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Aishe trägt Kopftuch, Ahmed einen Bart

Deutsch-britische Vergleichsstudie über das Bild der Muslime in den Medien

Von Bettina Köster

Fast 90 Prozent der befragten Muslime fühlen sich in den etablierten Medien in Deutschland und Großbritannien nicht richtig repräsentiert.
Fast 90 Prozent der befragten Muslime fühlen sich in den etablierten Medien in Deutschland und Großbritannien nicht richtig repräsentiert. (AP)

Muslime fühlen sich in unseren, aber auch in britischen Medien nicht repräsentiert und in ihrem Glauben meist stereotyp dargestellt. Das ist ein Ergebnis einer Studie zur Medienwahrnehmung, die von der Universität Bielefeld und der Keele University durchgeführt wurde.

Aische trägt selbstverständlich ein Kopftuch, macht natürlich alles, was ihr Mann ihr nahe legt und geht allein kaum vor die Tür. Und der bärtige Ahmed läuft regelmäßig in die Moschee und wirkt eher wie eine zwielichtige Gestalt. Wird über Muslime geschrieben, so gibt es in den Medien immer wieder eine Flut von Klischees, die oft auch die eigenen Vorurteile neu bedienen. Kein Wunder also, dass die Befragten in der Untersuchung erst einmal skeptisch reagierten, als sie von den Wissenschaftlern an Universitäten und Moscheen angesprochen wurden.

"Es gab zu Anfang mitunter auch immer Vorbehalte, da wurde gesagt, das ist doch dann bestimmt wieder eine Studie, wo wir dann komplett als Muslime dargestellt werden und wir sind doch viel mehr, wir haben multiple Identitäten, das war so ein Zitat, das relativ zu Anfang kam, wo wir gefragt haben, können wir euch interviewen. "

An der englischen Keele University und dem Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld schauten sich die Wissenschaftler dann die Ergebnisse ihrer Befragungen an: Fast 90 Prozent der befragten Muslime fühlen sich in den etablierten Medien in Deutschland und Großbritannien nicht richtig repräsentiert. Sie haben den Eindruck, dass Muslime stereotyp dargestellt werden und das Bild vom Islam sehr respektlos ist. Rund 60 Prozent fühlen sich sogar durch die Berichte über Islamfeindlichkeit bedroht. Es gab jedoch auch Unterschiede zwischen Deutschland und Großbritannien. Der Bielefelder Sozialwissenschaftler Prof. Andreas Zick.

"Also der Unterschied ist ziemlich evident, das sieht man auch in unserer Befragung der Konsumenten. In Deutschland gibt es eine sehr starke Hoffnung von Muslimen, dass die Medien ein positiveres Verhältnis zwischen Mehrheitsgesellschaft und Muslimen tun können. In England ist das Existieren von parallelen Medienwelten, die man so miteinander ergänzt sehr viel selbstverständlicher. Die Frage, ob Muslime oder der Islam Teil der Gesellschaft sind, ist in England etwas, was die Leute erst mal verwundert, dass man so eine Frage stellt, weil man versteht, sich einfach als multikulturelles Land, es gibt eine höhere Selbstverständlichkeit und Journalistinnen in Deutschland kämpfen doch mehr mit diesen multiplen Identitäten."

Historisch gesehen wurden Muslime in Deutschland nicht gleich als unsere potenziellen Feinde gesehen, so der Sozialwissenschaftler Andreas Zick. Erst nach den terroristischen Attentaten, angefangen am 11. September 2001 seien aus Türken Muslime geworden, die dann schnell in terroristische Schubladen gesteckt wurden. Viele Journalisten sind sich dieser Stereotypisierung in ihrer Berichterstattung durchaus bewusst. Ihnen sei natürlich auch klar, dass man mit klischeehaften Geschichten in den Boulevardmedien schneller Leser oder Zuschauer fesseln kann. Es gibt aber auch Journalisten, die sich ernsthaft Gedanken machen und Veränderungswillen in den Befragungen zeigten.

"So wie wir es beobachtet haben, waren die Journalisten hin und hergerissen. Auf der einen Seite der journalistische Anspruch Missstände in der Gesellschaft aufzudecken, wenn diese Missstände mit islamisch sein zu tun haben, dann sollte man auch darüber berichten, das war eine Auffassung. Auf der anderen Seite war aber auch die große Kritik, man kann nicht alles mit Muslim-Sein, mit Islam verknüpfen. Und da war schon der Wille da, dann differenziert zu gucken, ist es ein Thema, weil jemand Muslim war, oder hat er auch anderen Erwägungen herausgehandelt."

In vielen etablierten Mainstream-Medien, wie Spiegel, Bild oder überregionale Tageszeitungen arbeiten zwar auch einige muslimische Journalisten, aber sie fühlen sich in den Redaktionskonferenzen oft auf verlorenem Posten. Der Sozialwissenschafter Jörg Heeren.

"Es ist schwer als Moslem dann auch mal das Wort zu ergreifen und gehört zu werden. Man wird auch leicht mal in die Nische gesteckt und man wird oft auch mehr oder weniger genötigt über Muslime und Islam zu berichten und hat dann weniger die Freiheit auch mal über andere Themen zu berichten."

Obwohl sich viele Muslime in den etablierten Medien nicht wirklich wiederfinden und eher vorgeführt fühlen, konsumieren sie sie weiter. Die meisten vertrauen darauf, dass im Laufe der Zeit mehr Zeitungen und Rundfunkprogramme zu einer differenzierteren Darstellung kommen werden. Vereinzelt gibt es die auch schon, wenn ganz normale Alltagsgeschichten und damit verbundene Konflikte aus der deutsch-türkisch-christlich-muslimischen Welt erzählt werden. Auch andere Studien zur Medienwahrnehmung haben inzwischen gezeigt, dass die Alltagswelt und die sozialen Fragen, die damit verbunden sind für muslimische Menschen viel wichtiger sind als ihr Glauben. Die Bielefelder Wissenschaftler haben zwar in ihrer aktuellen Studie keine repräsentativen Daten, dafür haben sie die Erfahrung gemacht, dass ihre Befragungen durchaus einige Steine ins Rollen bringen. Prof. Zick:

"Solche Studien, wie wir sie durchführen, die qualitativen Daten werden benutzt in den Redaktionen, um zu diskutieren, auch schon während der Interviews haben die Journalistinnen Ideen entwickelt, was man zukünftig besser tun kann. Wir können wir in den Redaktionen mehr Expertise für den Islam hinbekommen. Und etwas, was sich entwickelt hat im Verlauf unserer Studie, eine Idee, die die Journalistinnen sehr begrüßt haben, wie können wir eigentlich kollektiv als Muslime, wenn es um Themen des Islam geht, wie können wir kollektiv zusammen Geschichten schreiben."

Islamische Journalistenverbände arbeiten schon jetzt daran, wie sie beispielsweise zu Islamkonferenzen eigene Geschichten mit neuen Perspektiven in die Medien bringen können. Jörg Heeren:

"MIGAZIN.de auch eine Seite, ein Blog, den wir in der Studie mit drin haben, die auch darauf achten, dass sie darüber berichten, wie sieht denn die andere Seite aus. Dass die da aufgreifen, was ist denn da falsch gelaufen in der Berichterstattung und dann ein Gegenbild dahinstellen."

Es gibt inzwischen auch verschiedene andere Internetseiten, auf denen sowohl in Deutsch also auch in Türkisch über Ideen gemeinsamer Lebenswelten geschrieben wird – jenseits der klischeehaften Aische und Ahmed. Die haben auf Dauer sowieso keine Überlebenschance meint Prof. Zick, zumindest nicht in ernsthaften Berichten.

" Ich glaube, dass die Dekonstruktion, das Erzählen, dass das Vorurteil nicht stimmt, das Beschreiben von Normalität ja genauso attraktiv ist. Wir sehen ja "Deutsch für Ausländer", die Serie boomt gerade, wir sehen immer wieder, dass Comedy boomt. Die Menschen haben genauso ein Interesse und genauso eine Neugier, also neben dem Interesse Selbstwert zu gewinnen, indem man über andere stereotyp redet und denkt, steht natürlich immer eine Neugier und es gibt ja eine jüngere Generation, wo die Normalität des Zusammenlebens einfach gesetzt ist und dann werden Geschichten interessanter über unterschiedliche Sichtweisen über ein und dieselbe Realität. Also Neugier ist genauso interessant und macht Spaß."



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