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StartseiteForschung aktuellHoffen auf ein Mittel gegen das MERS-Virus 18.02.2016

Antikörper aus der KuhHoffen auf ein Mittel gegen das MERS-Virus

Das Immunsystem bietet dem Menschen Schutz gegen alle möglichen Viren. Doch manchmal entwickelt es die Antiköper nicht schnell genug, etwa beim MERS-Coronavirus. Eine Lösung sehen Wissenschaftler aus den USA darin, den Patienten Antikörper zu spritzen. Hergestellt werden sie von Kühen.

Von Joachim Budde

Kühe stehen auf einer Weide. (Deutschlandradio / Ellen Wilke)
Kühe: Könnten vielleicht auch ein Mittel gegen MERS produzieren. (Deutschlandradio / Ellen Wilke)
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Besondere Kühe erhalten eine besondere Behandlung: "Das sind vermutlich die am sorgfältigsten überwachten und verhätschelten Kühe auf der ganzen Welt. Ihre gesamte Nahrung und Haltung wird streng kontrolliert, ihre Gesundheit täglich gecheckt.

Denn die Tiere, von denen Matthew Frieman hier spricht, sind Medikamentenfabriken auf vier Beinen, sagt der US-Virologe von der University of Maryland School of Medicine in Baltimore. Um sie dazu zu machen, haben Wissenschaftler das Erbgut der Rinder verändert. "Diese transgenen Kühe haben ein zusätzliches Chromosom in ihren Zellkernen. Es enthält Gene vom Menschen, die für menschliche Antikörper kodieren. Das Interessante an dieser Technologie ist: Wenn Sie eine solche Kuh gegen einen bestimmten Erreger impfen, stellt sie keine Kuh-Antikörper dagegen her, sondern Antikörper wie sie Menschen produzieren."

In ihrer aktuellen Studie haben die Forscher das MERS-Coronavirus verwendet. Seit dem Frühjahr 2012 sorgt dieser Erreger immer wieder für Ausbrüche auf der Arabischen Halbinsel. Er kann Lungenentzündungen und Organversagen verursachen. 30 Prozent der Patienten sterben an der Infektion. Das sollen die Antikörper aus der Kuh künftig ver-hindern. "Die Kühe wurden mit einem Protein von der Oberfläche des MERS-Virus geimpft. Und zwar mit jenem Protein, mit dem es an menschliche Zellen andockt und in sie eindringt. Gegen diese Proteine stellt das Immunsystem der Kühe Antikörper her, die wir als Arznei in Zellkulturen und in Mäusen nutzten."

Wirkung bei Menschen noch nicht geklärt

Auch die Mäuse mussten die Forscher erst gentechnisch verändern. Denn in Mäuse-Lungenzellen kann das MERS-Virus eigentlich nicht eindringen. Darum versahen die Wissenschaftler die Mäusezellen mit der Oberflächenstruktur menschlicher Lungenzellen. Sie infizierten die Mäuse mit MERS und gaben ihnen nach ein bis zwei Tagen die aus dem Blut der Kühe extrahierten Antikörper.

"Zu dieser Zeit vermehrt sich das Virus am schnellsten. Und sogar mit einer einzigen Antikörper-Dosis konnten wir die Virusmenge in den Mäuselungen deutlich reduzieren. Beim Menschen wäre das das Worst-Case-Szenario, und sogar in dieser Phase der Infektion wirkte unsere Arznei gegen das Virus. Darum haben uns diese Ergebnisse so begeistert."

Ob diese Arznei auch bei Menschen so effektiv wirkt, muss sich allerdings noch in klinischen Studien zeigen. Die Idee hinter diesem Ansatz ist nicht gerade neu. Bis zum Aufkommen moderner chemischer Pharmazeutika in den 50ern wurden viele Krankheiten mit Blutserum, -plasma oder Antikörpern behandelt, zum Beispiel von geheilten Patienten oder Geimpften. Es ist aber schwierig, genügend geeignete Spender zu finden. Auch Antikörper von Tieren wurden in der Vergangenheit bereits eingesetzt, allerdings reagierte das Immunsystem mancher Patienten heftig darauf.

Um die Antikörper aus den Kühen herauszubekommen, zapfen die Forscher den Tieren Blutplasma ab, mit Maschinen, wie man sie vom Blutspenden kennt, sagt Matthew Frieman. "Die Geräte sind nur ein bisschen größer. Aus einer einzigen Kuh kann man jeden Monat bis zu 60 Liter Blutserum ernten. Das wird gereinigt, auf Sicherheit getestet und dann in unseren Experimenten benutzt; später auch bei klinischen Versuchen am Menschen. Wir gehen davon aus, dass jede Kuh Dutzende Antikörper-Dosen pro Monat wird herstellen können."

Das Verfahren könnte also den Weg weisen, wie sich solch ein Medikament gegen MERS im großen Stil produzieren lässt.

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