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StartseiteForschung aktuellAufregung im Zwergenstaat12.03.2008

Aufregung im Zwergenstaat

Neue Funde heizen "Hobbit"-Diskussion an

Archäologie. - Für Außenstehende ist die Heftigkeit des Streits um die Fossilien von winzigen Menschen, die vor wenigen Jahren auf der indonesischen Insel Flores gefunden worden sind, kaum nachzuvollziehen. Nun sind auf den Palau-Inseln im Pazifik erneute Überreste von winzigen Menschen gefunden worden, und die die Debatte ist wieder voll entbrannt.

Von Dagmar Röhrlich

Der Schädel des Homo floresiensis und sein Finder Thomas Sutikna vom Indonesischen Zentrum für Archäologie in Jakarta. (AP)
Der Schädel des Homo floresiensis und sein Finder Thomas Sutikna vom Indonesischen Zentrum für Archäologie in Jakarta. (AP)

2006 verbrachte der Paläoanthropologe Lee Berger von der Witwatersrand-Universität in Johannesburg seinen Urlaub auf den Palau-Inseln in der Südsee. Neugierig folgte er damals dem Vorschlag seines Touristenführers, ein paar alte Menschenknochen in einer Höhle zu besichtigen:

" Als er mich in die Höhle führte, fand ich dort dieses wunderbare, winzige Gesicht. Mit weit auseinander stehenden, kleinen Augen, mit fliehendem Kinn und einem Mund voll riesiger Zähne, die aus Platzmangel in alle Richtungen ausgebrochen zu sein scheinen, war das Wesen keine Schönheit. Aber es war ein winziger moderner Mensch, der kleinste, den wir je gesehen haben. "

Auch etliche zerbrochene Knochen lagen auf dem Höhlenboden verstreut. Aus diesem Puzzle versucht Lee Berger die Menschen zu beschreiben, die dort beerdigt worden waren:

" Die Überreste stammen von Menschen, die vor 1500 bis 3000 Jahren auf Palau gelebt haben und die durch das Phänomen der "Inselverzwergung" vielleicht nur einen Meter groß geworden sind. Bei diesem Phänomen nimmt die Größe durch Nahrungsmangel und ein Leben ohne Feinde ab. Innerhalb sehr weniger Generationen wurden die Menschen winzig und haben sehr seltsame Merkmale wie riesige Zähne oder stark reduzierte Kinnpartien entwickelt. Obwohl es eindeutig moderne Menschen sind, gleichen sie in etlichen Merkmalen dem so genannten Homo floresiensis, dem Hobbit, der auf der Insel Flores gefunden worden ist. "

Um den indonesischen Hobbit tobt ein heftiger Streit: Handelt es sich bei ihm um einen winzigen, kranken modernen Menschen oder um eine eigene Art? Ein zentrales Merkmal des Hobbits ist sein winziges Gehirn, das gerade so groß war wie eine Pampelmuse:

" Von dem, was wir erkennen können, werden die Gehirne der Palau-Menschen nicht so klein gewesen sein, wie die auf Flores, aber noch haben wir kein Schädelstück aus dem Boden geborgen. Die Gehirngröße wird eher am unteren Rand der normalen Variationsbreite bei Menschen liegen, vielleicht leicht darunter. "

Deshalb schließt Berger: Bei den Hobbits handelt es sich um Menschen, die vom Phänomen der Inselverzwergung betroffen waren und gleichzeitig an einer Gehirnkrankheit litten. Das sieht Christoph Zollikofer von der ETH Zürich anders:

" Bislang sind die Funde von Palau nur sehr oberflächlich analysiert worden. Außerdem kennt Lee Berger das Originalmaterial von Flores nicht, sondern muss sich bei seinem Urteil auf veröffentliche Daten verlassen. Die Knochen von Palau beweisen vielleicht nur, dass sich zwei winzige Individuen verschiedener Arten von einigen Merkmalen her mehr gleichen können als ein winziges und ein normal großes Individuum derselben Art. "

Auch der Archäologe Scott Fitzpatrick von der North Carolina State University steht Lee Bergers Schlussfolgerungen skeptisch gegenüber:

" Die Überreste mit denen ich seit zehn Jahren auf Palau arbeite, sind bis zu 3000 Jahre alt und älter als Bergers. Die Knochen aus den anderen Beerdigungsstätten stammen von normal großen Menschen. Angesichts der archäologischen Daten ist es kaum zu glauben, dass in einem so kleinen Lebensraum gleichzeitig eine Population winzigster Menschen und eine von normal großen existiert haben soll. "

Noch seltsamer wäre das Ganze, weil auf Palau - anders als von Lee Berger behauptet - der Umweltdruck fehle: Die Verzwergung müsste auf einer der reichsten Inselwelten des Pazifiks abgelaufen sein - und zwar in Rekordgeschwindigkeit, erklärt Fitzpatrick. Seiner Meinung nach handelt es sich hier wohl um besondere Grabstätte für Kinder und Jugendliche.

Um das eingehender zu untersuchen, müssten die Forscher noch einmal in die Höhle, Aber das könnte schwierig werden, weil die Bürger von Palau schon jetzt aufgebracht sind. Eine ihnen heilige Begräbnisstätten sei für nichtwissenschaftliche Zwecke entweiht worden. Der Grund: Der National Geographic, der die Forschung Lee Berges finanziert, hat dort auch einen Film über die Grabung drehen lassen.

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