Kalenderblatt / Archiv /

 

14 Regalkilometer NS-Akten

Vor 25 Jahren berichtet die Berliner Morgenpost über das "Berlin Document Center"

Von Wolfgang Stenke

Das Berlin-Document-Center in Berlin-Zehlendorf
Das Berlin-Document-Center in Berlin-Zehlendorf (picture alliance / dpa / Bernd Settnik)

Bei ihrem Vormarsch in deutsches Gebiet beschlagnahmten alliierte Truppen zum Ende des Zweiten Weltkriegs tonnenweise Nazi-Dokumente. Das Material wurde in sogenannten "Document Centers" gesammelt - das größte in Berlin-Zehlendorf enthielt unter anderem die Mitgliederkartei der NSDAP. Die Berliner Morgenpost startete 1988 eine Artikelserie zu dem Archiv.

"80.000 NS-Akten aus dem Berliner Document Center verschwunden. Dringender Verdacht: Diebstahl, Erpressung. "

Mit dieser Schlagzeile eröffnete die "Berliner Morgenpost" am 14. Februar 1988 eine Artikelserie über ein Archiv, dessen Bestände zu Spekulationen und Verschwörungstheorien geradezu einluden: Das "Berlin Document Center" in Zehlendorf.

"Aus dem (...) weltweit größten und wichtigsten Archiv von Unterlagen aus der NS-Zeit sind über Jahre hinweg zum Teil hochbrisante und bis heute streng geheime Akten über führende Männer des ‚Dritten Reiches’ gestohlen worden. "

Das "Berlin Document Center" wurde 1946 von der amerikanischen Militärregierung eingerichtet und später unter die Regie des US-Außenministeriums gestellt. Es beherbergte auf gut 14 Regalkilometern Dokumentenmaterial aus der Zeit des Nationalsozialismus: Kernstück war die Mitgliederkartei der NSDAP, die ein bayerischer Papiermüller 1945 nur knapp vor dem Reißwolf gerettet hatte. Außerdem lagerten in dem Archiv Personalakten aus dem "Rasse- und Siedlungshauptamt der SS" und der "Reichskulturkammer" sowie Akten des "Volksgerichtshofes". Allesamt aufbewahrt in den bunkerartigen Kellern eines Areals in Berlin-Zehlendorf, dicht bei dem See "Krumme Lanke", wo die Reichspost kurz vor dem Krieg eine Telefonverstärkeranlage eingerichtete hatte. Sie wurde später vom Reichsluftfahrtministerium für Abhörzwecke benutzt.

Die Artikelserie der "Berliner Morgenpost" brachte harte Fakten und wachsweiche Gerüchte:

"Riesige Summen – es wird von Beträgen gesprochen, die ‚jenseits der 20-Millionen-Mark-Grenze’ liegen – seien mit Dokumenten aus dem Berlin Document Center von einer straff organisierten Bande mit der Erpressung prominenter Persönlichkeiten kassiert worden. Dieser Personenkreis habe dafür bezahlt, dass die eigene NS-Vergangenheit im Dunkeln blieb. "

Für diese Behauptung westdeutscher Ermittler fand sich nie ein Beweis. Authentisch aber war die Nachricht, dass die Berliner Staatsanwaltschaft eine Untersuchung eingeleitet hatte gegen einen deutschen Mitarbeiter des "Document Centers" und mehrere Militariahändler, die jahrelang einen schwunghaften Handel mit Aktenstücken aus dem Archiv betrieben hatten. Vor allem Dokumente mit den Signaturen von NS-Größen erfreuten sich in Sammlerkreisen großer Beliebtheit. Vor dem Berliner Landgericht kam es zum Prozess. Er endete am 9. Januar 1989 – nicht ganz ein Jahr nach dem Bericht der "Morgenpost":

"Milde Urteile für die vier Angeklagten: Der 32-jährige Militariahändler (....) verließ freudestrahlend das Gericht. Mit einer Geld- und Bewährungsstrafe kam er davon. Nur Geld- und Bewährungsstrafen auch für den 50-Jährigen (...) Schwerer traf es da schon den ehemaligen Leiter der Fotoabteilung des Document Centers (...). Er bekam zwei Jahre und vier Monate Haft. (...) Er soll 2600 Akten gestohlen und weiterverkauft haben. "

Der Skandal um die Aktendiebstähle heizte alte Diskussionen wieder an: Sollten die Bestände des "Berlin Document Center" nicht endlich in die Obhut des Koblenzer Bundesarchivs übergeben werden? Die Amerikaner hatten das schon 1967 angeboten. Voraussetzung war, dass der komplette Fundus auf Kosten der Bundesregierung auf Mikrofilme kopiert würde. Die deutsche Seite legte keine Eile an den Tag, sich auf diese Bedingung einzulassen und nährte so den Verdacht, sie beschütze alte Nazis vor Enthüllungen über ihre Vergangenheit. Der Bundestagsabgeordnete Karl-Heinz Hansen, in den 1970er und 80er Jahren der Linksaußen der SPD, überzog die Bundesregierung damals mit parlamentarischen Anfragen in dieser Sache. – Hansen, an Außenminister Genscher gewandt:

Hansen: "Herr Minister, sind Sie nicht auch meiner Auffassung, dass die ständigen, wiederholten Erklärungen, Jahr für Jahr, eine Lösung stünde kurz bevor, nachgerade sich zu einer Groteske ausweiten?"Genscher: "Herr Abgeordneter, es ist völlig unvorstellbar, dass ich Antworten gebe, die auch nur in die Nähe einer Groteske kommen könnten."

Das war im Mai 1977. Erst am 30. Juni 1994 wurde das Sternenbanner über den Archivgebäuden am Wasserkäfersteig eingeholt. Kopien der Bestände waren da schon längst in den "National Archives" in Washington einzusehen. Die Originale liegen heute in einer Außenstelle des Bundesarchivs in Berlin-Lichterfelde. Auch das ein geschichtsträchtiger Standort: früher Preußische Hauptkadettenanstalt, dann Kaserne der "Leibstandarte Adolf Hitler" und ab 1945 für fünf Jahrzehnte die "Andrew Barracks" der US Army.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kalenderblatt

Zusammenbruch des OstblocksMenschenkette für die Freiheit

23. August 1989 - Menschenkette durch die drei baltischen Republiken Lettland, Litauen und Estland

Im August 1989 standen die sozialistischen Regime des Ostblocks vor dem Zusammenbruch. Scharen von Ostdeutschen flohen über die ungarisch-österreichische Grenze in den Westen. Und im Baltikum demonstrierten Hunderttausende Esten, Letten und Litauer mit einer Menschenkette für ihre Unabhängigkeit.

Vor 150 Jahren Erste Genfer Konvention unterzeichnet

Zeitgenössische Aufnahme von Henri Dunant, Schweizer Schriftsteller, Friedensnobelpreisträger (1901) und Gründer des Internationalen Roten Kreuzes.

Der erste humanitär-völkerrechtliche Vertrag fußt auf der Idee und der Initiative eines Privatmannes: Dem Schweizer Schriftsteller Henri Dunant. Das Dokument will dem Krieg zum ersten Mal in der Geschichte Grenzen setzen. Das Rote Kreuz wurde als Schutzzeichen festgelegt.

Ernst August Ferdinand GennatDer Gründer der ersten ständigen Mordkommission

Das vermutliche "Original-Hackebeil" des Massenmörders Fritz Haarmann aus Hannover wird in einer musealen Polizei-Wachstube in Hameln vor einem Porträtfoto von Haarmann präsentiert. Durch das unglaubliche Ausmaß an Brutalität und Grausamkeit ist der Kriminalfall Haarmann in die Kriminalgeschichte eingegangen.

Als Leiter der weltweit ersten ständigen Mordkommission revolutionierte Ernst Gennat die polizeiliche Ermittlungsarbeit und prägte den Begriff Serienmörder. Vor 75 Jahren, am 21. August 1939, starb er in Berlin.