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Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteForschung aktuellAußerparlamentarische Opposition des Wissenschaftsestablishments12.04.2007

Außerparlamentarische Opposition des Wissenschaftsestablishments

Vor 50 Jahren kritisierten renommierte Atomphysiker Atomwaffenpläne für die Bundeswehr

Wissenschaftsgeschichte. - Heute vor 50 Jahren unterzeichneten die Atomphysiker Werner Heisenberg, Otto Hahn, Carl Friedrich von Weizsäcker und 15 weitere Physiker die so genannte Göttinger Erklärung gegen die vom damaligen Bundeskanzler Adenauer betriebene atomare Bewaffnung der Bundeswehr. Historiker bezeichnen diesen Schritt heute als einen Wendepunkt der Wissenschaftler in ihrem Verhalten gegenüber Staat und Gesellschaft. Der Wissenschaftshistoriker Christian Forstner von der Universität in Jena erläutert die Bedeutung des Dokuments im Gespräch mit Gerd Pasch.

Vor 50 Jahren sprachen sich deutsche Atomphysiker gegen die Atombombe in deutschen Händen aus. (AP Archiv)
Vor 50 Jahren sprachen sich deutsche Atomphysiker gegen die Atombombe in deutschen Händen aus. (AP Archiv)

Pasch: Herr Forstner, was bezweckte die Göttinger Erklärung?

Forstner: Sie hat im Grunde zwei Inhalte: zum einen wendet sie sich gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr, und zum anderen hatte sie auch zum Inhalt, die friedliche Verwendung der Atomenergie weiterhin mit allen Mitteln zu fördern. Bis auf zwei der Unterzeichner der Göttinger Erklärung arbeiteten sämtliche mit am deutschen Atomprogramm während der Nazizeit. Hier stellte sich die moralische Frage, soll man eine Atomwaffe bauen oder nicht, in keinem Fall. Die Wissenschaftler wollten sich gleichzeitig durch diese Göttinger Erklärung immunisieren gegen moralischer Angriffe von außen, um so ihre friedliche Kernforschung weiter betreiben zu können.

Pasch: Die Wissenschaftler wandten sich gegen eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr. Haben sie ihr Ziel erreicht?

Forstner: Die Bundeswehr selbst ist nie mit Atomwaffen ausgestattet worden. Allerdings wurden auf dem Bundesgebiet im Rahmen der Nato durchaus Atomwaffen stationiert. Das Ganze ist im Zusammenhang mit der heißen Phase des kalten Krieges zu sehen. und einer Hinwendung der Nato hin zu einer verstärkten Abschreckungsdoktrin.

Pasch: Wenn in dieser Phase Wissenschaftler auf den Plan treten und sich gegen eine atomare Bewaffnung aussprechen, was bedeutet das eigentlich für die Wissenschaftsgemeinde, wie ist diese Göttinger Erklärung von vor 50 Jahren heute einzuordnen?

Forstner: Wenn wir sie historisch rückblickend betrachten, dann müssen wir festhalten, dass erst andere Versuche Einfluss zu nehmen gescheitert sind. Es gab insbesondere von Werner Heisenberg den Versuch, eine Politikberatung im Rahmen des deutschen Forschungsrates zu installieren. Es gab zunächst Kontakte zwischen den Naturwissenschaftlern und den Politikern wie Franz-Josef Strauß, dem damaligen Verteidigungsminister. Erst in dem Moment, als sich diese Form der Politikberatung, die allein auf die Autorität der Wissenschaftler begründet war, gescheitert ist, wandten sich die Wissenschaftler an die Öffentlichkeit. Also im Falle der Göttinger 18 liegt ein Fall von außerparlamentarischer Opposition vor. Sie wenden sich an die Öffentlichkeit, knüpfen an an die bisherige Anti-Atombewegung. Gleichzeitig ist das historisch betrachtet ein neues Phänomen. In der Weimarer Republik sehen sich Naturwissenschaftler dem Staat, einer abstrakten Nation als Ganzes verpflichtet, und sie lehnten noch, wie sie selbst abfällig sagten, dass Parteiengezänk der Weimarer Republik ab. Dadurch lässt sich auch ein relativ bruchfreier Übergang vieler zum Naziregime erklären. Erst nach 1945 erfolgt dann eine Rationalisierung, ein verstärktes politisches Engagement, zunächst relativ leise, und erst als dieser Kontakt scheitert, dann die Hinwendung an die Öffentlichkeit.

Pasch: Die Forscher, die Wissenschaftler sind raus aus dem Elfenbeinturm getreten, aber fordern aktuelle gesellschaftliche und Wissenschaft politische Entwicklungen heute eine ähnliche Erklärung heraus, die vor 50 Jahren zur atomaren Bewaffnung?

Forstner: Es gibt Technologien, Forschung, die Risiken in sich bergen. Ich denke auch, dass Diskussionsprozesse zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit notwendig sind. In der Bundesrepublik selbst haben wir heute keine ähnliche Konstellation, in denen von Staatsseite eine gefährliche Technologie zur Abschreckung, Verteidigung installiert werden soll. Heute können sich Wissenschaftler in den verschiedenen Bereichen wiederfinden, es können einfache Bürgerinitiativen seien, es kann Politikberatung sein. Ich denke, es steht ihnen eine Vielzahl von Möglichkeiten offen, wo sie sich einbringen können.

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