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Seit 04:00 Uhr Nachrichten
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenAufbruch, Abbruch, Zusammenbruch04.06.2009

Aufbruch, Abbruch, Zusammenbruch

Geschichtsforum 1989 bis 2009 in Berlin

Anlässlich des Jubiläums zu 20 Jahren Mauerfall hat in Berlin das Geschichtsforum "Wir müssen reden" stattgefunden, das sich mit "Europa zwischen Teilung und Aufbruch" beschäftigte. Vier Tage lang wurden über 150 unterschiedliche Veranstaltungen angeboten: Vorträge, Workshops, Lesungen, Installationen, Musik und Theater.

Von Bettina Mittelstraß

Trabi-Parade beim 9. Jubiläum der deutschen Wiedervereinigung. (AP)
Trabi-Parade beim 9. Jubiläum der deutschen Wiedervereinigung. (AP)

Ein verstörendes Wispern dringt aus der grünen Hecke im Innenhof der Humboldt Universität zu Berlin:

1989 - Berlin - Analyse - vier Jahre nach der Wende - DDR - Auferstanden aus Ruinen - Vor und nach der Wende - die Berliner Mauer

Wer stehenbleibt und zuhört, hat nach einer Weile den Verdacht, Teile davon schon einmal gehört oder gelesen zu haben. Es sind Buchtitel, alle mit Bezug zur Umbruchzeit 1989, recherchiert von den Autoren Suzanne Hensel und Carsten Schneider für ein Buchtitelgedicht. Im Rahmen des Berliner Geschichtsforums wurde das Gedicht mit 300 Berliner Bürgern in Szene gesetzt und wanderte vier Tage lang durch die ganze Stadt.

Der Westen als Droge - vor und nach der Wende
Der Wandel der Werte - vor und nach der Wende
Verhütung in Ost und West - vor und nach der Wende
Der Natur- und Umweltschutz - vor und nach der Wende


"Wir hatten den Auftrag, der Regisseur Uli Jäckle und sein Team, ein theatrales Rahmenprogramm zu machen und hier etwas beizutragen von szenischer Seite zum Geschichtsforum. Und wir hatten keine Lust, eine Position einzunehmen und diesen Tausenden von Interpretationen der Ereignisse eine weitere hinzuzufügen und zu sagen: So war es, oder anders. Sondern wir wollten mit dieser Vielfalt und Fülle von Ansätzen, von Denkansätzen, von Erlebnissen und Haltungen und Sichtweisen umgehen und uns dieser Fülle auch aussetzen, weil das ja in diesem Geschichtsforum auch Thema ist."

Rund 70.000 recherchierte Bücher spiegeln für sich genommen die Fülle der gesamteuropäischen Perspektiven auf Revolution, Mauerfall, Wende, Wandel oder Umbruch wider, sagt die Dramaturgin Luzia Schelling. Aus den Titeln entstand ein lebendiger Chor der Geschichtsschreibung, ein künstlerischer Kommentar zu 20 Jahren Aufarbeitungsleistung.

Die Verbindung von Kunst und Wissenschaft war auf dem Geschichtsforum 2009 Programm. Das gemeinsame Konzept von drei Bundesorganisationen und drei zeithistorischen Instituten sah vor, dem Ganzen auch einen Anstrich von Festival zu geben - ein ungewöhnlicher Rahmen für Historiker. Luise Tremel, Referentin für Zeitgeschichtliche Jubiläen der Bundeszentrale für Politische Bildung, und Uta Schnell, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Programmbereich der Kulturstiftung des Bundes:

"Man sieht dann auch einen sehr seriösen Wissenschaftler, der auf einmal in einem Theaterstück sitzt und sich freut, dass DDR-Schlager eingespielt werden zu einem Protokoll von einer Unterhaltung von Chruschtschow und Ulbricht."

"Eine Inszenierung von einem Regisseur, Kroesinger, der ein bisher unveröffentlichtes Protokoll aus den Archiven Moskaus in Szene gesetzt hat. Und ich glaube, das ist wirklich eine wunderbare Mischung, dass da Historiker recherchieren in den Archiven, und dann einen Regisseur fragen, das in Szene zu setzen - und es hinterher eine Diskussion gibt zwischen Zeithistorikern und den Regisseuren darüber, was bedeutet das, wenn man das jetzt nicht im Deutschlandarchiv veröffentlicht, sondern das in Szene setzt im Maxim Gorki Theater."

"Da passiert irgendeine Art von Austausch, den wir immer erhofft und intendiert hatten, den wir aber nicht garantieren konnten, dass die Leute dieses Angebot wirklich annehmen."

Der grenzüberschreitende und in alle Richtungen offene Austausch war auch inhaltlicher Schwerpunkt des umfangreichen Programms. Noch einmal erinnerte der britische Zeithistoriker Timothy Garton Ash, der die Umbruchszeit in den Zentren des Geschehens, etwa in Polen, der Tschechoslowakei und Berlin, erlebt hat und heute Direktor des European Studies Centre am St. Antony's College der Universität Oxford ist, in seinem Eröffnungsvortrag daran, wie unvorhersehbar im Jahr 1989 die Wege der Geschichte waren, wie offen der Ausgang der Ereignisse für ganz Europa.

"Meine Damen und Herren, an jedem Tag wussten wir überhaupt nicht, was am nächsten Tag kommt. Wir wussten überhaupt nicht, ob es gelingt: der nächste Schritt. Oder ob es ganz schief geht wie am Beispiel Tiananmen, der Platz des Himmlischen Friedens."

Aus dieser Situation entstand am Ende etwas unerwartet Neues:

"Wir sagen alle heute: friedliche Revolution. Das ist fast zum Klischee geworden. Wir müssen uns doch vergegenwärtigen, dass bis '89 diese Zusammenstellung 'friedliche Revolution' fast wie ein Widerspruch in sich wirkte. Revolution hieß doch Gewalt."

Und tatsächlich sahen die Umbrüche und Neuordnungen in den verschiedenen Ost-mitteleuropäischen Ländern zu Beginn nicht überall friedlich aus, wie zahlreiche Gesprächsforen unter Beteiligung von osteuropäischen Wissenschaftlern oder Schriftstellern betonten. Stefan Troebst, stellvertretender Direktor des Geisteswissenschaftliches Zentrums Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig, erinnert an die starken nationalistischen Strömungen:

"Also parallel zur friedlichen Revolution im südöstlichen Teil Europas sozusagen ein Angriff des Staates auf seine Bürger, vor allem auf seine fremdethnischen Bürger: also, Austreibung der Türken aus Bulgarien, im Sommer '89, drastische Erhöhung des Druckes auf die ungarische Minderheit in Rumänien, und eben vor allem in Jugoslawien: Kassieren der Territorialautonomie der Provinzen Vojvodina und Kosovo innerhalb der Teilrepublik Serbien und im Falle Kosovos Errichtung eines Apartheid ähnlichen Besatzungsregimes."

Dass der Ausbruch von Gewalt an vielen - nicht allen - Stellen verhindert werden konnte und der Runde Tisch die Guillotine ersetzte, wie Timothy Ash es ausdrückte, war trotzdem kein schmerzfreier Vorgang:

"Am Runden Tischen waren dann ausgehandelt und verhandelt: schmerzliche Kompromisse, schmerzliche, unschmackhafte, schwierige Kompromisse. Aber der Kompromiss gehörte zum Wesen der samtenen Revolution."

Wenn es also eine Lehre aus der Geschichten oder den Geschichten von 1989 gibt, dann die, dass man weiterhin kompromissbereit reden muss. "Wir müssen reden", so das Motto des Geschichtsforums, und dabei nach vorne schauen: zum Beispiel auf die offenen Grenzen in einem erweiterten Europa. Während in vielen Einzelveranstaltungen gesamteuropäisch über Demokratieentwicklungen oder Probleme und Krisen seit 1989 geredet wurde, stellte ein zentrales Podium, besetzt unter anderem mit Paul Nolte, Professor für Zeitgeschichte an der Freien Universität Berlin, und dem Soziologen Wolfgang Engler, Rektor der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Berlin, die Frage nach 1989 als Gründungsmythos für Europa.

"Also im Grunde müssten wir auch daran arbeiten, '89 noch wichtiger zu machen. Also diese Vergangenheit aufzuwerten, damit sie zu einem Bezugspunkt zum Beispiel für ein europäisches Projekt werden kann, das den Jüngeren dann auch wieder mehr sagt, als irgendwelche Römischen Verträge von 1957, zu denen tatsächlich der lebensweltliche Kontakt verlorengegangen ist."

"Das finde ich auch. Da ist vielleicht ein historischer Moment verpasst worden, man könnte sich rückblickend fragen, warum eigentlich? Warum konnte das keine Gründungsstunde für eine belebende, inspirierende, nach vorne weisende Idee dieses Kontinents werden?"

Zumindest der altbundesrepublikanischen Gesellschaft fehlte es wohl an Offenheit, meinte Wolfgang Engler. Überhaupt fehlt es womöglich an euphorisch verfolgten Zukunftsentwürfen, an Utopien, seit mit 1989 der Kommunismus und Sozialismus als Triebkraft für weltumspannende Visionen abgehalftert hatten.

Auf dem Podium mit dem Titel "Nach dem Ende die Zukunft?" war man sich einig, dass zumindest in Deutschland seit langem ein "robuster" und enttäuschungsfester Pragmatismus vorherrscht. Er beschreibt nicht zuletzt das Lebensgefühl einer Generation, die heute vielleicht zwischen 30 und 45 Jahre alt ist. Politisch ist mit dem Wegfall der großen Utopien zudem eine gewisse Unbeweglichkeit eingetreten, sagt die Rechtsphilosophin Sabine Müller-Mall:

"Solange man ein System dem anderen gegenüberstehen hat und das System selbst keine Alleinstellung innehat, solange kann man natürlich das eigene System auch reiben an den anderen Entwürfen, die man direkt gegenüber sieht. Man ist immer wieder einer Kritik ausgesetzt und muss sich darüber positionieren und wird darüber auch das eigene System weiterentwickeln. Und ich glaube, dass mit dem Umbruch da auch eine Möglichkeit weggefallen ist für das demokratisch kapitalistische System, sich selber noch zu reflektieren."

"Also wir brauchen nicht mehr diese alten Utopien. Die haben uns auch eher geschadet. Aber ich glaube, dass wir schon eine klare Vorstellung wieder davon brauchen, wo wir eigentlich hin wollen. Denn sonst ersticken wir auch in dem, woran wir auch in den letzten 30 Jahren oft erstickt sind, an Geschichte! Es gibt keine Zukunft mehr, und dann dreht man sich um 180 Grad um - und blickt nur noch in die Vergangenheit. Erinnerung, Memorialisierung - wir leben aus der Vergangenheit, aus Nostalgien und es gibt eigentlich nur noch eine Erinnerungs- und eine Geschichtsdebatte und keine Zukunftsdebatte mehr."

Paul Nolte. Und doch: Seit die Finanz- und Wirtschaftskrise, die die bisher so erfolgreiche Verbindung von Demokratie und Kapitalismus erschüttert, passiert etwas:

"Meiner Meinung nach verändert sich gerade in dieser Zeit der Krise genau an dieser Stelle doch etwas. Nämlich dass man bemerkt, dass, wenn die Krise so groß wird, dass eigentlich niemand mehr konkrete Problemansätze überschauen kann, dass dann plötzlich der Ruf nach solchen Zukunftsfantasien, die man Utopien nennt, wieder lauter wird."

Währenddessen scheint die junge Generation der 15- bis 2-Jährigen die visionäre aber zugleich pragmatische Weltverbesserung bereits begonnen zu haben. Globalisierung, weltweite ökologische Probleme, Klimawandel und Menschenrechte - viele junge Menschen sind sich einer Krise längst bewusst und engagieren sich genau hier, wo herkömmliche Grenzen gefallen sind und sich neue Mauern auftun.

Die Jugendworkshops, die im Rahmen des Geschichtsforums unter dem Titel "Methode Zukunft" zum Thema "Offene Grenzen" oder "Freier Markt" angeboten wurden, waren überfüllt von interessierten Abiturienten und Studienanfängern aus ganz Deutschland, die ihr ganz privates Engagement nach Berlin geführt hat. Der Berliner Verein glokal - "globalisierung und politisches handeln lernen" - simulierte mit den Jugendlichen den Welthandel. Caroline Philipp vom Verein glokal:

"Wir teilen die Gruppe in verschiedene Länder auf, also zwei reiche Länder, zwei Schwellenländer, zwei arme Länder. Und die starten dann mit unterschiedlichen Voraussetzungen. Und dann müssen sie eben so viel Geld wie möglich machen. Das ist das Ziel des Spieles. Indem sie eben bestimmte Formen aus Papier produzieren. Und dann machen wir eben so bestimmte Aktionen wie zum Beispiel: In Tansania wird ein neuer Rohstoff gefunden und dann bricht ein Bürgerkrieg aus - und wir konfiszieren die Scheren und so weiter. "

"Also ich spiele gerade die Rolle der Arbeitslosen in Afrika sozusagen."

"Kannst du daraus ein ganz normales Produktionsstück fertigen, aus dem roten Papier?"

"Ja, ist gut"

"Es heißt freier Markt, aber es ist eben nicht frei. Einige Länder haben ganz viele Rohstoffe, andere Länder haben das Know-how, um das zu produzieren."

"Und nach einer Stunde oder so brechen wir das dann ab und versuchen, das mit bestimmten Beispielen auf die Realität zu übertragen."

Während sich die Jugendlichen einen klaren Blick für die weltweiten ökonomischen und politischen Zusammenhänge, Abhängigkeiten, Unfreiheiten und Ungerechtigkeiten erobern und das Miteinander-Reden praktisch einüben, arbeiten sie in gewisser Weise bereits an dem, was Sabine Müller-Mall ihre eigene, private Utopie einer "transnationalen Demokratie" nennt:

"Ich glaube, dass der demokratische Gedanke des immer neu wieder herzustellenden Demokratischen, dass die politische Selbstbestimmung eben kein Zustand ist, sondern eine Handlung ist letztlich, die man immer wieder neu ausführen muss letztlich, die auch jede Generation für sich wieder neu applizieren muss. Das wäre sozusagen meine Hoffnung, dass man sich damit mehr auseinandersetzt, was das eigentlich bedeutet, und das auf eine ganz aktive Weise immer wieder neu betreibt."

Die Vergewisserung dessen, was Freiheit und Demokratie bedeuten und wert sind, beinhaltet eine stete kritische Auseinandersetzung. Für den Direktor der Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam, Martin Sabrow, heißt das auch: die kritische Reflexion der eigenen historischen Aufarbeitungsleistung.

"Wie ist unsere Geschichtskultur beschaffen? Worauf legt sie wert? Was vergisst sie vielleicht auch? Was verdrängt sie ihrerseits? Ist es so, dass unsere Art des Umgangs mit der Vergangenheit, zu der wir ja stehen, weitgehend jedenfalls, dass sie wirklich die beste aller möglichen Formen ist? Das denkt jede Gegenwart und findet sich später dann zurückgewiesen, als verdrängend oder verfehlend."

Aufarbeitung der Aufarbeitung also. Die Frage nach der Rolle der Medien für die Geschichtsschreibung seit 1989 stellt sich dabei zum Beispiel ebenso wie die Frage nach der Rolle der Zeithistoriker innerhalb einer medial aufbereiteten Geschichte.

Und natürlich darf dann auch die Frage erlaubt sein, was ein "Geschichtsforum" will und kann. Im besten Falle ganz im Sinne eines Forums viele Fragen stellen und besprechen. Und davon hätten es noch mehr sein können. Etwas zu oft waren die Besucher zum Zuhören verdammt, während Wissenschaftler, Publizisten, Schriftsteller oder Politiker mehr referierten als diskutierten. Uta Schnell und Luise Tremel resümieren:

"Ich würde auch gerne mal Diskussionen sehen komplett ohne Moderator, weil: Dann glaube ich, dass dann die Menschen, weil sie sich schlicht nicht immer wieder auf jemanden beziehen müssten, einfach miteinander reden müssen."

"Und da würde ich aus der Sicht der politischen Bildung sagen, dass wir von den kulturellen Formaten sehr viel mehr lernen können, als von den wissenschaftlichen Formaten."

Was Kommt? - Was bleibt? - Was bleibt? - Was haben wir nur falsch gemacht? - Was kommt? - Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit?

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