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StartseiteBüchermarkt"Ich wollte über einen Mann schreiben, der kein Sexist sein will"03.12.2015

Adelle Waldman"Ich wollte über einen Mann schreiben, der kein Sexist sein will"

"Das Liebesleben des Nathaniel P." ist in den USA zu einem Bestseller geworden. Adelle Waldmans Erstlingswerk bricht dort alle Verkaufsrekorde und hat wohl den Nerv einer Generation getroffen. Ihr Protagonist Nathaniel P. ist ein Mann in den 30ern, der sich nicht für oder gegen eine feste Partnerschaft entscheiden kann.

Von Simone Hamm

Eine Herzgeste wird von einem Teilnehmer an der Wahlparty der Feministische Initiative in Stockholm, Schweden mit Händen gebildet. (imago)
In ihrem Buch beschreibt Adele Waldman eine Beziehung in Zeiten des Latte-Macchiato-Liberalismus: Männer, glauben, dass sie auch ihre sexuellen Beziehungen ökonomisieren können. Sie sind Konsumenten. Auch, was die Gefühle angeht. (imago)

Nathanial Pivens Eltern sind aus Rumänien nach Amerika gekommen, in eine Vorortsiedlung in Maryland. Sie wollten ihrem Sohn ein besseres Leben ermöglichen. Jetzt lebt er in Brooklyn, gedankenvoll und unachtsam zugleich. Adele Waldman lässt in ihren Roman "Das Liebesleben des Nathaniel P." viel Autobiografisches einfließen. Auch ihre Eltern sind amerikanische Rumänen, auch sie lebt in Brooklyn. Und Männer wie Nathaniel P. sind ihr reihenweise über den Weg gelaufen - in der Literatur - und in Brooklyn.

"Ich habe so viele Bücher über Männer gelesen, die Nathaniel P. ähneln. Romane von Roth and Bellow, großartig geschrieben, aber ich finde, die Autoren sympathisieren zu sehr mit ihren männlichen Helden. Ich dachte, es wäre spannend, eine moderne Version des Themas 'Junger Mann kommt aus der Provinz in die Großstadt' zu schreiben. Dabei wollte ich ihn sehr, sehr kritisch betrachten, schonungslos. Wie ist er so, wie denkt er über Frauen, wie behandelt er sie? Er sollte ein Philipp Roth Held sein, gesehen durch die Augen von Jane Austen."

Schuldgefühle wegen Priviligiertheit

Dass er Harvardabsolvent ist, lässt Nathaniel P. in jede Unterhaltung einfließen. Sein Geld verdient er als Literaturrezensent, er schreibt an einem autobiografischen Roman, bekommt sogar ein Vorschusshonorar von einem Verlag. Er möchte gern einer dieser öffentlichen Intellektuellen werden, die gehört und zitiert werden. Er verkehrt in Zirkeln, in denen man über Romane diskutiert, die gerade in sind. Dafür muss man sie nicht unbedingt gelesen haben. Auf Dachgartenpartys in Manhattan, in Hinterhöfen in Brooklyn unterhalten sich Redaktionsassistenten, Verlagsangestellte, Kulturjournalisten und Schriftsteller über örtlich angebauten Rucola, Liberalismus, Pilates. Und vor allem sprechen sie sehr viel über sich selbst, über ihre Gedanken, Empfindungen, Gefühle. Nathaniel kann nächtelang darüber diskutieren, wie sehr ihn die Situation der illegalen Mexikaner in New York beschäftigt.

"Er fühlte sich schuldig, wenn ein Hispano oder Asiate mit leerem Gesichtsausdruck sein Wasserglas im Restaurant auffüllte. Nate dachte dann an Zehn- oder Zwölfstundenschichten, an die anschließende Rückkehr in armselige Wohnungen, die jeweils mit einem Dutzend anderer Leute geteilt wurden. Er fühlte sich schuldig in der U-Bahn, wenn immer mehr Weiße ausstiegen, je weiter der Zug durch Brooklyn fuhr. Zum Schluss waren immer fast alle verbliebenen Fahrgäste schwarz – und sehr müde. Überarbeitet, unterbezahlt."

Er bemitleidet den alten Hausmeister, der über einen Wischmopp gebeugt den Boden putzt. Aber er handelt nicht. Und was Frauen angeht, da hört sein Verständnis völlig auf.

"Ich wollte mit der Idee spielen, dass da jemand in vielerlei Hinsicht liberal und fortschrittlich ist. Nate fühlt sich sogar schuldig, weil er so privilegiert ist, weil seine Klasse andere ausnutzt. Und das ist die Ironie, dass er sich dessen bewusst ist, und keine Sekunde darüber nachdenkt, wie er Frauen behandelt."

Ein Mann in der postfeministischen Ära

Nathaniel Piven ist ein Produkt der postfeministischen Ära der 1980er-Jahre und der politisch korrekten Collegeerziehung der 1990er-Jahre. Doch gute Erziehung, politisch korrektes Bewusstsein führen nicht notwendigerweise zu gutem Benehmen.

"Ich wollte über einen Mann schreiben, der kein Sexist sein will. Er hat dasselbe gelernt wie wir alle im Postfeminismus. Die richtigen Bücher gelesen. Er weiß, dass Philip Roth, Saul Bellow und Norman Mailer als frauenfeindlich gelten. Er will anders sein. Er weiß aber nicht wie. Er verletzt die Frauen. Trotz all seiner politischen Korrektheit, seiner Kenntnis des Feminismus im Allgemeinen, macht er Frauen wütend."

Nate arbeitet meist in Cafés, weil die Verlockung, sich zu Hause vor den PC zu setzen und Pornos zu gucken, einfach zu groß ist. Doch die Versuchung in Gestalt einer attraktiven Frau wartet auch in den Cafés auf ihn:

"(Ihre) Brüste, in einem engen olivgrünen Tanktop, hatten exakt die Größe, die er liebte, gerade groß genug, um ein Weinglas zu füllen (ein Rotweinglas)."

oder:

"Ihr schwarzes Kleid rutschte bis zu den Oberschenkeln hoch. Ihr Hintern zeichnete sich schön unter dem weichen Stoff ab. Ein Teil von ihm wollte ihn an seinem Körper spüren, wollte hinter sie treten."

Nate beurteilt Frauen nach ihrem Aussehen, nach ihrem Gang, nach der Körbchengröße.

"Das war für mich - als Frau - am Allerschwierigsten zu schreiben: Die Art, wie Nate über Frauen und deren Körper denkt. Wir wissen alle, dass das so ist. Aber als ich mich so richtig in den Kopf meines Protagonisten hineinversetzt habe, da war ich richtig verärgert und empört. Und dann ist es ihm auch noch so wichtig, dass seine Freunde seine Freundin attraktiv finden. Erst dann ist er wirklich erfolgreich."

Nathan Pivens Welt, das ist Brooklyn, das Hipster-Zentrum New Yorks, das zunehmend gentrifiziert wird. Die Restaurants sind hip und überteuert, die Kneipen geben sich den Anstrich geben, "urig" zu sein. Und sind es nicht. Adele Waldman beschreibt eine Beziehung in Zeiten des Latte-Macchiato-Liberalismus. Männer, glauben, dass sie auch ihre sexuellen Beziehungen ökonomisieren können. Sie sind Konsumenten. Auch, was die Gefühle angeht.

"Ich war so sehr drin in meinem Buch, dass ich wütend auf meinen Mann geworden bin. Ich hab' all diese Gedanken aufgeschrieben, die Nate durch den Kopf gehen und dann bin verärgert aus meinem kleinen Büro gelaufen. Mein Mann fand das ein bisschen unfair, dass ich ihm vorwarf, wie mein imaginärer Charakter aus meiner imaginären Welt zu denken. Und ich sagte: Aber das ist in meinem Buch und Du bist ein Mann und ich bin sicher, Du denkst genauso."

Die Frauen um die dreißig sind auch im angesagten Brooklyn hungrig nach Liebe, hoffen auf eine langfristige Partnerschaft. Die Männer wollen damit noch warten. Es ist eine Welt ohne klare Regeln, eine Welt, in der alles möglich scheint. Adele Waldmann hat genau zugehört, was in den Bars von Brooklyn und in der dortigen Literaturszene gesprochen wird. Ihr Roman besteht größtenteils aus Dialogen. Die sind klug, witzig, genau. Es gibt keinen große Handlungsbögen, eher lose strukturierte Gespräche. Das ist intelligent gedacht, denn es ist die passendste Machart, die ideale Form für diesen Roman, der 2014 spielt. So gibt er den Geist dieser Zeit exakt wieder. Denn es gibt auch die große Liebe nicht mehr, nur unbedeutende Affären. Eine Freundin Nathaniels konstatiert bitter und messerscharf:

"Dating ist wahrscheinlich die schwierigste menschliche Interaktion, die es gibt. Du taxierst andere, um herauszufinden, ob sie deine Zeit und Aufmerksamkeit wert sind, und sie machen dasselbe mit dir. Es ist das Prinzip der Leistungsgesellschaft, angewendet auf das Privatleben, aber ohne jede Rechenschaftspflicht...Wir hoffen, dass wir dadurch letzten Endes glücklicher werden als unsere Großeltern, die nicht eine solch lange Zeit ihres Lebens, die besten Jahre, damit verbracht haben, allein zu sein und kalt und unverhohlen seziert zu werden."

Adele Waldmann schildert die kleinen Bewegungen, die unvorsichtigen Sätze, die, die gerade knospende Gefühle zerstören können. Nate freundet sich mit Hanna an, einer selbstbewussten, attraktiven Journalistin. "Was habe ich falsch gemacht?" ist so ein Satz. Und Hanna stellt diese Frage wieder und wieder. Als sie etwas mehr Verbindlichkeit möchte, will Nate sich am liebsten absetzen. Und die schöne Hanna lässt sich auf Kompromisse ein, weint, bemitleidet sich selbst, wird wütend. Sie, die so lässig selbstbewusst war, sinkt in sich zusammen, als ein Mann sein Desinteresse an ihr zeigt. Und der zieht sich vollends zurück.

Bewusstsein ist das eigentliche Thema des Romans

Wenn man Adele Waldmanns Roman liest, ist das natürlich nicht so, als stünde man mit einem Cocktail in der Hand auf einer dieser Partys oder als säße man neben einem sich streitenden Paar an der Bar. Denn sie zeigt nicht nur, wie30-jährige Männer und Frauen sich benehmen. Aus den unzähligen Dialogen erfahren wir auch viel über die Haltung der jungen Brooklyner. Darüber, wie sie ein Handeln rechtfertigen, das sie eigentlich sie theoretisch nicht gut finden können. Darüber wie sie denken. Darum geht es. Dieses Bewusstsein ist das eigentliche Thema des Buches.

"Ich wollte das Buch eigentlich 'Das Bewusstsein des Nathaniel P.' nennen, bin damit beim Verleger aber nicht weitergekommen. Das Thema Bewusstsein, das ist wirklich wichtig. Wie rechtfertigen wir unser Benehmen vor uns selbst? Das können die anderen nicht immer verstehen. Ich lese gern Romane des 20. Jahrhunderts, Tolstoi, Flaubert, Elliott, Jane Austen. Die Personen in diesen Romanen rechtfertigen ihr Benehmen moralisch. Wir verstehen plötzlich, warum Emma Bovary ihren Mann betrügt, ihre Tochter vernachlässigt.

Nate lebt im Bewusstsein, er wolle doch nichts Festes, noch nicht, also habe er auch nicht zu verantworten. Das ist nicht gerade neu. Aber Adele Waldman gelingt es, dass ihre Leser Nate verstehen - auch wenn sie ihn nicht mögen. Deshalb ist Adele Waldmans "Das Liebesleben des Nathaniel P." in den USA eingeschlagen wie eine Bombe, deshalb bricht Adele Waldmanns Erstling alle Verkaufsrekorde. Denn dieses Bewusstsein scheint gang und gäbe zu sein. Und die Szene reagiert schnell. Es gibt bereits eine neue Redewendung im amerikanischen Englisch. Von einem Mann, der sich nicht entscheiden kann, ob er eine feste Partnerschaft will oder nicht, heißt es: Der Typ ist voll Nathaniel P.

Adelle Waldman: "Das Liebesleben des Nathaniel P."
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann.
Liebeskind. 304 Seiten. 19,90 Euro.

 

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