• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 21:05 Uhr Jazz Live
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenAlltagssprache und Wissenschaftssprache04.06.2009

Alltagssprache und Wissenschaftssprache

Symposium der Heidelberger Akademie der Wissenschaften

Wer kürzlich die Steuererklärung machte, dürfte an manchem Satz verzweifelt sein: Was meint das denn nun wieder? Genauso geht es dem Laien, wenn er wissenschaftliche Aufsätze liest. In solchen Fällen scheint Sprache als Mittel der Verständigung zu scheitern. An der Heidelberger Akademie der Wissenschaften fand nun ein Symposium "Wissenschaft und Gesellschaft. Ihre Begegnung in der Sprache" statt.

Von Cajo Kutzbach

Reden, dass der andere einen versteht, ist nicht immer leicht.  (intuitivmedia.net)
Reden, dass der andere einen versteht, ist nicht immer leicht. (intuitivmedia.net)

"Wissenschaftler reden untereinander, wenn überhaupt. Die Gesellschaft redet über alles, nur nicht miteinander." Auf diesen, an Karl Valentin angelehnten, Nenner brachte der Präsident der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Professor Hermann Hahn, das Problem der Kommunikation zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Die Fachsprachen der einzelnen Wissenschaften, aber auch der Berufe führen dazu, dass es schwierig ist miteinander zu reden.

Schon im Mittelalter suchte man nach der "vollkommenen Sprache". Aber die kann es nicht geben, denn dazu müssten alle Menschen bei der Beurteilung aller Begriffe der Welt übereinstimmen. Aber grade die Ungenauigkeit, das nicht eindeutige zeichnet erfolgreiche Sprachen aus. Der Germanist Prof. Ludwig Eichinger, Leiter des Institutes der Deutschen Sprache in Mannheim:

"Also eindeutige natürliche Sprachen, ich denk, das ist fast ein Widerspruch in sich, weil natürliche Sprachen immer an gewissen Enden Vagheit zulassen müssen, sonst dauert die Kommunikation ewig. Andererseits ist die Vagheit in den Sprachen an unterschiedlicher Stelle eingebaut. Es stimmt, dass das Englische sehr stark idiomatisch und daher im Wortschatz aufwendig ist. Aber das tritt dann häufig erst in Stufen zutage, die die meisten fachsprachlichen Kommunikationen, für die wir international Englisch verwenden nicht betrifft, sodass Englisch in dieser Hinsicht wirklich ein ganz nützliches Werkzeug ist."

Dieses Englisch, manchmal "Englisch Zwei" genannt, ist irgendwo zwischen Pidgin-English, also einer im Alltag entstandenen Hilfssprache, und korrektem Englisch angesiedelt. Mancher, der seine Doktorarbeit in diesem Englisch schrieb, ist unfähig einen englischen Roman zu lesen, geschweige denn zu genießen. Für die Naturwissenschaften sieht es der emeritierte Freiburger Biologieprofessor Hans Mohr so:

"Ja, das ist ein ungeheurer Vorteil. Auf diese Weise haben wir eine weltweite Kommunikation aufgebaut, die tatsächlich funktioniert. Ich glaube nicht, dass man heute noch die Arbeiten beachten muss, die in Nationalsprachen geschrieben sind. Primär! Das bedeutet nicht, dass der Unterricht und die Unterrichtung der Bevölkerung in den einzelnen Nationalstaaten nicht die Nationalsprachen noch benützen sollte. Aber als wissenschaftliche Universalsprache haben die früher üblichen Nationalsprachen, wie Deutsch, Französisch, Englisch one, die haben ausgedient."

Damit entsteht eine Situation ähnlich wie im Mittelalter, als wichtiges Wissen nur dem zugänglich war, der Latein konnte. Dabei war der Schritt vom klösterlich geprägten Latein zu den Nationalsprachen im 17. Jahrhundert ein Spiegel des Wandels vom statischen Weltbild der Kirche zum dynamischen Weltbild der Wissenschaft. - Der neuerliche Wechsel zur Weltsprache Englisch spiegelt die Notwendigkeit wieder, weltweit zusammen zu arbeiten.

Dass fast alle mitreden möchten, weiß auch Hans Mohr. Er plädiert für einen verstärkten Fachjournalismus, der das Wissen erschließen soll. Doch heute ist die Tendenz gegenläufig, und das Wissen, um mitreden zu können, ist immer weniger Menschen zugänglich:

"Leider muss ich das auch sagen! Das hängt damit zusammen, dass die Entwicklung, sagen wir Gentechnik, oder moderne Medizin, etwa Molekularphysiologie, Molekulartherapie, dass das rapide sich entwickelt hat, ohne, dass das öffentliche Bewusstsein und das öffentliche Informiertsein hier mitgezogen hat. "

Dabei spielt auch eine Rolle, dass durch die Veröffentlichung in Englisch manche Begriffe nicht mehr in den Nationalsprachen geschaffen werden. Damit geht Anschaulichkeit verloren, denn die Muttersprache prägt das Bewusstsein und das Denken. Ludwig Eichinger:

"Für die Muttersprache beziehungsweise auch ein bisschen gegen die Hilfssprache spricht, dass die Hilfssprache eben genau das ist, was man sagt, eine Hilfssprache, so dass die Genauigkeit meistens in der Hilfssprache nicht so hoch ist."

Das ist ein Vorteil, wenn man grundsätzliche Strukturen erkennen will, etwa in den Naturwissenschaften, aber ein Nachteil, wenn es darum geht Feinheiten auszudrücken. Deshalb ist die Hilfssprache "Englisch zwei" in den Geisteswissenschaften viel weniger verbreitet.

In der Juristerei, wenn es um feine Unterschiede geht, und wenn viel davon abhängt, dass die Verständigung gelingt, gäbe es drei verschiedene Formen der Sprache, erklärte der ehemaliger Richter am Bundesverfassungsgericht und Direktor des Institutes für Finanz- und Steuerrecht der Universität Heidelberg, Prof. Paul Kirchhof: Bei den Zehn Geboten oder im Grundgesetz klare, einfache Worte, in den Ausführungsbestimmungen, etwa Steuerrecht oder Straßenverkehrsordnung, Genauigkeit, aber oft zu Lasten der Sprache, und drittens, damit das vor Gericht nicht zum Nachteil wird, die mündliche Verhandlung, in der der Richter das statische Gesetz mit dem dynamischen Leben verbinden sollte, denn …:

"Es gibt keine Normen, die nicht der Interpretation bedürfen, weil das Leben vielfältiger ist, als der Gesetzgeber vorhersehen kann."

Dabei spielen die grundsätzliche Ungenauigkeit der Sprache, ihre Lebendigkeit und ihr ständiger Bedeutungswandel eine Rolle. Das bedeutet aber, dass auch Wissenschaft sich dem Urteil der Bürger in deren Sprache stellen muss. Das gilt natürlich ebenso für die Politik. Dennoch beruhigte der Sozialwissenschaftler und Bundestagspräsident Prof. Norbert Lammert die Sprachwissenschaftler in seiner Rede:

"Die Schwierigkeiten im Verhältnis von Politik und Wissenschaft sind im Kern nicht ein Problem der Sprache, nicht ein Problem der Verständigung, sondern sie hängen zusammen mit ihren ganz unterschiedlichen Aufgaben und Ansprüchen."

Wissenschaft strebt nach Wahrheit; Politik nach Handlungsmöglichkeiten. Wissenschaft kennt jedoch stets nur den jeweiligen Stand des Wissens, nie eine endgültige Wahrheit.

"Die Aussichtslosigkeit der abschließenden Beantwortung dieser Frage: Was ist Wahrheit?, ist zugleich die Voraussetzung für Demokratie. Das zentrale Prinzip demokratischer Entscheidung, nämlich die Mehrheitsentscheidung, hat zur logischen Voraussetzung, dass es keine Wahrheitsansprüche gibt.

Über Wahrheiten lässt sich nicht abstimmen. Wenn ich mich einer Abstimmung unterwerfe hat die Rationalität dieses Verhaltens zur logischen Voraussetzung, dass ich für meine Position keinen Wahrheitsanspruch reklamieren kann. So wie ich gleichzeitig mit der gleichen Plausibilität Wahrheitsansprüche von Anderen akzeptiere."

Die Demokratie ist also durchaus dazu konstruiert, trotz der Ungenauigkeit der Sprache und der grundsätzlichen Ungewissheit, Ergebnisse zu erzielen, mit denen die Bürger leben können.

Es klang fast wie eine Mahnung an die Wahlkämpfer, als Norbert Lammert hervorhob:

"Es gehört zu den ebenso weit verbreiteten, wie bedenklichen Verirrungen der politischen Kultur in Deutschland, dass sich bei uns Mehrheiten immer wieder gerne einreden, dass Vorhandensein ihrer Mehrheit sei der Nachweis für die Richtigkeit der eigenen Position. Das Gegenteil ist richtig. Hätte man die Richtigkeit der eigenen Position nachweisen können, hätte gar keine Abstimmung stattfinden müssen. Sie hat überhaupt nur stattgefunden, weil niemand einen solchen Anspruch erheben, geschweige denn belegen konnte."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk