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Seit 11:30 Uhr Sonntagsspaziergang
StartseiteWissenschaft im Brennpunkt50, 60, Mutter01.01.2007

50, 60, Mutter

Die Manipulation der biologischen Uhr

"Die bislang älteste Mutter kommt aus Rumänien und war bei der Geburt ihrer Tochter 66 Jahre alt. Aber auch dieser Rekord wird in den nächsten Jahren fallen. Die Fachleute diskutieren bereits über Beschränkungen. Demnach sollte älteren Frauen die "Kinderwunschbehandlung" untersagt werden, zum eigenen Schutz und zum Schutz der Kinder. Doch wo liegt die Grenze? Sollte mit 45 Schluss sein – oder erst mit 55?

Von Michael Lange und Martin Winkelheide

Immer mehr Frauen erleben erst mit über 50 Jahren ihre erste Mutterschaft.  (Stock.XCHNG / Adrian Yee)
Immer mehr Frauen erleben erst mit über 50 Jahren ihre erste Mutterschaft. (Stock.XCHNG / Adrian Yee)

Hausfrau wird mit 64 Mutter
(Focus, 11. Oktober 2006)

"Eine 64 jährige Türkin hat ihr erstes Kind geboren. Damit ist sie die älteste Mutter des Landes. Den weltweiten Rekord als älteste Mutter hält weiterhin die Rumänin Adriana Iliescu. Mit 66 Jahren bekam sie im Januar 2005 eine Tochter."

Ideales Spielplatzwetter.
Oder doch lieber in den Zoo?
Was meinst Du?
Es regnet doch nicht. Komm mit.


Die Klinik der Freien Universität im Westen von Brüssel. In der Kinderklinik praktiziert einer der bekanntesten Fortpflanzungsspezialisten Europas: Paul Devroey. Paare aus ganz Europa, die lange vergeblich auf Nachwuchs gewartet haben, kommen zu ihm, nach Brüssel. Paul Dervroey ist der Mann für alle verzweifelt kinderlosen Paare.

Sein Team beherrscht alle heute verfügbaren Techniken der Reproduktionsmedizin. Devroey ist sportlich gekleidet, das Sakko hängt über dem Stuhl. Sein Schreibtisch – ein schlichter Konferenztisch.

"Die künstliche Befruchtung funktioniert wunderbar bei jungen Frauen – aber überhaupt nicht bei Frauen über 40. Schauen Sie sich die Statistik an! Die Erfolgsrate bei 25 jährigen Frauen: 50 Prozent. Bei 40jährigen Frauen liegt sie nur noch bei 10 Prozent. Also, der Erfolg ist altersabhängig. Es ist doch naiv, was viele Frauen glauben: Ich mache Karriere, gehe ins Fitness-Center. Und wenn ich 40 bin, will ich ein Kind. Zu spät. Das Spiel ist aus."

In seiner Praxis in Brüssel hört Paul Devroey immer wieder ähnliche Lebensgeschichten.

"Mit 39 Jahren, da ist das Haus gebaut, das Bett für das Kind ist gemacht. Und dann messen wir die Hormonwerte – und müssen feststellen: Vorbei. Für ein Kind ist es zu spät. "

Der Grund ist ein biologischer: Mit etwa 40 Jahren nimmt die Qualität der Eizellen dramatisch ab. Die Chance, dass eine Eizelle erfolgreich befruchtet wird und dann ein Embryo entsteht, wird von Jahr zu Jahr kleiner.

Dein erster Schnee ! Du versuchst, die Flocken einzeln mit der Zunge aufzufangen.
Ich sehe Dich vor mir...
.. mit Deiner Schultüte.....
Oder wie Du vom Kicken kommst,
Total dreckig.
Das kriegen wir schon wieder hin.



Die Universitäts-Frauenklinik auf dem Bonner Venusberg. Im zweiten Stock. Der Biologe Markus Montag kennt sich aus mit Eizellen. Er leitet das Labor für künstliche Befruchtung, das so genannte IVF-Labor.

"Jetzt gehen wir in das IVF-Labor. In dem Labor werden Eizellen auch eingefroren. Da werden auch Eizellen gewonnen, gehandhabt, weiter verarbeitet und natürlich eingefroren."

Für seine Mediziner-Kollegen sucht Markus Montag unter mehreren Eizellen von Frauen, die Nachwuchs bekommen wollen, die besten heraus. Eine Art Eizellen-TÜV. Je älter eine Frau ist, um so wichtiger ist es, die Eizellen sorgfältig auszuwählen. Nur die besten werden befruchtet.

"Wir haben hier in diese Werkbank eingebaut ein so genanntes Stereo-Mikroskop. Das ist nichts anderes, wie eine Vergrößerungslupe, damit wir die Eizellen auch sehen können. Die Eizellen haben einen Durchmesser von etwa einem Zehntel Millimeter. Damit sind sie für das bloße Auge so gut wie nicht sichtbar oder kaum sichtbar."

Markus Montag lenkt einen Lichtstrahl auf eine einzelne Eizelle. Die Ei-Hülle wirft das Licht zurück. Aus der Art und Weise, wie das Licht reflektiert wird, kann Montag ermitteln, wie die Hülle aufgebaut ist. Ein spezielles Computer-Programm setzt die Messwerte in farbige Bilder um.

"Man sieht hier sehr schön diesen Ring, der sich über die Zona pellucida legt. Die Zona pellucida ist die Hülle, die die Eizelle umgibt. Und diese Hülle verrät uns etwas über die Qualität der Eizelle, weil sie wird von der Eizelle gebildet."

Je regelmäßiger die Zona pellucida, um so größer ist die Chance, dass aus der Eizelle nach der Befruchtung tatsächlich ein Embryo entsteht. Die Eizelle ist die größte Körperzelle im weiblichen Körper – aber sie ist auch eine empfindliche Zelle. Die Temperatur muss stimmen. Sie braucht eine ganz spezielle Flüssigkeit, in der sie schwimmt, damit sie nicht austrocknet oder platzt.

Markus Montag hat die Eizellentechnik perfektioniert. Denn in Deutschland setzt das Embryonenschutzgesetz den Reproduktions-Medizinern enge Grenzen. Der Embryo ist tabu. Deshalb konzentrieren sich alle Auswahltechniken auf die Eizelle. Wenn die Qualitätsprüfung beendet ist, kann Markus Montag die Eizellen einfrieren.

"Wenn wir Eizellen einfrieren, dann ist das so, dass diese Eizellen zuerst durch mehrere verschiedene so genannte Kryolösungen oder Einfrierlösungen durchgewechselt werden. In diesen Einfrierlösung wird also schrittweise die Konzentration an Gefrierschutzmittel erhöht, so dass die Eizellen sich langsam an diesen Prozess anpassen können."

Fünf Minuten dauert das Bad in der Frostschutzmittel-Lösung. Nach drei Bädern sind die Eizellen bereit zum Einfrieren. Spermien und Embryonen lassen sich einfach einfrieren. Anders bei den empfindlichen Eizellen. Die Laboranten müssen unbedingt verhindern, dass sich Eiskristalle bilden, die die Zelle zerstören würden. Diese Kunst beherrscht die Medizin noch nicht lange.
Markus Montag hat in Bonn ein automatisiertes Verfahren entwickelt. Die Eizelle schwimmt zunächst in einem feinen dünnen durchsichtigen Röhrchen – einem "Straw".

"Der Straw wird hier gesichert mit einer Klammer. Und (klapper) in diesem Behälter da unten befindet sich flüssiger Stickstoff. Wir haben hier das Programm eingestellt, und wir starten jetzt dieses Programm..."

Ein Hebearm mit dem Straw senkt sich – von einem Sensor gesteuert - in eine Schüssel mit flüssigem Stickstoff. Je tiefer, desto kälter. Ganz langsam, damit keine Kristalle entstehen und die Zelle zerstören.

"So, der Einführprozess ist jetzt beendet. Wir haben die Eizellen jetzt aus dem Gerät, das den Einfrierprozess gesteuert hat, entnommen. Und wir fahren jetzt den Hebearm wieder hoch und schalten das Gerät aus..."

Und die gefrorenen Eizellen kommen zur Lagerung in einen Tank mit flüssigem Stickstoff - bei minus 194 Grad Celsius.

Natürlich gab es Dich immer.
Aber mit dem Roland hättest Du Dich nie und nimmer verstanden.
Hat ja auch nicht lange gehalten.
Oder so ganz ohne Vater? – geht doch nicht.
Und die Firma aufbauen – alleine. Das machst Du auch nicht so mit links.


In den USA werden nicht nur Eizellen getestet – sondern auch Embryonen. Grosse Kliniken und private Institute überprüfen jedes Jahr Tausende Eizellen und Embryonen. Der gebürtige Russe Yuri Verlinsiky leitet eines der führenden Privat-Institute. Das Institut für reproduktive Genetik in Chicago.

"Zuerst prüfen wir die Eizellen. An den so genannten Polkörperchen können wir indirekt ablesen, ob die Zahl der Chromosomen korrekt ist. Aus einer fehlerhaften Eizelle kann kein normaler Embryo entstehen. Wir können gute Eizellen erkennen und auswählen.
Ein sehr nützliches Verfahren. "

Dieser Chromosomentest an der Eizelle ist auch in Deutschland erlaubt und wird vielfach durchgeführt. Was der Test nicht findet, sind Fehler im Spermium sowie Fehler, die bei der Vereinigung von Spermium und Eizelle auftreten. Um die zu erkennen, testet Yuri Verlinsky zusätzlich den Embryo – genau gesagt: eine Zelle des Embryos.

"Ein Embryo, der nicht normal ist, führt nicht zu einer normalen Schwangerschaft. Es kommt zu Fehlgeburten. Oder zu behinderten Kindern. 50 Prozent der Embryonen sind nicht normal – genetisch gesehen. Ihren Zellen fehlen Chromosomen – oder sie haben zu viele.
Embryonen mit solchen genetischen Fehlern übertragen wir nicht in die Gebärmutter. So erhöhen wir die Chance auf ein normales Kind."

In den USA orientiert sich die Reproduktionsmedizin am Markt. In den meisten Bundesstaaten sind Methoden zur Auswahl von Embryonen – anders als in Deutschland – nicht verboten. Firmen und Institute konkurrieren um fortpflanzungswillige und zahlungskräftige Kunden.
Yuri Verlinsky verweist gerne auf seine Erfolgsrate: die "Take-Home-Baby-Rate".

"Das bedeutet: Wir brauchen weniger Behandlungszyklen, um ein normales Baby zu bekommen. Die Baby-Quote ist heute fünf mal höher als früher."

Längst nicht alle Kollegen konnte Yuri Verlinsky von den Vorzügen seines doppelten Testverfahrens überzeugen. Die Zahlen, die er vorlegt, sind umstritten. Vor allem die Reproduktionsmediziner in Europa sind skeptisch.
Klaus Diedrich, Direktor der Universitätsklinik für Frauenheilkunde und Geburtsmedizin in Lübeck, ist der Wortführer der deutschen Reproduktionsmediziner.

"Man hat gehofft, dadurch gerade bei älteren Frauen, jenseits von 37, die Schwangerschaftsrate durch dieses Aneuploidie-Screening, also durch die Untersuchung des Chromosomensatzes, zu verbessern, und die Fehlgeburtsrate zu senken. Das sind ja unsere Ziele."

Klaus Diedrich hält den Chromosomen-Test – medizinisch gesehen - für überflüssig.

"Es hat keinen Fortschritt gebracht, so dass man das auch in Deutschland hier sehr kritisch sehen muss. Es wird von einigen Arbeitsgruppen angeboten für viel Geld, ohne dass bewiesen ist, dass es was bringt."

Nach Ansicht von Klaus Diedrich genügt ein Blick durchs Mikroskop. So lässt sich beurteilen, ob ein Embryo gleichmäßig geformt ist und im richtigen Tempo wächst. Dieser so genannte "morphologische Test" ist in skandinavischen Ländern und Belgien längst Routine – in Deutschland ist er verboten.

"Wir müssen dafür nicht manipulieren am Embryo, sprich dieses ... Aneuploidie-Screening durchführen. Es genügt die morphologische Betrachtung des Embryos. Wir können heute nach diesen morphologischen Kriterien den Embryo erkennen, der eine hohe Chance hat, sich einzupflanzen, von über 30 Prozent. Das sind wir unseren Patienten schuldig. Sie nach dem Standard zu behandeln, wie er uns aus dem Ausland vorgegeben wird."

In Deutschland ist es verboten, Embryonen auszuwählen. Jeder Embryo, der hergestellt wird, muss auch in die Gebärmutter der Frau eingesetzt werden. Statt eines Embryos – wie in Belgien – werden in Deutschland zwei oder drei Embryonen eingepflanzt. Sonst würde die Erfolgsquote viel niedriger sein als bei der ausländischen Konkurrenz.

Dafür ist in Deutschland die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass nach einer künstlichen Befruchtung Zwillinge oder Drillinge zur Welt kommen. Bei diesen Mehrlingsgeburten sind die – oft zu früh geborenen - Kinder gefährdet; und auch den Müttern drohen Gesundheitsgefahren wie Thrombosen, Bluthochdruck oder Zuckerkrankheit. Und nach der Geburt fängt der Stress erst richtig an.

Abgang. Schluss. Aus. Vorbei.
Zum vierten Mal.
Keiner glaubt an Dich. Ich schon.
Soll ich mir jetzt einen Hund zuzulegen? – oder was?
Lächerlich!



Die Klinik Saint Luc der Université Catholique de Louvain im Osten von Brüssel.
Im Hauptgebäude: Die Abteilung des Frauenarztes und Fortpflanzungsspezialisten Jacques Donnez. Im wehenden Kittel kommt er an. Hinter ihm die Schar der Assistenz-, Stations- und Oberärzte. Es ist 18 Uhr. Die Visite ist beendet.

"Hier in Brüssel leben 1,2 Millionen Menschen. Und wir haben drei reproduktionsmedizinische Zentren allein an den Universitäten. Außerdem drei private Zentren. Es gibt hier so viele gute Reproduktions-Kliniken. Sie können beinahe mit dem Fahrrad von einer zu anderen fahren."

Als erste weltweit haben Jacques Donnez und sein Team einer krebskranken Frau Eierstockgewebe entnommen, später zurückverpflanzt und ihr so ermöglicht, ein Kind zu bekommen.

"Krebs-Patientinnen können wir jetzt etwas anbieten. Wir sagen: "Sie erhalten bald eine Chemo- oder Strahlentherapie. Es besteht die Gefahr, dass Sie dadurch in die Menopause kommen – das bedeutet, Sie sind dann unfruchtbar. Vor der Behandlung können wir Ihnen Eierstockgewebe herausoperieren und einfrieren. Das lagern wir für mehrere Jahre ein. Wenn Sie wieder gesund sind und dann ein Kind haben wollen, tauen wir das Gewebe aus den Ovarien wieder auf."

Immer mehr Kliniken folgen dem Beispiel aus Brüssel. Vielerorts wird inzwischen Eierstockgewebe vor einer Krebsbehandlung eingefroren – zumindest bei jungen Frauen.

Auch in Deutschland.

"Wir sind jetzt hier in der Kryobank, in der praktisch die Eizellen und das Ovargewebe gelagert wird."

Der Biologe Markus Montag von der Universitätsfrauenklinik Bonn betritt einen Kellerraum.

"Wir haben hier ein spezielles Einfriergerät. (...) Das heißt: Die Proben werden kontinuierlich langsam mit einer konstanten Rate abgekühlt bis auf etwa minus 40 Grad. Ab da geht es dann direkt in den Stickstoff rein."

[Tippen auf einer Computer-Tastatur]

"Wir hören es auch schon im Nebenraum, dass das Gerät mit Stickstoff vorgekühlt wird. Und das ganze passiert über ein Magnetventil, das regelmäßig öffnet und schließt."
[Einfriergeräusch]

"Was dann wichtig ist, ist, dass der Einfrierprozess so langsam geht, dass jede Bildung von großen Kristallen unterbunden wird. Also, was wir nicht haben dürfen, ist, große Eiskristalle. Die würden die Zelle sofort zerstören."

"Hier stehen die Lagertanks. In diesen Lagertanks ist es fürchterlich kalt. Der hat also hier drin eine Temperatur von minus 194,4 Grad. Da wabert auch der Stickstoff raus. (Geräusch Öffnet Deckel 11s). (...)
Wir können in diesem Tank insgesamt 23 000 Röhrchen lagern. Pro Patientin bekommen wir etwa zehn Röhrchen zusammen. Das heißt: In so einen Tank gehen die Proben von 2 000 Patientinnen locker rein. Bleiben darin stabil für Jahrzehnte, wenn man so will, solange wir die mit Stickstoff versorgen, und das tun wir."

In Deutschland und anderen Ländern wird inzwischen von vielen Krebspatientinnen Eierstockgewebe eingefroren. Aber erst wenige Frauen haben die Gewebestücke wieder eingepflanzt bekommen. Die meisten davon in Brüssel bei Jacques Donnez an der Klinik Saint Luc.

"Zunächst einmal geht es darum, die Technik zu perfektionieren. Aber natürlich ist es denkbar, dass eines Tages eine 25 Jährige – eine Karriere-Frau - kommt und sagt: "Ich will noch zehn, 15 Jahre arbeiten. Und mit 40 möchte ich Kinder bekommen. Mit 40 wäre ich aber nicht sehr fruchtbar. Also will ich heute Eierstockgewebe einfrieren – für später, damit ich mit 40 schwanger werde."

Heute sind sich die Mediziner einig: Sie wollen die Transplantation nur jungen Krebspatientinnen anbieten. Aber je mehr Frauen ihren Kinderwunsch aufschieben, um so größer wird die Nachfrage: Ovarientransplantation als Fruchtbarkeitsreserve für Mütter Anfang 40 – oder sogar älter.

"Es wird eine ethische Debatte geben in der Gesellschaft. Wir bieten das Verfahren nicht an, um eine späte Mutterschaft zu ermöglichen. Aber im Innersten glaube ich, es wird kaum möglich sein, den gesellschaftlichen Trend aufzuhalten. Vergessen Sie nicht: künstliche Befruchtung und alle anderen Techniken der Reproduktionsmedizin waren zu Beginn hoch umstritten – und heute? Reine Routine. Niemand weiß heute, wie die Ovarientransplantation in Zukunft angewandt wird."

Die wollen Dich hier nicht.
Dann anders. Rumänien? Türkei?
Sevilla, hab ich gelesen, ist ganz gut.
Vielleicht sollte ich es mir selber ansehen.


Der Italiener Gianpiero Palermo hat als junger Wissenschaftler 1992 in Brüssel die ICSI-Technik entwickelt – die intra-cytoplasmatische Spermien-Injektion. Dabei wird ein einzelnes Spermium direkt in eine Eizelle hineingespritzt. Heute ein Standardverfahren. Gianpiero Palermo arbeitet inzwischen in den USA. In der Reproduktionsklinik Nummer Eins.
An der Cornell University in New York:

"Bei uns an der Cornell ist heute jede dritte Patientin älter als 40. Das ist ein ernsthaftes Problem. Zu uns kommen die schwierigen Fälle – aus dem ganzen Land. Nichts funktioniert, und die Ärzte schicken die Patientinnen zu uns."

Speziell für die älteren Kundinnen entwickelten die Forscher an der Cornell University eine neue Technik. Ihr Plan war, die Eizellen zu verjüngen.

"Zunächst haben wir aus der Eizelle einer älteren Frau den Zellkern entnommen – also das Erbgut. Und die Eizelle einer jüngeren Frau – einer Eizellspenderin – haben wir entkernt, also das Erbgut entfernt. Dann haben wir den Zellkern der älteren Frau in die kernlose Eizelle der jungen Frau hinein gespritzt. Alter Zellkern – junge Eizelle. Das war unser erster Ansatz."

Inzwischen haben die Cornell-Forscher dieses Verfahren aufgegeben.
Sie haben nun ein neues Ziel: Sie wollen neue Keimzellen, Eizellen und Spermien, aus Körperzellen erschaffen.

"Es gibt Patientinnen, die haben gar keine Eizellen. Also gilt es, Eizellen zu machen. Dazu reicht im Prinzip eine Hautzelle der Patientin und eine gespendete Eizelle. Das Konzept: Wir spritzen den Kern der Hautzelle in die entkernte Eizelle. So entsteht ein Embryo. Daraus gewinnen wir embryonale Stammzellen. Und die Stammzellen bringen wir dazu, zu Eizellen zu werden.
Eizellen ganz individuell für eine Patientin."

Die Technik, die Gianpiero Palermo beschreibt, ist trotz vieler Versuche beim Menschen bislang nicht gelungen. Der erste Schritt ist nichts anderes als das Klonen eines Menschen, wie es der Südkoreaner Hwang 2004 verkündet hat. Aber die Erfolgsmeldung aus Südkorea erwies sich als Fälschung. Auch die Gewinnung von Eizellen und Spermien aus Stammzellen gelang bisher nur bei Mäusen. Alle Methoden, die Palermo einsetzen will, stehen noch am Anfang. In Deutschland und vielen anderen Ländern wäre dieses Verfahren verboten.

62-Jährige bringt Kind zur Welt

(Der Tagesspiegel. 8. Juli 2006)

In Großbritannien hat eine 62-Jährige ein Kind geboren und ist damit die älteste Mutter des Landes geworden. Sie hatte sich vom umstrittenen italienischen Arzt Severino Antinori behandeln lassen, der bereits zahlreichen Frauen über 60 zu einem Kind verholfen hatte.
J. J. ist das Ergebnis des fünften Befruchtungsversuches, der mit den Samenzellen des 60jährigen Vaters John Ferrand und einer Spendereizelle in einer Klinik in der ehemaligen Sowjetunion geschah.


Für Frauen über 50 oder gar über 60, die ein Kind bekommen wollen, kommt heute nur ein reproduktionsmedizinisches Verfahrne in Frage: die Eizellenspende. Junge Frauen verkaufen ihre Eizellen. Ältere Frauen lassen sich nach in vitro Befruchtung und Hormonbehandlung den Embryo einpflanzen. Sie tragen das Kind aus. Genetisch gesehen aber stammt das Kind von der Eizellspenderin ab. Paul Devroey von der freien Universität Brüssel kennt diese Praxis:

"Wir haben so etwas noch nie gemacht in unserem Zentrum. Obwohl wir sehr liberal sind, denke ich. Niemals über 50. Und schon, wenn die Frauen 47 oder 49 Jahre alt waren, gab es heftige Kritik innerhalb unseres Teams. Meine Meinung ist: Es muss da Grenzen geben."

Die Eizellspenderinnen kommen in der Regel aus armen Ländern – Zentren in Europa sind Rumänien und die Ukraine. Sie gefährden ihre eigene Gesundheit – und ihre Fruchtbarkeit. Die Empfängerinnen sind meist Frauen über 40. Und sie leben in den reichen Ländern Westeuropas.

"Es ist immer wieder traurig zu lesen, dass es junge Frauen gibt mit 22, die selbst keine Kinder haben und gegen Geld ihre Eizellen verkaufen. Eine Eizellspende sollte freiwillig sein – ohne, dass da irgendwie Geld mit im Spiel ist. Schauen Sie sich die USA an: Da ist alles kommerziell."

Belgien hat dem Eizellenhandel einen Riegel vorgeschoben. Die Eizellspende ist anonym, freiwillig und unentgeltlich.

"Für mich ist eine Eizellspende immer nur eine Notlösung. Für Frauen ohne eigene Eizellen ist es die einzige Möglichkeit, ein Kind zu gebären. Es ist immer eine heikle Angelegenheit. Wenn Sie mich fragen: Eine Eizellspende für eine Frau über 60? Für mich ist so etwas kriminell."

Warten, warten, warten.
Vielleicht hättest Du Dich doch mit dem Roland vertragen.
Ach egal. Das wird schon.
Du wirst schon.
Oder?


Devroey:
"Ein Kind groß zu ziehen. Das ist ganz schön anstrengend. Stellen Sie sich vor: Mit 60 Mutter werden. Da kümmert sich bald nicht die Mutter um das Kind. Sondern das Kind muss sich um die Mutter kümmern. Das gilt auch für Väter mit 60. Ich finde: Das ist keine gute Idee. Man sollte die Regeln der Biologie respektieren."

"Wollen Sie wissen, was wir wirklich brauchen? Frauen müssen problemlos aus dem Job aus- und wieder einsteigen können, wenn sie Nachwuchs bekommen. Wer kümmert sich denn um die Kinder - wenn die Frauen arbeiten? In Ländern wie Deutschland passiert hier viel zu wenig. Da denk ich immer nur: Die armen Kinder."

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