Samstag, 22.02.2020
 
StartseiteEssay und DiskursZur Konstruktion territorialer Identität05.08.2007

Zur Konstruktion territorialer Identität

Paradigmenwechsel in Nahost, Folge 3

Identitätsstiftende Siedlungsformen wurden zu Beginn des 20. Jahrhundert in Israel für die Einwanderer aus arabischen und osteuropäischen Staaten geschaffen. Der Architekturkritiker Haim Yakobi sieht darin eine westlich rationale orientierte Konstruktion neuer Urbanität, die sich insbesondere im Stadtbild Tel Avivs zeigt.

Der Architekturkritiker Haim Yakobi im Gespräch mit Jochanan Shelliem

Jochanan Shelliem: Haim Jacobi, Martin Buber hat einmal gesagt, die Zionisten wollten nach Utopia - und wenn wir die Bauhaus Würfel des weißen Tel Aviv am Meer Revue passieren lassen, beginnt der Siedlungsbau vor der Staatsgründung auch in Utopien. Doch sagte Buber auch, die Zionisten haben es nicht geschafft, sie kamen in den Orient. In Europa hatte sich die jüdische Architektur nationalen Strömungen angepasst. Mit der Emanzipation des jüdischen Bürgertums griff man beim Synagogenbau in Deutschland sowohl zum Formkanon des Klassizismus, wie auf biblische Bauwerke. Wie sah das Raumkonzept der Zionisten in Palästina aus, wie hat das Land die Antagonismen des zionistischen Traums verändert, die Rückkehr nach Alt-Neuland, wie man das Land der Bibel damals nannte, und dieses Arabien, in dem man eine neue zionistische Nation errichten wollte.

Haim Jacobi: Wie bei allen nationalen Projekten spielt die Gestaltung des Raumes auch im Zionismus eine zentrale Rolle. Die Art und Weise, in der mit dem Raum umgegangen wird, ob materiell oder symbolisch, gehört zu den zentralen Fragen des zionistischen Projekts, und diese Auseinandersetzung lässt sich bereits vor der Gründung des Staates Israel beobachten. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts geht es in zionistischen Kreisen um Architektur und Urbanität. Zwei Ansätze werden dabei parallel verfolgt: Einer zielt auf die Modernisierung der Architektur, auf eine westlich orientierte rationale Konstruktion von Wohn- und Siedlungsformen; dieses Projekt beinhaltet einen modernen Umgang mit dem Raum.

Shelliem: Seine Ergebnisse haben zu der Bauhaus-Gestaltung des jungen Tel Aviv geführt.

Jacobi: Zum Beispiel. Die gesamte Anlage der Stadt, die Idee von Tel Aviv als der ersten modernen hebräischen Metropole bildet einen Teil dieses Konzepts. Zugleich geht es in dieser Phase um unsere Beziehung zum Orient. Sind wir ein Teil des Landes, weil wir hier leben und uns diese Umgebung prägt oder leben wir hier, obwohl die Kultur des Landes nicht die unsere ist? Diese Debatte kann bereits in den Dreißiger Jahren beobachtet werden. Nach dem Krieg von 1948 und der Gründung des Staates Israel gewinnt die Frage nach dem Umgang mit dem nun zur Verfügung stehenden arabischen Grund und Boden an Bedeutung. Und die erste Reaktion besteht darin, die palästinensische Siedlungsstruktur, die vor '48 bestanden hat, zu zerstören.

Shelliem: Lassen Sie uns diesen ersten Schritt genauer besehen. Bis heute gibt es in Israel nicht-anerkannte Dörfer, also Dörfer, die nicht an die Abwasser-, Strom- oder Wasserversorgung angeschlossen sind, von der geltenden Infrastruktur also ausgeblendet werden. Und im Land kursiert das Wort, dass dort, wo heute Kakteenfrüchte wachsen, früher palästinensische Dörfer gestanden haben. Wie ist man in den ersten Jahren des Staates Israel mit den vorhandenen Häusern umgegangen? Was für Gebäude sind damals errichtet worden, was für eine urbane Identität war intendiert?

Jacobi: Nach der Staatsgründung war der erste Schritt der Entwurf und die Anordnung eines Masterplans Das bisherige Profil sollte durch eine moderne Siedlungslandschaft ersetzt werden - durch eine Bebauung mit Wohnblocks, wie wir sie heute im ganzen Land vorfinden, eine Siedlungsstruktur, die den Neueinwanderer nicht allein als Unterkunft dienen sollte. Diese Siedlungsformen sollten die Identität der neuen Israelis prägen. Jüdische Einwanderer kamen aus arabischen Staaten in das Land, Überlebende der Shoah aus Osteuropa , sie alle wurden in modernen Wohneinheiten untergebracht, die eigens dazu entworfen worden waren, die Neueinwanderer in Israel zu versorgen.

Shelliem: Vor 1948 hatte es doch innerhalb der Grünen Linie, also im Kernland des Staates Israel, historische Verkehrswege gegeben, die Kairo und Amman, Jerusalem und Damaskus miteinander verbunden haben. Was geschah mit den Häusern und den Straßen, der zuvor doch eher ländlich orientierten Gesellschaft?

Jacobi: Selbstverständlich ist ein Teil der historischen Infrastruktur erhalten geblieben. Das israelische Straßensystem beispielsweise basiert auf den historischen Verkehrswegen der Region. Das israelische Schienensystem, die neuesten Linien ausgenommen, entstand während des britischen Mandats in Palästina. Die palästinensischen Städte und Dörfer aber waren einer gewaltigen demographischen Veränderung unterworfen worden - in den meisten Häusern lebten einfach keine Palästinenser mehr. Und die leeren Häuser wurden dazu benutzt, den Neueinwanderern ein Dach über dem Kopf zu geben. Ich habe die Entwicklung der Kleinstadt Lod, östlich von Tel Aviv im Rahmen meiner Dissertation analysiert. Jüdische Neueinwanderer haben in Lod die verschwundenen Palästinenser ersetzt. Sie zogen in die leerstehenden Häuser der geflohenen Palästinenser. Und später sehen wir, dass nur noch Misrachi - also Juden aus dem Orient - diese Häuser beziehen. Mit diesem Wechsel verknüpft sich eine Transformation: die Häuser der arabischen Feinde verwandeln sich symbolisch in die Unterkünfte orientalischer Juden, gleichzeitig entzündet sich die Kritik an diesem Vorgang, die Debatte um ihre Modernität flammt auf. "Lasst uns diese Häuser abreißen, sie sind nicht dazu geeignet, jüdische Menschen zu beherbergen", so lautet ein Verdikt. Was dazu führt, dass neunzig Prozent der palästinensischen Stadtbebauung von Lod abgerissen wurde.

Shelliem: Wie sahen diese palästinensischen Häuser damals aus?

Jacobi: Meist waren es traditionelle Steinhäuser im orientalischen Stil. In Jaffa, Ramle und in Lod finden sich noch einige Gebäude aus der Zeit des Britischen Mandats. Sie sind zwar nicht so modern wie die Architektur, die wir in Westeuropa kennen, doch kommen einige Elemente dieser Mehrfamilienhäuser unseren Konzepten nah und werden heute wieder aufgegriffen. Damals standen diese Gebäude den utopischen Vorstellungen von der neuen Heimat im Weg. "Lassen wir die arabischen Bauten hinter uns", hieß es, "sie sind nicht zeitgemäß, lasst uns jüdische, moderne, großzügige, westlich orientierte und rational gestaltete Häuser bauen."

Shelliem: Wie hat dieser architektonische Umbruch ausgesehen?

Jacobi: Er hat sich auf verschiedenen Ebenen abgespielt. Das begann bei der Wohneinheit. Aus dem einzelnen Haus wurde ein Wohngebäude, das mehreren Familien Platz geboten hat. Ein weiterer signifikanter Wechsel lag im Entwurf der Gartenstadt. Die Idee von der Gartenstadt, deren Struktur in der Mandatszeit entwickelt worden war, wurde im Israel der Fünfziger und Sechziger sehr populär. Man sah die Gartenstadt als eine effiziente Lösung an, den Raum neu zu organisieren, wobei das Hauptgewicht auf der Infrastruktur, dem Transport und einem Element lag, das wir als Nachbarschafts-Einheit bezeichnen. Diese Einheiten schließen Einkaufsmöglichkeiten, die gesundheitliche Versorgung, soziale Dienstleistungen und Schulen mit ein. Sie sind durch effiziente Verkehrswege miteinander verknüpft, womit eine moderne Konzeption des Lebens in der Stadt entsteht. Das Format dieser Masterpläne hat das Land geprägt. Noch heute finden sich diese Konzepte in Reinkultur im Süden des Landes - in Beersheva, im Zentrum in Ramle und auch im Kern von Lod und in Galiläa in Kiryat Shmona. Das war die Essenz der Planung in den fünfziger und sechziger Jahren in Israel. Womit sich das Landschaftsprofil veränderte. Mittels dieser Modernisierung wurde das Land systematisch reorganisiert. Gleichzeitig sollte man nicht vergessen, dass der größte Teil der Bevölkerung in den 50er und 60er Jahren aus einer heterogenen Mischung von Einwanderern aus Osteuropa und arabischen Juden bestand, deren Kulturen aufeinander trafen und sich zugleich mit den modernistischen Wohnformen auseinandersetzen mussten, in denen die Einwanderer untergebracht worden sind. Heute kann es sehr aufschlussreich sein, sich anzusehen, wie die Bewohner diese Gebäude verändert haben, um sie ihren kulturellen Bedürfnissen anzupassen.

Shelliem: Haim Jacobi, wie hat der Landgewinn im Sechs-Tage-Krieg die architektonische Entwicklung in Israel verändert. Durch den Sieg von 1967 wurde aus dem kleinen Judenstaat mit seiner kargen sozialistischen Grundstruktur, das militärische Schwergewicht in der Region mit einem Wilden Osten. Zum ersten Mal verfügte man über neue Territorien. Symbolisieren das romantisch biblische Design von öffentlichen Gebäuden in Jerusalem und der Festungscharakter der Hebräischen Universität diesen Paradigmenwechsel?

Jacobi: Der Sechs-Tage-Krieg brachte einen dramatischen Wechsel mit sich. Das lag zum einen an den Dimensionen der neuen Territorien und zum anderen an den Veränderungen in Jerusalem. Man brachte israelische Einwanderer nach Jerusalem, mit diesen Ansiedlungen wurden die Stadtgrenzen neu definiert. Es wurden Satellitenstädte gebaut wie Gilo, Ramot, Pizgat Ze'ew, wo nach dem Sechs-Tage-Krieg Menschen angesiedelt wurden, die diese Viertel nicht als Siedlungsprojekte im Besatzungsgebiet gesehen haben. Und der Grund, warum diese Viertel nicht als Kolonisierungseinheiten angesehen wurden, liegt in ihrer Architektur. 1967 wird in der israelischen Architektur der Orient entdeckt, auf einmal werden regionale Bauformen wahrgenommen, lokale Eigenheiten zitiert, die arabische Siedlungslandschaft ohne ihre arabischen Bewohner rückt in den Vordergrund. Wenn man sich das Projekt von Gilo ansieht, wird deutlich, wie viel Anstrengung die Architekten unternommen haben, um die riesigen Wohnblocks mit regionalen Charakteristiken auszustatten, mit einer lokalen Identität. Man nutzte architektonische Symbole, hat Eingangsbögen gesetzt, arbeitete in Naturstein...

Shelliem: Mit welchem Stein?

Jacobi: Wir nennen ihn den Jerusalem-Stein, er ist ein Symbol für die Region.

Shelliem: Wie sieht er aus?

Jacobi: Er ist weißlich-beige bis tiefgelb: Daneben wurde die Wohnanlage von Gilo mit Tor- und Fensterbögen versehen. Sie wurde sogar um einen Innenhof herum gruppiert - wie in der Altstadt von Jerusalem, erklärten die Architekten. Deutlich wird dabei eine doppelte Tendenz. Zum einen die Veränderung des Maßstabs, die Wohnblocks überschreiten alle Größenvorstellungen traditioneller Stadtanlagen, zum anderen wird die überlieferte Formensprache der regionalen arabischen Architektur historisierend integriert, womit den Menschen das Gefühl vermittelt wird, in diesen Siedlungen ein Teil von Jerusalem zu sein. Sie leben in einem Komplex, der sich sowohl als Symbol versteht, wie als integraler Bestandteil des alten Jerusalem. Doch die Architektur bezieht sich nicht allein auf die Gebäude, sie schließt deren Infrastruktur mit ein. Wenn man in Pisgat Ze'ew lebt oder in Gilo, ist man in zehn Minuten mit dem Wagen im Zentrum von Jerusalem, wenn es keinen Stau gibt. Das Netz der neu angelegten Verkehrswege vermittelt allen Beteiligten ein Gefühl der Nähe zu Jerusalem. Man fühlt sich nicht in einer Siedlung außerhalb, sondern hat das Gefühl direkt in Jerusalem zu leben. Zu dieser Integration tragen auch der weite Blick aus dem Komplex und sogar die Tore der Wohnanlage bei. Die Tore von Gilo sind derart dominant gestaltet, dass sie in der gesamten Nachbarschaft zu sehen sind. Man sieht also, wie die Architektur ihre Mittel einsetzt, um sich das neue Territorium anzueignen.

Shelliem: Wenn das so ist, wie werden die palästinensischen Nachbarorte Beit Jala und Bethlehem ausgegrenzt. Wie kann man auf der einen Seite den frisch konstruierten Siedlungsring enger an das Zentrum binden und die palästinensischen Nachbardörfer ausgrenzen. In Jerusalem selbst verdichtet sich doch das Problem, die Stadt ist in allen drei Dimensionen von unterschiedlichen Gruppen bewohnt. In der Altstadt von Jerusalem kann man jüdische Familien, Wand an Wand mit palästinensischen finden, während vor der Tür die christliche Kirche steht. Und wenn der jüdische Siedlungsring mit einem derart effizienten Verkehrswegenetz versorgt wird, sollten doch auch die Bewohner von Bethlehem und Beit Jala in zehn Minuten in der Altstadt von Jerusalem sein.

Jacobi: Bis 1987, bis zum Ausbruch der ersten Intifada war das für zwei Jahrzehnte der Fall. Das gesamte Umfeld von Jerusalem war mit der Stadt verwoben. Der Arbeitsmarkt und der Warenaustausch basierten auf direkten Verbindungen zwischen dem Westjordanland und der Kapitale. Nach der ersten Intifada 1987, vor allem aber nach der zweiten Intifada im Oktober 2000 sind die Beziehungen zwischen Israelis und Palästinensern einer dramatischen Veränderung unterworfen worden, die Verkehrsverbindungen wurden empfindlich gestört. Eine der unmittelbaren Gründe war der Bau der Grenzanlage, die Israel einseitig aus Sicherheitserwägungen errichtet hat. Doch Jerusalem von den palästinensischen Dörfern in seinem Hinterland zu isolieren, die Palästinenser aus der Stadt zu vertreiben, hat sich als äußerst problematische Vorstellung erwiesen. Einerseits hat sich gezeigt, dass es nach wie vor zahlreiche wirtschaftliche, politische und soziale Verbindungen zwischen den Palästinensern im Hinterland und denen in Jerusalem gibt. Andererseits hat die Mauer, die doch dazu errichtet worden ist, um immer mehr Palästinenser aus Jerusalem zu vertreiben, zu einer Vergrößerung der palästinensischen Bevölkerung in der Stadt geführt. Viele Palästinenser, die die Stadt vor dem Bau der Mauer verlassen hatten, denn das Leben in Jerusalem ist im Vergleich mit seinem Umfeld teuer, kehrten nun zurück, um ihre Aufenthaltserlaubnis nicht zu verlieren. Insofern hat der Bau der Mauer zu einem Anschwellen der palästinensischen Bevölkerung von Jerusalem geführt, womit ein neues Problem entstand. Die Lebenshaltungskosten stiegen in Ost-Jerusalem um fünfzig Prozent. Die Mieten stiegen, mehr Menschen mussten sich den gleichen Wohnraum teilen. Und wie sie wissen, ist es nicht das Ziel der israelischen Wohnbaupolitik, Palästinenser in die Lage zu versetzen, sich in Ost-Jerusalem ein Haus zu bauen. Meiner Ansicht nach befindet sich der Wohnungsmarkt von Ost-Jerusalem derzeit in einer Krise. Was jedoch gleichzeitig deutlich wird, ist, dass auch der aggressiv vorangetriebene Bau der Mauer kontraproduktiv war. Weder hat sich die Demographie der Stadt in der beabsichtigten Weise verändert, noch dürfte sich die Verelendung der Palästinenser positiv auf ihre Beziehungen zu den Israelis in Jerusalem auswirken.

Shelliem: Wenn ich von der Schnellstraße aus Tel Aviv in Jerusalem ankomme, erwarten mich am Ortseingang zu meiner Rechten das Israel Museum und eine Ansammlung von Gebäuden im biblischen Baustil. Gegenüber der Stahl-Glas Fassaden der jüngeren Bürogebäude und Hotels fällt dieser romantische Historismus vieler öffentlicher Gebäude in Jerusalem, ihr Bezug zu biblischen Vorbildern auf. Wann hat sich die offensive Ausstellung der Legitimationsbasis des Staates Israel architektonisch kristallisiert?

Jacobi: Extensiv ausagiert wurde das nach 1967, denn im Sechs-Tage-Krieg sind die biblischen Landschaften Judäa und Samaria erobert worden. Man bezog sich auf die jüdischen Wurzeln, ging in der Geschichte viele Jahre zurück, ohne das, was dort in der Zwischenzeit geschehen war, einzubeziehen. Doch lassen sich derartige Bestrebungen, sich architektonisch auf die biblischen Wurzeln zu besinnen, bereits in den Dreißiger Jahren beobachten. Dahinter steht der Wunsch, eine Verhältnis zum Orient aufzubauen, ohne die dort lebenden Menschen einzubeziehen. Es war dieselbe Idee, wie der Gedanke, die biblischen Stätten aufzusuchen, ohne die demographischen Veränderungen wahrzunehmen, die sich dort in den vergangenen zwei, drei, viertausend Jahren ereignet haben. Auch wenn die meisten israelischen Architekturkritiker den Sechs-Tage-Krieg als Wendepunkt für die Auseinandersetzung mit der biblischen Siedlungslandschaft betrachten, würde ich die Anfänge dieser Tendenz bereits in den Zwanziger und den Dreißiger Jahren sehen. Einer Tendenz, die mit der Politik einhergeht, die arabische Siedlungslandschaft in demselben Zug zu zerstören, indem man sie verklärt. Diese Suche nach einem adäquaten Leben für das jüdische Volk in Palästina lässt sich bereits in den Zwanzigern dokumentieren. Und die Entwicklung moderner Siedlungsformen wurde als Antithese zu den bestehenden arabischen Ortschaften geführt. Auch das moderne Tel Aviv lässt sich als Anti-These zum arabischen Jaffa lesen. Diese Dichotomie, diese binäre Definition des Raumes bildet den Kern der zionistischen Konstruktion territorialer Identität in dem neuen Land.

Shelliem: Haim Jakobi, die israelische Grenzanlage gilt seit ihrem Bau als das zentrale Konzept zur Lösung politischer und sozialen Fragen in Israel. Sie haben die Auswirkungen dieses Paradigmas im Rahmen ihrer Forschungstätigkeit im van Lear Institut von Jerusalem analysiert. Einige Folgen des Mauer um Jerusalem haben wir bereits thematisiert. Was aber bedeutet es für die jüdische Nation, wenn die Segregation als architektonisches Element das Raumkonzept des Staates Israel und damit sein Selbstverständnis dominiert?

Jacobi: Gemeinsam mit meiner Kollegin Shelly Cohen habe ich vor zwei Jahren eine Ausstellung zu diesem Thema erarbeitet und in diesem Sommer das Buch Trennung ( Separation ) - Raumpolitik in Israel herausgegeben. Unsere Absicht ist es gewesen, darzustellen, auf welche Weise sich der Begriff der Trennung seit Errichtung der israelischen Grenzanlage zwischen Israel und Palästina auch im Inneren des Staates Israel als ultima ratio etabliert. Seit dem Bau der Grenzanlage werden Mauern und Zäune im Inneren von Israel zur Lösung sozialer Fragen eingesetzt, jüdische und arabische Viertel durch Mauern voneinander getrennt, ein Beispiel findet sich in Ramle, ein anderes bei Tel Aviv in Lod.

Shelliem: Nach der Errichtung der israelischen Grenzanlage durch Ariel Sharon werden jetzt viele Baby Mauern in die Welt gesetzt?

Jacobi: Die Mauer gilt heute in der israelischen Öffentlichkeit als legitimes Mittel zur Lösung von Problemen. Der Mauerbau ist aber eine Lösung, die von denen angeboten wird, die dazu in der Lage sind, das umzusetzen. Die an der Macht können sich dadurch der Anderen entledigen. Was wir nun im Rahmen unseres Projekts über die Separation als Politik des Raums in Israel dokumentieren konnten, war, dass dieses Konzept der Aus- und Abgrenzung nicht nur auf Araber und Juden im Kernland angewandt worden ist, sondern auch zur Trennung ethnischer Gruppen im Lande selbst. Innerhalb der jüdischen Gesellschaft werden orientalische Juden und Juden aus Europa durch Mauern getrennt, Arm und Reich werden voneinander separiert, es werden Mauern aufgebaut, um öffentliche Räume, wie den Strand, von der Öffentlichkeit abzugrenzen, also von uns. Physische Mauern werden ebenso errichtet, wie imaginäre Mauern: Straßen, die den öffentlichen Raum ebenso eingrenzen wie andere Aggregate der öffentlichen Infrastruktur.

Shelliem: Einer Ihrer Aufsätze trägt den Titel, Mauern, Zäune und die schleichende Apartheid in Israel und Palästina. Geben Sie mir ein paar Beispiele für diese Tendenz.

Jacobi: Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern haben wir einige Fälle dokumentiert. Einer bezieht sich auf die Stadt Ramle, wo eine Mauer - mitten in der Stadt - Juden und Araber voneinander trennt. Bei Caesarea ging man einen anderen Weg. In Caesarea an der Küste, nördlich von Tel Aviv, leben die reichsten Bürger Israels. Das arabische Dorf Jassara Sarka wurde durch die Anlage einer Hügelkette von den Villen von Caesarea getrennt. Oder wir sprechen von Arsuf, einer bewachten Luxuswohnanlage am Meer im Herzen Israels, dort verhindert eine Mauer, dass der Strand als öffentlicher Raum von allen genutzt werden kann. Das ist für Israel ein neues Phänomen. All diese Beispiele - und es sind nur einige von vielen, die wir dokumentiert haben - deuten die Art und Weise an, in der die gegenwärtigen Machtverhältnisse öffentliche Räume prägen. Die Ausgrenzung als Konstruktion territorialer Homogenität, legitimiert durch ein nicht zu hinterfragendes Sicherheitsbedürfnis, ist der derzeitige Trend im Umgang mit dem öffentlichen Raum. Und diese Konstruktion von territorialer Identität durch eine Vielzahl von Mauern halte ich für einen beunruhigenden Prozess: Was, wenn wir uns eines Tages auf der falschen Seite einer Mauer sehen! Gleichzeitig verhindern Mauern, dass wir die Anderen sehen. Die Ausgesperrten werden dämonisiert. Viele Israelis befinden sich in diesem kollektiven psychologischen Prozess. Sie wissen nicht, was die Palästinenser jenseits der Grenze tun. Das einzige, wovon sie ausgehen, ist, dass sie Terroristen sind. Die Verteufelung des Anderen gewinnt an Intensität, wenn eine Mauer erst errichtet ist.
Meiner Ansicht nach haben wir überhaupt nichts von Belfast gelernt. Die Friedensmauern von Belfast haben die Lage doch nur eskaliert. Ich bin in Belfast gewesen. Zuerst war diese Mauer drei Meter hoch, das war nicht hoch genug, also hat man noch etwas draufgesetzt. Danach war sie fünf Meter hoch, und heute sind es acht Meter. Zugleich symbolisiert die Mauer den Konflikt. Wenn also jemand einen Stein werfen will, wird er das an keiner anderen Stelle tun, weil er sich sicher ist, dass sich auf der anderen Seite der Mauer sein Feind befindet. Insofern halte ich den Einsatz von Mauern und Zäunen zur Sicherung von territorialer Identität für äußerst problematisch.

Shelliem: Haim Jacobi, sie haben das ersten Kapitel ihres Buches folgendermaßen überschrieben: Jesha ist jetzt auch hier - Grenzen und Territorien im Herzen Israels. Erklären Sie.

Jacobi: Jesha steht für die biblischen Provinzen Judäa und Samaria. Beide befinden sich in den besetzten Gebieten. Die israelische Rechte hat einen Sticker verteilt, auf diesem stand Jesha se can - Judäa und Samaria sind hier. Sie meinten also überall. Ich habe diesen Spruch benutzt, weil ich in Lod gesehen habe - und Lod liegt im Kernland von Israel - wie der Begriff der Ausgrenzung, den wir durch die jüdischen Siedlungen in Judäa und Samaria kennen gelernt haben, samt der Idee von der Trutzburg, aus den besetzten Gebieten nach Israel zurückgekehrt ist.

In Lod gibt es eine Initiative, die sich im Zentrum der Stadt ansiedeln will, um die arabische Mehrheit, die im Kern von Lod lebt, zu stören. Die jüdische Initiative will der arabischen Mehrheit im Zentrum von Lod entgegenwirken, sieht sie als eine bedrohliche Arabisierung der Stadt und plant im Kern von Lod eine jüdische Siedlung mit Schranke und Grenzzaun aufzubauen. Für diejenigen, denen die israelische Geographie nicht so geläufig ist: Lod liegt im israelischen Kerngebiet, innerhalb der Grünen Linie. Wir sehen also, wie sich die Techniken des Kolonialismus über die Grüne Linie schleichen um sich im Herzen von Israel auszubreiten.

Shelliem: Wenn wir zu Ihren Beispielen der Sicherung von Reichtum und Macht durch Mauern zurückgehen, lassen sich derartige Entwicklung, wie die Verdrängung des öffentlichen Raumes zugunsten kommerziell kontrollierter Konsumpassagen auch in Europa und Lateinamerika beschreiben. Welche Besonderheiten kennzeichnen die architektonische Entwicklung in Israel im Spannungsfeld des unerklärten Krieges?

Jacobi: Der globale Prozess ist auch für die israelische Entwicklung der letzten zehn, fünfzehn Jahre relevant. Er ist die Grundlage der Produktion und Vermarktung gesicherter Wohnblocks, doch kommt in Israel eine andere Ebene hinzu. Und die hat mit den lokalen Bedingungen im Lande zu tun. Nehmen wir das Andromeda Projekt. Im Zentrum der arabisch dominierten Zwillingsstadt von Tel Aviv, in Jaffa, wird derzeit eine gesicherte Wohnanlage für Wohlhabende errichtet. Einerseits ist die Vermarktung dieses Projekts nur im Kontext der Globalisierung des Immobilienmarktes möglich, der reichen Israelis aus dem Ausland zu einem Alterssitz in Israel verhelfen kann, zum anderen intendiert das Projekt eine klare Demonstration der jüdischen Präsenz in Jaffa.

Jaffa verfügt über zwei Besonderheiten, zum einen grenzt es an Tel Aviv, die Grundstückspreise bewegen sich in dieser Gegend in astronomischen Höhen, und zum anderen wird es zum größten Teil von einer arabischen Bevölkerung bewohnt. Das Andromeda Projekt wurde insofern ganz bewusst in die Mechanismen des freien Marktes eingespeist, um reiche Juden im Zentrum von Jaffa anzusiedeln. Das Projekt verfügt mithin über eine ethnische Stoßrichtung. Es ist - wie wir sagen - ethnisch nicht blind und bemüht sich um eine jüdische Bevölkerung in Jaffa. Es gibt in Jaffa noch ein anderes Projekt, wo die arabischen Bewohner einer öffentlichen Wohnanlage umgesiedelt werden sollen. Es sind dies Familien palästinensischer Flüchtlinge von 1948, die damals im Adjamin-Viertel von Jaffa untergebracht worden sind und die heute wieder woanders angesiedelt werden sollen. Nach dem Abriss der heruntergekommenen Wohnanlage soll auch hier ein Luxuswohnkomplex errichtet werden. Und auch dieses Projekt wird ethnisch nicht blind sein.

Shelliem: Und das heißt?

Jacobi: Das bedeutet, dass die Wertsteigerung der Wohnanlage auf eine Ansiedlung einer jüdischen Nachbarschaft zielt. Es ist interessant zu sehen, wie sich die globalen Bedingungen des Immobilienmarktes mit den lokalen Interessen einer ethnisch orientierten Ansiedlung verknüpfen, sodass eine bestimmte Siedlungsform entwickelt wird und in diesem Falle Luxuswohnanlagen für reiche Juden in Israel entstehen.

Shelliem: Warum aber sollten reiche Juden in das palästinensisch dominierte arme Jaffa ziehen?

Jacobi: Das bringt uns wieder zum Ausgangspunkt unseres Gesprächs zurück, zu der Art und Weise wie arabische Häuser eingeschätzt werden. Das arabische Gebäude gilt heute nicht mehr als das Haus des Feindes, sondern als exotisches, architektonisches Objekt. Arabische Häuser sind heute begehrt. Das arabische Haus hat seine orientalischen Eigenheiten, seine lokale Verwurzelung, seine architektonischen Qualitäten. Und auch wenn man sich nicht in arabischer Nachbarschaft ansiedeln möchte, so verfügen arabische Häuser doch über pittoreske Bögen, sie sind aus Naturstein, und es gibt einen Garten. Die beschriebenen Projekte dienen wieder der Konstruktion territorialer Identität und sie liegen im Trend. Jaffa ist eine schöne Stadt am Meer und verfügt über eine ausgezeichnete Infrastruktur. In den letzten 25 Jahren hat die Aufwertung von Wohnanlagen stets zur Ausgrenzung der arabischen Bevölkerung und der Misrachi - der jüdischen Orientalen - geführt, beide Gruppen wurden durch wohlhabende Juden mit europäischem Hintergrund ersetzt. Und damit verknüpft sich dieser Prozess mit dem permanenten Kampf darum, wer in Israel wo leben kann und darf.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk