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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenAlien-Reptilien unter uns20.05.2010

Alien-Reptilien unter uns

Warum Menschen an Verschwörungstheorien glauben

Die Mondlandung wurde im Studio inszeniert, Alien-Reptilien leben unter uns und Bill Gates ist längst tot. Verschwörungstheorien lassen sich kaum ausrotten. "Warum Menschen Unfug glauben", darüber diskutierten die Mitglieder der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften.

Von Guido Meyer

Sie leben unter uns - glauben zumindest einige. (Wikipedia)
Sie leben unter uns - glauben zumindest einige. (Wikipedia)

1993: Paul McCartney veröffentlicht den Song "Hope of Deliverance", "Hoffnung auf Erlösung". 30 Jahre zuvor war der britische Musiker mit den Beatles berühmt geworden, hat später im Duett mit Michael Jackson gesungen und in den 80er-Jahren das Live Aid Konzert in London mitveranstaltet. So weit, so gut. Diese Vita hat nur einen Haken:

"Das ist nicht Paul McCartney. Die Person, die die Konzerte gibt, das ist ein Doppelgänger, der 1966 nach einem Doppelgängerwettbewerb anstelle des verstorbenen Paul McCartney gesetzt wurde. Und alle Beatles-Alben-Cover seit 66 haben auch Hinweise enthalten, dass Paul McCartney in Wirklichkeit tot ist."

Nicht nur Paul McCartney ist tot, auch Bill Gates. Der nämlich wurde erschossen. Die Mondlandungen der Amerikaner wurden in einem Filmstudio nachgestellt. Jesus und Maria Magdalena waren ein Paar. Und: Reptilien-Aliens sind unter uns. Verschwörungstheorien nennt sich das, was der Diplom-Psychologe Sebastian Bartoschek von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster hier beschreibt und wissenschaftlich untersucht hat. Die Fragestellungen dabei waren: Wer kennt welche Verschwörungstheorien, und wer glaubt ihnen?

""Verschwörungstheorien haben eine Zustimmung und eine Bekanntheit, die sich gleichmäßig verteilt, das heißt, wir haben nicht eine kleine Gruppe, die extrem stark zustimmt oder die extrem viel kennt, sondern wir haben eine relativ gleichmäßige Normalverteilung. Wenn ungefähr 40 Prozent im Durchschnitt die Verschwörungstheorien kennen als auch denen zustimmen, dann ist das kein Randgruppenphänomen, dann ist das ein Phänomen aus der Mitte der Gesellschaft.”"

Die Gesellschaft als Ganzes also glaubt an Verschwörungstheorien. Der Drang, Gedankengut aus der Grauzone zwischen Fakt und Fiktion Glauben zu schenken, ist weder ans Bildungsniveau gekoppelt, noch an politische Präferenzen oder an den Familienstand. Zwischen den Geschlechtern allerdings, da gibt es Unterschiede, und auch zwischen religiösen und nicht-religiösen Menschen.

""Jemand, der sich als religiös einschätzt, der stimmt auch mehr Verschwörungstheorien zu. Und wir haben einen stabilen Effekt beim Geschlecht: Männer kennen mehr Verschwörungstheorien, Frauen glauben mehr Verschwörungstheorien. Meiner subjektiven Meinung nach ist es so, dass Frauen offener sind für andere Wahrheiten oder für andere Erklärungen der Wahrheit als Männer. Warum Männer mehr Verschwörungstheorien kennen, das kann ich mir nicht erklären.”"

Der Bekanntheitsgrad der fast 100 von Sebastian Bartoschek getesteten Verschwörungstheorien ist unter Männern um zehn Prozent höher, die Zustimmung zu ihnen jedoch um zehn Prozent niedriger als bei den Frauen. Am bekanntesten ist demnach die Theorie des Bermudadreiecks. 98 Prozent aller Befragten kennen die These, dass in diesem Gebiet des Atlantiks überdurchschnittlich viele Flugzeuge und Schiffe verschwinden sollen.

""Je bekannter eine Verschwörungstheorie ist, um so mehr wird ihr zugestimmt. Und andersherum: Je mehr einer Verschwörungstheorie zugestimmt wird, um so bekannter ist sie.”"

In den letzten zehn Jahren ist jedoch ein Trend sichtbar geworden. Die verstärkte Auseinandersetzung mit einer Verschwörungstheorie, die bereits bekannt genug ist, trägt dazu bei, dass diese entkräftet wird. So glauben heute weit weniger Menschen als noch vor einem Jahrzehnt, dass das amerikanische FBI die Terroranschläge vom elften September 2001 selbst durchgeführt habe. Und auch die Theorie, dass es die Gaskammern und die Juden-Vernichtung im Dritten Reich nie gegeben habe, ist ein Gegenbeispiel für den allgemeinen Trend. Obschon diese Verschwörungstheorie sehr bekannt ist, wird sie sehr wenig geglaubt.

""Die Ausschwitz-Lüge ist deswegen ein Ausreißer, weil sie eine sehr hohe Bekanntheit hat. Knapp 90 Prozent kennen sie. Aber sie ist die Verschwörungstheorie mit der geringsten Zustimmung. Aus meiner Sicht ist das deswegen so, weil sehr früh schon im Bildungssystem aber auch an sich in unserer Gesellschaft dargelegt wird, warum diese Verschwörungstheorie wohl nicht richtig ist und somit sie wohl sehr bekannt ist, aber den Menschen klar ist: Das ist nix.”"

Verschwörungstheorien sind oft, aber nicht immer in der Lage dazu, Unglaubliches zu erklären - mal mehr, mal weniger glaubwürdig. Und genau dies macht sie gerade bei religiösen Menschen beliebt.

""Das ist für mich eine Frage nach Menschen, die Struktur suchen. Auch der Glaube gibt ja eine Struktur in Sachen, die letztendlich nicht beobachtbar sind. Man bezieht Sachen aufeinander, macht ein Denkmodell, und nichts anderes macht eine Verschwörungstheorie auch. Sie bringt Struktur ins Chaos, in die Unordnung.”"

In der Tat haben Neuropsychologen herausgefunden, dass sich die Gehirne von Gläubigen und Skeptikern unterscheiden. Wer Menschen ins Gehirn blickt, sollte einigermaßen korrekt vorhersagen können, wie offen jemand für paranormale Phänomene ist, argumentiert Doktor Peter Brugger, der Leiter der Abteilung Neuropsychologie der Neurologischen Klinik der Universität Zürich.

""Wir müssen annehmen, dass ganz früh, beim Kind schon, vorgeburtlich bereits, Spezialisierungen in den Hirnhälftenfunktionen da sind. Und das führt dann statistisch dazu, dass jemand ein bisschen eher dazu neigt, an magische Phänomene zu glauben als andere. Zum Beispiel können Sie sich sonst nicht erklären, dass Linkshänder eher magisch denken, oder umgekehrt, dass bei einer großen Kohorte von magisch Denkenden das Vorkommen von Linkshändigkeit ein bisschen erhöht ist. Händigkeit, das wissen wir, bereits vor der Geburt wird das festgelegt.”"

So viel also zum Thema freier Wille. Niemand überlegt sich, ob er "Hope of Deliverance" wirklich für einen Song Paul McCartneys oder für den eines Doubles hält, ob Reptilien-Aliens unter uns sind oder ob Ausschwitz nur eine Legende ist. Die Prädisposition, die Offenheit für Legenden, ist vorgeburtlich mitgegeben. Es verändert sich nicht das Gehirn, weil jemand an Paranormales glaubt, sondern das Gehirn ist von Geburt an offen für solche Phänomene.

""Wir glauben schon an die biologische Bedingtheit der Gläubigkeit, dass hemisphärische Asymmetrien zuerst vorhanden sind, und dann folgt dann die Entwicklung, das Sprechen, das Denken und eben auch der Glauben.”"

Doch wie die meisten Umstände, die das Denken und das Verhalten des Menschen ausmachen, ist auch der Glaube an Geschichten aus der Twilight Zone nicht nur biologisch vorgegeben. Auch Lebenserfahrungen tragen dazu bei, oder besser: Fehlinterpretationen und falsche Deutungen von Erlebtem. Der Drang zum Paranormalen entstammt dem menschlichen Wunsch, Bedeutung zu sehen. Auch da, wo keine ist. Es bleibt die "Hoffnung auf Erlösung” aus der Grauzone zwischen Wissen und Aberglaube.

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