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StartseiteBüchermarktZum siebzigsten Geburtstag des Schriftstellers Peter Rühmkorf24.10.1999

Zum siebzigsten Geburtstag des Schriftstellers Peter Rühmkorf

Ein Leben in doll

Hajo Steinert

Zum siebzigsten Geburtstag des Schriftstellers Peter Rühmkorf

Peter Rühmkorf, wohnhaft in Hamburg, wird am Montag siebzig Jahre alt. Der Georg-Büchner-Preisträger des Jahres 1993 ist einer der wenigen bedeutenden Schriftsteller seiner Generation, die ihr Geld hauptsächlich mit Lyrik verdienen. Daß einem in Anbetracht seines Geburtstages ernsthaft feierlich zumute werden kann, zeigt das Porträt eines Fans.

Ein Oh und Ach geht durch seine Gedichte, Lustschreie lassen unsere Trommelfelle vibrieren, ein Wehklagen bohrt sich in unsere Gehörgänge, zartester Minnesang läßt uns dahin schmelzen, tiefe Seufzer machen unsere Herzen schwer - aber dann stehen wir, seine Gesellinnen und Gesellen, Genossinnen und Genossen, Busenfreundinnen und Busenfreunde, Leidenschwestern und Leidensbrüder urplötzlich, schwitzend vom Wechselbad der Gefühle, noch ganz benebelt im Hirn, aufrecht in der Landschaft, klaren Kopfes und aufnahmebereit zum Appell . Denn Peter Rühmkorf ist nicht nur der tolldreiste Erotiker und Stimmungsvirtuose in allen Seelen- und Lebenslagen, der fröhliche Melancholiker und traurige Minnesänger unserer Zeit, sondern auch der letzte Agitator in diesem Jahrhundert.

Was er im Schilde führt? - Nein, nein, es sind nicht die gereimten Aufmüpfeleien wie damals in den mittleren sechziger Jahren, als unser rebellisches Paukerjäcklein mit dem LKW zum Hamburger Marktplatz fuhr, sich auf die Ladefläche stellte und lyrische Flugschriften zur Hebung der Gesinnungslage protestbereiter Passanten herabsegeln ließ. Es ist nicht mehr so sehr sein Bestreben, Poesie und Politik miteinander zu verkuppeln, frei nach dem Motto: was dem einen recht, ist dem anderen billig. Die "Revoluzzion" stellt er niemandem mehr in Aussicht. Es sind heute Durchhalteparolen der vitaleren Art, die zu singen er nimmermüde wird. Klartext: Geht ja.nicht zu früh nach Hause, bleibt bis zum Morgengrauen, feiert das Leben, die Liebe, feiert euch selbst, hoch die Tassen, das Haschischpfeifchen gestopft! Solange der Schnitter noch nicht vor der Tür steht und klopft . . . "Irdisches Vergnügen in g" hieß ein parodistisch angelegter Gedichtband, vor genau vierzig Jahren erschienen. Dur oder moll? Der Dichter ließ das offen. Bei Rühmkorf ist alles ein "doll". Ein Lebensmotto, das auch heute noch Bestand hat.

"Bleib erschütterbar und widersteh!" rief Rühmkorf einst in die frische Luft hinaus, oder "Phönix voran!" Regelrechte Schlager waren das. Geflügelte Worte. Heute haben seine Lieder eine ungleich körperliche, deftige, bei aller Dringlichkeit indes auch verzweifelte Stoßrichtung: "Umdrehen!/ Hose runter!/Brille ab!/Arsch raus!/Rein". So endet, im Stile des Rap, eines der burschikosen Liebesgedichte im neuen Lyrikband "wenn - aber dann". Im Alter gibt es freilich nichts mehr zu parodieren, da wird abgefeiert! Ein übers andere Mal macht sich der von allen, nur nicht von den Lebens- (somit auch Quäl-)Geistern verlassene Sänger über ein verzwicktes Spätphänomen des Lebens lustig: die Alt-Herren-Erotik. Daß er vor dieser selbst nicht ganz gefeit ist, zeigt seine scham- und schonungslose Selbstironie. Torschlußpanik allerdings ist seine Sache so wenig wie Potenzgehabe, krasser gesagt: Todesangst ist so wenig sein Motiv wie Todessehnsucht. Rühmkorf ist halt nur ein verhinderter Romantiker. Darin durchaus Brecht vergleichbar.

Rühmkorf erreicht in jeder seiner Zeilen ein Maß an subjektiver Authentizität (ich weiß, ein Paradewort der siebziger Jahre, aber das war sein Jahrzehnt!), wie es kein anderer seiner dichtenden Altersgenossen schafft, geschweige denn einer der jüngerenn Kollegen, deren l‘art pour l‘art er nicht aufhört väterlich zu bespötteln. Sei ja alles ganz hübsch, was Raoul Schrott, Thomas Kling oder Durs Grünbein so schrieben, es sei aber wohl eher etwas fürs germanistische Hauptseminar als fürs lesende Volk, dem er sich spätestens seit seiner Sammlung mit rotzfrechen Kinderversen (in dem 1967 erschienenen Band "Über das Volksvermögen") verbunden fühlt. Peter Rühmkorf will, so wenig schick das klingen mag, verstanden werden. Er schreibt - jetzt wirds ulkig - Verständigungstexte. Er selbst nimmt sogar, ohne rot zu werden, das Wort Erbaulichkeit in den Mund. Doch Vorsicht: im Innern des Mannes, an dem wir uns da erbauen sollen, schlägt das Herz eines Windhunds und Scharlatans.

Selbst da, wo ihm der Schalk im Nacken sitzt, bleibt Rühmkorf der Aufklärer. Selbst wenn er Jahr für Jahr sein Hohelied auf den Hanf und andere künstliche "Stimulanzien" anhebt zu singen - die Form seiner Gedichte, gereimt oder ungereimt, bleibt so streng wie die der von ihm keineswegs verschmähten Klassiker. Obwohl er einen therapeutischen Anspruch vermutlich weit von sich wiese – seine Gedichte lassen sich aufsaugen wie eine Brise Kokain. Um es jugendfrei zu formulieren: wie Brausepulver. Sollte je einer versuchen, mal wieder ein Gedicht auswendig zu lernen (nüchtern, natürlich), bitte, bei Rühmkorf findet er genügend Stoff. "Altern als Problem für Künstler" heißt eines seiner stillen Gedichte, die gleichwohl von einem Unbedingheitsgestus zeugen, wie er nur Peter Rühmkorf eigen ist. In der vorletzten Strophe heißt es: "Ich selbst geb mich so elitär/wie ich halt reduziert bin/und tanz auf keiner Hochzeit mehr,/wo ich nicht amüsiert bin." Lyrisches Kraftfutter, nicht nur für Senioren.

Siebzig Jahre alt wird Peter Rühmkorf am Montag. Daß er, der das Feiern so liebt wie kein anderer, schon an diesem Wochenende loslegt - davon dürfen wir ausgehen. Der Kater allerdings, der liegt bei bei ihm stets auf der Lauer. Wer Rühmkorf neulich in Frankfurt auf der Buchmesse erleben durfte, weiß, was für eine Kondition dieser Mann hat. Keine Party ohne ihn. Von einem kleinen, aber interpretationswürdigen Verhörer wäre kurz zu erzählen. Als wir mit dem Taxi ins Café Rowohlt fuhren und sein Begleiter unterwegs ausrief, "Guck mal, Peter, die Oper", wurde er für einen Moment regelrecht laut und antwortete garstig: "Hast Du gerade ‚du Opa‘ zu mir gesagt?" Da wußte ich, so ganz cool ist das mit dem Älterwerden wohl doch nicht.

Gewiß, auch die Rückenschmerzen machen ihm gelegentlich zu schaffen. Doch es steckt noch der gleiche Kindskopf auf seinem hageren Körper wie damals, in den fünfziger Jahren, als er den "Kalten Krieg" in seinem Kabarett "Die Pestbeule" aufs Korn nahm und im Widerspruch zur beschaulichen Nachkriegslyrik die Zeitschrift "Zwischen den Kriegen" gründete. Unter seinem Spitzenpseudonym Leslie Meier veröffentlichte er in der Zeitschrift "Studentenkurier" (später "konkret") Polemiken und Manifeste, die noch dem letzten ontologisch vergessenen Leser die Lust auf raunende Naturgedichte und hochgezüchtete Metaphorik raubten.

Nichts ist ihm so sehr ein Graul wie Weltuntergangsattitüden. "Lyrik-Schlachthof" hieß seine Kolumne damals – heute ist sie Legende. Das Hauen und Stechen, Scharfrichten und Messerwetzen wie zu jener Zeit ist ein Indiz dafür, daß man Gedichte als Form des öffentlichen Ärgernisses damals noch ernst nahm. Wenn Rühmkorf dagegen über die gesellschaftliche Relevanz von Lyrik heute (er tut dies immer wieder gern in seinen vergrübelten Nacht-Gedichten) räsonniert, wird ihm immer etwas sentimental zumute. "Ach, der Dichter, ja, was kann er fassen?/Eigentlich nur eine Regung, eine Rührung,/was ihn selbst wie Donnerkeile trifft". Derartiges hätten wir bei Rühmkorf, so sehr er sich über die Jahrzehnte hinweg auch treu blieb, in den sechziger Jahren nur ganz klein gedruckt gelesen.

Rühmkorf brachte schon in seinem ersten, zusammen mit Werner Riegel herausgegebenen Band "Heiße Lyrik" (1956) das Kunststück fertig, die vermeintlichen Antipoden Brecht und Benn miteinander zu verbinden und als Lichtgestalten durch die eigenen Zeilen Arm in Arm wandern zu lassen. In seinem weiteren Schaffen drückte sich das Vorbild Heinrich Heine immer deutlicher durch, Ringelnatz natürlich auch. Trinksprüche und Gassenhauer stehen bei Rühmkorf neben der Ode und Hymne, der Kindermund ist ihm so lieb wie Klopstock, das vollgekritzelte Poesiealbum steht ihm so nahe wie Walther von der Vogelweide, dessen Texte er übrigens, zur großen Verblüffung der internationalen Germanistik, so übersetzte (vgl. Peter Rühmkorf: Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich. Reinbek 1975), daß selbst in Sachen Hochliteratur ungeübte Naturen vom Schlage des Strand- und Ferienhauslesers Lust am Mittelalter und auf Walther bekamen.

Und dann sind es doch die Romantiker. Sie standen Pate, als Peter Rühmkorf seiner Lust an jener Volkspoesie freien Lauf ließ, die die Massen in die Buchläden trieb. Über hundert tausend Mal wurden bis heute Rühmkorfs gesammelte Wunderhorn-Varianten gekauft. "Über das Volksvermögen" - die "Exkurse in den literarischen Untergrund" blieben bis heute, gemessen an der Auflagenzahl, sein größter literarischer Erfolg. "Langsam zieht durch Mamas Bauch/Papas lange Gurke/Und schon nach neun Monaten/Kommt ein kleiner Schurke." – Man mag über den literarischen Wert solcher Verse streiten – aber derlei Fundstücke aus den Gassen deutscher Großstädte waren es, die Rühmkorf die Hoffnung gaben, die Lyrik könne auch heute ein alltäglicher Lebensbegleiter und Spielkamerad werden. Wie Rühmkorf auf die Volkspoesie kam und wie diese sein eigenes Schreiben beeinflußte, erzählt er sehr schön in einem Band, der jetzt zu seinem Geburtstag im Göttinger Wallstein Verlag herauskam. Daß ihm selbst, bei seinen vielen Reisen, gelegentlich ein flotter Vierzeiler in den Sinn kam, den er für die Nachwelt meint konservieren zu müssen, zeigt eine Geburtstagsgabe des Steidl Verlages. In "Von mir, zu euch, von uns" finden sich hingekritzelte Gelegenheitstexte und Grußbotschaften an die Adressen von Freunden in herrlichen Faksimiles. (Nur gut, daß diese Freunde Rühmkorfs Gelegenheitsarbeiten nicht weggeworfen haben.) Sie zeigen nicht nur das Talent eines echten Spontanlyrikers, sondern auch die zeichnerische Begabung des Peter Rühmkorf.

Auch wenn er, sagen wir mal, mit Ernst Jünger (außer der sie verbindenden Lust an überirdischen Rauschzuständen) literarisch nicht unbedingt etwas gemein hat – ein solches Kurzporträt, Jünger gewidmet, wie auf jener Postkarte aus einem Darmstädter Hotel wünschen wir uns auch für Rühmi in dreißig Jahren: "Hundert Jahre/und noch alle Haare/grenzt das nicht/ans Wunderbare!?"

Neues von Peter Rühmkorf:

Peter Rühmkorf: wenn – aber dann. Vorletzte Gedichte. Rowohlt Verlag. Reinbek bei Hamburg 1999, 128 S.

Peter Rühmkorf: Wo ich gelernt habe. Göttinger Sudelblätter. Wallstein Verlag. Göttingen 1999, 48 S.

Peter Rühmkorf: Von mir, zu euch, für uns. Steidl Verlag. Göttingen 1999, 216 S.

Peter Rühmkorf: Peter Rühmkorf liest Lyrik und Prosa. 2 CDs. Wallstein Verlag. Göttingen 1999. Laufzeit 142 Minuten

Peter Rühmkorf: Die Jahre die ihr kennt. Werke 2. Herausgegeben von Wolfgang Rasch. Rowohlt Verlag. Reinbek bei Hamburg 1999. 480 S.

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