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StartseiteDLF-MagazinStreit um vier Quadratmeter Nazi-Erinnerung11.02.2016

Arisierungs-Mahnmal in BremenStreit um vier Quadratmeter Nazi-Erinnerung

Milliardenumsätze, zehntausende Mitarbeiter, hunderte Standorte: Der Logistikkonzern Kühne + Nagel ist eine wirtschaftliche Größe in Bremen, der Stadt seiner Gründung. Aber das Unternehmen profitierte auch vom Nationalsozialismus und "arisierte" sich selbst - doch daran will es sich nicht erinnern.

Von Rainer Link

Ein Container-Truck von Kühne + Nagel auf dem Marktplatz zwischen Roland und Handelskammer in Bremen (picture alliance/dpa/Ingo Wagner)
Ein Container-Truck von Kühne + Nagel auf dem Marktplatz zwischen Roland und Handelskammer in Bremen (picture alliance/dpa/Ingo Wagner)
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"Wir stehen auf einem öffentlichen Platz vor dem Firmensitz von Kühne + Nagel unter drei alten Platanen, dicht an der Weser. Und der ganze Platz soll überbaut werden. Und hier ist die Stelle, wo wir sagen, wenn 1.000 Quadratmeter für einen tollen Neubau vorhanden sind, dann sollten auch vier Quadratmeter für Erinnerung an die Geschichte übrig sein."

Bescheidene vier Quadratmeter für ein Arisierungs-Mahnmal verlangt Henning Bleyl, Kulturredakteur der Bremer Lokalausgabe der Tageszeitung, kurz: taz genannt. Er hat die Geschichte von Kühne + Nagel recherchiert, hat auch die Forschungsergebnisse zahlreicher Historiker zusammengetragen und er hat dann Artikel um Artikel über die NS-Verstrickungen des Konzerns publiziert.

"Am Anfang hieß es noch, natürlich habe man Möbel transportiert, aber in wessen Auftrag und ob wissentlich und willentlich, das sei ja unklar. Dass es klar ist, dass man für den NS-Staat gearbeitet hat, das wird mittlerweile zum Glück nicht mehr bestritten, wohl aber wird nicht mehr von den Dimensionen gesprochen, und das man das Quasi-Monopol für ganz Westeuropa hatte."

Denn obwohl niemand an der historischen Schuld des Konzers zweifelt, herrscht Schweigen in der Stadt oder man verliert sich in allgemeinen Lippenbekenntnissen über die Verantwortung von Unternehmen für ihre Geschichte. Liegt es daran, dass Kühne + Nagel einer der größten Arbeitgeber der Stadt ist? Dazu ein Arbeitgeber, der gerade einen imposanten Neubau plant, in dem - so wird versprochen - noch mehr Arbeitsplätze als bisher unterkommen könnten? taz-Redakteur Henning Bleyl wollte das Schweigekartell um den mächtigen Konzern durchbrechen und schmiedete einen folgenreichen Plan.

Kaufofferte über 2.000 Euro für den Quadratmeter

"Zunächst einmal trat der Bremer Senat auf den Plan, in dem er das Grundstück für einen auffällig günstigen Preis dem Unternehmen überlassen möchte, da ist von etwas über 900 Euro pro Quadratmeter die Rede in bester Innenstadtlage. Und das hat mich auf die Idee gebracht zu sagen: Okay, wenn das so günstig vergeben werden soll, dann können wir ja auch mit steigern als taz und haben dieses Crowdfunding gestartet, das innerhalb kurzer Zeit 26.000 Euro gebracht hat. So dass wir also ein wesentlich höheres Gebot abgeben konnten - für natürlich nur vier Quadratmeter des Geländes."

Die taz schickte also dem sehr verehrten Senat eine konkrete, schriftliche Kaufofferte über 2.000 Euro für den Quadratmeter. Der aber lehnte in diesen Tagen ab, weil das Grundstück, "nicht gestückelt zum Verkauf steht". Für eine weitere Stellungnahme war der Senator nicht erreichbar.

"Wichtig fand ich, dass es nicht jetzt nur zwei Apotheker und drei Rechtsanwälte gibt, die uns große Summen geben. Sondern: Das war eine Beteiligungsform und eine Gelegenheit, eine Willensbekundung abzugeben und zu sagen: Ja, da gebe ich zehn Euro, da gebe ich 20 Euro für, weil ich die Sache unterstützen möchte."

Neben dem Gebot für vier Quadratmeter des "Kühne + Nagel"-Geländes sprach die taz auch zahlreiche Künstler an; andere meldeten sich spontan.

"Das ist ein Ideenwettbewerb, wo wir Künstler aufrufen sich Gedanken zu machen, wie ein Arisierungs-Denkmal denn aussehen könnte. Deswegen finde ich es spannend, mir jetzt die Entwürfe anzugucken - wir haben schon einige Dutzend - wie das thematisiert wird."

Erika Gagel, bildende Künstlerin aus Schleswig- Holstein, ist eine von vielen, die dem Ruf der taz folgten, auch wenn inzwischen klar ist: Der Bremer Senat will an die taz nicht verkaufen.

"Ich bin ein Mensch, der selten aufgibt und ich mache mit; egal, ob es realisiert wird oder nicht, ja. Und ich möchte diese vier Quadratmeter mit Kopfsteinpflaster belegen, da sollen dann in den Fugen Unkraut und Gras wachsen. Auf diesem kleinen Feld werden drei Pfeiler installiert, an denen Straßennamensschilder montiert werden. Also einmal heißt es zum Beispiel 'Zum letzten Mal', das war sicher für viele in der NS-Zeit bittere Wahrheit. Oder 'Zum Möbellager' . Es gibt ja Fotos, wo Kühne + Nagel riesige Möbellager hatte von jüdischer Enteignung."

Erstes Mahnmal zu dem Thema

Der Ideenwettbewerb für das Arisierungs-Mahnmal endet am 20. Februar. Und dann wird eine Jury aus Vertretern bremischer Kulturinstitutionen und auch einer Vertreterin der Jüdischen Gemeinde eine erste Auswahl treffen. Mithilfe der Spendenerlöse der taz sollen einzelne ausgewählte Werke dann tatsächlich in ihren jeweiligen Werkstoffen vollendet werden. Fragt sich nur, wo werden diese Exponate einmal stehen, um die Erinnerung an die Gräuel der NS- Zeit wach zu halten? Marcus Meyer, Leiter des Bremer Denkortes "Bunker Valentin", gehört zur Jury. Ihm kommt die schwierige Aufgabe zu, zu entscheiden, wie ein Arisierungsmahnmal aussehen soll. In der ganzen Bundesrepublik - so ergaben Recherchen der Bremer Aktivisten - gibt es kein einziges Mahnmal, das sich mit der Arisierung auseinandersetzt. Es gibt also auch keine Vorbilder.

"Es geht einmal darum, dass Menschen ausgeraubt worden sind, dass ihr Eigentum restlos verwertet worden ist. Es geht um die Tat an sich. Es geht um die vielen Beteiligten, es geht um das ganze ökonomische System NS und Ausbeutung. Und das Ganze muss gleichzeitig runtergebrochen werden auf eine Zugänglichkeit, das finde ich die entscheidende Herausforderung. Wie bringe ich diese Komplexität in ein eigenes Denkmal? Denkmal heißt ja auch, wie rege ich jemanden zum Denken an?"

Kühne+ Nagel jedenfalls ist von sich aus nicht bereit, vier Quadratmeter für einen Blick in seine düstere Firmengeschichte abzutreten.

"Die Reaktion lautet: Kein Kommentar. Punkt!"

Eine ähnliche Antwort erhielt der Autor von Kühne + Nagel. 

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