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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenAlte Kulturen - Neue Medien15.04.2010

Alte Kulturen - Neue Medien

Die Islam- und Regionalwissenschaften untersuchen neue Formen der Kommunikation

Die sogenannten Neuen Medien spielen längst auch in Ländern des Südens und des Nahen Ostens eine wachsende Rolle für die Kommunikation. Verändern moderne Medien diese Gesellschaften im Zeitraffer? Und wie reagieren die deutschen Islam- und Regionalwissenschaften auf diese Entwicklung?

Von Bettina Mittelstraß

In vielen Ländern wurde das Telefonfestnetz einfach übersprungen. (AP Archiv)
In vielen Ländern wurde das Telefonfestnetz einfach übersprungen. (AP Archiv)

"Medien verändert definitiv die Gesellschaft. Es ist jetzt nur die Frage, inwiefern sie das tatsächlich tun, welche Effekte sie tatsächlich haben. Und wenn wir uns die islamische Welt anschauen, dann ist der Sprung in der Mediennutzung ein viel stärkerer als in den westlichen Gesellschaften. Also wir haben einen massiven Anstieg an Internetnutzung. Wir haben gleich den Telefonmarkt übersprungen. Es gibt gar nicht so viele Festnetztelefone, wie es Handys gibt in der arabischen Welt oder auch in Afrika. Und das muss man natürlich schon sehen, also die Dynamiken sind sehr stark."

Deshalb stürzen Internetplattformen wir Twitter oder Facebook jedoch noch lange keine Diktatur im Iran, sagt Carola Richter vom Seminar für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Erfurt. Wie ist die Veränderung durch neue Mediennutzung tatsächlich einzuschätzen?

"Wenn irgendwo was passiert, gibt es immer so dieses 'Wer könnte dafür zuständig sein?' Die Journalisten fragen ständig: 'Was ist denn da passiert? Erklären Sie das mal.' Und wenn sie bisherige Islamwissenschaftler oder normale Regionalwissenschaftler fragen, die können das nicht erklären. Und warum können sie das nicht erklären? Weil sie sich damit gar nicht beschäftigen."

Bettina Gräf ist Postdoktorandin an der Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies der Freien Universität. Gemeinsam mit Nadja-Christina Schneider, Professorin am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften der Humboldt Universität stellt sie die Frage in den Raum: Wo sind eigentlich die wissenschaftlich ausgebildeten Experten für Medien UND für islamisch geprägte Gesellschaften im Nahen Osten, in Indien oder in Afrika?

"Es gibt Leute, die sich dann als Medienexperten darauf spezialisiert haben, bei bestimmten Ereignissen zu antworten. Aber ob die immer in einem wissenschaftlich akademischen Austausch mit denen stehen, die sich auch für Mediengeschichte und überhaupt für Geschichte und Hintergründe interessieren, ist nicht immer gegeben. Es ist fraglich."

"Es ist klar, dass Medienschaffende selber Themen und Kontexte identifiziert haben, die relevant sind. Und das ist kein Problem, wenn Wissenschaftler das anerkennen, dass das Felder sind, die zwar zuerst in den Medien entdeckt wurden, aber die wir jetzt aufgreifen sollten."

Genau darum bemühte sich die Berliner Konferenz. Sie fächerte in einem thematisch breit angelegten Strauss auf, was an Medienforschung in Asien- Islam- oder Politikwissenschaft derzeit passiert. Die Fallbeispiele reichten von der Blogszene im Libanon und Ägypten über marokkanische Frauen, die sich über Internet vernetzen, die Darstellung von Frauen in türkischen Zeitungen bis hin zu indischen Bollywoodproduktionen und privaten Radiosendern in Tunesien. Unterschiedliche Medienproduzenten und ihre Nutzer setzten überall mit neuen Kommunikationstechnologien verschiedene Gesellschaften in Bewegung. Die Frage bleibt: wie? Vorschnell, sagt Bettina Gräf, erwarten hierzulande die Kommunikations- und Medienwissenschaftler aus der deutschen Geschichte heraus ganz bestimmte Effekte:

"Mediennutzung und vor allem Pluralität innerhalb der Medienlandschaft führt zu Demokratisierung. Das hat uns alle beschäftigt, das ist gerade in der deutschen Nachkriegsgeschichte wichtig. Wenn wir jetzt aber mit genau demselben Blick und der Erwartung in andere Länder gehen und andere Regionen, dann können wir nur das sehen! Dann können wir auch nur sehen: hopp oder top oder flopp, ja oder nein. Wenn wir mit einer anderen Erwartung da rein gehen, die sich mehr daran orientiert, was aus der eigenen Geschichte erwächst, dann können wir auch andere Entwicklungen sehen. Wie überlappt sich denn sowohl die Nutzung aber auch die Produktion? Welche Medien werden denn miteinander verbunden und warum? Wer steckt dahinter? Welches Geld? Welche Intention? Aber wie frei und kreativ gehen auch Medienhörer und Nutzer damit um? Und das ist ganz interessant zu sehen, dass sich das nicht unbedingt gleicht mit dem, was wir aus Deutschland, Frankreich oder England kennen, aber zum Teil schon. Bloß, wir müssen es untersuchen, sonst können wir keine Aussagen darüber treffen!"

Wandel durch Mediennutzung kann zum Beispiel in Ländern des Nahen Ostens anders kommen als erwartet, sagt der Politikwissenschaftler Christoph Schumann, Professor an der Universität Erlangen, auch wenn sich Entwicklungen, wie die Privatisierung von Fernsehen oder Radio ähneln.

"Die autoritären Regime haben sehr stark verstanden, die Privatisierungen so durchzuführen, dass sie trotzdem die politische Kontrolle behalten konnten. Also ein Beispiel, was gerade hier auf der Konferenz präsentiert wurde, ist Radio Zitouna in Tunesien. Ein islamischer Radiosender, der aber lizenziert wurde durch das Regime, bewusst zugelassen worden, möglicherweise aus politischen Gründen. Das Neue an diesem Radiosender ist, dass er ein sehr stark islamisches Profil präsentiert seinen Zuhörern, was eine neue Erfahrung für die Tunesier ist, die bis dato eigentlich nur mit säkularen Rundfunk- und Fernsehanstalten zu tun hatten."
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Die tunesische Gesellschaft scheint sich also unter dem Einsatz von Medien zu islamisieren. Doch auch das ist zu eng betrachtet. Der Kontext muss weiter gefasst werden.

"Es gibt nach wie vor eine konservative Welle, die durch die Gesellschaften im gesamten Nahen Osten hindurchgeht. Nicht nur durch die muslimischen Gesellschaften, sondern auch in Israel zu bemerken ist. Das hat nicht immer politische Folgen. Das handelt sich nicht immer um fundamentalistische Bewegungen im engeren Sinne, sondern sehr stark auch um pietistische Bewegungen, Menschen, die ihre religiöse Identität suchen und sie verbinden mit einem neuen, konservativen, aber sehr nach Außen ostentativen Lebenswandel."

Noch andere Fallen lauern, betrachtet man die Entwicklung von Medien immer nur von West nach Ost oder Süd, sagt Christoph Schumann:

"Bei der Übertragung auf nicht-europäische Gesellschaften, insbesondere im Nahen Osten, wird häufig von den Leuten, die vor Ort forschen, kritisiert, dass die Bedeutung der Medien völlig überbewertet wird. Weil Medien in diesen Gesellschaften zwar vorhanden sind, aber letztlich nur von einer relativ kleinen Schicht rezipiert werden. Das hängt mit vielen Gründen zusammen, mit dem Zugang zu Medien, mit dem Zugang zu Elektrizität, der im subsaharischen Afrika natürlich nicht überall gegeben ist. Bei Printmedien insbesondere natürlich mit der Analphabetenquote, die unterschiedlich hoch sein kann. Von daher betonen solche Leute, dass es in außereuropäischen Gesellschaften und insbesondere in der islamischen Welt eine Reihe von Formen von Öffentlichkeiten gibt, die eben nicht über Medien vermittelt werden, sondern sehr stark über personale Beziehungen, sei es im familiären Kontext oder im religiösen Kontext."

Kommunikation über Familien, Moscheen oder Kaffeehäusern bilden also weiterhin eine Öffentlichkeit, die nicht einfach durch die Internetplattformen oder andere Medien ersetzt wird.

"Der Fehlschluss ist gefährlich, und er ist aber häufig präsent, weil natürlich unser westlicher Zugang zu den Ereignissen in diesen Ländern häufig über die Medien ist, da auch die Wissenschaftler in Europa und im Westen zunächst mal das rezipieren, was in den Medien vor Ort, auch in entsprechenden Sprachen berichtet wird und diskutiert wird. Aber das präsentiert natürlich einen relativ kleinen Ausschnitt dessen, was wirklich vor Ort diskutiert wird und was wirklich vor Ort passiert."

"Wir sollten erst mal fragen: Was können wir mit Blick auf wissenschaftliche Kompetenz im Bereich Medienforschung erst mal selbst lernen? Unsere eigene wissenschaftliche Medienkompetenz muss erweitert werden. Das halte ich für dringend erforderlich im Moment."

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