
Kochen, Waschen, Medikamente bereitstellen: Viele alte und kranke Menschen werden zuhause gepflegt, nicht selten auch von ihren Kindern oder Enkeln. Was als alltägliche Hilfe aus Zuneigung, Dankbarkeit oder mangels Alternativen beginnt, entwickelt sich häufig zu einer jahrelangen Überlastung mit gravierenden Folgen für die Betroffenen.
Ihre Arbeit gleicht oft das aus, was professionelle Dienste und staatliche Unterstützung nicht abdecken. Diese Verantwortung könnte noch wachsen, denn die Pflegeversicherung steht finanziell unter Druck. Was bedeutet das für Familien, in denen Kinder einen Teil der Versorgung übernehmen? Und wer kümmert sich um diejenigen, die sich kümmern?
Young Carers in Deutschland: Aufgaben und Verantwortung
Junge Pflegende sind eine in Deutschland bislang kaum wahrgenommene Gruppe pflegender Angehöriger. Die Bundesregierung ging 2025 von knapp 480.000 Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren sowie einer hohen Dunkelziffer aus. In der Fachwelt werden sie als Young Carers bezeichnet; ab 18 spricht man auch von Young Adult Carers.
Sie helfen meist nahestehenden Familienmitgliedern, die nicht mehr allein für sich sorgen können. Ihre Aufgaben reichen von alltäglichen Hausarbeiten bis zu organisatorischer und emotionaler Unterstützung. Der Pflegewissenschaftler Johannes Gräske geht davon aus, dass besonders häufig Mädchen und junge Menschen mit Migrationshintergrund Pflegeaufgaben übernehmen.
Folgen für junge Pflegende: psychische Belastung, Bildungsnachteile und Armutsrisiko
Viele der Kinder und Jugendlichen wachsen ganz selbstverständlich in Pflegeaufgaben hinein. Betroffene entwickeln dabei oft ein hohes Maß an Selbstständigkeit und Organisationstalent, müssen zugleich aber ihre eigenen Bedürfnisse stark einschränken.
Fachleute beobachten, dass auch die Gesundheit umso stärker leidet, je mehr Zeit junge Menschen für die Pflege aufbringen. So steige beispielsweise das Risiko für Angstzustände und Depressionen, betont Gräske. Auch der Bildungsweg könne beeinträchtigt werden, etwa durch Fehlzeiten und niedrigere Bildungsabschlüsse.
Darüber hinaus besteht ein erhöhtes Armutsrisiko. Laut der KiFam-Studie aus dem Jahr 2018 geben mehr als 20 Prozent der Young Carers an, dass das Geld in ihrer Familie eher knapp ist. Bei Kindern ohne Pflegeverantwortung liegt dieser Anteil bei lediglich 8,7 Prozent.
Welche Unterstützung junge Pflegende erhalten
Spezialisierte Hilfe erhalten junge Pflegende in Deutschland vor allem durch nichtstaatliche Projekte, die Freizeitaktivitäten, Austauschmöglichkeiten oder auch ein kleines Taschengeld bieten.
Bundesweit gibt es rund 140 Initiativen, die vom Bundesfamilienministerium in einem Netzwerk zusammenfasst werden. Über das Portal „Pausentaste“ stellt das Ministerium Hilfsangebote, Beratung und Materialien bereit – für Kinder, Eltern und Lehrkräfte.
Vor allem im schulischen Bereich fehlten allerdings bisher systematische Strukturen, sagt Pflegewissenschaftler Gräske: Lehrkräfte seien oft nicht darauf vorbereitet, junge Pflegende im Schulalltag zu erkennen oder gezielt zu unterstützen. Er fordert deshalb mehr Prävention an Grundschulen: Die Kinder sollen mehr über ihre Gesundheit lernen, um sich selbst zu schützen und dieses Wissen dann auch in der Pflege anwenden zu können.
Pflegereform: Mehr Belastungen für junge Pflegende?
Das geplante Pflegeneuordnungsgesetz, für das ein Referentenentwurf vorliegt, könnte die Belastungen für Pflegebedürftige als auch für die Pflegenden weiter erhöhen.
Mit der Reform sollen vor allem die Kosten der Pflegeversicherung gesenkt werden, indem unter anderem der Zugang zu Pflegegraden erschwert und die Zuschüsse für Pflegeheimplätze langsamer erhöht werden.
Für Familien könnte das bedeuten, dass sie höhere Kosten selbst tragen oder mehr Pflege zu Hause übernehmen müssen. Dabei besteht die Gefahr, dass dann ein Teil dieser zusätzlichen Verantwortung am Ende bei den pflegenden Kindern und Jugendlichen landet.
Radiobeitrag: Clara Hoheisel / Onlinetext: Isabelle Klein



















