Mittwoch, 07. Dezember 2022

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"Zum Dauerbesitz weiter Bevölkerungskreise"

Die Volksaktie war eine Idee Ludwig Erhards. Auch der kleine Mann sollte Aktionär werden können. Aus volkswirtschaftlicher Sicht stellte ein Aktionär von ihm Erspartes den Führungskräften der Wirtschaft zur Verfügung. Im März 1959 war es soweit. Die Bundesregierung begann mit der auf Bezieher geringer Einkommen zugeschnittenen Teilprivatisierung der Preussag.

Von Rolf Wiggershaus | 24.03.2009

    Zur Zeit des deutschen Wirtschaftswunders kam es 1957 auch zu einem "Wahlwunder". Die christdemokratischen Parteien errangen bei den Wahlen zum 3. Bundestag die absolute Mehrheit. Entscheidend dazu beigetragen hatten der pragmatische Wahlstratege, Bundeskanzler Konrad Adenauer, mit dem gezielten Wahlgeschenk der Rentenreform und die "Wahllokomotive", Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard, der als Vater des Wirtschaftswunders galt.

    Wie sollte es nun unter einer rein christdemokratischen Regierung weitergehen? In Adenauers Regierungserklärung im Oktober 1957 hieß es dazu:

    "Schaffung von Kapital, meine Damen und Herren, ist notwendig, um die Produktivität unserer Wirtschaft zu steigern und sie krisenfest zu machen. Streuung von Besitz in weitem Umfang ist nötig, um einer möglichst großen Zahl von Staatsbürgern Selbstgefühl und das Gefühl der Zugehörigkeit zum Volksganzen zu geben."

    Der Bundeskanzler deutete auch an, wie das konkret aussehen sollte:

    "Die Durchführung des Familienheimgesetzes und die Einführung der Volksaktie sind einige der geeigneten Mittel, die Spartätigkeit anzuregen."

    Die Volksaktie - das war eine Idee Ludwig Erhards. Auch der kleine Mann sollte Aktionär werden können. Aus volkswirtschaftlicher Sicht stellte ein Aktionär von ihm Erspartes den Führungskräften der Wirtschaft zur Verfügung. Erhard aber sprach emphatisch von "Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand".

    Im März 1959 war es soweit. Die Bundesregierung begann mit der auf Bezieher geringer Einkommen zugeschnittenen Teilprivatisierung der Preussag. Der Erfolg war überwältigend. Eine Woche nach der Ausschreibung der Preussag-Aktien konnte Bundesschatzminister Hermann Lindrath in einem Rundfunkinterview bekannt geben:

    "Die am 24. März 1959 zur Zeichnung ausgelegten jungen Volksaktien der Preussag sind binnen weniger Tage um mehr als das Dreifache überzeichnet worden. Auf 30 Millionen DM Aktien liegen mehr als 100 Millionen DM Zeichnungen vor."

    Um die Bevölkerung nicht zu enttäuschen, privatisierte der Bund weitere Kapitalanteile in Höhe von 53 Millionen DM, so dass schließlich Aktien im Wert von 83 Millionen DM in den Händen von 210.000 Kleinaktionären lagen.

    Was war nun das Besondere an der "Volksaktie"? Es gab sie nur klein gestückelt zu einem Nominalwert von 100 DM, und man konnte höchstens fünf von ihnen erwerben. Außerdem war ihr Erwerb auf Bezieher kleiner Einkommen beschränkt, denen sie mit einem "Sozialrabatt" angeboten wurden. Damit wollte die Bundesregierung ein Wertpapier schaffen, so der Bundesschatzminister,

    "das zum Dauerbesitz weiter Bevölkerungskreise und nicht zum Gegenstand ungesunder Spekulationen werden soll."

    Besondere Beschränkungen wie eine Sperrfrist für die Weiterveräußerung und ein begrenztes Stimmrecht sollten dabei helfen, dass der Volksaktionär gemäß der Überzeugung handelte, die Erhard in seinem Bestseller "Wohlstand für alle" propagiert hatte:

    "Ungleich sinnvoller ist es, alle einer Volkswirtschaft zur Verfügung stehenden Energien auf die Mehrung des Ertrages der Volkswirtschaft zu richten als sich in Kämpfen um die Distribution des Ertrages zu zermürben".

    Die Nachfrage nach Volksaktien war groß. Auf die Teilprivatisierung der Preussag folgten 1961 die des Volkswagenwerks und 1965 die der Veba, der Vereinigten Elektrizitäts- und Bergwerks-AG. Mehr als anderthalb Millionen Kleinanleger erwarben VW-Aktien , mehr als zweieinhalb Millionen Veba-Aktien. Doch der Höhenflug der Volksaktien in dieser ersten Privatisierungsperiode mit betont vermögens- und gesellschaftspolitischer Absicht war kurz. Die engen quantitativen Grenzen solcher Kleinaktionäre ließen eine Nutzung der Vorteile von Aktien nicht zu. Früher oder später landeten die Aktien schließlich doch in den Händen derer, die sich mehr als eine bloß symbolische Vermögensbildung leisten konnten. Seit damals haben Privatisierungen, Börsengänge und die Popularität von Aktien mehrfache Aufs und Abs erlebt, Niedergänge und erstaunliche Auferstehungen.