mann in schwarzem Frack und Taktstock in der rechten Hand ist von seiner linken Seiten aus zu sehen, wie er gebückt vor einem Orchester steht. (picture alliance / APA / Herbert Neubauer)
Christian Thielemann dirigiert die Wiener Philharmoniker. (picture alliance / APA / Herbert Neubauer)
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Die 8. Sinfonie von Anton Bruckner Musik für spätere Zeiten?

Musik: Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 8 c-Moll, 2. Satz

Geht’s vielleicht auch eine Nummer kleiner? Bei Bruckner eher nicht. Bruckners Programm heißt: Größe, Pathos und Erhabenheit, und dafür nimmt er, was er kriegen kann - dreifach besetzte Holzbläser, acht Hörner, drei Trompeten, drei Posaunen, Tuba, vier Pauken, drei Harfen und so viele Geigen, Bratschen, Celli und Kontrabässe, wie gerade noch auf die Bühne passen. In seiner achten Sinfonie lässt Anton Bruckner das Orchester seiner Zeit in maximaler Größe aufmarschieren. Stimmt schon, bei Nachfolgern wie Gustav Mahler oder Arnold Schönberg kommt da manchmal sogar noch ein Chor dazu, rein zahlenmäßig also geht durchaus noch mehr. Aber niemand, auch Bruckner selbst nicht, ist seinem Publikum zuvor oder danach je wieder mit einer derartigen Wucht zu Leibe gerückt.

Musik: Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 8 c-Moll, 4. Satz

Fast anderthalb Stunden reiner Orchestersound, keine Geschichte, keine Sänger, kein Text – sondern nur "tönend bewegte Form", wie es Eduard Hanslick, der bedeutendste Musikkritiker der damaligen Zeit, einmal formuliert hat. Eduard Hanslick, der allerdings stand auf Brahms und deutschen Klassizismus, auf Mäßigung und Klarheit, Wagner und Bruckner waren ihm ein Graus. Und er fluchte über Musik, die ihm vorkam "wie ein gegeigter Opiumrausch".

Bruckners Ego – ein Scherbenhaufen

Ob Anton Bruckner Drogen genommen hat, wissen wir nicht. Wenn ja, waren es die falschen. Denn Bruckner, dessen kraftstrotzende Sinfonien die Decke von den Wänden zu heben scheinen, ging zeitlebens gebückt durch die Welt, sein Ego ein einziger Scherbenhaufen. Selbst der Erfolg der siebten Sinfonie, die Arthur Nikisch und Hermann Levi 1884 und 85 vor einem jubelndem Publikum in Leipzig und München dirigierten und der Bruckner international bekannt macht, selbst dieser Erfolg kann ihn nicht dauerhaft aufrichten. Schon nach der ersten Kritik Levis am Manuskript seiner folgenden achten Sinfonie ist Bruckner gleich wieder am Boden zerstört. Statt seine Arbeit von immerhin mehr als drei Jahren zu verteidigen, entschuldigt er sich postwendend für sein Versagen. Und versucht, wie schon oft zuvor, seine vermeintlichen Fehler zu berichtigen und eine zweite Fassung zu schreiben. In jedem der vier Sätze nimmt Bruckner dafür radikale Änderungen vor, vieles komponiert er ganz neu, anderes schmeißt er raus, auch im entrückten, über fast ein halbe Stunde majestätisch dahinfließenden Adagio.

Musik: Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 8 c-Moll, 3. Satz

"Adagio. Feierlich langsam; doch nicht schleppend." Das schreibt Anton Bruckner über den dritten Satz seiner achten Sinfonie,  und er lässt diese Worte stehen, als er den Satz, wie die übrigen Sätze, von 1887 bis 1890 noch einmal gründlich revidiert. Für Dirigenten wie Christian Thielemann, wollen sie Bruckners Achte dirigieren, stellt sich denn immer erst die Frage: welche Achte? Die originale oder die revidierte? Bruckner-Spezialist Thielemann macht die Sache jetzt noch komplizierter. Er wählt eine dritte Fassung, die Edition des Musikwissenschaftlers Robert Haas, eine Mischung der beiden ersten. Vermutlich ist das die beste Wahl: hier zeigt sich am klarsten die so unglaublich weit gespannte Dramaturgie dieser Sinfonie. Und kaum ein anderer kann sinfonische Musik soweit spannen wie Christian Thielmann. Damit das monumentale Finale am Ende nicht bloß als Höhepunkt wirkt, sondern quasi wie eine Erlösung, dafür braucht es eine sehr ruhige Hand bei der Vorbereitung. Wer zu wenig in die Waagschale wirft, hält bis zum Ende nicht durch, wer zu viel hineinlegt, kann am Ende nichts mehr zusetzen. 

Thielemann auf Furtwänglers Spuren

Berliner oder Wiener Philharmoniker – für Bruckner-Fans kommen eigentlich nur diese beiden Orchester in Frage. Christian Thielemann wählt zum Auftakt seiner neuen Gesamteinspielung die Wiener. Beziehungsweise: die Wiener wählen ihn, denn so geht das bei den unendlich stolzen Philharmonikern. Sie akzeptieren keinen Chef, sie laden Dirigenten nur ein. Christian Thielemann haben sie mit Bruckner im Oktober vor einem Jahr eingeladen, zu zwei Abonnementskonzerten im Goldenen Saal des Musikvereins. In der jetzt erschienenen Aufnahme, einem Zusammenschnitt der beiden Auftritte, erlebt man ein Orchester in nahezu perfekter Verfassung, mit einem unglaublich voluminösen, dichten, hier auch noch ganz bewusst dunkel gefärbten Sound. Und erlebt einen Dirigenten, der unbeeindruckt von allen Trends der modernen Aufführungspraxis dirigiert, wie es der alte Wilhelm Furtwängler getan hat vor hundert Jahren: Alles entwickelt und bewegt sich ganz sanft, fließt ineinander und auseinander hervor. Selbst die großen Erschütterungen in den Ecksätzen wirken nicht wie plötzliche Explosionen, sondern nähern sich als riesige Wellen. Typisch Furtwängler, typisch Thielemann sind die weichen Einsätze der Streicher, die sich von unten nach oben aufbauen, also von den Kontrabässen hoch zu den ersten Geigen, wie ein Atemzug: So ruht der Gesamtklang auf einem tief gründenden Fundament, Holz und Blechbläser werden fest eingebunden und können mit einer atemberaubenden Intensität selbst in den langsamen Abschnitten das epische Geschehen ohne Stockungen zielsicher vorantreiben. Man sinkt tief zurück in seinen Sessel und duckt sich bisweilen vor der Kraftentfaltung dieses Orchesters. Wohl dem, der keine Nachbarn hat, aber richtig große Lautsprecher!

Musik: Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 8 c-Moll, 4. Satz

Anton Bruckner:
Sinfonie Nr. 8 c-Moll
Wiener Philharmoniker
Leitung: Christian Thielemann
Sony Classical 19439786582

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