Kultur heute / Archiv /

 

Alte Meister zwischenparken

CDU-Kulturexpertin unterstützt Interimslösung im Streit um Berliner Gemäldegalerie

Monika Grütters im Gespräch mit Burkhard Müller-Ullrich

Die Berliner Museumsdebatte hat die Kulturpolitik erreicht.
Die Berliner Museumsdebatte hat die Kulturpolitik erreicht. (picture alliance / dpa - Hans Joachim Rech)

Die Vorsitzende des Kulturausschusses des Bundestags, Monika Grütters, unterstützt den Vorschlag von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (beide CDU) im Berliner Museumsstreit. Die Alten Meister aus der Gemäldegalerie vorübergehend im Kronprinzen- oder Kronprinzessinnenpalais zu zeigen, wäre eine "wunderbare Lösung", sagte Grütters am Dienstag dem Deutschlandfunk. Grütters verteidigte in diesem Zusammenhang das Vorhaben, die Alten Meister auf die Museumsinsel zu verlagern und am Kulturforum einen Schwerpunkt für die Kunst der Klassischen Moderne einzurichten. Am Kulturforum fristeten die Alten Meister "ein trostloses Dasein", weil sie nicht die Zahl an Besuchern erhielten, die sie verdienten.

Burkhard Müller-Ullrich: Vor zweieinhalb Wochen schlug die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" Alarm und schrieb, diese Umwidmung der Gemäldegalerie sei, "als würde man einen Rolls-Royce zum Gemüsetransporter umbauen wollen" und es liege "eine typisch Berliner Mischung aus Verantwortungslosigkeit und Großkotzigkeit darin, auf diese Weise Werte zu vernichten und mit nicht vorhandenem Geld um sich zu schmeißen". – So die "FAZ". Nun haben wir den Salat, beziehungsweise die Berliner Kulturpolitik hat ihn; es hagelt Proteste von allen Seiten gegen den als Rochade bezeichneten Plan. - Rochade deswegen, weil ein anderer Bau auf der Museumsinsel, gegenüber dem Bode-Museum, als neues Domizil der Alten Meister hergerichtet werden soll. Mann weiß bloß noch nicht genau, wann. Und bis dahin sollen die Bilder von Botticelli, Rubens, Tizian, Dürer und Co. – also alles Erste Liga – im Magazin verschwinden. Das ist der eigentliche Skandal. Kulturstaatsminister Bernd Neumann versucht inzwischen, die Protestwogen zu glätten; heute erklärte er, "dass keine übereilten Entscheidungen getroffen werden" sollen. - Frage an Monika Grütters, Vorsitzende des Bundestags-Kulturausschusses: Also waren die bisher getroffenen Entscheidungen übereilt?

Monika Grütters, hochschulpolitische Sprecherin der CDU/CSU-BundestagsfraktionMonika Grütters: "Das Misstrauen gegenüber dem Bund ist nicht begründet." (Deutscher Bundestag) Monika Grütters: Ich denke, dass wir es kommunikativ vielleicht noch besser hätten machen können – wir, das ist der Bund, der mit zehn Millionen Euro in einem Nachtragshaushalt eine einmal eingeschlagene Entwicklung zu einem Masterplan für die Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz beschleunigen wollte und sich plötzlich am Pranger wiederfindet, in einer kulturkampfähnlichen Debatte, in der plötzlich die klassische Moderne gegen die alten Meister ausgespielt wird und sich die Geldgeber und die Museumsdirektoren verteidigen müssen. Das ist ungewöhnlich und das habe ich so auch noch nie erlebt.

Müller-Ullrich: So kann es gehen, wenn man das Gute will. Aber hätte man nicht mit Fachleuten vorher reden sollen?

Grütters: Also ich finde ehrlich gesagt, dass die Verteidigung der Alten Meister, so sympathisch sie jetzt in aller Öffentlichkeit ja ist, über ihr eigenes Ziel hinausschießt, wenn man von diesen Experten, zumindest denen im Feuilleton, plötzlich liest, dass Museumsdirektoren große Kulturschänder sind, dass hier von barbarischen Akten die Rede ist, dass Direktoren angeblich ihre Sammlung verraten. Der Masterplan ist seit dem Jahr 2000 bekannt, wir haben ihn im Kulturausschuss des Deutschen Bundestages wiederholt beraten, jeder einzelne Schritt, auch der Umzug der Alten Meister auf die Museumsinsel ins Bode-Museum, auch die Pläne für einen neuen Bau gegenüber dem Kasernengelände, und dass jetzt dieser Aufschrei in dieser Weise erfolgt, finde ich bizarr, denn es ist bekannt, dass die Alten Meister im Kulturforum fremd sind, dass die Museumsinsel unvollendet bliebe, wenn die Alten Meister da nicht wären. Also dass das alles nicht zusammengebracht wird und jetzt so eine Aufregung hervorruft, das wundert mich schon, denn das zeigt, dass viele ein bisschen zu spät reagieren.

Müller-Ullrich: Hat es vielleicht auch mit veränderten Rahmenbedingungen zu tun – und damit meine ich vor allem mit einem gewissen Vertrauensschwund? Natürlich, wenn es sich nur darum handelt, die Alten Meister einmal für fünf Minuten irgendwo zu parken, wäre der Aufschrei vielleicht weniger groß, als wenn man sich auf eine Herrichtung eines erst noch umzubauenden Gebäudes verlassen muss. Wenn ein Großflughafen nicht mal zeitgerecht eröffnet werden kann, dann wird das bei einem Museum vielleicht auch passieren – in Berlin.

Grütters: Also dafür habe ich sogar Verständnis. Deshalb finde ich auch, wir dürfen nichts überstürzen, weder an Planung, noch an ersten Schritten, die dann nicht rückholbar wären, wenn nicht das Ende absehbar und auch geplant ist. Aber ich muss auch in diesem Zusammenhang daran erinnern, dass der Bund für Baumaßnahmen auf der Museumsinsel ein Gesamtvolumen von 1,38 Milliarden Euro längst beschlossen hat. Also das steht nicht in den Sternen, das ist beschlossen. Und bis heute sind mehr als eine halbe Milliarde in diese Maßnahmen hineingeflossen und alle Maßnahmen sind früher und mit mehr Geld fertig geworden. Ob das das Bode-Museum, das Neue Museum, das jetzt begonnene Eingangsgebäude sind, das Misstrauen gegenüber dem Bund und seinen Maßnahmen gerade in diesem Kontext ist wirklich abwegig, ist nicht begründet. Um wie viel mehr wird das gelten für eine so bedeutende Sammlung wie die Alten Meister! Nur ich hätte mich gefreut, wenn dieses große Lamento für die Alten Meister früher begonnen hätte, denn sie fristen am Kulturforum ein trostloses Dasein. 277.000 Besucher haben wir am kompletten Kulturforum, mit Kunstgewerbemuseum, mit Musikinstrumentenmuseum, mit Kupferstichkabinett, mit der Gemäldegalerie gehabt. Im gleichen Zeitraum hat alleine die Galerie Alter Meister in Dresden mit 590.000 fast mehr als das doppelte angezogen. Da weiß doch jeder Freund Alter Meister, dass wir sie erlösen müssen und natürlich dahin bringen, wo sie ein Millionenpublikum bekommen, nämlich auf der Museumsinsel.

Müller-Ullrich: Aber dass einer spät kommt, bedeutet nicht, dass er Unrecht hat, und in dem Fall heißt es ja, da wo die Alten Meister jetzt sind, sind sie eigentlich optimal platziert, zumal ja auch für sie die klimatischen und so weiter Bedingungen erst geschaffen wurden.

Grütters: Sie sind in den Ausstellungsräumen optimal platziert, das finde ich auch – als eine regelmäßige Besucherin übrigens. Aber die stadträumliche architektonische Situation des Kulturforums selbst ist absolut vertrackt. Da ist ein Parkplatz und eine Wurstbude davor und man muss die Alten Meister wirklich suchen. Und deshalb glaube ich, dass wir in der langfristigen Planung den Alten Meistern den größten Gefallen mit einer Verlagerung auf die Museumsinsel tun und dass der Sammlungskontext klassische Moderne 20. Jahrhundert am Kulturforum in sich schlüssig ist mit dem benachbarten Mies-van-der-Rohe-Bau, denke ich, wissen auch die, die jetzt die Alten Meister verteidigen. Aber was wir tun müssen – und wenn das vielleicht das Positive dieses Lamentos ist -, ist: wir müssen über die temporäre Unterbringung dieser Alten Meister bis zum endgültigen Umzug auf die Museumsinsel und auch einen Neubau dort nachdenken und wir müssen mehr Tempo bei der Umsetzung machen. Ich hoffe, dass die Idee, sie im Kronprinzen-Palais zwischendurch zu zeigen, oder im Kronprinzessinnen-Palais, jetzt auch eine ebenso große Gemeinde findet, denn das fände ich eine wunderbare Lösung. Da sind sie besser als im Kulturforum und da sind sie, glaube ich, als Hinweis auf die Museumsinsel auch eine ganz gute Wegmarke.

Müller-Ullrich: Also würden Sie sagen, es bleibt beim Plan, oder gibt es doch noch einen Einstieg in den Ausstieg?

Grütters: Nein. Ich hoffe, dass es beim Masterplan der Stiftung Preußischer Kulturbesitz bleibt, weil der in jeder Hinsicht überzeugend ist, und ich glaube, dass die Museumsinsel ohne die Alten Meister unvollendet bliebe und dass wir allen Ehrgeiz haben müssen, sie dort mindestens genauso prächtig zu präsentieren wie jetzt am Kulturforum. Da täten wir der klassischen Moderne und den Alten Meistern einen großen Gefallen.

Müller-Ullrich: Monika Grütters war das, die Vorsitzende des Kulturausschusses des Deutschen Bundestages, zu dem Hickhack um das vielleicht ambitionierteste deutsche Museumsprojekt derzeit und in absehbarer Zeit, nämlich die Umgestaltung der Berliner Gemäldegalerie.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

KulturförderungWieder Leben in Cleveland

Playhouse Square in Cleveland, Ohio

In den Fünfzigern war Cleveland die Stadt des Rock`n Roll. Fünfzig Jahre hatten Wirtschaftskrisen und Armut ihre Spuren hinterlassen und über die Hälfte ihrer Einwohner vertrieben. Nun holt sich die Stadt die Menschen zurück.

Kulturboykott russischer Medien"Man reagiert in der Ukraine über"

Ein Filmprojektor

Russland stelle die ukrainische Identität in Frage. Dagegen wehrt sich die Ukraine "mit untauglichen Mitteln", kritisiert Russlandexperte Hans-Henning Schröder von der FU Berlin im DLF. Er hoffe "auf den gesunden Menschenverstand der ukrainischen Elite", um einen Boykott russischer Medien zu vermeiden.

Salzburger Festspiele 2014Holocaust-Schicksal als revuehafter Bilderbogen

Festspielhäuser an der Hofstallgasse in Salzburg.

Im Zuge der Salzburger Festspiele 2014 wird eine Uraufführung von Marc-Andrés Dalbavies Oper "Charlotte Salomon" gezeigt. Darin geht es um die Lebensgeschichte der gleichnamigen jüdischen Protagonisten, die im Alter von 26 Jahren in Ausschwitz ermordet wurde.

 

Kultur

Frans MasereelHolzschnitte für den Frieden

Der belgische Grafiker und Maler Frans Masereel

Frans Masereel erlebte die Widersprüche im Berlin der Vorkriegszeit. Seine Holzschnitte waren Appelle an den Frieden und wurden von Hitler verboten. Heute vor 125 wurde der Künstler geboren.

Kulturboykott russischer Medien"Man reagiert in der Ukraine über"

Ein Filmprojektor

Russland stelle die ukrainische Identität in Frage. Dagegen wehrt sich die Ukraine "mit untauglichen Mitteln", kritisiert Russlandexperte Hans-Henning Schröder von der FU Berlin im DLF. Er hoffe "auf den gesunden Menschenverstand der ukrainischen Elite", um einen Boykott russischer Medien zu vermeiden.

Kinostart: Die Geliebten Schwestern"Ein paar Briefe habe ich auch neu erfunden"

Dominik Graf

Dominik Grafs neuer Film "Die Geliebten Schwestern" erzählt eine Ménage à trois zwischen dem Dichter Friedrich Schiller und zwei mittellosen adlige Schwestern. Welche Erzähltricks er anwendet und warum der ARD-Krimi Tatort Daumenlutschfernsehen ist, verrät er im Corsogespräch.