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StartseiteWirtschaft am MittagSoziologin: Bruch im Erwerbsleben beginnt mit der Familienplanung26.02.2020

Wirtschaftliche Benachteiligung von FrauenSoziologin: Bruch im Erwerbsleben beginnt mit der Familienplanung

Trotz einiger Fortschritte ist die wirtschaftliche Situation von Frauen immer noch oft schlechter als die von Männern. Das zeigt eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Es gebe aber Lichtblicke, sagte Studienautorin Lott im Dlf.

Yvonne Lotte im Gespräch mit Sina Fröhndrich

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Illustration: Einzelne Geschäftsfrau gegenüber einer Reihe von Geschäftsmännern auf einer Wippe. (imago stock&people)
Die Gleichstellung kommt voran, aber nur langsam. (imago stock&people)
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Sina Fröhndrich: Frauen verdienen weniger als Männer, sie arbeiten häufiger in Teilzeit und kümmern sich mehr um die Familie. So sieht die Realität meist aus – auch wenn es längst andere Beispiele gibt. Wie es um die Gleichstellung zwischen Mann und Frau steht, das wollte die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung noch einmal genauer wissen - sie hat sich auf das Erwerbsleben konzentriert - von der Schule bis zur Rente. Ergebnis: Es gibt noch viele Lücken, aber auch einige Lichtblicke. Darüber habe ich mit Studienautorin Yvonne Lott gesprochen. Gibt es einen Bereich, in dem es inzwischen gar keinen Unterschied mehr gibt zwischen Mann und Frau?

Yvonne Lott: Tatsächlich haben wir im Bildungsbereich die Gleichstellung mehr oder weniger erreicht und es gibt sogar Tendenzen, dass teilweise auch Frauen die Männer eher überholt haben.

Fröhndrich: Und danach beginnen die Unterschiede und wo sind sie am größten?

Lott: Der Bruch passiert in den Erwerbs- und Lebensverläufen eigentlich mit der Familiengründung. Es fängt vielleicht ein bisschen vorher an bei der Berufswahl. Da sind Frauen dann eher in diesen schlechter bezahlten, sagen wir mal, typischen frauendominierten Berufen, Pflege, Erziehung et cetera, unterwegs. Aber der richtige Bruch kommt dann eigentlich eher, sobald die Familie gegründet wird und da dann die Frauen tatsächlich diejenigen sind, die längere Erwerbsunterbrechungen nehmen und auch häufig in Teilzeit arbeiten, was dann auch Konsequenzen hat für den weiteren beruflichen Verlauf, dass Frauen nicht in dem Maße wie Männer Karriere machen, weil oft noch gedacht wird: Führung und Teilzeit, das geht nicht, und auch berufliche Weiterbildungen sind seltener bei Teilzeitbeschäftigten. Die werden oft nicht in dem Maße gefördert und das hat dann auch Konsequenzen für die Einkommen und letztlich auch für die Rente später.

"Prinzipiell finde ich es wichtig, jetzt nicht zu sagen, die Frauen sollten unbedingt in Vollzeit arbeiten"

Fröhndrich: Das wären die finanziellen Folgen. Jetzt könnte man aber auch sagen, dass Frauen in Teilzeit, gerade wenn es um die Familie geht, vielleicht zufriedener sind und vielleicht sagen, sie stecken dann eher zurück. Das lässt sich aber wahrscheinlich nicht festhalten, ob das eine Freiwilligkeit ist, oder ob Frauen mehr oder weniger in die Rolle reingedrängt werden.

Lott: Es ist tatsächlich teilweise schwer auseinanderzuklamüsern, was ist jetzt freiwillig und was ist nicht freiwillig, und man kann natürlich auch immer fragen, wenn Beschäftigte gefragt werden, ob das, was sie tun, freiwillig ist. Dann können sie vielleicht sagen, sie machen es freiwillig, aber trotzdem sind irgendwelche Zwänge im Hintergrund, die dann dafür sorgen, dass Entscheidungen gefällt werden, wie sie gefällt werden. Prinzipiell finde ich es wichtig, jetzt nicht zu sagen, kürzere Arbeitszeiten sind ein totales No Go, die Frauen sollten unbedingt in Vollzeit arbeiten. Ich denke, wir müssen eigentlich viel mehr dahin kommen, dass Teilzeit einfach keinen Karriereknick bedeuten darf, und es sollte auch genauso für Männer attraktiv und möglich sein, ihre Arbeitszeit genauso temporär zu reduzieren, um Pflegeaufgaben oder Kinderbetreuung zu übernehmen. Das ist eine wichtige Angelegenheit.

Fröhndrich: Jetzt ist ja das, was Sie in der neuen Studie beschreiben, nicht überraschend. Mich hat das jetzt zumindest nicht überrascht. Warum geht es am Ende nur in Tippelschritten voran, wenn wir über die Gleichstellung zwischen Mann und Frau sprechen?

Lott: Mich hat das auch nicht überrascht. Ich glaube, es ist immer ganz gut, das noch mal komplett über den ganzen, wie Sie auch schon sagten, Lebenslauf zu sehen, wie der Stand der Gleichstellung ist und welche Defizite noch bestehen. Ich denke, dass wir ein paar Lichtblicke sehen. Wir haben ja die Frauenquote für die 100 DAX-Unternehmen und da sehen wir schon, da passiert was. Wir haben auch das Elterngeld und die Partnermonate, die 2007 eingeführt wurden, und auch da sehen wir, da passiert was. Ein gutes Drittel der Männer oder ein bisschen mehr nehmen jetzt bis zu zwei Monaten Elterngeld in Anspruch. Männer haben sich da vorher eher seltener engagiert. Wir sehen, gesetzliche Regelungen können was tun, die sind wirkmächtig.

Was wir natürlich auf der anderen Seite haben ist, dass wir schon auch gerade in den Unternehmen doch häufig noch ein bisschen verkrustetere Kulturen haben, wo doch noch eher gedacht wird, ideale Arbeitskräfte, die förderungswürdig sind, die müssen in Vollzeit arbeiten und die dürfen eigentlich auch gar keine großen Verpflichtungen außerhalb der Arbeit haben und müssen den Job immer voranstellen. Ich denke, da gibt es noch viel zu tun und da ist es leider tatsächlich in der Tat relativ langsam.

"Wir sollten es nicht unbedingt bei der Quote belassen"

Fröhndrich: Weil Sie jetzt die Quote noch mal angesprochen haben. Jetzt ist das, was wir von der Frauenministerin, von Franziska Giffey zuletzt in Bezug auf dieses Thema gehört haben, immer wieder eher die Quote, nämlich für Vorstände. Die gibt es ja noch nicht. Ich frage mich ein bisschen: Ist das wirklich das Mittel der Wahl im Moment? Sie haben es genannt: Wir haben typische Frauenberufe, die schlechter bezahlt sind. Ist diese Quote am Ende nicht nur für ohnehin schon vielleicht privilegierte Frauen gedacht und bräuchten wir politisch nicht andere Signale?

Lott: Ich denke mal, wir sollten es nicht unbedingt bei der Quote belassen. Wir brauchen genauso auch Instrumente, die die partnerschaftliche Arbeitsteilung fördern, dass Männer sich genauso engagieren auch bei der Sorgearbeit wie Frauen - Abschaffung des Ehegattensplittings. Aber die Quote ist ein sehr wichtiger Baustein. Wir sehen immer wieder in der Forschung und es sind eigentlich alle Studien, die darauf hinweisen, dass gerade die Führungskräfte so eine entscheidende Rolle darin spielen, wie die Betriebskultur ist, wie an Arbeit gedacht wird. Darum halte ich die Frauenquote und auch die Ausweitung der Frauenquote nicht nur auf die Vorstandsebene, sondern auch noch auf andere Bereiche in der Politik für durchaus notwendig.

Fröhndrich: Wenn wir noch mal auf ein Instrument schauen, was die SPD vor ein paar Jahren ja auch mal ins Gespräch gebracht hat: die Familienarbeitszeit, wo Eltern beide auf 32 Stunden reduzieren, und dann würde es eine Art Familiengeld, Familienleistung geben. Davon war in den vergangenen Jahren nicht mehr so viel zu hören. Wäre das aber auch durchaus ein denkbares Instrument?

Lott: Unbedingt! Sie haben recht, das ist tatsächlich ein bisschen in Vergessenheit geraten. Aber ich denke, es ist ein wichtiges Instrument. Was ich auch notwendig finde, ist ein generelles Recht auf flexibles Arbeiten, was Beschäftigte haben, diese Flexibilität einzufordern. Es gibt zum Beispiel vom Deutschen Juristinnenbund den Vorschlag des Wahlarbeitszeitgesetzes, wo genau dieses Recht den Beschäftigten gegeben wird, auf den Arbeitgeber zuzugehen und zu sagen: meine Situation ist so und so und ich bräuchte jetzt eigentlich die und die Arbeitszeiten, und dann der Arbeitgeber gucken muss, okay, wie kann ich dieser Forderung entgegenkommen. Ich denke, das ist auch noch mal ein wichtiges Instrument, um generell Beschäftigte in allen Belangen, Weiterbildung, Pflege, Ehrenamt, politisches Engagement, zu unterstützen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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