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"Yama" von Damien Jalet in Dundee
Zwischen Tanz, Performance und bildender Kunst

Das Scottish Dance Theatre in Dundee folgt einer ganz eigenen Idee, was das Zustandekommen seiner Stücke angeht: Leiterin Fleur Darkin lädt herausragende Kollegen aus aller Welt ein, in Dundee ein eigenes Stück zu erarbeiten. Diese Ehre wurde nun Damien Jalet zuteil.

Von Wiebke Hüster |
    Members of the Royal Russian Ballet perfoms during the 'Swan Lake' at the Pablo Tobon Uribe Teather in Medellin, Colombia
    "Yama" - Japanisch "Berg" - ist inspiriert von Ritualen zur Erneuerung der Lebenskraft. (picture-alliance / EFE / Federico Rios)
    Der Naturalismus des Tanztheaters ist etwas geworden, an das sich Zuschauer vollständig gewöhnt haben, wie an dessen eben so häufig zu beobachtenden Surrealismus. Beide Spielarten kleben an einem Wirklichkeitsbezug, der in seinen schönsten Fällen unterhaltsam und vielleicht ironisch ist, in seinen schlechteren pathetisch. Es bringt nichts, eine Tänzerin als Virginia Woolf oder Kafkas Freundin Milena oder eine Angehörige des Prekariats zu verkleiden. Es kann hingegen sehr lustig sein, Einreisekontrollen an Flughäfen zu vertanzen oder Prozesse, die mit DNA-Erneuerung in Verbindung gebracht werden können.
    Damien Jalet, der solche Szenen gemeinsam mit Sidi Larbi Cherkaoui für ihre Erfolgsproduktion "Babel" entwickelte, die seit 2010 ununterbrochen tourt, lässt sich seither die Erschaffung ganz anderer Bühnenwelten angelegen sein. Zuletzt entsandte er - ebenfalls mit Cherkaoui - elf Tänzer der Pariser Oper auf eine von Marina Abramovic schräg gestellte und geheimnisvoll verspiegelte Bühne im Palais Garnier. Auf den elfenbeinfarbenen durchsichtigen Trikots der Tänzer zeichneten Spitzenapplikationen die Lage der wichtigsten Knochenstrukturen nach. Man kann Erscheinungen wie diese nicht als Rollen oder Figuren bezeichnen, aber abstrakt ist der "Bolero" der Knochenmänner auch nicht zu nennen. Nun hat Jalet in seinem neuen Stück "Yama", für das er alleine verantwortlich zeichnet, ähnlich im ästhetischen Ungewissen beheimatete Kreaturen auf die Bühne entlassen.
    Atemberaubender Schluss
    "Yama" - Japanisch "Berg" - ist inspiriert von Ritualen zur Erneuerung der Lebenskraft, bei dem Japaner bis heute in einer unheimlichen und gefährlichen Wanderung den Berg Tohoku besteigen. Ihre Seelen, glauben sie, geben sie dort in Boxen, wo sie zehn Tage transformiert und schließlich dem mit neuer Energie erfüllten Menschen zurückgegeben werden. In Jalets mythologischen, verstörenden und schönen Szenen sind die Tänzer anfangs nur mit hautfarbenen Slips bekleidet. Flachsfarbenes Perückenhaar hängt ihnen bis fast zu den Hüften hinunter. Doch bevor sich diese geheimnisvollen, ihre Gesichter verbergenden Wesen überhaupt zeigen, liegt die Bühne im grauen Zwielicht da. Das Theater erbebt akustisch unter den elektronischen Klängen der "Winter Family". Ein polygones Podest, etwa einen Meter, nimmt die Bühne ein. Der amerikanische Künstler Jim Hodges, dessen Installationen in der New Yorker Gladstone Gallery Jalet 2012 mit einer Performance belebte, hat das hölzerne Podest aus 16 dreieckigen, zur Mitte hin abfallenden Teilen errichtet. Ein Loch von einem Meter Durchmesser prangt am tiefsten Punkt in der Mitte, so sieht das Ganze aus wie ein hölzernes Wasserbassin. In den letzten zauberischen Minuten des Stücks trudeln die Tänzer wirklich im Kreis wie Wassertropfen, die von einem gurgelnden Strudel wegspritzen.
    Das erste, was von den Tänzern zu sehen ist, ist ein Mädchenfuß mit gespreizten Zehen, der sich aus dem Loch nach oben schiebt wie das Teleskop eines U-Boots. Das zweite Bein folgt in einem Spagat, der die Füße auf dem Boden haften lässt wie Saugnäpfe von Tentakeln. Becken und Oberkörper folgen, schließlich der unter dem blonden Haar verborgene Kopf. Neun Tänzer kriechen je auf ihre Weise auf die Bühne und verbinden sich zu sechsarmigen, sechsbeinigen vorzeitlichen Ungeheuern. Ihre Menschwerdung feiern sie, indem sie in Jean-Paul Lespagnard schwarz-weiße Fransenstreifen-Minis schlüpfen. In diesem mittleren Teil müssen die Tänzer auf der schrägen Kreisbahn und immer in der Gefahr, in das Loch zu fallen, Jalets virtuose und vielschichtige Choreografie meistern, das Drehen, Schliddern, Fallen, die aufbegehrenden Arme.
    "Yama" sei seine Version des "Frühlingsopfers", sagt Jalet, und dazu passt der atemberaubende Schluss des Stücks. Ein Mann steht mit weit gespreizten Beinen über dem Loch und hält eine total bewegungslose Frau unter den Armen fest, lange, noch länger, nur um sie zum Schluss wie Strawinskys "Erwählte", das Frühlingsopfer, doch fallen zu lassen.