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StartseiteKalenderblattZwischen Staatskünstler und Dissident25.09.2006

Zwischen Staatskünstler und Dissident

Dmitrij Schostakowitsch wurde in seiner russischen Heimat nicht nur gefeiert

Der vor 100 Jahren in St. Petersburg geborene Dmitrij Schostakowitsch gilt als einer der herausragendsten Musiker des 20. Jahrhunderts. Sein Repertoire umfasste fast alle musikalischen Gattungen, von der Klavierkomposition bis zur großen Symphonie, vom Lied bis zur abendfüllenden Oper. Sein Lebensweg demonstriert auch die innere Widersprüchlichkeit der russischen Kulturgesellschaft.

Von Stefan Zednik

Dmitrij Schostakowitsch 1958 in Paris. (AP Archiv)
Dmitrij Schostakowitsch 1958 in Paris. (AP Archiv)

Mit der 1. Symphonie betritt der erst 20-jährige Dmitrij Schostakowitsch 1926 die Bühne der russischen Musikwelt. Er gilt sofort als herausragendes Talent, das Werk wird auch im europäischen Ausland bald von den besten Orchestern aufgeführt. Mit 13 hatte der aus bürgerlichem Hause stammende Junge in seiner Heimatstadt Petersburg das Studium begonnen, er erlebt die Zeit der Revolution, wird stark von den Ereignissen geprägt. Dem Triumph seiner Symphonie folgt eine kurze Schaffenskrise. Schostakowitsch vernichtet viele seiner Jugendwerke, arbeitet als Kino- und Konzertpianist, schreibt Filmmusiken. Als musikalischer Leiter lernt er im Meyerhold-Theater in Moskau die Praxis der Bühne kennen und entwickelt seine erste Oper. "Die Nase" nach einer Erzählung Nicolai Gogols wird 1930 kontrovers aufgenommen. In seiner zweiten Oper vier Jahre später, der "Lady Macbeth von Mzensk", gelingt es Schostakowitsch, moderne kompositorische Mittel mit dem Anspruch an realistische Opernkunst zu vereinen.

Ebenso wie das Publikum und die Presse bejubeln die Fachkollegen das Stück, es gilt als Prototyp des sozialistischen Musiktheaters, Schostakowitsch als dessen erster Vertreter. Doch zwei Jahre nach der Uraufführung, am 17. Januar 1936, erscheint in der "Prawda" ein Leitartikel unter der Überschrift "Chaos statt Musik". Es ist die Stimme der Partei, die sich hier vernehmen lässt. Angeblich hatte Stalin selbst eine Aufführung der "Lady Macbeth" besucht:

"Von der ersten Minute an verblüfft den Hörer in dieser Oper die betont disharmonische, chaotische Flut von Tönen. (...) Dieser 'Musik' zu folgen ist schwer, sie sich einzuprägen unmöglich. (...) Auf der Bühne wird Gesang durch Geschrei ersetzt (...) Durch musikalischen Lärm soll Leidenschaft zum Ausdruck kommen. (...) Das alles ist grob, primitiv und vulgär. (..) Das ist 'linksradikale' Zügellosigkeit anstelle einer natürlichen, menschlichen Musik."

Wie auf Kommando gießen pogromhaft die Zeitungen Kübel von Entrüstung und Zorn über Schostakowitsch, von pathologischen Verirrungen des Volksfeindes ist die Rede. Schostakowitsch scheint erledigt, seine Werke werden abgesetzt. Er ist kein Mann des Streites, er begegnet den Angriffen mit zaghafter Selbstkritik und Produktivität. In der 5. Symphonie von 1937 verwendet er einfache, verständliche Mittel - und wird prompt als "funkelnder Stern sozialistischer Symphonik" gefeiert. Vier Jahre später beginnt er in seiner von deutschen Truppen belagerten Heimatstadt seine 7., die "Leningrader Symphonie".

Für Schostakowitsch ist Musik immer programmatisch, niemals nur formales Experiment. In der "Leningrader" vertont er die heranrückenden Invasionstruppen, die Trauer über die erlittenen Opfer, den Sieg des russischen Widerstands. Die Botschaft wird sofort verstanden, in der Heimat wie in der ganzen Welt. Obwohl hochgeehrter Komponist der Sowjetunion, Stalinpreisträger, Mitglied zahlreicher offizieller Delegationen auf internationalem Parkett, muss er sich bis zum unter Chruschtschow einsetzenden Tauwetter immer wieder verteidigen: Formalismus, Modernismus, Individualismus, mangelnde Nähe zur Musik des russischen Volkes lauten die Vorwürfe. Beinahe ritualhaft mimt der Weltberühmte den selbstkritischen Komponisten, so 1973 - zwei Jahre vor seinem Tod - anlässlich einer Festaufführung seiner Opern in der DDR:

"Und mir scheint dass ich die Unzulänglichkeiten meiner Werke sehr wohl sehe. Sie sind in großem Maße vorhanden diese Unzulänglichkeiten, aber davon sind sie mir nicht weniger lieb."

Ein schmaler Grat, den der persönlich zaghafte und kränkliche Künstler zu beschreiten hatte: zwischen Opportunist und Märtyrer, zwischen Staatskünstler und Dissident.

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