Sonntag, 21.01.2018
StartseiteDie neue PlatteBittere Tränen am leeren Grab Jesu25.03.2016

Alte MusikBittere Tränen am leeren Grab Jesu

Am Fuße des Kreuzes weint sie bittere Tränen: Maria Magdalena ist reuige Sünderin und treue Jüngerin Jesu - und eine der faszinierendsten Frauenfiguren der Bibel. Ihr ist die neue CD gewidmet, die der Belgier Nicolas Achten und sein Ensemble "Scherzi Musicali" gerade beim Label Ricercar vorgelegt haben.

Von Helga Heyder-Späth

Ein Grabstein mit eingraviertem Kreuz steht am 22.10.2015 hinter einem gelben Grabgesteck auf dem Hauptfriedhof in Frankfurt am Main/Hessen.  (dpa / picture alliance / Alexander Heinl)
Maria Magdalena ist eine wichtige Frau der Bibel. (dpa / picture alliance / Alexander Heinl)

Antonio Bertali, Sonata – O Madre sconsolata, aus: La Maddalena

Musik von Antonio Bertali steht im Mittelpunkt der neuen CD, die Nicolas Achten und sein Ensemble "Scherzi Musicali" der Maria Magdalena widmen. In ihrer Rolle haben Sie gerade Deborah Cachet gehört.

Bertali wurde 1649 Kapellmeister am Kaiserhof in Wien. Mitte des 17. Jahrhunderts standen die Italiener dort hoch im Kurs. Sie brachten nicht nur die Oper mit an die Donau, sondern auch das Oratorium. Daraus entwickelte sich bald eine besondere Wiener Spielart, das sogenannte Sepolcro. Diese Grabes-Musiken wurden in der Karwoche aufgeführt und betrachteten in einigermaßen theatralischen Inszenierungen die Kreuzigung und Grablegung Christi. Die Sänger agierten kostümiert vor einem Bühnenbild, das vor allem das Grab zeigte. Schauplatz der Sepolcro-Aufführungen war aber nicht etwa ein Theater, es waren die Privatkapellen von Kaiserin und Kaiser.

Schon vor einigen Jahren ist der belgische Sänger, Instrumentalist und Ensembleleiter Nicolas Achten bei seinen Recherchen in der Wiener Nationalbibliothek auf das einzige überlieferte Sepolcro von Antonio Bertali gestoßen. "La Maddalena" wurde in der Karwoche 1663 in Wien uraufgeführt.

Antonio Bertali: Lagrimae amare, La terra s'inondi, aus: La Maddalena

Im ersten Teil von Bertalis Sepolcro "La Maddalena" treten zunächst zwei allegorische Figuren auf, um die beiden wesentlichen Eigenschaften vorzustellen, die Magdalena für die christliche Auslegung interessant machen, nämlich "Pentimento" – "die Reue" – und "Amor verso Dio" – die "Liebe zu Gott".

Gerade wurden sie gesungen von dem Tenor Reinoud Van Mechelen und von dem Bass Sönke Tams Freier.

Erst im zweiten und dritten Teil tritt dann Magdalena auf. Und dazu gesellen sich Maria und zwei nicht näher benannte Sünder. Sie alle beklagen in tiefster Trauer den Tod Jesu und hoffen zugleich voller Zuversicht auf dessen Auferstehung.

Das Libretto zu Bertalis Sepolcro stammt von Antonio Draghi und bietet reichlich Gelegenheit zur Darstellung menschlicher Emotionen. Bertali greift das in seiner spannungsvollen Musik auf. Und in seiner Interpretation von Bertalis "Maddalena" stellt Nicolas Achten zusammen mit seinem Ensemble "Scherzi Musicali", das in diesem Jahr übrigens sein zehnjähriges Bestehen feiert, einmal mehr unter Beweis, welche beeindruckende Unmittelbarkeit die Musik des 17. Jahrhunderts haben kann, wenn man sie nur beim Wort nimmt. Ihre Text ausdeutenden und expressiven Qualitäten kommen bei "Scherzi Musicali" jedenfalls bestens zur Geltung.

Bertalis "Maddalena" hat da Einiges zu bieten. Das Werk wartet nicht nur mit intensiven Solo-Partien auf, sondern auch mit erstaunlich vielen Ensemblesätzen. Dazu kommt eine ungewöhnlich farbige Instrumentierung mit bis zu fünf Gamben, zwei stillen Zinken und Violine.

Achten ergänzt nach guter Wiener Tradition noch zwei Posauen und präsentiert außerdem eine erfreulich üppige Continuo-Besetzung. All das verleiht seiner Interpretation eine besondere Klangsinnlichkeit, unter anderem im Schlusssatz:

Antonio Bertali, Se nutri di speranza, aus: La Maddalena

Nicolas Achtens Interpretation von Antonio Bertalis Sepolcro "La Maddalena" ist eine wirklich lohnenswerte Entdeckung, präsentiert von einem homogenen, stilsicheren Sängerensemble, das die vielen Ausdrucksebenen in Bertalis Musik mit hörbarer Freude auskostet. Sehr gelungen wirft diese Ersteinspielung ein neues Licht auf Bertali, der auf dem CD-Markt und im Konzertleben bisher fast nur mit seinen Instrumentalwerken präsent ist. Außerdem gibt sie uns eine Ahnung davon, mit welcher Theatralik die Karwoche Mitte des 17. Jahrhunderts am Wiener Kaiserhof begangen wurde.

Da Bertalis Werk nicht CD-füllend ist, hat Achten einige reizvolle Werke ergänzt. Und er lädt damit nach Mantua ein. Dort stand Maria Magdalena schon 1617 im Mittelpunkt einer szenischen Aufführung, die damals nicht im kirchlichen Rahmen, sondern in einem weltlichen Zusammenhang stattfand. Und zu diesem Theaterstück gab es musikalische Einlagen, die von verschiedenen Komponisten stammen.

Es sind madrigaleske Werke, die in einem eigenen Druck veröffentlicht wurden. Zu dem Komponistenkollektiv gehörte auch der ehemalige Hofkapellmeister von Mantua: Claudio Monteverdi. Er war damals zwar schon einige Jahre Kapellmeister in Venedig, aber für die Magdalena-Aufführung taucht Monteverdi in Mantua noch einmal an prominenter Stelle auf: Von ihm stammt der umfangreiche Prolog, in dem kein anderer als Cupido auftritt, der Gott der Liebe.

Claudio Monteverdi: Prologo: Su le penne de' venti (Ausschnitt)

Dass der Belgier Nicolas Achten ein musikalischer Allrounder ist, hat er in den letzten Jahren immer wieder unter Beweis gestellt. Auch diesmal ist er nicht nur an Harfe, Laute und Cembalo zu hören, sondern – wie eben – außerdem als Sänger. Achtens neue CD zeigt zum einen sehr schön, welche Entwicklung die expressive Vokalmusik der Italiener in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts nimmt. Zum anderen beleuchtet sie facettenreich die Person der Maria Magdalena, als reuevolle und treue Anhängerin Jesu. Gelegentlich werden dabei aber auch die weiblichen Reize der Magdalena in den Blick genommen, die in dieser biblischen Figur ja oft mitschwingen. Ein spritziges Beispiel dafür liefert Salomone Rossi mit seinem Madrigal "Spazziam pront'ò vecchiarelle". Es ist ein musikalisches Kleinod, von denen diese durch und durch gelungen Produktion einige zu bieten hat.

Salomone Rossi: Spazziam pront'ò vecchiarelle

!!CD-Infos:
Antonio Bertali: La Maddalena, Scherzi Musicali, Leitung: Nicolas Achten, Ricercar RIC 367 (Vertrieb Note 1)

 

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