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StartseiteDLF-Magazin Arbeitslos und abgebrannt17.12.2009

Arbeitslos und abgebrannt

Zum Jahreswechsel über die Runden kommen

Nicht alle können in unserem reichen Land Weihnachten so feiern, wie man es sich traditionell vorstellt. Kein Job, kein Geld, keine Geschenke, geschweige denn ein Weihnachtsessen. Ein Beispiel aus Leipzig.

Von Ronny Arnold

Bei tiefen Minus-Temperaturen schläft ein Obdachloser unter vielen Decken in der Frankfurter Innenstadt. (AP Archiv)
Bei tiefen Minus-Temperaturen schläft ein Obdachloser unter vielen Decken in der Frankfurter Innenstadt. (AP Archiv)

"Auf jeden Fall sind wir dankbar dafür, weil man kann zumindest ein bisschen Flair genießen, wenn man selbst schon nicht großartig in der Lage dazu ist, etwas Feierliches zu machen. Dass wenigstens die Kinder nicht allzu viel davon abbekommen von dieser ganzen Misere."

Volkmarsdorf im Leipziger Osten am Sonntag Nachmittag um kurz nach Drei. Gemeinsam mit seiner Frau und den beiden Kindern sitzt Harald Möller an einem der zahlreichen Holztische, die die Mitarbeiter der Leipziger Tafel für die Gäste im Haus aufgestellt haben – auf vier Etagen, liebevoll dekoriert mit viel Tannengrün und Weihnachtsschmuck. Die Einladung zur Feier bekam Harald Möller vor ein paar Tagen bei seinem letzten Tafel-Besuch. Seit einem Jahr holt sich der arbeitslose 41-Jährige hier regelmäßig einmal in der Woche ein paar Lebensmittel ab, manchmal auch etwas frisches Obst und Gemüse.

"Es ist einfach eine Kostenersparnis. Man kann sich nicht immer alles leisten. Der Lebensunterhalt wird immer teurer, und man hat halt einfach nicht mehr das Geld zur Verfügung, wenn man auf Sachen wie Hartz IV angewiesen ist."

Über 300 Kinder und ihre Eltern, überwiegend aus Hartz-IV-Familien, hat die Leipziger Tafel allein an diesem Sonntag eingeladen. Weil der Platz nicht ausreicht, kommt zwei Stunden nach der ersten noch eine zweite Gruppe. Tagelang haben die freiwilligen Helfer die Feier vorbereitet, dekoriert, gekocht und gebacken – und vor allem versucht, Geschenke zu besorgen. Kein leichtes Unterfangen in diesem Jahr, so Manuela Friebe, die stellvertretende Vereinsvorsitzende der Leipziger Tafel.

"Also wir haben bis zum letzten Moment sehr, sehr gezittert. Wir wussten am Donnerstag noch nicht wirklich, was wir den Kindern geben können. Für mich ist das jetzt die vierte Weihnachtsfeier. Und wir haben vor vier Jahren angefangen mit knapp 80 Kindern und hatten letztes Jahr knapp 1000 Kinder. Daran sieht man schon, dass wir echt gut zu kämpfen haben, einfach solche Feste auszustatten."

In den letzten drei Tagen hat es dann doch fast stündlich an der Tür geklingelt, wurden Sach- und Geldspenden für die Weihnachtsfeier abgegeben. Jedes Kind bekommt nun ein kleines Geschenk, etwa 1000 sind es in diesem Jahr, verteilt auf insgesamt fünf Weihnachtsfeiern im gesamten Stadtgebiet. Die Zahl der Bedürftigen ist laut Manuela Friebe in den letzten zwölf Monaten spürbar angestiegen, vor allem im Osten der Stadt.

"Gerade hier am Standort Eisenbahnstraße, Conradstraße, ist es schon mehr geworden. Die Zahlen haben sich fast verdoppelt an täglichen Kunden. Obwohl wir es oft nicht denken: Wir schaffen es immer wieder, die Tüten zu füllen."

Bis jetzt zumindest, denn so langsam kommt die Finanzkrise auch bei der Leipziger Tafel an. Obwohl die Spenden auch 2009 nicht merklich zurückgegangen sind und wichtige Sponsoren wie etwa Supermärkte weiterhin Lebensmittel abgeben, schauen die Organisatoren angstvoll in die Zukunft. Denn die momentane Unruhe auf dem Arbeitsmarkt, gepaart mit ersten Entlassungen, wird die Tafeln erst mit Verzögerung erreichen – vermutet David Knoke, der hier seit drei Jahren ehrenamtlich mithilft.

"Also, wenn jetzt große Firmen auch in Leipzig konkret Konkurs anmelden oder schließen, dann haben wir auch mehr Kunden, aber nicht automatisch mehr Lebensmittel. Hier in Leipzig hat jetzt ja Quelle zugemacht, was natürlich wieder etliche Arbeitslose mehr schafft. Noch wird viel kompensiert durch Maßnahmen, wenn diese aber auslaufen, dann werden mehr Kunden bei der Tafel landen. Das könnte ein Problem werden."

Steigende Zahlen bei den Bedürftigen. Gerade Volkmarsdorf gehört in Leipzig zu den Stadtteilen, die der Volksmund gern Problemviertel nennt. 43 Prozent der Erwerbsfähigen im Alter zwischen 15 und 65 beziehen hier Hartz IV-Leistungen. Fast jeder Vierte hat keinen Job. Und das sind noch die Daten aus dem Dezember 2008. Neuere Zahlen für die einzelnen Stadtbezirke gibt es erst in ein paar Wochen. Besonders viel wird sich aber nicht geändert haben, weil die jetzige Finanzkrise auf eine Dauerkrise trifft. Eine Zahl macht dies besonders deutlich: Etwa 20 Prozent derer, die in Leipzig-Volkmarsdorf einen Job haben, müssen ihr Gehalt zusätzlich mit Hartz IV-Leistungen aufstocken.

Auch Harald Möller, der sich gerade für jeweils 50 Cent ein Stück Kuchen und einen Kaffee geleistet hat, steckt seit Jahren in diesem Dilemma.

"Es ist zwischendurch immer so gewesen, dass ich auch Arbeit gefunden habe. Aber das waren immer nur befristete Sachen. Das letzte Mal, als ich Arbeit hatte, das war dann bei einem größeren Anbieter hier in der Nähe. Das hatte halt mit Verpackung, Kartonagen, Logistik und so weiter zu tun. Kann ich leider nicht mehr ausüben, weil meine Bronchien jetzt angeknackst sind. Das war halt nie ausreichend, dass man sagen konnte: Jetzt sind wir weg vom Amt und können endlich mal ohne Seelenstriptease leben."

Die Entlassungen kamen meist schneller als das Gefühl, finanziell endlich wieder ein wenig auf die Beine zu kommen. Nachdenklich nippt der 41-Jährige an seinem Kaffee, er wirkt ratlos, aber nicht hilflos. Noch ein paar Minuten wird er hier sitzen, dann vielleicht eine Etage tiefer mit seinen Kindern noch ein wenig basteln oder einen Märchenfilm schauen. Dann ist die Weihnachtsfeier für Familie Möller vorbei. Denn unten vorm Haus warten bereits die nächsten Kinder mit ihren Eltern: auf ein wenig festliche Stimmung bei der Leipziger Tafel – und natürlich auf ihr Geschenk. Harald Möller kann sich indes nicht erinnern, wann er selbst zuletzt ein Weihnachtsgeschenk bekommen hat. Das sei aber egal, viel wichtiger sind die Kinder.

"So untereinander, man schenkt sich nichts. Aber für die Kinder immer noch so ein bisschen. Man spart sich das halt über das Jahr hinweg zusammen, man versucht Angebote zu erhaschen. Man muss gucken, den Cent zweimal umdrehen und dann geht das schon."

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