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StartseiteForschung aktuellMehr Krankheitsfälle, erhöhte Sterblichkeit17.11.2017

AntibiotikaresistenzMehr Krankheitsfälle, erhöhte Sterblichkeit

Das Problem ist Wirklichkeit geworden: Es gibt erste Stämme von Erregern, gegen die kein Antibiotikum mehr wirkt. Das werde in den kommenden Jahren die medizinische Versorgung beeinträchtigen, sagen Wissenschaftler. Das Problem ist ein globales.

Von Christine Westerhaus

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Multiresistente Enterobakterien - in einer Petrischale nachgewiesen. (Axel Hamprecht/IMMIH/dpa)
Multiresistente Keime in einer Petrischale (Axel Hamprecht/IMMIH/dpa)
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Mit Antibiotika verhält es sich wie mit Insektiziden: Je häufiger man sie einsetzt, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Schädlinge beziehungsweise Erreger unempfindlich dagegen werden. Es wäre also besser, Antibiotika nur sehr selten und vor allem gezielt einzusetzen. Doch darf man Patienten deshalb einem Risiko aussetzen? Ihm kein Antibiotikum geben, obwohl er womöglich von Bakterien infiziert ist?

Für Joakim Larsson stellt sich hier die größte ethische Frage. Er forscht am Institut für Infektiologie der Göteborg Universität und ist einer der Organisatoren des Meetings.

"Wie wägt man den Nutzen für den einzelnen Patienten ab gegen das Risiko für die ganze Gesellschaft? Wenn man einen Patienten zum Beispiel sofort mit einem Breitband-Antibiotikum behandelt, um sicher zu stellen, dass er eine mögliche Bakterieninfektion auf jeden Fall los wird. Dadurch erhöht sich in der Zukunft das Risiko für alle anderen, weil Bakterien dadurch resistent werden können. Und hier müssen wir eine Balance finden."

Klar ist aber auch, dass das Resistenzproblem vor allem in Ländern auftritt, in denen Antibiotika ohne Verschreibungspflicht im Laden gekauft werden können. Denn wenn diese Medikamente unkontrolliert eingesetzt werden, erhöht sich die Gefahr, dass Bakterien dagegen unempfindlich werden.

In diesen Ländern werden dringend so genannte Reserveantibiotika benötigt, die noch gegen resistente Erreger wirksam sind. Doch wenn auch diese letzten Waffen unkontrolliert eingesetzt werden, werden auch sie viel zu schnell stumpf, meint Otto Cars, Infektionsforscher an der Uppsala Universität. Er leitet seit vielen Jahren das so genannte "ReAct" Netzwerk, das sich aktiv für Maßnahmen gegen Antibiotikaresistenz einsetzt.

Das Problem ist global: Wie beim Klimawandel tragen alle dazu bei

"Hier stellt sich eine große und wichtige ethische Frage, die man polarisieren könnte, indem man sagt: Die reichen Länder sind schließlich diejenigen, die neue Antibiotika herstellen, weil sie durch ihre Pharmaindustrie und Forschung die Möglichkeit dazu haben. Sollen wir diese Medikamente dann nicht für uns reservieren, damit sie nicht durch falsche Anwendung in ärmeren Ländern unbrauchbar werden? Ich persönlich würde das natürlich auf keinen Fall so sehen. Wenn wir aber den Zugang zu diesen neuen Medikamenten überhaupt nicht an Bedingungen knüpfen, ist das auch nicht akzeptabel. Hier müssen wir also einen Kompromiss finden."

Dieses Dilemma ließe sich nur lösen, indem reiche Länder Nationen ohne funktionerende Gesundheitssysteme unterstützen. Zum Beispiel, indem man medizinisches Personal ausbildet, Krankenhäuser mit Laboren ausrüstet, in denen Erreger diagnostiziert werden können. Oder den Zugang zu Reservemedikamenten politisch an Bedingungen knüpft.

Wichtig sei aber, dass auch reiche Länder Eingeständnisse machen, meint Otto Cars. Denn das Problem ist global und wie beim Klimawandel tragen alle dazu bei.

"Auf dem Papier haben inzwischen alle Länder eingesehen, wie groß und komplex das Problem ist. Aber leider gibt es sehr viele Eigeninteressen, zum Beispiel in Ländern mit einem großen Pharmaindustrie-Sektor oder mit Massentierhaltung. Es wird dauern, bis diese Nationen sich auf Maßnahmen verständigt haben - wie zum Beispiel die Anwendung von Antibiotika in der Tierhaltung zu vermeiden und ärmeren Ländern zu helfen. Auf der anderen Seite ist das Problem aber inzwischen auch viel stärker ins Bewusstsein gerückt. Und deshalb sind wir in einer besseren Lage als noch vor vier, fünf Jahren."

Eigeninteressen: ein großer Pharma-Sektor oder Massentierhaltung

Bis das Problembewusstsein in konkrete Maßnahmen übersetzt wird, werden also noch viele politische, aber auch wissenschaftliche Treffen stattfinden. Meetings, bei denen - anders als bei dem jetzigen Treffen in Göteborg - auch Forscher der am stärksten betroffenen Länder zu Wort kommen sollten.

"Wir müssen damit rechnen, dass sich die Situation in den kommenden fünf Jahren verschärft. Die Resistenzproblematik wird die medizinische Versorgung beeinträchtigen - in reichen Ländern, aber in ärmeren Ländern noch viel schlimmer. Es wird mindestens fünf bis zehn Jahre dauern bis wir ein paar Maßnahmen umgesetzt haben, die nötig sind, um das Problem in den Griff zu bekommen. Neue diagnostische Möglichkeit, Impfstoffe, bessere Hygiene, Abwassersysteme. Und in dieser Zeit werden wir die Konsequenzen des Resistenzproblems deutlicher zu spüren bekommen. In Form von mehr Krankheitsfällen und erhöhter Sterblichkeit. Leider ist das so."

Mit neuen Medikamenten ist kurzfristig nicht zu rechnen, da viele Pharmaunternehmen ihre Forschung auf dem Gebiet eingestellt haben. Doch wenn die verfügbaren Antibiotika versagen, werden auch bestimmte Operationen zu einem unabwägbaren Risiko für Patienten. Denn wer sich während des Eingriffs mit einem resistenten Erreger infiziert, läuft Gefahr, an einer Blutvergiftung zu sterben. 

"In manchen Ländern gab es schon Diskussionen darüber, ob es ethisch vertretbar ist, eine Blutstammzelltransplantation bei Patienten durchzuführen, die einen resistenten Erreger in ihrer Darmflora haben. Weil das Risiko zu groß ist, dass diese Keime zu einer Infektion führen, die möglicherweise tödlich ist. Die Überlegungen nähern sich also schon der Perspektive, dass wir Einschränkungen in der medizinischen Versorgung haben werden. Aber wir werden sehen."

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