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StartseiteCampus & KarriereSchuster: Examen nicht auf jüdische Feiertage legen18.01.2019

Zentralrat der JudenSchuster: Examen nicht auf jüdische Feiertage legen

Wichtige Prüfungen an Universitäten sollen nicht mehr auf jüdische Feiertage gelegt werden, fordert Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden. Bei den einzelnen Universitäten werde Rücksicht genommen, sagte er im Dlf - nicht aber bei bundeseinheitlichen Terminen wie dem medizinischen Staatsexamen.

Josef Schuster im Gespräch mit Stephanie Gebert

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Festtafel mit symbolischen Speisen zum Pessachfest (Picture Alliance / dpa / Robert B. Fishman)
Auf Pessach, das jüdische Osterfest, und auf den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur fallen die Prüfungen für das zweite medizinische Staatsexamen (Picture Alliance / dpa / Robert B. Fishman)
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Stephanie Gebert: Jom Kippur und Pessach sind zwei wichtige Festtage im jüdischen Kalender. In den kommenden zwei Jahren fallen aber genau auf diese Tage wichtige Prüfungstermine im Universitätsalltag, das zweite medizinische Staatsexamen zum Beispiel. Jüdische Studierende stecken dann in einem Dilemma, sie können aus Glaubensgründen an den Terminen eigentlich nicht teilnehmen. Das beklagt der Zentralrat der Juden in Deutschland, er versucht seit Jahren die Universitäten zur Rücksichtnahme zu bewegen – bislang ohne Erfolg. Josef Schuster ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, ich grüße Sie!

Josef Schuster: Guten Tag!

"Einzelne Universitäten nehmen Rücksicht"

Gebert: Mit welchen Begründungen werden Sie denn mit Ihrem Anliegen abgewimmelt bei den Behörden bisher?

Schuster: Nun, bei diesem Anliegen kommen wir bislang auf individueller Basis, sprich, wir haben ja auch über die Hochschulrektorenkonferenz die einzelnen Universitäten angeschrieben, da muss man ehrlicherweise sagen, dass da nicht abgewimmelt wird, sondern da, in dem Moment, wo eine einzelne Universität eine Prüfung macht, da wird auf die Belange Rücksicht genommen. Schwieriger ist es, und darum geht es im aktuellen Fall konkret, bei bundeseinheitlichen Prüfungen, die auf jüdische Feiertage fallen. Man hat nicht aufgepasst, man sah auch keine Notwendigkeit zum Teil, aufzupassen, denn es kommt die Argumentation, es gäbe so viele Feiertage verschiedener Religionen, man könne nicht auf alle Religionen Rücksicht nehmen.

An jüdischen Feiertagen ist Schreiben verboten

Gebert: Erklären Sie doch noch mal genau, warum Sie finden, dass die Rücksicht aber doch hierhin gehört!

Schuster: Zum einen ist jüdisches Leben und jüdische Religion etwas, was es in Deutschland über Jahrhunderte gibt, die erste Erwähnung jüdischen Lebens war in Köln im Jahre 321. Also, jüdische Religion ist ein, meine ich, sollte fester Bestandteil im Kalender auch sein. Und das Problem, das sich stellt, ist, dass nach jüdischem Religionsgesetz es an jüdischen Feiertagen verboten ist, zu arbeiten. Und arbeiten, insbesondere damit auch, zu schreiben. Also, es wäre unter Umständen gar nicht so problematisch, wenn es sich um eine klassisch mündliche Prüfung handeln würde, reden darf man, denken darf man sicher auch. Aber es ist problematisch bei Prüfungen, bei denen zwangsweise es schriftlich, auch nur mit Ankreuzen, funktioniert.

"Studierende verlieren ein Semester"

Gebert: Wie versuchen denn Studierende Ihrer Erfahrung nach das Dilemma bislang zu umgehen, wenn eben Prüfungen anstehen, sie aber eigentlich Feiertag hätten?

Schuster: Sie nehmen im Regelfall nicht an den Prüfungen teil, mit der Konsequenz, dass sie ein Semester dann verlieren, weil solche Prüfungen erst wieder nach einem halben Jahr möglich sind. Und nunmehr stellt sich die Situation aktuell so dar, dass die Prüfungen des zweiten medizinischen Staatsexamens auf den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur im Oktober fallen – und der nächste Termin im April genau auf das jüdische Osterfest, auf Pessach.

Gebert: Sehr, sehr ungünstig für sie. Ausweichtermine sind da keine Option?

Schuster: Es gibt keine Ausweichtermine bei dieser bundeseinheitlichen Prüfung. Wenn man nicht teilnehmen kann, hat man die nächste Möglichkeit ein halbes Jahr später.

Wo ein Wille, da ein Weg

Gebert: Auch im Arbeitsleben später werden die jüdischen Studierenden ja durchaus auch mal auf ähnliche Probleme stoßen, dass wichtige Dinge im Arbeitsleben anstehen, sei es eine Reise vielleicht oder eine Konferenz, und das gleichzeitig auf einen jüdischen Feiertag fällt.

Schuster: Ich habe eigentlich da auch selber die Erfahrung gemacht, dass da eigentlich immer eine Lösung möglich ist, dass der Einzelne natürlich dann gegebenenfalls Urlaub nehmen muss für diese Tage, aber gerade im öffentlichen Bereich habe ich bei Arbeitgebern nie ein Problem gesehen. Und im privaten Bereich, wie heißt es so schön im Englischen, where there is a will, there is a way.

"Antidiskriminierungsgesetz ist auch auf Studierende auszuweiten"

Gebert: Ihr Argument ist ja auch, das verstoße gegen den Gleichheitsgrundsatz. Jetzt hat die Antidiskriminierungsstelle des Bundes das noch mal geprüft und sagt, dieser Gleichsatz gilt nur für Beschäftigte an der Hochschule, nicht aber für Studierende. Müsste daran vielleicht noch etwas geändert werden grundsätzlich?

Schuster: Das war mir in der Form tatsächlich nicht bekannt, ich habe das auch zur Kenntnis genommen. Aber die Antidiskriminierungsstelle hat das ja auch gleich aufgegriffen und eine Forderung aufgestellt, der ich mich uneingeschränkt anschließe, dass dieses Diskriminierungsverbot, das Antidiskriminierungsgesetz eben auch auf Studierende und Schüler auszuweiten ist.

"Es geht nicht darum, dass an einem Feiertag eine Prüfung stattfindet"

Gebert: Es gibt ja noch eine ganze Reihe anderer Religionen, deren Feiertage berücksichtigt werden könnten. Kämpfen Sie für deren Belange jetzt mit?

Schuster: Ich glaube, ich hatte es versucht, am Anfang in unserem Gespräch deutlich zu machen. Das Problem, das ich sehe für jüdische Studierende, ist das Verbot, an diesen Feiertagen zu schreiben. Es geht mir gar nicht darum, dass an einem Feiertag eine Prüfung stattfindet. Aber aus religionsgesetzlichen Gründen kann er an dieser Prüfung nicht teilnehmen. Es geht nicht darum, weil diese Prüfung am Feiertag ist und am Feiertag darf man nicht denken.

Gebert: Wichtige Prüfungstermine sollen nicht mehr auf jüdische Feiertage gelegt werden, eine Forderung von Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Ganz herzlichen Dank!

Schuster: Bitteschön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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