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StartseiteForschung aktuellAm Anfang ist das Verstehen31.07.2006

Am Anfang ist das Verstehen

Kinder verstehen kognitive Zusammenhänge noch vor der Sprache

<strong>Psychologie. - Mit etwa einem Jahr beginnen Kleinkinder zu sprechen. Nach den ersten Worten explodiert der Wortschatz geradezu, aber auch Zusammenhänge, verschiedene Zeiten und sozialkognitive Einsichten erkennen und verstehen die Kinder. Jetzt fanden Forscher heraus, dass solche Zusammenhänge bereits vor dem Einsetzen der Sprache erkannt werden.</strong>

Von Michael Stang

Kinder müssen nicht erst sprechen können, um inhaltliche Zusammenhänge zu verstehen. (Stock.XCHNG / tim & annette)
Kinder müssen nicht erst sprechen können, um inhaltliche Zusammenhänge zu verstehen. (Stock.XCHNG / tim & annette)

Welche kognitiven Zusammenhänge verstehen Kinder, bevor sie sich sprachlich der Welt mitteilen können? Eine Möglichkeit dies herauszufinden ist, ihre Gesten zu untersuchen, sagt Ulf Liszkowski.

"Die Grundfragestellung war, was eigentlich das Zeigen bei kleinen Kindern, wenn die gerade damit anfangen, so mit zwölf Monaten, was das eigentlich bedeutet, und da gibt es eine Kontroverse in der Wissenschaft, ob das halt eher schon ein reichhaltiges kommunikatives Verhalten ist oder ob das noch nicht so viel bedeutet und erst mal reines Nachahmen oder Nachäffen, wie man auch sagt, vom Armausstrecken ist, ohne zu verstehen, was man damit eigentlich macht."

Der Psychologe vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig untersuchte dazu mit seinen Kollegen 32 Kinder. Die zwölf bis dreizehn Monaten alten Kleinkinder saßen bei der Studie auf dem Schoß ihrer Mutter. Vor ihnen war ein kleiner Tisch, auf dem sie spielen konnten, gegenüber saß die Versuchsleiterin. Hinter ihr hing ein weißer Vorhang, auf dem entweder links oder rechts für 20 Sekunden eine Handpuppe auftauchte. Dabei wollte Ulf Liszkowski herausfinden, ob und wie die Kinder darauf reagieren und eventuell die Versuchsleiterin darauf hinweisen oder nicht. Entscheidend dabei war, ob die Versuchsleiterin die Handpuppe selbst gesehen hatte, indem sie sich in die gleiche Richtung umdrehte oder in die andere Richtung blickte und die Puppe so nicht sehen konnte.

"Da konnten wir feststellen, dass die Kinder häufiger auf die Handpuppe zeigen, die da plötzlich aufgetaucht ist, wenn die Versuchsleiterin das noch nicht gesehen hat, das heißt also die Kinder informieren tatsächlich die Person über etwas, was sie noch nicht weiß."

Die Psychologen bauten noch eine zweite Variation in die Studie ein: wenn die Versuchsleiterin die Puppe auch gesehen hatte, freute sie sich oder sie blieb neutral. Die Kinder zeigten dann umso mehr auf das Objekt, wenn die Versuchsleiterin positiv reagierte, weil sie die Emotion teilen konnten. Mit diesen Versuchen konnte Ulf Liszkowski zum ersten Mal belegen, dass auch schon Kleinkinder, die noch nicht sprechen können, auf Dinge zeigen, weil sie eine Person auf etwas aufmerksam machen wollen, um diese Information teilen zu können.

"Die Kinder haben bereits ein rudimentäres Verständnis von den psychologischen Zuständen, sprich hier Informationszuständen, anderer Personen. Das ist also ein sehr wichtiges, sozialkognitives Wissen, was häufig Kindern erst mit zwei drei Jahren bisher zugeschrieben worden ist. "

Nachdem die Handpuppe verschwunden war, zeigten die Kinder weiter auf die Stelle, obwohl der Gegenstand nicht mehr zu sehen war. Diesen Vorgang bezeichnen Psychologen als referentielle Kommunikation, die vor allem davon beeinflusst wird, wie die Versuchsleiterin auf die Puppe reagierte.

"Also, das Neue ist im Grunde genommen, dass wir hier erstmals ganz deutlich zeigen konnten, dass Kinder wirklich verstehen, was der andere weiß und nicht weiß oder was er erfahren hat und was nicht erfahren hat und das differenzieren - also ein mit zwölf Monaten noch sehr frühes sozialkognitives Verstehen. Das andere ist, dass Kinder auch ein Motiv haben, zu zeigen und zwar, um sich mit der anderen Person auszutauschen und Interesse und Erfahrung zu teilen. Das heißt also das Motiv der Kommunikation ist nicht nur egozentrisch, dass sie etwas haben wollen, sondern sie wollen auch etwas mit jemandem teilen. Und der dritte Aspekt ist eigentlich der, dass Kinder schon über Dinge kommunizieren können, die so gar nicht sichtbar sind, wenn das Ganze in einem kommunikativen Rahmen eingebettet ist. "

Damit verstehen die Kinder auch schon Zusammenhänge, die sich in der Vergangenheit zugetragen haben und sich nun anders darstellen, da die Handpuppe verschwunden ist. Diese Kommunikation entsteht also noch vor der eigentlichen Sprachentwicklung, die bislang als Startpunkt für sozialkognitive Einsichten angesehen wurde. Am Anfang war also nicht das Wort, sondern schon das Verständnis, auch wenn die Möglichkeiten des Mitteilens ohne die Lautsprache noch eingeschränkt sind.

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