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Zum Tod von Nadine Gordimer
Schriftstellerin, Mahnerin, Gewissen einer Nation

Jede Form von Diskriminierung und Rassismus war ihr zuwider, die Kritik an der Apartheid bestimmte ihr Leben und ihr Werk: Nadine Gordimer, die Grande Dame der südafrikanischen Literatur und Literaturnobelpreisträgerin ist im Alter von 90 Jahren in Johannesburg gestorben.

Von Tanya Lieske | 14.07.2014
    Die südafrikanische Autorin Nadine Gordimer auf einer Lesung. Sie hält ein Buch von sich in der Hand und spricht in ein Mikrofon.
    Literatur war ihr moralischer Kompass: Die südafrikanische Autorin Nadine Gordimer ist tot. (picture-alliance/ dpa / epa ansa Alessandro)
    Zeitzeugin, Mahnerin, Gewissen einer Nation, Schriftstellerin: Nadine Gordimers Leben und Werk sind eine Essenz des letzten Jahrhunderts. Ihr Kampf gegen die Apartheid, die man begreifen kann als Spiegel der dunklen Doktrinen dieses 20. Jahrhunderts, hat Gordimers Leben seine Richtung gegeben.
    Die still, manchmal sogar introvertiert wirkende Nadine Gordimer wollte für sich selbst vor allem eines: ungestört Schreiben. Für ihr Land wollte sie die Versöhnung der Menschen, die hier miteinander leben. Bis aus Südafrika im Jahr 1991eine Regenbogennation wurde, musste Nadine Gordimer sechzig Jahre alt werden. Die Sorge um ihr Land hat sie auch danach nicht losgelassen.
    Ihr Schreiben und ihr politisches Engagement gingen Hand in Hand. Die Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer, deren Werke über Jahre hinweg in Südafrika nicht erscheinen durften, war eine Intellektuelle, deren Stimme auf der ganzen Welt Gewicht hatte. Dabei konnte Nadine Gordimer unbequem sein, hat zum Beispiel aus ihrem Unbehagen gegenüber der Siedlungspolitik Israels nie einen Hehl gemacht.
    Schreiben und bleiben als Akt des Widerstands
    1998 hatte sie es abgelehnt, für den britischen Orange Fiction Prize nominiert zu werden, weil dieser nur Frauen vorbehalten ist. Jede Form von Diskriminierung und Rassismus war für Nadine Gordimer das größte und das übergreifende Übel der Menschheit. Andere Missstände betrachtete sie als Folgeschäden.
    Wenn man Gordimers autobiografische Schriften liest, die sie 2010 unter dem Originaltitel "Telling Times" veröffentlichte, versteht man ihre Gründe. Gordimer war noch ein Teenager, als ihr die Apartheid erstmals bewusst wurde. Das war für sie ein Erweckungserlebnis mit einer ontologischen Dimension. Gordimer schreibt:
    Ich habe in meinem Leben oft über die Zweite Geburt oder Wiedergeburt gesprochen und geschrieben, die viele weiße Südafrikaner durchlaufen. Damit meine ich den Moment, wenn das Kind zu erkennen beginnt: Die Tatsache, dass der Schwarze das Haus des Weißen nicht durch die Vordertür betritt, gehört nicht zu derselben Kategorie von Tatsachen wie die, dass die Toten nicht zurückkommen.
    "Ich wurde mir des Rassismus' schon mit zwölf Jahren bewusst, doch ich fühlte eher Scham als Schuld, als ich sah, dass man die Schwarzen wie eine Herde Vieh behandelte und sie anbrüllte wie Sklaven oder Verbrecher. Das war der Anfang meines Gefühls, dies sei unfair."
    Südafrika war das Land, das Gordimer nie verlassen hat und nie verlassen wollte, allen Rückschlägen, Enttäuschungen und Repressalien zum Trotz. Ihre Wurzeln waren europäisch, ihre Eltern jüdische Einwanderer der ersten Generation. Mehrfach hat Gordimer beschrieben, wie fragil ihre eigene Identität als Südafrikanerin war, zu zerbrechlich für die Erfahrung eines Exils. Schreiben und bleiben waren für sie Akte des Widerstands, Literatur ihr moralischer Kompass.
    Die Welt hat eine moralische Instanz verloren
    Wir haben das Recht und die Verpflichtung zu Ehrlichkeit und müssen unseren fiktiven Gestalten eine moralische Urteilsfähigkeit mitgeben, wie die Menschen sie unseres Wissens besitzen, denn immer – hier paraphrasiere ich Goethe – wenn der Schriftsteller tief in die menschliche Gesellschaft, in die Welt greift, bekommt er ein Stück Wahrheit zu fassen.
    Das erklärt, warum Nadine Gordimer viele literarische Moden des 20. Jahrhunderts ignoriert hat. Sie schätzte die Literatur der Gegenwart, aber als Romanautorin zählten für sie die großen Epiker des 19. Jahrhunderts, Tolstoi, Flaubert, Conrad. Sie liebte das große Erzählpanorama, den nuancierten und manchmal spöttischen Duktus, sublime Charakterstudien, die Menschen zeigen, die gefangen sind in den Bedingungen ihrer Zeit.
    In mehr als sechs Jahrzehnten hat Nadine Gordimer so die Apartheid, ihre Oberfläche, ihre Struktur und ihre Tiefenwirkung auf die menschliche Seele beschrieben. Will man in Zukunft verstehen, was diese Apartheid für das 20. Jahrhundert bedeutet hat, dann wird es genügen, Nadine Gordimers Romane zu lesen. Mit ihr hat die Welt eine große Stimme und eine moralische Instanz verloren.