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StartseiteSonntagsspaziergangAuf Notenspur durch Leipzig01.02.2009

Auf Notenspur durch Leipzig

Die Musikstadt und ihre berühmten Söhne

1809, am 3. Februar wurde Felix Mendelssohn Bartholdy geboren. Er ging in die Musikgeschichte ein als genialer Komponist der Romantik, als jüngster Kapellmeister des Leipziger Gewandhauses und als Wiederentdecker der Musik von Johann Sebastian Bach. Sein 200. Geburtstag ist uns Anlass für einen Besuch in der Musikstadt Leipzig. Denn neben Mendelssohn waren auch andere berühmte Komponisten hier zu Hause. Eine Notenspur auf den Straßen der Innenstadt soll es zukünftig dem Gast erleichtern, die entsprechenden Wohnhäuser, Plätze, Kirchen zu finden.

Von Eva Firzlaff

Arbeitszimmer von Felix Mendelssohn Bartholdy  in Leipzig (Mendelssohn Haus)
Arbeitszimmer von Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig (Mendelssohn Haus)

Immer freitags und sonnabends singen die Thomaner in der Thomas-Kirche. Den Thomaner-Chor gibt es schon seit fast 800 Jahren. So ist er die älteste kulturelle Einrichtung der Stadt.

"Getreu diesem Paulus-Wort "die Frau, das Weib schweige in der Gemeinde" gab es in der katholischen Kirche keine Kirchenmusik mit Frauenstimmen, obgleich man natürlich die Soprane besetzen musste. Und dann besetzte man sie also mit Knabenstimmen. Das hat sich - obwohl die Reformation ja damit ganz anders umging - auch noch weit über die Bachzeit hinaus erhalten."

Der heutige Thomas-Kantor Georg Christoph Biller. Vielerorts gab es solche Knabenchöre, meist wurden sie nach der Reformation aufgelöst. Nicht aber in Leipzig.

"Die Leipziger sagten, wir nehmen die in Trägerschaft, machten auch einen interessanten Deal. Denn die Schule besaß riesige Ländereien, diese übernahm die Stadt treuhänderisch, finanzierte dafür Chor, Kantor, auch die Pfarrer der Thomaskirche bis zum 1. Weltkrieg übrigens."

Es wurde ein städtischer Chor, der trotzdem Kirchenmusik singt. Über die Jahrhunderte ist das so geblieben. Der berühmteste Thomas-Kantor war Johann Sebastian Bach. Seinen Anstellungsvertrag unterschrieb er im Alten Rathaus am Markt, jetzt stadtgeschichtliche Museum, mit dem einzig verbürgten Ölporträt von Bach. 27 Jahre lebte er in Leipzig.

"Er war ja nicht nur Kantor an der Thomasschule und Thomaskirche, sondern Director Musicaes, verantwortlich also für die Musik in allen Leipziger Kirchen."

In der Nikolai-Kirche und der Thomas-Kirche wird Bachs Erbe gepflegt. Beide wurden zwar etwas verändert, sind aber die Original-Schauplätze.

"Der Ort, wo so viele Werke Bachs uraufgeführt worden sind. Innen ist die Thomas-Kirche am Ende des 19. Jahrhunderts umgestaltet worden. Auch ein neues Westportal im neugotischen Stil ist dazu gekommen. Desgleichen auch die Nikolai-Kirche ist innerlich auch verändert worden nach der Bach-Zeit, aber es ist eben genauso eine Bach-Kirche, wo übrigens noch mehr Werke Bachs uraufgeführt worden sind, als in der Thomas-Kirche. Das wird oft vergessen."

Bach wohnte gleich neben der Thomas-Kirche in der Thomas-Schule, diese wurde jedoch um 1900 abgerissen. Geblieben ist das Bose-Haus gegenüber. Bose war ein wohlhabender Kaufmann, der sich in seinem großen Haus einen festlichen Saal leisten konnte. Zur Hausmusik wurde die Familie Bach eingeladen. Im Mai wird dort nach Bauarbeiten das Bach-Museum wieder eröffnet.

Dass wir Musik von Johann Sebastian Bach hören, verdanken wir Felix Mendelssohn Bartholdy. Er hat ihn sozusagen wiederentdeckt.

"Es war eben üblich damals, dass die Komponisten ihre Werke für den Tagesgebrauch schufen. Und wenn sie verstorben waren, waren sie nicht mehr so interessant. Und es war auch nicht üblich, verstorbene Komponisten in großem Rahmen aufzuführen. Im öffentlichen musikalischen Leben hat Johann Sebastian Bach 79 Jahre lang nach seinem Tod nicht stattgefunden."

Mit seinen historischen Konzerten im Gewandhaus hatte Mendelssohn wieder den Sinn für altes geweckt. Mendelssohn war der berühmteste und jüngste Gewandhaus-Kapellmeister. Gerade 26 Jahre war er alt, als er 1835 nach Leipzig kam.

Das Gewandhausorchester brauchte für seine Abonnements einen zugkräftigen Namen.

"1743 gegründet von 16 Kaufleuten, sehr wohlhabenden Kaufleuten. Leipzig hatte ja eine sehr reiche Kaufmannstradition, von den Messen hervorgebracht. Und diese 16 Kaufleute haben 16 Musiker angestellt. Wenn ich das etwas salopp formuliere, war das die Antwort auf das höfisch geförderte Dresden, wo die Staatskapelle schon viel länger residierte. Und die Kaufleute haben gesagt: das können wir auch."

Gewandhausdirektor Andreas Schulz. Mendelssohn hatte dann schon 50 bis 60 Musiker. Gewandhausorchester heißt es übrigens, weil über 100 Jahre der weiträumige Dachboden der Tuchmacher als Konzertsaal diente. Erst als die Plätze gar nicht mehr ausreichten, bekam das Orchester ein eigenes Haus. Mittlerweile ist es der größte Klangkörper der Welt, mit Mendelssohn fest im Repertoire. Der jetzige Gewandhauskapellmeister Ricardo Chailly:

"Das Genie Mendelssohn fasziniert mich schon seit meiner Jugend. Und selbstverständlich spielt Mendelssohn in der Tradition des Gewandhausorchesters eine wichtige Rolle. Mein Wunsch ist es, ein breites Spektrum unserer Tradition in Leipzig geben vis a vis der Entdeckung neuer Kompositionen."

Goldschmidtstraße Nr. 12, nur wenige Schritte vom Gewandhaus entfernt. Erste Etage. Der spätklassizistische herrschaftliche Bau von 1844 ist die einzige erhaltene und letzte Adresse von Felix Mendelssohn Bartholdy. Eine großzügige bürgerliche Wohnung mit winzigem Schlafraum ohne Fenster, dafür einem repräsentativen Salon, seinem kleinen Arbeitszimmer und zum Teil Original-Möbeln.

"Die Mendelssohn angefasst hat und auf denen er gesessen hat. Wir können wirklich diese ganz spannende Welt des 19. Jahrhundert zum Erleben präsentieren. Mit der Remise, die wir heute Gartenhaus nennen, und dem Garten."

Vor 20 Jahren sollte das herunter gekommene Haus abgerissen werden. Dem Dirigenten Kurt Masur ist es zu verdanken, dass es noch steht und restauriert ist. Doch - so Direktor Jürgen Ernst - der Verfall hatte auch seinen Vorteil:

"Dass noch Originalsubstanz und zwar in großem Maße da gewesen ist, die man frei legen konnte und dadurch, dass Mendelssohn Erstmieter war, auch genau zuordnen konnte. Also wir beide sitzen hier auf dem selben Fußboden, wie Felix Mendelssohn Bartholdy, Clara Schumann, Robert Schumann, Richard Wagner. Also ich sage immer gerne: Es ist wie im Beethoven-Haus in Bonn. Sie können sich in die originale Welt des Meisters begeben."

An den Wänden hängen Zeichnungen und Aquarelle von Mendelssohn, denn der konnte nicht nur wunderbar musizieren und komponieren, sondern auch malen.

Das Gartenhaus ist nun Cafe und im Salon wird am Sonntag-Vormittag musiziert.
Im Sommer auch draußen im Garten.

Um in die Wohnung zu kommen, in der Robert und Clara Schumann nach ihrer Hochzeit gewohnt haben, gehen wir über einen Schulhof. Das prächtige klassizistische Haus in der Inselstraße ist heute gleich dreierlei. Christiane Sporn:

"Das Schumann-Haus wird heute als gemeinschaftliche Institution genutzt von der freien Grundschule Clara Schumann, der Musikschule Clara Schumann und dem Robert-und-Clara-Schumann-Verein. Der Schumann-Verein betreibt hier im Herzstück des Hauses das Museum sozusagen als historische Komponente. Und die beiden Schulen betreiben gewissermaßen die gegenwärtige Komponente und bringen den Kindern eben auch musische Kenntnisse bei."

Robert Schumann hatte die Pianistin Clara Wieck gegen den Willen ihres Vaters geheiratet. Die vier Jahre in Leipzig waren für beide persönlich wie künstlerisch eine glückliche Zeit.

"Die Aussicht auf die Ehe hat ihn beflügelt, jede Menge Lieder zu komponieren. Und als dann die beiden verheiratet waren, hat Schumann v. a. sinfonische Werke geschrieben. Seine Frühlingssinfonie ist hier entstanden, sein Klavierkonzert. Und dann hat Schumann sich der Kammermusik zugewandt, bezeichnenderweise zunächst Werke ohne Klavier, nämlich die drei Streichquartette, die er seinem Freund Mendelssohn gewidmet hat. Während er vor der Ehe mit Clara nur oder fast nur Klaviermusik komponiert hat."

Gerne und oft saß Robert Schumann im Gasthaus zum Coffe Baum mitten im Leipziger Zentrum. Wir können uns dort mit an seinen Lieblingstisch setzen, etwas versteckt in einer Nische. Und wir können bei ihm zu Hause, am Samstagnachmittag, in seinem originalgetreu restaurierten Salon seine Musik hören.

Auch das historische Restaurant Zills Tunnel hatte einen berühmten Gast.

"Im Restaurant Zills Tunnel hat Carl Friedrich Zöllner oft mit seinen Studenten gezecht und hat hier auch das Lied 'Das Wandern ist des Müllers Lust' geschrieben, das berühmte Volkslied, was heute noch um die Welt geht."

Auf halber Strecke von Schumann zu Mendelssohn liegt das Grassi-Museum mit einer riesigen Instrumentensammlung - vom 16. Jahrhundert bis zur Neuzeit. Instrumente, die in Leipzig gespielt wurden, die es zum Teil gar nicht mehr gibt, wie das Ranket, sieht aus wie ein kleiner Leuchtturm, etwa 25 Zentimeter hoch. Eszter Fontana:

"Das ist ein Ranket, ein Renaissance-Instrument, das es heute überhaupt nicht mehr gibt. Also wir kennen das gar nicht. Wir haben es gerade für ein paar Sekunden gehört, das klingt sehr, sehr tief. Das war wie ein Wunder damals. Da drin sind kleine dünne Röhrchen versteckt, dadurch klingt das so tief."

Viele Instrumente kann man eben auch hören. Um 1900 kam die Hälfte der weltweit produzierten Musikinstrumente aus Sachsen. Bekannt ist ja der Musikwinkel im Vogtland, Markneukirchen und Klingenthal. Aber auch in Leipzig wurden Instrumente hergestellt.

"Die Instrumentenbaugeschichte begann schon im 15. Jahrhundert Also die Tradition ist sehr alt. Im 18. Jahrhundert Schon sehr berühmt, im 19. Jahrhundert. Noch berühmter. Und das ist dann der Höhepunkt, wo auch ein Technologiewandel nötig war. Leipzig war in erster Linie für Klavier- und Harmoniumbau ein Zentrum, und vor allem für den Handel, den Großhandel."

Andreas Schmidt vom Leipzig-Tourismus erzählt von einem Projekt, das es dem Gast erleichtern soll, alles das zu finden, was in Leipzig mit Musik-Berühmtheiten zu tun hat. Die Notenspur.

"Leipzig hat eine einzigartige Dichte an authentischen Komponistenhäusern und Musikinstitutionen. Da ist geplant, dass eine Leipziger Notenspur entwickelt wird. Da soll es eine Wegstrecke geben in der Innenstadt, fünf Kilometer Strecke, wo der Tourist sichtbar - anhand von Spuren, von Fahnen, von Beschilderungen - diese Stätten findet und aufsuchen kann. Mit dieser - nach Wien - einzigartigen Musiktradition aber auch Dichte an authentischen Orten bewirbt sich die Stadt Leipzig um den Titel UNESCO-Weltkulturerbe."

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