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StartseiteSport am Wochenende"Abschied vom Turnverein“26.05.2013

"Abschied vom Turnverein“

Der Abschiedsbrief der Turnerin Meta Fuß-Opet

Vor 80 Jahren wurden in diesen Wochen und Monaten die jüdischen Mitglieder aus deutschen Turn- und Sportvereinen ausgeschlossen - ein Vorgang, der heute nur noch wenigen Menschen bekannt ist.

Von Lorenz Peiffer

Jüdische Sportlerinnen um 1930 (picture alliance / IMAGNO/Austrian Archives)
Jüdische Sportlerinnen um 1930 (picture alliance / IMAGNO/Austrian Archives)

In einem bewegenden Brief hat die jüdische Turnerin Meta Fuß-Opet am 11. Mai 1933 im "Israelitischen Familienblatt‘ beschrieben, was dieser Ausschluss für die Betroffenen bedeutete. Dieser Brief hätte an nahezu jedem Ort in Deutschland geschrieben werden können, denn der Ausschluss von Meta Fuß-Opet war kein Einzelschicksal! Überall in Deutschland waren Juden vor 1933 Mitglied in deutschen paritätischen Turn- und Sportvereinen. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurden deutsche Turn- und Sportvereine zu Vorreitern eines nationalen Arierungsprozesses.

"Brieftext: "Abschied vom Turnverein"
Ich wandere den gewohnten Weg, meinen liebsten Abendspaziergang seit zwanzig Jahren. Genau eine halbe Stunde brauche ich immer dazu, denn ich bin gewohnt, rasch zu schreiten, während ich mir in der Vorfreude der kommenden Genüsse ein Liedchen summe.
Diesmal ist es anders. Schwer und schleppend sind meine Schritte, und je näher ich meinem Ziele komme, desto langsamer wird mein Gang. Ich schelte mich kindisch oder selbstsüchtig.
Was ist denn geschehen? Nichts. Mein Kummer schrumpft zu einer Belanglosigkeit zusammen
gegenüber den Sorgen der zahlreichen Glaubensgenossen, an deren Tür die Not pocht, weil sie ihre Existenz verloren haben und gezwungen sind, neue, kärgliche Nahrungsquellen für sich und ihre Familien zu erschließen.

Ich aber nehme es tragisch, weil ich als Nichtarierin aus einem Verein ausgeschlossen worden bin. Oder ist dies einer der kleinen Nadelstiche, die eine Seele tiefer verwunden können als die Faustschläge des Schicksals?

Ich gebe es auf, mich gegen meine Gefühle zu wehren und gehe weiter, immer langsamer. Der leere Koffer in meiner Linken wiegt wie eine Zentnerlast. Bald wird er gefüllt sein und mir dann vielleicht bedeutend leichter scheinen als jetzt, denn – dann wird es überstanden sein.
Widerstrebend biege ich um die letzte Ecke, denn nun bin ich fast angelangt. Ich möchte nicht aufblicken und tue es doch, um es nicht zu sehen, das große rote Haus mit den hohen, schlanken, hell erleuchteten Fenstern, aus denen um diese Abendstunde immer fröhlicher Gesang aus jugendlichen Kehlen erschallt.

Endlich gebe ich mir einen Ruck und trete ein, bemüht, mir in Haltung und Gesichtsausdruck den Anschein ruhigen Gleichmuts zu geben. Unten, in dem behaglichen Vorraum, sitzt der Vereins-Kassierer, vor dessen gewohntem, freundlich jovialen Gruß ich heute flüchten möchte. Vergebens, er hat mich erkannt und begrüßt mich – wie immer.

"Ich muß doch meinen Austritt anmelden. Kann ich das bei Ihnen tun?" frage ich, ohne ihn anzublicken. Meine Stimme klingt mir fremd. "Bitte sehr", antwortet er höflich und deutet auf einen kleinen Stoß von weißen Zetteln. "Das sind alle Abmeldungen. Da hat man mit den Leuten (er meint einige Herren vom Vorstand) schon so viele Jahre gut zusammengearbeitet, man ist an sie gewöhnt und jetzt ... Es muß halt sein!" flüstert er mir vertraulich zu."

Wieviel Betroffenheit und gleichzeitig Wehmut verbirgt sich in diesem Brief. Woche für Woche hatte Meta Fuß-Opet immer denselben Weg beschritten, in freudiger Erwartung auf einen gemeinsamen Turnabend im Kreise ihrer Turnfreundinnen. Die soziale Gemeinschaft des Vereins, ihre Turngruppe, alles das war ein Teil ihres Lebens geworden, das sich jetzt von einem Tag auf den anderen radikal verändern sollte.

Zum Zeitpunkt des Ausschlusses aus ihrem "deutschen" Turnverein war Meta Fuß-Opet im 42. Lebensjahr. Leitlinie ihres gesellschaftlichen Engagements war der Wunsch nach Versöhnung und Frieden zwischen Juden und Christen. Das Schlüsselerlebnis für diese Überzeugung war die politisch und antisemitisch motivierte Ermordung des deutschen Außenministers Walther Rathenau am 24. Juni 1922. Aus diesem Grunde war sie auch in einen paritätischen und nicht in einen jüdischen Turnverein eingetreten.

Die von Meta Fuß-Opet sehnlichst herbeigewünschte und auch persönlich gelebte Versöhnung lief nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten ins Leere. Als Jüdin zählte sie nach dem 30. Januar 1933 nicht mehr zu dem Kreis der Auserwählten, die Mitglied in der zukünftigen nationalsozialistischen Volksgemeinschaft sein durften. Juden waren Angehörige einer im Sinne der neuen Machthaber minderwertigen Rasse, körperlich degeneriert und nicht leistungsfähig – das genaue Gegenteil hatte Meta Fuß-Opet bis jetzt allerdings durch ihre Mitgliedschaft in ihrem Turnverein unter Beweis gestellt. Aber das zählte jetzt nicht mehr. Die nationalsozialistische Rassentheorie ließ keine Ausnahmen zu!

Offensichtlich wurden die Vorgaben zur "Arisierung" der Vereine und der Gremien der Deutschen Turnerschaft in Meta Fuß-Opets Verein in Breslau unmittelbar umgesetzt. Wie auch in anderen Vereinen wurden die jüdischen Mitglieder jedoch nicht direkt ausgeschlossen, sondern aufgefordert, ihren Austritt ‚freiwillig‘ selbst vorzunehmen. Diese besonders perfide Art des Ausschlusses ermöglichte es den Vereinen, den Ausschluss der jüdischen Mitglieder als "normalen" Austritt darzustellen. Mit diesem verordneten Ausschluss wurden die jüdischen Mitglieder bereits wenige Wochen und Monate nach der nationalsozialistischen Machtübernahme durch gesellschaftliche Organisationen wie die deutschen Turnvereine in dem elementaren Recht, ihren Sport in einer freigewählten Gemeinschaft auszuüben, eingeschränkt.

So tief diese erste Form der Diskriminierung und des Ausschlusses aus ihrer alten turnerischen Gemeinschaft auch gewesen sein mag, Meta Fuß-Opet ging den Weg, den viele der ausgeschlossenen jüdischen Sportler gehen mussten: Sie fand Aufnahme in einem jüdischen Turnverein.

Wie lange Meta Fuß-Opet ihren jüdischen Turnverein in Breslau als Zufluchtsort nutzen konnte, ist nicht bekannt. Nach den Pogromen des 9. November 1938 mussten auch die letzten in Deutschland noch existierenden jüdischen Sportvereine ihre Tätigkeit einstellen. Am 1. Juni 1940 wurde Meta Fuß-Opet in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert, zwei Jahre später in die Tötungsanstalt Bernburg an der Saale. Ermordet wurde sie im Mai 1942.

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