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StartseiteWissenschaft im BrennpunktManuskript: Mit dem Feind unter einer Haut26.01.2014

WurmtherapieManuskript: Mit dem Feind unter einer Haut

Was früher als Parasiten bekämpft wurde, kommt jetzt als Therapiemöglichkeit bei Allergien oder sogar Multipler Sklerose in Mode. Band-, Rund- oder Hakenwürmer werden von manchen Ärzten eingesetzt, um das Immunsystem von den Körperzellen der Patienten abzulenken. Inzwischen untersuchen klinische Studien, ob etwas an der Therapie dran ist.

Von Christine Westerhaus

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"Beim ersten Mal hätte ich mich fast nicht überwinden können. Es war mehr als 40 Grad heiß, fast 100 Prozent Luftfeuchtigkeit und dann dieser Gestank und diese ganzen Insekten. Es war so abstoßend und so ekelhaft!"

Jasper Lawrence. Schon als Kind erschwert ihm starkes Asthma das Atmen. Kein Medikament, keine Therapie hilft ihm nachhaltig. Doch dann hört er in einem Fernsehbericht, dass Wurminfektionen gegen Heuschnupfen helfen könnten. Lawrence beschließt, sich selbst mit Hakenwürmern zu infizieren. 

"Guten Tag Frau Schulze, wir hatten ja bei unserer letzten Visite schon mal besprochen, dass wir auch die Möglichkeit haben, dass Sie an einer Studie teilnehmen. Das ist eine Studie, die wir hier im Haus durchführen, mit einem Präparat von dem Sie vielleicht schon mal was gehört haben, nämlich Trichuris-suis-Eiern. Das sind richtig lebendige Eier vom Schweinepeitschenwurm. Haben Sie davon schon mal was gehört?"

"Also über diese Schweinepeitschenwurmeier habe ich schon mal was gehört und zwar im Fernsehen. Da ist eine Klinik, die wenden das aber in Richtung Magen-Darm Probleme an. Das ist das einzige, was ich weiß. Also in Richtung MS ist es das erste, was ich höre."

Auf den ersten Blick klingt es widersinnig: Parasiten sind Feinde des Menschen, seine körpereigene Abwehr ist darauf spezialisiert, sie zu beseitigen. Warum also sollten sich Allergiker wie Jasper Lawrence oder Multiple Sklerose-Patientinnen wie Erika Schulze absichtlich mit schmarotzenden Würmern infizieren? Doch die Idee ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. Schon seit den 90er-Jahren vermuten Wissenschaftler, dass Menschen in Industrienationen Allergien und Autoimmunerkrankungen entwickeln, weil ihre Umgebung zu sauber ist, Wurminfektionen aus dem Alltag verschwunden sind. 

"Man spricht auch von einem afrikanischen Paradoxon, weil in vielen Ländern Afrikas Allergien nicht auftauchen. Das wird auch klar, wenn man die Allergiehäufigkeit in entwickelten Ländern vergleicht mit weniger entwickelten. Da gibt es Allergien sozusagen gar nicht im Bewusstsein. Von daher kann man sagen: Würmer und Allergien sind zwei Dinge, die negativ miteinander korreliert sind."

Richard Lucius ist Parasitologe an der Berliner Humboldt Universität. Am Institut für molekulare Parasitologie untersucht er, wie Würmer das Immunsystem ihrer Wirte beeinflussen. 

"Das Interessante ist, dass diese Würmer zehn, 15 Jahre in ihrem Wirt leben und das können sie nur schaffen, indem sie das Immunsystem des Wirts unterdrücken und so manipulieren, dass die Immunantworten gegen sie selbst unterdrückt werden und dabei werden dann eben auch Immunantworten, die zum Beispiel bei Allergien eine Rolle spielen, werden auch unterdrückt."

Dazu passt die Beobachtung, dass bestimmte Immunzellen darauf getrimmt sind, größere Eindringlinge, wie zum Beispiel Würmer unschädlich zu machen. Genau diese Immunzellen geraten bei Allergikern aus dem Gleichgewicht und reagieren auf Substanzen, gegen die der Körper sich eigentlich nicht wehren muss. Hausstaub, Pollen oder Bestandteile von Lebensmitteln. 

Lucius: "Es gibt Wissenschaftler, die sagen, dass manche dieser Würmer sozusagen schon zum Symbionten geworden sind und dass der Mensch darauf eingestellt ist, dass er Würmer hat. Und diese Würmer wirken wie eine Bremse und diese Bremse wird sozusagen schon mit einkalkuliert und ohne diese Würmer hätte das Immunsystem die Tendenz, überzuschießen - sagen diese Leute."

Jasper Lawrence: "Ich habe jedes Labor, jedes parasitologische Forschungszentrum in der Welt gefragt. Alle haben das gleiche gesagt: Nein! Deshalb habe ich entschieden, dass ich selbst in die Tropen fahren muss, um mich dort mit Hakenwürmern zu infizieren."

2006 reist Jasper Lawrence ins afrikanische Kamerun. Zwei Wochen lang besucht er möglichst abgelegene Dörfer auf dem Land, läuft unter den ungläubigen Blicken der Einheimischen barfuß durch Gebüsche und offene Plätze im Freien, die als Klos dienen. Bei seiner Rückkehr stellt Lawrence zufrieden fest, dass die afrikanischen Hakenwürmer angebissen haben. 

"Ich kam im Februar aus Afrika zurück. Dann ging bald die Allergiesaison im Frühjahr los. Trotzdem konnte ich die Fenster in meinem Auto herunterkurbeln und durchatmen. Der Tag, an dem ich feststellte, dass ich keine Allergien mehr hatte, war so ein toller Tag!"

Angeblich ist Jasper Lawrence seit seinem Afrika-Trip beschwerdefrei, Asthma und Heuschnupfen verschwunden. Medienwirksam verbreitet er etwa in der US-amerikanischen Radiosendung „Radiolab“ seine Geschichte. Leidensgenossen folgen ihm und berichten auf seiner Homepage von ihrer wundersamen Heilung durch Wurminfektionen. Der ehemalige Asthmatiker wittert eine Geschäftsidee: Im Internet bietet er Hakenwürmer zum Verkauf an, flankiert von immer neuen Erfolgsgeschichten. 

Richard Lucius: "Da gibt es Leute, die machen alles Mögliche. Ich hab zum Beispiel eine Kollegin gehabt, die war selber Immunologin und die hatte eine Lebensmittelallergie. Und die sagte, dass sie eigentlich mit dem Leben abgeschlossen hatte, weil sie nichts mehr essen konnte, ständig diese Probleme hatte. Und die hat diese Wurmtherapie gemacht und die war danach zwei Jahre erst einmal symptomfrei und ist also vollkommen überzeugt davon."

Einzelfälle, die ein neues Licht werfen auf den alten Feind des Menschen. In den 1930er und 40er Jahren wurden Würmer flächendeckend bekämpft. Sie entziehen ihren Opfern Nährstoffe, führen zu Blutarmut, manche bringen ihren Wirt sogar um. Die meisten Würmer leben im Darm, also dort, wo das Immunsystem besonders wachsam ist und auf Eindringlinge reagiert. Um ihr Überleben zu sichern müssen sie ausgeklügelte Strategien entwickeln. 

Lucius: "Ja, das ist eben interessant: Die Parasit-Wirt-Koevolution ist eine der schnellsten Evolutionen, weil wir zwei Gegner haben, die immer gegeneinander arbeiten. Und wenn der eine zum Beispiel einen Trick entworfen hat, wie er die Immunantwort unterläuft, dann muss der andere wieder neue Immunantworten erfinden. Und so geht das ständig gegeneinander. Sowie der Wirt einen Mechanismus hat, der sie abtötet, dann sind sie auf Dauer verschwunden. Und deswegen stehen die Parasiten unter einem enorm hohen Evolutionsdruck. Und das macht sie so interessant und treibt auch zu diesen Blüten."

Einige dieser Lebenskünstler können Besucher in einer Glasvitrine des Instituts eindrücklich bestaunen. 

Richard Lucius: "Da haben wir zum Beispiel so einen Bandwurm."

Hinter einer Schiebetür verbergen sich an die 40 Gläser. Auf den ersten Blick sind die bizarren Wesen darin nicht als Tiere zu erkennen. Das lang gezogene Etwas, auf das Lucius deutet, erinnert eher an eine breit getretene Bandnudel. Wo bei diesem Tier vorne und hinten ist, erschließt sich erst auf den zweiten Blick. 

"Das ist ein – ja, der ist so aufgewickelt, da oben ist der Kopf - der winzige Kopf. Wollen wir mal rausholen?"

"Ach so, ich dachte, Sie wollen den Wurm rausholen"

"Nein nein, den Wurm nicht! Da oben ist also der Kopf, winzig klein und dann ist da die Gliederkette, die dann bei dem Bandwurm sechs Meter lang sein kann."

Der Kopf ist nur etwa einen Millimeter groß. Daran schließen sich die einzelnen Glieder seines Körpers an, die zum hinteren Ende immer breiter werden.

"Den hat man so aus einem Menschen rausgezogen und mittlerweile ist das also sehr schwierig, die zu bekommen: Erstens ist der Bandwurm selten geworden und zweitens hat man Medikamente, die den Bandwurm auflösen. Wenn jetzt also jemand einen Bandwurm hat, dann wird der nicht mehr abgetrieben und kommt nicht mehr so im ganzen raus, sondern löst sich halt eben auf. Das ist eine Rarität!"

Bandwürmer verursachen meist nur leichte Bauchschmerzen und Appetitlosigkeit. Eine Fuchsbandwurm-Infektion ist dagegen lebensbedrohlich.  

"Fuchsbandwurm haben wir auch hier – das ist glaube ich Echinococcus granulosus, der Hundebandwurm ein Verwandter des Fuchsbandwurms und das ist also der Darm eines Hundes mit lauter kleinen Echinokokken. Sie sehen da so ein wie so ein griseliger Sträußel oben drauf auf der Darmoberfläche. Das sind alles die kleinen Würmer, die da so rausstehen. Gucken Sie mal so seitlich."

Diese Bandwürmer befallen auch den Menschen und durchlöchern seine Darmwand. Wird die Infektion nicht rechtzeitig behandelt, kann sie tödlich enden. 

"Der Fuchsbandwurm ist auch immer noch der gefährlichste Parasit, weil wenn man diese Infektion hat, ist sie sehr schwer zu behandeln. Der durchwächst von innen die Leber, so dass die Leber zerstört wird und da ist mit Chemotherapie in vielen Fällen nicht mehr viel zu machen."

Mit Parasiten sei deshalb nicht zu spaßen, meint Lucius. Die meisten Würmer legen es zwar nicht darauf an, ihrem Wirt ernsthaft zu schaden. Doch sie nutzen ihn aus und manipulieren ihn zu ihrem eigenen Vorteil. 

"Ich denke, die Haupteffekte sind auf jeden Fall negativ, aber es gibt so ein paar positive Seiteneffekte wie diese Suppression unerwünschter Immunantworten und wenn man sich die zunutze machen kann, ohne die schädlichen Würmer dabei mit in Kauf zu nehmen, dann ist das sehr positiv."

Als einer der ersten Forscher beginnt Joel Weinstock von der Tufts Universität in St. Louis sich für den Zusammenhang zwischen Wurminfektionen und Immunerkrankungen zu interessieren. Er sucht nach Parasiten, die dem Menschen nicht schaden, aber dennoch in der Lage sind, sein Immunsystem zu besänftigen. Der Schweinepeitschenwurm scheint Weinstock ein geeigneter Kandidat zu sein: Im Menschen hält sich dieser Parasit, der eigentlich nur Schweine befällt, nur etwa 14 Tage. Kurzzeitig gelingt es den Wurmlarven, an die menschliche Darmwand anzudocken – doch dann sterben sie ab. 

"Wir haben mit dem Schweinepeitschenwurm Trichuris suis gearbeitet, weil wir wussten, dass wir diesen Organismus sehr gut kontrollieren können. Er gerät nicht in die Blutbahn, sondern bleibt im Darm. Außerdem können sich Kinder oder Ehepartner nicht anstecken, wenn jemand diese Eier zu sich nimmt. Diese Therapie ist also sehr sicher."

Die Idee scheint aufzugehen. 2004 testet Weinstock die Eier des Schweinepeitschenwurms an Menschen, die unter der chronischen Darmentzündung Morbus Crohn leiden. Bei dieser Autoimmunerkrankung greifen Immunzellen die Darmwand an und führen dort zu einer chronischen Entzündung. Offenbar helfen die Würmer den Patienten: Bei zwei Dritteln der 30 Teilnehmer verbessert sich der Zustand nachweislich.

"Wenn wir beweisen können, dass diese Therapie funktioniert, lassen sich Autoimmunerkrankungen vielleicht verhindern. Es könnte sein, dass Familien, die ein hohes Risiko für entzündliche Darmerkrankungen haben, durch die Wurmeier vor diesem Leiden geschützt sind. Auf der anderen Seite ist das noch ein langer Weg, denn wir müssen zuerst beweisen, dass das Konzept funktioniert."

Weinstocks Pilotstudie hat noch nicht einmal begonnen, da entwickelt der Hamburger Unternehmer Alexander Beese zusammen mit dem Pionier aus den USA eine Geschäftsidee rund um den Schweinepeitschenwurm. Seine neu gegründete Firma Ovamed soll die Eier des Parasiten zu einem Medikament verarbeiten 

"Das sind alles Ideen, die zum damaligen Zeitpunkt noch unorthodox waren und auch Professor Weinstock hat festgestellt, dass auch die Pharmafirmen solche Ideen nicht besonders begeistert aufnehmen. Es bedarf also schon eines gewissen Unternehmergeistes, eines gewissen Mutes muss man auch dazu sagen, um da überhaupt anzufangen. Und die Anfangswiderstände waren hoch, weil im Bereich der regulatorischen Tätigkeiten doch sehr viele Ablehnungen auftraten: Wie soll das funktionieren, einen lebenden Organismus zu einem Arzneimittel zu konvertieren."

Die erste Hürde hat Beese genommen. Im vergangenen Jahr stellt Ovamed 10.000 Fläschchen her, mit denen auch die ersten großen klinischen Studien beliefert werden: Eine Morbus-Crohn-Studie in den USA, eine in Europa mit insgesamt rund 500 Patienten. 

"Wir gehen ins Labor und schauen uns mal die Produktion an. Zutritt nur für autorisierte Personen. Sie müssten sich eigentlich auch in die Besucherliste eintragen."

Ein schmuckloser Betonbau, 10 Mitarbeiter. Hier ist Norbert Abromeit für die Produktion zuständig. Er öffnet die Tür zu einer kleinen engen Kammer. Holzbänke stehen darin. An den Wänden Haken mit Kitteln. Der Wurm muss vor dem Menschen geschützt werden.

"Jetzt kommen wir in den ersten Schleusenbereich. Wir müssen hier unsere Schuhe ausziehen beziehungsweise Sie müssten Überschuhe anziehen. Sie kriegen noch einen Kittel, damit wir unser Produkt gut schützen können."

Als Rohmaterial werden die Eier des Schweinepeitschenwurms von einer Firma aus Kopenhagen angeliefert, wo Schweine mit den Parasiten infiziert wurden. Abromeit hebt einen Karaffen-ähnlichen Behälter hoch und schüttelt ihn leicht.

"Hier haben wir das Produkt, das sind circa zehn Millionen Eier in einer Plastikflasche. Diese Eier setzen sich relativ schnell am Boden ab, wenn man sie aufschüttelt."

Mit bloßem Auge sind die winzigen Eier nicht als solche zu erkennen. Norbert Abromeit hat deshalb ein Mikroskop aufgebaut, unter dem sich die hellen, ovalen Gebilde mit ihrer feinkörnigen Struktur deutlich abzeichnen. 

"Da sehen Sie wunderbar diese zitronenförmigen Eier mit den beiden Polkappen am Ende der Eier. Schauen Sie ruhig mal rein. Man erkennt die Larve – das sind wunderbar embryonierte Larven in den Eiern und davon gehen wir aus, dass diese Larven dann auch schlüpfen und versuchen, im Darm anzudocken. Die Larve, kann man sehen, ist im Ei gefaltet, weil die Larve länger ist als das Ei."

In dieser embryonierten Form werden die Eier den Patienten verabreicht. Im so genannten C-Bereich der Firma füllt Abromeit sie in kleine Ampullen ab.

"Jetzt kommt noch die Kopfhaube, dann kommt der Mundschutz. Dann sind wir soweit fertig. Wir sind Keimschleudern schlechthin und wir wollen ein Produkt produzieren, das möglichst sauber ist und deswegen tun wir das."

Abromeit öffnet die Tür zu einem der mannshohen Klimaschränke, die im Abfüllbereich aufgereiht sind, und greift ein fertiges Fläschchen heraus.

"Das sind unsere Klinikmusterflaschen, die wir auch für die weiteren Studien nutzen, und in diese Flaschen werden die Eier beziehungsweise die Suspension abgefüllt. Eine Besonderheit ist, dass diese lackiert sind, damit wir sicherstellen können, dass keiner weiß, ob hier eine Placebo Lösung vorliegt oder eine Lösung mit TSO."

Auch der Geschmack der Flüssigkeiten ist der gleiche. 

"Schmeckt leicht säuerlich. Es ist klar, schmeckt leicht sauer. Ansonsten ist das eine ganz normale, nicht mal trübe Flüssigkeit."

Ich hatte Sehnervstörungen, das liegt aber Jahre zurück und war bei einem Neurologen. Und als die MS diagnostiziert wurde, hatte ich Gangschwierigkeiten und bin zu einem anderem Neurologen gegangen MRT, KH und Lumbalpunktion und dann wurde die Krankheit diagnostiziert. Und ich muss Ihnen sagen: Ich kannte diese Krankheit nicht! Ich konnte nix damit anfangen. Ich habe das meiner Tochter gesagt am Telefon. Die sagte: Um Gottes Willen! Ich sage: Wieso um Gottes Willen?"

Erika Schulze leidet an Multipler Sklerose. Bisher verlief die Krankheit günstig. Sie ist körperlich kaum eingeschränkt, der letzte Krankheitsschub liegt Jahre zurück. Eine konventionelle MS-Therapie lehnt die Rentnerin ab, weil sie die Nebenwirkungen fürchtet. Stattdessen probiert sie alternative Behandlungsmethoden aus: Homöopathie, Kapseln mit Extrakten aus grünem Tee, und neuerdings auch: Schweinepeitschenwurmeier. Bei einem Beratungsgespräch an der Charité hatte die MS-Spezialistin Berit Rosche ihre Patientin für die Studie gewinnen können.

Erika Schulze: "Also dadurch, dass ich schon mal im Fensehen was darüber gesehen hatte, dachte ich: Ja, das ist keine Chemie, sondern was Natürliches, sage ich mal, und da habe ich gesagt: Ja, das könnte passen."

Dass möglicherweise Parasiten in dem Gläschen schwimmen, die sich zumindest kurzfristig an ihre Darmwand heften werden, bereitet der Berlinerin inzwischen kein Unbehagen mehr. 

"Also beim ersten Mal war es schon ein bisschen komisch, muss ich sagen. Da habe ich das Glas angeguckt und – runter schlucken? Aber - geht automatisch, denkt man nicht mehr drüber nach. 

Doch nicht alle Menschen in Erika Schulzes Umfeld reagieren so gelassen.

"Ich habe in meiner Selbsthilfegruppe darüber gesprochen: Die haben sich alle geschüttelt: Würden sie nie runterkriegen. Ich war zur Kur voriges Jahr und da habe ich zwei junge Frauen kennengelernt und mit denen habe ich auch darüber gesprochen. Und die waren bei mir zu Besuch und da musste ich das Zeug einnehmen und da sagten die: Was denn? Sind das die Dinger? Und ich sage: Ja, das sind die Schweinepeitschenwurmeier. Ach nee: Würde ich nie runterkriegen! Aber ich habe da keine Probleme mit. Jeder macht seins und fährt damit am besten."

Berit Rosche und ihr Kollege Friedemann Paul vom NeuroCure Clinical Research Center der Berliner Charité haben sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Insgesamt möchten sie 50 MS-Patienten für ihre placebokontrollierte Studie gewinnen, Erika Schulze ist eine von bisher zehn Teilnehmern. Beide Forscher stützen sich bislang nur auf Beobachtungen. Friedemann Paul: 

"Es gibt eine sehr schöne Arbeit aus Argentinien. Da hat ein Kollege Patienten verglichen, die in einer reicheren, wohlhabenden Gegend gewohnt haben mit Patienten,  die in ärmeren Stadtvierteln gelebt haben. Und er hat eben gesehen, dass die reicheren, wohlhabenderen Patienten einen eher schlechteren Krankheitsverlauf hatten als Patienten, die in ärmeren Vierteln gelebt haben. Er hat dann gesehen, dass viele Patienten in ärmeren Vierteln in einem hohen Prozentsatz asymptomatische Interaktionen mit allen möglichen Parasiten haben. Also die waren offenbar besiedelt von Würmern, oder Wurmeiern, ohne selbst krank gewesen zu sein, und offenbar hat das - und das hat er auch in Blutuntersuchungen zeigen können -  eine günstige Wirkung auf das Immunsystem der Patienten gehabt, in dem Sinne, dass dann diese autoaggressive Immunantwort gegen das Nervensystem, was bei der MS ja vorkommt, abgemildert werden konnte."

2011 versucht Friedemann Paul, die Pharmaindustrie von der Idee zu überzeugen. Doch dort stößt er auf Desinteresse bis hin zu Ablehnung. 

"Für eine Studie, wie wir sie hier machen, ist es ganz schwer, Gelder aus der Industrie zu bekommen. Wir haben von einem kleinen Unternehmen eine kleine Summe bekommen, was grundsätzlich schon sehr löblich war. Aber grundsätzlich wäre das der Industrie ein Dorn im Auge. Ich sage es mal so, wenn sich jetzt herausstellte, dass TSO bei MS einen wirklich guten Effekt hat und gut vertragen wird und auch günstiger wird, dann ist das natürlich ein Problem für die Industrie. Ganz klar."

Auch in Fachkreisen treffen Berit Rosche und ihr Kollege Friedemann Paul auf gemischte Reaktionen. 

"Es gibt Kollegen, die das anerkennenswert finden, dass jemand sich auch traut, das mit so einer Substanz klinisch zu machen. Es gibt aber natürlich auch Kollegen, die das sehr kritisch sehen. Einfach weil es nicht Mainstream-Forschung im Moment ist. Und es gibt, das muss man ganz ehrlich sagen: Es gibt in der Forschung Moden und Strömungen und Tendenzen, wo sich dann 80-90 Prozent der Leute dranhängen. So wie es das auch in der Bekleidungsindustrie oder in der Nahrungsmittelindustrie oder bei Kultgetränken oder bei Musik gibt. Das ist eben einfach so und die Forschung ist auch nicht davon frei.// Das heißt, auch da läuft viel über suggestibles, über affektive Einstellungen zu bestimmten Sachen."

Zu den Autoimmunerkrankungen gehört auch die rheumatoide Arthritis. Der Angriff des körpereigenen Immunsystems richtet sich bei dieser Störung auf die Knorpelzellen, die Betroffenen leiden unter Gelenkschmerzen, in fortgeschrittenen Stadien können die Gelenke sogar ganz zerstört sein. Pro Patient und Jahr kostet die Therapie schätzungsweise 5000 Euro. Doch keines der derzeit erhältlichen Medikamente kann die Schädigung der Gelenke nachhaltig verhindern. Und so entschließt sich auch Andreas Krause von der Abteilung für Rheumatologie und klinische Immunologie am Immanuel Krankenhaus in Berlin, der vermeintlichen Heilkraft des Schweinepeitschenwurms auf den Grund zu gehen. 2013 rekrutiert Krause die ersten Patienten für eine klinische Studie, Ovamed stellt ihm das nötige Wurmmaterial zur Verfügung.  

"Ja ich bin sehr optimistisch - sonst würden wir die Studie nicht machen. Aber ich denke, dieser Optimismus ist auch gut begründet, weil wir eben schon zwei Entzündungsgruppen haben. Die chronisch entzündlichen Darmerkrankungen und auch die MS, von denen in Voruntersuchungen ein positiver Effekt nachgewiesen werden konnte."

Während Krause noch mit den Vorbereitungen beschäftig  ist, werden im Oktober Zwischenergebnisse der beiden großen Morbus-Crohn-Studien aus den USA und Europa bekannt. Ein erster Rückschlag deutet sich an für die Wurmtherapie-Pioniere. Zwar geht es vielen Teilnehmern im Verlauf der Studie deutlich besser. Die Entzündungen im Darm klingen ab. Doch auch die Symptome der Patienten, die das Scheinpräparat einnehmen, scheinen gelindert zu sein. 

Die vermeintliche Wirkung des Wurms – doch nur ein Placeboeffekt? Die Möglichkeit besteht. Und noch eine Frage treibt die Forscher um. Der Wirt des Schweinepeitschenwurms ist das Schwein, nicht der Mensch. Noch ist nicht klar, ob dieser Parasit im menschlichen Darm die gleichen Reaktionen des Immunsystems hervorruft wie beispielsweise Hakenwürmer - ein Schmarotzer, der es naturgemäß auf den Menschen abgesehen hat. Eine britische Forschergruppe aus Nottingham setzte deshalb von Anfang an auf den riskanten Weg. Teamleiter David Pritchard hatte beobachtet, dass die Ureinwohner Papua Neu-Guineas sehr gut mit Hakenwurm-Infektionen zurechtkommen. Ihr Körper produziert Antikörper, die das Wachstum der Parasiten hemmen. Von der überschaubaren Anzahl der Parasiten wiederum profitierte ihr Immunsystem. Momentan versuchen die britischen Wissenschaftler, Freiwillige davon zu überzeugen, sich für eine klinische Studie mit Hakenwürmern infizieren zu lassen. 70 Patienten mit Multipler Sklerose sollen gewonnen werden. Um sicher gehen zu können, dass die Dauermieter keine schwerwiegenden Komplikationen verursachen, hatten sich die Forscher zunächst selbst infiziert.

"Wenn man die Larven auf die Haut setzt, spürt man nach fünf Minuten ein leicht juckendes, stechendes Gefühl. Ich selbst spürte danach etwa 4-5 Wochen gar nichts, bis ich ein komisches Gefühl im Darm bekam. Die Larven wandern von der Haut aus in die Lungen ein und durchbrechen dann die Atembläschen. Von dort werden sie abgehustet gelangen so in den Rachen und werden wieder geschluckt. So gelangen sie in den Darm, wo sie zu einem erwachsenen Wurm heranreifen."

Der in London lebende Tropenmediziner Quentin Bickle arbeitet mit den Nottinghamer Kollegen zusammen und kennt die Ergebnisse der bisher veröffentlichten Wurm-Studien. Bickle hat die Parasiten über mehrere Jahre in seinem Körper beherbergt, aus purem Forschungsinteresse. Ihre Nebenwirkungen erlebt er selbst als eher harmlos. Doch die nur wenige Millimeter großen Hakenwürmer können bei starkem Befall eine Anämie, also eine Blutarmut verursachen, weil sie sich an die Darmzotten heften und dort Blut saugen. Diese möglichen starken Nebenwirkungen könnten den Hakenwürmern den Einzug in die menschliche Hausapotheke vermasseln, vermutet Bickle. 

"Es scheint recht gute Beweise dafür zu geben, dass Wurminfektionen die Symptome von Autoimmunerkrankungen lindern können. Insgesamt sind für uns die Beweise, dass Würmer ganz allgemein gegen alle möglichen Allergien wirksam sind, allerdings bisher nicht überzeugend. Manche Forscher vermuten, dass ihre Wirkung davon abhängt, an welcher Stelle ein Wurm den Körper befällt, wie stark der Parasitenbefall ist und welcher Natur die Allergie ist. Wahrscheinlich sind die Effekte also sehr komplex."

In den kommenden Monaten werden erstmals wissenschaftlich fundierte Daten über die Wirksamkeit von Wurm-Therapien vorliegen. Sie werden zeigen, ob es tatsächlich gelingen kann, das Immunsystem mit diesen Parasiten wieder auf Kurs zu bringen. Mit steigender Nervosität wartet auch Ovamed-Geschäftsführer Alexander Beese auf eine Klärung. 

"Eine Worst-Case-Situation wäre, wären die Ergebnisse so, das man sie nicht deutlich von einem Placebo unterscheiden würde. Dann würde man sich sicherlich sehr kritisch hinterfragen, ob man die nächste Phase macht und das Geld aufbringt, um es auf den Markt zu bringen. Weil es ja nur Sinn macht, wenn wir ein wirksames Medikament auf den Markt bringen am Ende des Tages. Und insofern ist das für uns ein ganz kritischer Schritt, das heißt die Ergebnisse entscheiden letztendlich über die Zukunft unserer Firma. Eine Nagelprobe, ja."

Doch auch wenn die Karriere des Schweinepeitschenwurms in der Medizin vorbei sein sollte, noch bevor sie richtig begonnen hat: Die Erforschung der Wurmwirkung wird weitergehen. Dabei werden die noch laufenden Studien helfen, die komplizierte Trickkiste der Parasiten zu verstehen. Und vielleicht werden sie dabei sogar die Frage beantworten können, ob der Mensch mit oder ohne seine Untermieter besser zurechtkommt.

Richard Lucius: "Wer Würmer hat, ist nie allein. Das ist ein positiver Effekt von Würmern! Ja es zeigt sich eben doch, dass der Mensch nicht alleine lebt und dass wir mit unseren Symbionten und vielleicht auch mit unseren Parasiten auf ein Zusammenleben angewiesen sind. Und das Attraktive ist, dass die Würmer im Laufe der Evolution in Jahrmillionen gelernt haben, mit dem Immunsystem umzugehen. Das kann man jetzt eventuell von denen abschauen."

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