
„Wir haben eine tiefe Wirtschaftskrise, die tiefste, an die ich mich in meiner Laufbahn erinnern kann. Ich habe so eine schlechte Stimmung noch nie erlebt“, sagte Peter Leibinger, Vorsitzender des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), im Dezember beim Fernsehsender NTV.
Und tatsächlich scheinen die Hiobsbotschaften aus der deutschen Wirtschaft nicht abzureißen. Die Zahl der Insolvenzen stieg 2025 auf ein Zehnjahreshoch, 140.000 Industriearbeitsplätze wurden abgebaut. Deutschlands Autobauer verlieren weiter Marktanteile, und die hiesige Chemieindustrie verharrt im Krisenmodus. Während die Wirtschaftsleistung in der EU von 2022 bis 2025 jährlich im Schnitt um 0,9 Prozent zunahm, waren es in Deutschland nur 0,1 Prozent.
Den Unternehmen macht unter anderem die starke Konkurrenz aus China zu schaffen. Und die Volksrepublik greift weiter an: Im neuen Fünfjahresplan spielt der Ausbau der Industrie, besonders des Maschinenbaus, eine wichtige Rolle. Gleichzeitig beschädigen die USA mit ihrer Zollpolitik den globalen Freihandel – und damit das Fundament für das Geschäftsmodell, mit dem Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkriegs erfolgreich ist.
Anzeichen für die Erholung
Doch es gibt auch optimistischere Einschätzungen der Lage. „Ich würde argumentieren, dass man das weitgehende flache Wachstum Deutschlands in den letzten Jahren als Zeichen der Widerstandsfähigkeit und nicht als Schwäche gegenüber den enormen externen und politischen Schocks betrachten sollte“, sagt der Ökonom Erik Fossing Nielsen. Der Däne war unter anderem Chefökonom für Goldman Sachs und Unicredit.
Nielsen erwartet eine wirtschaftliche Erholung Deutschlands aus drei Gründe. Erstens: Energie koste wieder deutlich weniger, wenn auch noch mehr als vor Beginn des Ukrainekrieges. Zweitens: Unternehmen erhielten wegen der gelockerten Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) wieder günstiger Kredite. Drittens: Die Bundesregierung habe mit dem Sondervermögen einen Wachstumsimpuls gesetzt.
Mit einer Erholung der deutschen Wirtschaft rechnet aktuell auch die Bundesbank. Laut der Prognose der Behörde vom Dezember 2025 dürfte das Bruttoinlandsprodukt 2026 um 0,9 Prozent steigen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet ebenfalls ein stärkeres Wachstum und prognostiziert für das laufende Jahr ein Plus von 1,1 Prozent. Für 2027 rechnet die Bundesbank mit einem Wachstum von 1,3 Prozent.
Als Gründe für den erwarteten Konjunkturaufschwung nennt Bundesbankpräsident Joachim Nagel höhere Staatsinvestitionen, steigende Löhne und wachsende Exporte. Der IWF begründet die positiveren Erwartungen ebenfalls unter anderem mit dem schuldenfinanzierten Sondervermögen für Infrastruktur.
So viele Start-ups wie nie
Positive Nachrichten kommen auch aus der Start-up-Szene. Nach drei schwachen Jahren war 2025 mit fast 3.600 Gründungen sogar ein Rekordjahr. Die meisten neuen Unternehmen entstanden in den Bereichen Software, Medizin und Nahrungsmittel.
Positiv ist laut dem Bundesverband Deutsche Startups auch, dass mehr neue Investoren Geld in junge Unternehmen stecken. Außerdem war die Zahl neuer „Business Angel“ hoch: Knapp jeder Zweite von ihnen habe 2025 erstmals neu in ein Start-up investiert.
Die Ökonomin und Co-Vorsitzende des wirtschaftspolitischen Beirats der SPD Philippa Sigl-Glöckner bewertet diese Entwicklung dennoch eher verhalten. Es gebe sehr viele Start-ups, die „konsumentenfokussierte“ Dienstleistungen wie z. B. Lieferdienste anbieten würden, sagt sie.
„Das ist okay. Das ist aber für die Gesamtwirtschaft als Auswirkung nicht so groß.“ Außerdem bleibt es für junge Unternehmen in Deutschland schwer, Kapitalgeber zu finden, wenn sie aus der Gründungsphase heraus sind und expandieren wollen.
Boom bei der Rüstung
Einen regelrechten Boom gibt es indes wegen des Kriegs in der Ukraine und der Aufrüstung bei der Bundeswehr in der Rüstungsindustrie. Die Umsätze der vier deutschen unter den weltgrößten Rüstungskonzernen stiegen 2024 im Durchschnitt um 36 Prozent auf 14,9 Milliarden Euro. Das zeigt eine Untersuchung des schwedischen Friedensforschungsinstituts Sipri.
Aber auch immer mehr Unternehmen aus anderen Bereichen wenden sich der Produktion von Waffen zu. Darunter der Motorenbauer Deutz, die Heidelberger Druckmaschinen AG oder der Automobilzulieferer Schaeffler. Der Maschinenbauer Trumpf will künftig zur Abwehr von Drohnen militärische Laser entwickeln. Das soll auch die zuletzt schlechten Zahlen wieder aufbessern.
Peter Leibinger, BDI-Chef und Trumpf-Miteigentümer, sieht hier auch Chancen für die gesamte deutsche Wirtschaft. An den USA und Israel sehe man, wie sehr die Wirtschaft eines Landes durch militärische Forschung profitieren könne, sagt er in einem Videointerview des Industrieverbandes.
Standortvorteil durch die Forschung
Experten gehen davon aus, dass Deutschland gute Chance hat, auch dauerhaft in die wirtschaftliche Erfolgsspur zurückfinden. Ein großer Standortvorteil etwa ist nach wie vor die Forschungslandschaft.
„Wir haben weiterhin ein brutal starkes Forschungssystem“, sagt Ökonomin Sigl-Glöckner. „Da können wir auch mit Ländern mithalten, die viel, viel größer sind.“ Sigl-Glöckner verweist auf die Max-Planck-Gesellschaften, die Fraunhofer-Institute und Spitzenuniversitäten.
Der niederländische Wissenschaftsverlag Elsevier stufte Deutschland 2025 gar als bestes nicht englischsprachiges Land in internationalen Hochschulrankings ein. Und hinter Japan als das Land mit der engsten Zusammenarbeit von Wissenschaft und Unternehmen, gemessen an gemeinschaftlichen Publikationen. Stark sei Deutschland bei Publikationen und Patenten in den Bereichen Industrie 4.0, Mikroelektronik oder Robotik. Weniger stark hingegen bei Patenten auf Batterien, Photonik oder Quantentechnologie.
Bei den Patenten zu Technologien für die Kreislaufwirtschaft ist die Bundesrepublik laut einer aktuellen Analyse der Bertelsmann Stiftung ebenfalls führend. In absoluten Zahlen haben demnach zwischen 2010 und 2024 nur die USA mehr Patente in diesem Bereich angemeldet.
Damit Deutschland dauerhaft aus der Krise kommt, bräuchte es nach Ansicht von Fachleuten aber auch mehr neue Unternehmen in solchen zukunftsträchtigen Bereichen.
Entscheidend ist dabei, dass große Firmen entstehen, meint Philippa Sigl-Glöckner. Dort seien Arbeitsplätze stabiler und es gebe mehr Innovationen. Außerdem würden Großunternehmen eher einen Vorsprung bei ihren Gütern oder Dienstleistungen erreichen. Dieser Vorsprung sei entscheidend wichtig, so die Ökonomin, weil sonst schnell andere die Produkte imitierten und an günstigeren Standorten fertigten.
Chancen durch KI
Chancen für die deutsche Wirtschaft bietet auch die künstliche Intelligenz (KI), glaubt etwa der Ökonom Hubertus Bardt. Man müsse nicht versuchen, die Amerikaner bei der KI-Entwicklung zu überholen, so Bardt. Stattdessen könne man in die Anwendung von KI in der Industrie investieren.
„Da ist viel Wissen, was wir nutzen können. Dafür müssen wir nicht die grundlegenden Modelle neu entwickeln“, sagt Bardt. „Daraus entsteht eine Chance, dass wir tatsächlich mit dem ingenieurgetriebenen Maschinenbau usw. auch weiter erfolgreich sein können.“













