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Affront oder Meisterwerk?

In Berlin wird die von Rem Koolhaas gebaute niederländische Botschaft eingeweiht

Hanno Rauterberg im Gespräch

Der niederländische Botschafter Nikolaos van Dam, Mitte, bittet die holländische Königin Beatrix, rechts, und Bundesaußenminister Joschka Fischer in die neue Botschaft des Landes in Berlin
Der niederländische Botschafter Nikolaos van Dam, Mitte, bittet die holländische Königin Beatrix, rechts, und Bundesaußenminister Joschka Fischer in die neue Botschaft des Landes in Berlin (AP)

<strong>Hohen Besuch gab es heute in Berlin: Königin Beatrix höchstpersönlich war gekommen, um ein Stück der Stadt und die Niederlande zu erobern. Das Staatsoberhaupt eröffnete am Nachmittag die neue Botschaft des Königreichs: ein architektonisches Meisterstück, wie unisono die Kritiker bereits im Vorfeld urteilten. Zu ihnen gehört Hanno Rauterberg, Redakteur der in Hamburg erscheinenden Wochenzeitung "Die Zeit". Er schrieb unter anderem, in diesem gläsernen Würfel würden alle Theorien und Erfahrungen des Architekten Rem Koolhaas zusammenfließen. </strong>

Stefan Koldehoff: Herr Rauterberg, was hat Sie da so gepackt und berührt?

Rauterberg: Herr Rem Kohlhaas hat immer sehr stark auf Theorie gesetzt. Er ist auch bekannt geworden durch ein Buch, das hieß "Delirious New York" – delirierendes New York, und in dem hat er immer eine großer Faszination für die Dichte, für die hektische Stadt entwickelt. Seine Architektur lebt das auch in gewisser Weise, weil sie immer voller Gegensätze steckt. Diese niederländische Botschaft feiert diese Gegensätze geradezu. Es gibt Materialien, die sich widersprechen. Zum Beispiel wunderbar holzgetäfelte Wände und dazu dann große Glasflächen und ein Fußboden aus Aluminium, oder auch die Türen, die ganz oft an Tresortüren erinnern, so dick sind die, aber aus Holz gefertigt und daneben dann gleich eine transparente Wand. Ganz deutlich, fast überformuliert prallen hier die Gegensätze aufeinander. Insofern ist dieses Gebäude schon symptomatisch für sein Gesamtwerk. Ich glaube, es bringt sie sogar in kleinster Form auf einen Nenner.

Koldehoff: Gleichzeitig haben Sie gesagt, es ist nicht nur eine Botschaft in Berlin, sondern auch eine Botschaft an Berlin. Was kann ein Gebäude einer Stadt sagen?

Rauterberg: Man muss dazu wissen, dass Kohlhaas mit Berlin sehr lange überquer lag. Er war damals beim großen Ausschreibungsverfahren um den Potsdamer Platz beteiligt, wurde dann mehr oder weniger ausgeschlossen und verließ die Stadt. Er sagte, so kleinbürgerlich, so reaktionär, so altmodisch, unrealistisch, banal, provinziell und dilettantisch kann eigentlich nur in Berlin gebaut werden, und er war wirklich fertig mit der Stadt. Dann bekam er später diesen Auftrag für die Botschaft und wollte natürlich dort zeigen, was er eigentlich für städtisch-urbanes Leben und für urbane Architektur hält. Insofern ist die Botschaft tatsächlich nicht nur ein Gebäude, sondern ein Konzeptkunstwerk. Er hat dort versucht seinen Begriff von Stadt, der eher ein Begriff des Expressionismus, der zwanziger Jahre ist, wo man sagte, die Stadt ist etwas wildes, etwas unbezähmbares, hinter jeder Ecke lauert eine Überraschung, diesen Begriff von Stadt hat er versucht dort zu bauen.

Koldehoff: Mir ist aufgefallen, wenn man in den letzten Monaten, und vielleicht sogar Jahren verfolgt hat, was an neuen Botschaftsgebäuden eröffnet worden ist in Berlin, dann hatte ich zumindest das Gefühl, ich ginge über die EXPO 2000 in Hannover, wo es diese ganzen Länderpavillons gab. Man hat auf die Stadt oder auf das Umfeld eigentlich sehr wenig reagiert und hat versucht Solitäre zu setzen, die irgendwie natürlich repräsentieren müssen und funktional sein müssen, vor allen Dingen Fremdkörper innerhalb dieser Hauptstadt Berlin bleiben. Wie ergeht Ihnen das bei diesem Rem Kohlhaas-Bau? Es hatten wahrscheinlich nicht alle das Privileg, das Sie genossen haben, sich die Botschaft von innen angucken zu können. Wie wirkt sie von außen als Bauwerk in einer Stadt?

Rauterberg: Es hatten viele von Rem Kohlhaas erwartet, dass er ein wildes Gefuchtel, ein architektonisches Gefuchtel dort veranstalten würde. Aber dem ist nicht so. Er hat sich sehr streng an die Höhen gehalten, was in Berlin sehr wichtig ist. Alle Gebäude sollen möglichst gleich hoch sein. Sein Gebäude schert auch nicht aus. Es fällt auf den ersten Blick kaum auf. Erst auf den zweiten Blick merkt man, dass dieser Glaskubus doch merkwürdige Vorsprünge und Erker hat, und dann bemerkt man, dass es so eine kleine Lücke gibt. Es gibt diesen Würfel und zu den Nachbarbauten so eine Art Schneise, die diesen Würfel umgibt. Er ist ein bisschen abgerückt. Er ist, wenn man so will, ein Solitär, der sich unterordnet. Das ist paradox und geht eigentlich nicht so, drückt aber ein bisschen die Grundhaltung von Kohlhaas aus. Das eigentlich Überraschende und Überwältigende läuft dann eigentlich im Inneren, wo es Kohlhaas gelungen ist so eine Art Treppenspindel durch das ganze Gebäude zu ziehen, wie eine Art Wurm. Normalerweise sind Treppen ja sehr ebenmäßig geformt, damit man bequem rauf und runter gehen kann. Hier ist es aber tatsächlich so, dass es sich wie eine Schleife, ein Treppenband, würde man fast sagen, durch dieses Gebäude durchzieht und die Räume mehr oder weniger frei an dieser Treppenspindel angelagert sind. Es gibt unzählige Geschosse, die gegeneinander verspringen und man weiß manchmal gar nicht, wo man jetzt eigentlich gerade in dem Gebäude ist. Es gibt wunderbare Blickschneisen, zum Beispiel auf den Fernsehturm, wo das ganze Haus in einer Diagonalen zu durchschauen ist, sozusagen, und man in der Ferne in einem Fenster die glitzernde Kugel des Fernsehturms am Alexanderplatz aufscheinen sieht. Das ist dann so ein Moment, wo sich das Gebäude, was doch so in sich geschlossen ist, plötzlich wieder der Außenwelt widmet - in einem durchaus politischen Sinne. Ohnehin ist der Osten in der gesamten Berliner Architekturdiskussion eher verachtet. Man will verschiedene Bauten abreißen, hat auch schon verschiedene abgerissen und jetzt kommt Kohlhaas und stellt diesen Osten, also das Symbol dieses Ostens, in den Mittelpunkt seiner Architektur und plädiert damit auch dafür, diese Architektur ernst zu nehmen. Er spricht von der Amnestie für die Wirklichkeit, und in gewisser Weise löst dieses Gebäude das auch ein.

Koldehoff: Aus dem, was Sie gerade erzählt haben, klingt heraus, dass er sehr viele Freiheiten gehabt zu haben scheint. Auf der anderen Seite stellt ja auch ein Gebäude, wie eine Botschaft als funktionales, als Zweckgebäude bestimmte Anforderungen an den Architekten. Es muss für den Publikumsverkehr bestimmte Bereiche freihalten, auf der anderen Seite gibt es sicherlich Sicherheitsbedürfnisse. Wie ist Kohlhaas mit solchen Zwängen umgegangen? Ist es ein durch und durch gelungenes Gebäude, auch was die formalen Notwendigkeiten angeht?

Rauterberg: Die Statiker sind schier verrückt geworden an dem Gebäude und auch die Nutzer selber sind nicht so unbedingt glücklich. Wenn man mit den Botschaftsangehörigen spricht, hört man große Klagen darüber, dass die Räume teilweise verschnitten, zu eng sind, dass die Akustik ganz schlecht ist und viele mit Ohropax arbeiten müssen. Gleichzeitig scheint auch dieser Idealismus, der in dem Gebäude aufgehoben ist, viele zu inspirieren. Was der größte Hit dieses Gebäudes ist, ist wahrscheinlich die Kantine. Die liegt ganz oben auf dem Dach, und man kann im Sommer das Dach zur Seite fahren, sitzt dann unter dem freien Himmel. Wer möchte kann sogar noch weiter nach oben gehen, wo sich eine Bar befindet und einem Berlin zu Füßen liegt.

Koldehoff: Es lebe die Berliner Luft. Hanno Rauterberg war das zur heute eingeweihten niederländischen Botschaft in Berlin.



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