Sonntag, 16. Januar 2022

Louise Glück: "„Winterrezepte aus dem Kollektiv“Ein Gin zum Abschied

Mit "Winterrezepte aus dem Kollektiv" erscheint der erste Gedichtband von Louise Glück, nachdem die Autorin im vergangenen Jahr mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Lakonisch und humorvoll schreibt sie über Alter und Tod. Traurig stimmt allein die Übersetzung.

Von Tobias Lehmkuhl | 13.12.2021

Ein Portrait der Schriftstellerin Louise Glück und das Buchcover ihres Romans "Winterrezepte aus dem Kollektiv"
Louise Glück, Literaturnobelpreisträgerin von 2020, setzt dem Tod die Kraft des Humors entgegen. (Buchcover Luchterhand Literaturverlag / Aurorenportrait (c) Katherine Wolkoff)
Was auch immer hinter der Entscheidung des Luchterhand Verlags steckt, die Publikationsgeschichte Louise Glücks im deutschen Sprachraum nach dem Nobelpreis mit ihrem jüngsten Band neu einsetzen zu lassen, statt zuerst ihr Debüt oder einen der anderen der zehn in den letzten gut fünfzig Jahren erschienenen Lyrikbände zu veröffentlichen - es ist nicht die schlechteste Entscheidung, denn „Winterrezepte aus dem Kollektiv“, bildet atmosphärisch und thematisch tatsächlich - auch wenn der Titel erstmal nach basisdemokratischem Kochbuch klingt - eine Art Kollektiv.
Es handelt sich um eine Sammlung, in der vor allem das Todesmotiv immer wieder neu variiert wird. Wie im Winter des Lebens, in dem Glück zweifellos steht, wenig überraschend, ist der Gedanke an den Tod häufig rückgebunden an frühe Kindheitserinnerungen. „Kollektiv“ sind diese Erinnerungen insofern, als in mehreren Texten die Schwester der Autorin bzw. des lyrischen Ichs eine wichtige Rolle spielt.
"Ich glaube, ich habe neuen Auftrieb,
sagte meine Schwester. Dem letzten
ganz ähnlich, doch der,
ich entsinne mich, endete. O
welch ein Wind das war, so mächtig,
er fegte das Laub von den Bäumen.
Wohl kaum,
sagte ich. Zumindest lag es
auf der Erde, sagte meine Schwester. Erinnerst du dich,
wie wir im Cedarhurst Park tobten,
auf die Haufen sprangen, sie zertrampelten?
Ihr habt nie getobt, sagte meine Mutter.
Ihr wart brave Mädchen; ihr bliebt, wo ich euch sagte.
Nicht in unseren Köpfen,
sagte meine Schwester. Ich schloss
sie in meine Arme. Was
für eine tapfere Schwester du bist,
sagte ich."
Die Schwester, so scheint es, ist dem Tod noch ein Stück näher als das lyrische Ich selbst. Sie wohnt in einem Pflegeheim und wird von den Pflegerinnen mit einem wohlwollenden Lächeln bedacht, wenn sie etwas trinkt und sich also ausreichend „hydriert“, wie es in der Übersetzung heißt.

Untergründiges philosophisches Programm

Trotzdem lässt sie den Mut nicht sinken, wie das zitierte Gedicht zeigt, und bedenkt ihre Schwester sogar, während sie gemeinsam vorm Gemeinschaftsraum sitzen und Gin trinken, mit dem humorvollen Ratschlag, in ihrem Alter verabschiede sie sich besser vom Aufstehen.
"Wir amüsierten uns prächtig beim Altwerden,
alles topp, wie die Krankenschwestern immer sagten,
auch wenn wir merkten,
dass die ersten Flocken fielen,
nicht wirklich fielen, sich eher verwoben von Seite zu Seite,
am Himmel hin und her gleitend –"
Die leicht zugängliche Wintermetaphorik, die launigen Bemerkungen über Gebrechlichkeit, die schlichte Sprache - hinter Glücks Gedichtband steht dabei so etwas wie ein untergründiges philosophisches Programm. Den Hinweis liefert sie mit der Erwähnung von „Die Verneinung der Todesfurcht“, einem Buch des Kulturanthropologen Ernest Becker aus den 70er Jahren. Darin vertritt Becker die These, die menschliche Kultur gründe auf einer Art symbolischem Abwehrmechanismus gegen das Wissen um die eigene Sterblichkeit.

Alles Gefühlige bleibt außen vor

Humor, wie im Fall der Schwester des lyrischen Ichs, kann einer dieser Abwehrmechanismen sein. Ein anderer wäre, Glück führt es vor, eine symbolische oder parabelhafte Erzählweise. Diese findet sich vor allem in zwei langen Gedichtzyklen des Bandes. In einem davon entpuppt sich der Concierge eines Hotels am Ende als eine Art Petrus am Himmelstor. Glück gelingt es, dank ihres lakonischen, Raymond-Carverhaften Stils, konsequent alles Gefühlige außen vor zu lassen.
"Jetzt sind wir zu Hause, sagte meine Mutter;
davor waren wir bei Tante Posy.
Und dazwischen im Auto, dem Pontiac,
auf dem Weg von Hewlett nach Woodmere.
Ihr Kinder, sagte meine Mutter, müsst
so viel schlafen wie möglich. Lichter
leuchteten in den Bäumen:
Das sind die Sterne, sagte meine Mutter.
Dann lag ich in meinem Bett. Wie konnten da die Sterne sein,
wo es keine Bäume gab?
An der Decke, Dummchen, sie klebten an der Decke."
Wenn es auch nicht ganz die Kraft ähnlicher todesnaher Alterswerke besitzt wie etwa Philippe Jaccottets „Die wenigen Geräusche“ oder Thomas Klings „Auswertung der Flugdaten“, kann man Louise Glücks „Winterrezepte aus dem Kollektiv“ durchaus gelungen finden. Ein wirkliches Problem aber ist die Übersetzung: Uta Gosmann operiert viel zu nah an der englischen Morphologie und Syntax und findet überhaupt keinen eigenen Ton und Rhythmus. „Weil ich Salz nicht hatte“ heißt es da umständlich, statt „weil ich kein Salz hatte“, „a fine meal“ wird zu einem „feinen Mahl“, statt zu einer „gelungenen Mahlzeit“ oder Ähnlichem. Für „project“ fällt Gosmann nur „Projekt“ ein, und nicht „Unterfangen“ oder „Unternehmen“.
Holperig klingt immer wieder, was im Englischen fließt, umständlich, was einfach ist. Sehr traurig, denn wenn schon einmal Gedichte aus einer Fremdsprache übersetzt werden, und das gilt nicht nur für den Luchterhand Verlag, sollte man doch auch wirklich Sorgfalt darauf verwenden. Immerhin ist in dieser Ausgabe das auch ohne intime Englischkenntnisse leicht verständliche Original mit abgedruckt.
Louise Glück: „Winterrezepte aus dem Kollektiv“
Aus dem amerikanischen Englisch von Uta Gosmann
Luchterhand Literaturverlag. 80 Seiten, 16 Euro.