Kultur heute / Archiv /

Arbeitslosendrama und Gründungsmythos des Ruhrgebiets

Volker Lösch inszeniert "Rote Erde" nach Peter Stripp am Schauspiel Essen

Von Christiane Enkeler

Volker Lösch zählt zu den umstritteneren Regisseuren. Jetzt inszenierte er in Essen "Rote Erde" nach dem Roman von Peter Stripp, eine Arbeitersaga, die den Gründungsmythen des Ruhrgebiets gewidmet ist. Die Uraufführung war wenig skandalträchtig.

Am Anfang kann man – gemeinerweise – schon mal denken: Hm. "Gorillas im Nebel". Den Hintergrund bedeckt zunächst eine begrünte Wand für den ersten Auftritt. Und dann: so viele stolzgeschwellte Männerbrüste, nackte Oberkörper, die ganze chorische Brüllerei, die auf Knopfdruck von der Nebelmaschine überzischt wird, bis endlich dichter Nebel ist. Aber es spielen auch drei Frauen mit.

Der Rhythmus - treibt. Die Kalkulation - treibt. Die Maschine - treibt. Der Mensch - treibt. Treibt - sich selbst. Weil er verdienen muss.

Schwarz angeschmiert "treibt", schiebt und drückt jeder sein Brikett-Bündel über die Bühne Richtung Publikum, mit großer Anstrengung. Hier ist es, sozusagen, Kulturarbeit.

Volker Lösch hat sich in Essen die Aufgabe gestellt, den Strukturwandel im Ruhrgebiet zu untersuchen, also die Situation heutiger junger Männer und Menschen auf die von Bruno Kruska prallen zu lassen, Held des Ruhrgebietsepos "Rote Erde", das in den 80ern auch als Serie im Fernsehen gezeigt wurde.

Mit 17 kommt Bruno 1887 vom pommerschen Hof ins Ruhrgebiet, um Bergmann zu werden. Dort heiratet er Pauline, deren Bruder als Reichstagsabgeordneter der Sozialdemokraten politische Karriere macht. Es geht um Standesunterschiede und Autoritätsgehabe zu Kaiserzeiten, um Bezahlung, Arbeitszeiten, Arbeitssicherheit, um das Sich-Abarbeiten unter der Erde und das Höher-Kommen-Wollen über der Erde. Gegen "die da oben" hämmern die Bergleute lange wie gegen harten Fels, weil die Armut, Solidarität und Streik im Weg steht.

"Ich hab mir so Gedanken über mein Leben gemacht und was ich dann machen soll. Web-Design. Aber da ich einen schlechten Abschluss habe, nur Realschule, werde ich wohl erst ein Praktikum absolvieren müssen, um da reinzurutschen. Ich bin nicht so jemand, der gerne kämpft."

Volker Lösch hat rund 40 Interviews mit Essenern geführt, auch mit einigen der zwölf jungen Männer, die das Ensemble als Chor auf der Bühne verstärken. "Ich bin nicht so jemand, der gerne kämpft", der Satz wirkt aufreizend zu der Wucht, mit der er trotz allem im Chor über die Rampe schlägt.

Aber es prallen weniger Gegensätze aufeinander: Hier der fleißige Bergmann, dort der Kaffee kochende Dauerpraktikant. Eher werden Praktikum, Lehre, Kreativjob zum Bergwerk, in dem man sich abarbeitet – um am Ende kein Stück weitergekommen zu sein. Sich zu wehren oder zu organisieren, ist schwierig, weil man fürs Überleben weiterarbeiten muss.

Ans Ruhrgebiet schmeißt sich Lösch ganz schön ran. Die Inszenierung spricht aber, was "Arbeit" und "Arbeitslosigkeit" angeht, über das Ruhrgebiet hinaus. Nichts Neues dabei, aber es wirkt wie Balsam für die verletzte Würde, dass Lösch das Abstrampeln zwischen Häppchen-Jobs oder im Kreativ-Praktikums-Butterfass mit harter "Arbeit" parallel setzt.

"Gibt es noch andere Möglichkeiten, Werte zu schaffen, als nur mit der reinen Arbeit. Und wenn die reine Arbeit nicht mehr da ist und die Arbeitslosigkeit andere Werte schafft, ist keine Perspektive mehr da! Weil alle sagen: Wer keine Arbeit hat, ist nichts mehr wert!"

Wenn Lösch, wie er auf der Homepage des Theaters Essen sagt, "Rote Erde" als "Reibungsmaterial" nutzen wollte, dann ist davon nicht viel übrig geblieben.

Die Ebenen Fiktion und Dokumentartheater hat er ja eng miteinander verschnitten. Und fast fließend werden die Chöre zu Bruno und Bruno zum Chor. Lösch inszeniert eher ein allgemeines Anrennen und –sprechen von energetisch aufgeladenen Gruppen gegen Autorität und Willkür, jeder die Spitzhacke in der Hand.

Wobei Brunos Freund selbst so autoritär agiert wie seine Vorgesetzten. Oder linker Aufbruch fast nach Neoliberalismus klingt: "Ich bin das, was ich aus mir mache."

Vielleicht hat Lösch mit seiner Dramaturgin da zwei Abschnitte zu eng aneinander geschnitten, vielleicht hat er da auch die "Reibung" versteckt. Man muss sie schon suchen. Es kommt ja alles mit einem einzigen Schwung über die Rampe. Noch mal näher hinsehen kann die Kritik nicht, weil sie den Text nicht bekommt.

Allerdings: Viele der dokumentarischen Interviewpassagen sind auf Einzelne verteilt, sodass durchaus hinter den rhythmisierten, wütenden Gestalten individuelle Geschichten auftauchen. Vor allem sieht man auf der Bühne den Spaß am Spielen.

Damit macht Volker Lösch ein ästhetisches Angebot gegen Entfremdung jeder Art. Und gar nicht mal ein so kleines.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Kultur heute

Literat Dario FoEin Theaterautor wird zum Romancier

Der italienische Theater-Autor, und Literatur-Nobelpreisträger Dario Fo mit seinem Roman "Die Tochter des Papstes".

Nach Auskunft seines Verlegers handelt es sich bei "Die Tochter des Papstes" um den ersten Roman des Literaturnobelpreisträgers Dario Fo, der eher als Theaterautor und Satiriker bekannt ist. Erzählt wird das Leben von Lucrezia Borgia. Fo sieht sie als Opfer ihrer Adelsfamilie.

TheaterÖko-Thriller ohne Zeigefinger

Ein Eisbär treibt auf seiner Scholle vor Spitzbergen.

Ein verschwundener Dokumentarfilmer, eine entführte Gruppe Kinder – eigentlich genug Stoff für einen spannenden Thriller. Doch das wahre Drama, das die Theatergruppe "The Civilians" im Stück "The Great Immensity" auf die Bühne bringt, hat einen ökologischen Hintergrund.

VenezuelaKünstler gegen Gewalt

In der venezuelanischen Stadt Altamira ist am 24.02.2014 ein vermummter Demonstrant zu sehen, der einen Schild aus Wellblech trägt und von Qualm umgeben ist.

In Venezuela reißen die Proteste gegen Präsident Maduro, gegen Kriminalität, Korruption und hohe Inflation nicht ab. Immer wieder gibt es Tote und Verletzte. Inzwischen nehmen Künstler gegen die Gewalt Stellung.

 

Kultur

DokumentarfilmerErinnerung an Michael Glawogger

Michael Glawogger mit dem Jury-Preis, den er 2011 beim Filmfestival in Venedig gewonnen hat.

Der 54-jährige österreichische Dokumentarfilmer Michael Glawogger, vielfach ausgezeichnet für "Megacities", "Workingman's Death" und "Whores' Glory", ist bei Dreharbeiten in Afrika gestorben.

TheaterÖko-Thriller ohne Zeigefinger

Ein Eisbär treibt auf seiner Scholle vor Spitzbergen.

Ein verschwundener Dokumentarfilmer, eine entführte Gruppe Kinder – eigentlich genug Stoff für einen spannenden Thriller. Doch das wahre Drama, das die Theatergruppe "The Civilians" im Stück "The Great Immensity" auf die Bühne bringt, hat einen ökologischen Hintergrund.

"Transcendence"Alltägliche Übermacht der Maschinen

Wally Pfister lächelt in die Kameras, seinen Oscar für die beste Kamera im Film "Inception" bei den 83. Academy Awards 2011 in der Hand.

Nach einem Vierteljahrhundert hinter der Kamera - darunter einige Batman-Filme - gibt Wally Pfister nun sein Regiedebüt. In seinem Science-Fiction-Werk "Transcendence" spielen Johnny Depp und Rebecca Hall die Hauptrollen. Der Film ist nicht perfekt, beschreibt aber aktuelle Zivilisationsängste.