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StartseiteTag für TagKunst contra Konflikte04.11.2016

Ausstellung im Jüdischen Museum BerlinKunst contra Konflikte

Treffen sich ein Muslim, ein Christ und ein Jude. Keine Angst, jetzt kommt kein schlechter Witz, sondern so lautet der Titel einer Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin. Mit "A Muslim, a Christian and a Jew" richtet der israelische Künstler Eran Shakine den Blick auf die Gemeinsamkeiten der drei Religionen.

Von Andrea Heinze

Mit Bruce Springsteen und Mark Knopfler im "Tunnel of love": Eran Shakine und seine Gentlemen-Figuren. (Andrea Heinze)
Mit Bruce Springsteen und Mark Knopfler im "Tunnel of love": Eran Shakine und seine Gentlemen-Figuren (Andrea Heinze)
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Drei Männer stehen in einer Berglandschaft und halten Ausschau: Der eine verschränkt dabei die Arme hinterm Rücken, ein anderer schaut durch ein Fernrohr und der Dritte lässt seinen Spazierstock baumeln. Darunter steht auf Englisch: "Ein Muslim, ein Christ und ein Jude suchen die Liebe Gottes." Auf einem anderen Bild haben sich die drei Männer in einer Drehtür verheddert.

"Ein Muslim, ein Christ und ein Jude versuchen herauszufinden, was sie als nächstes tun", lautet der Kommentar zu dieser Szene. Der israelische Künstler Eran Shakine lässt seine drei Religionsvertreter unterschiedliche Situationen durchleben - meist sind sie einander freundlich zugewandt. Bloß wer ist der Muslim, wer der Christ oder der Jude? Das verrät Eran Shakine nicht - denn alle drei tragen Frack und Zylinder:

"Weil Kleider einen symbolischen Wert haben. Juden bedecken ihren Kopf mit der Kippa, Muslime haben ihre eigene Kleidung. Kleidung gibt Menschen eine Identität, aber sie trennt Menschen eben auch. Und ich mache hier einen kleinen Test, weil ich die in Kleidung stecke, die überhaupt nicht mit Religion assoziiert wird. Die sehen mit ihren Zylindern eher wie Gentlemen aus. Die sollten sich also verpflichtet fühlen, nett zueinander zu sein."

Die Ausstellung zeigt das, was alle miteinander verbindet: die gemeinsamen religiösen Wurzeln - und die gemeinsame Kultur (Andrea Heinze)Die Ausstellung zeigt das, was alle miteinander verbindet: die gemeinsamen religiösen Wurzeln - und die gemeinsame Kultur (Andrea Heinze)

Eran Shakine spielt in seinen Bildern mit Konventionen: Wer einen Muslim, einen Christen und einen Juden zusammenbringe, müsse nicht wie oft üblich Typisierungen oder gar Klischees folgen lassen, meint er. Und wer mit Ölwachskreide auf großformatige Leinwand male, müsse das nicht akkurat ausarbeiten. Eran Shakines Arbeiten sehen aus wie riesige hingekritzelte Karikaturen. Shakine geht es um die Idee: Er will die Religionen friedlich zusammenbringen - und zwar möglichst oft, deshalb zeichnet er schnell.

"Man hat eine Idee, die geht direkt in die Hand und dann auf die Leinwand. Das geht so wunderbar schnell. Und außerdem glaube ich, dass Zeichnungen, vor allem einfache Schwarz-Weiß-Zeichnungen, alle Menschen auf ganz unterschiedlichen Ebenen ansprechen. Für manche ist das einfach nur ein gezeichneter Witz, andere erforschen diese naive Malerei und den Text dazu richtiggehend und begeben sich auf eine Reise zu sich selbst - und vielleicht haben sie ihre Position danach geändert."

Die eigene Sichtweise überdenken

"Ein Muslim, ein Christ und ein Jude sehen die Wahrheit", heißt es auf einem Bild. Darauf sind die drei Gentlemen vor Zerrspiegeln zu sehen. Das ist eines der Bilder, mit denen Eran Shakine dazu anregen will, die eigene Sichtweise zu überdenken, zum Beispiel auf den Nahost-Konflikt: etwa die Palästinenser nur als in ihren Gebieten eingesperrte Opfer der Israelis zu sehen. Oder umgekehrt die Israelis vor allem als Opfer von Sprengstoff und Messerattacken der Palästinenser wahrzunehmen.

"Es gab auch einen Juden, der ein lesbisches Mädchen mit dem Messer attackiert hat, beim Christopher Street Day in Jerusalem, der hat sie umgebracht. Es gibt in jeder Gruppe verrückte Menschen und problematisch wird es, wenn das generalisiert wird. Wenn man sagt: Die Juden sind so und die Araber sind so. Generalisierung ist sehr einfach, aber falsch. Richtig wäre es, jeden einzelnen Menschen zu treffen und mit ihm zu sprechen und vielleicht ist er gut, vielleicht ist er aber auch schlecht. Das Hauptproblem ist, dass die Menschen nicht miteinander sprechen wollen."

"Gute Absichten": Der israelische Künstler Shakine vor einem seiner Bilder. (Andrea Heinze)"Gute Absichten": Der israelische Künstler Shakine vor einem seiner Bilder. (Andrea Heinze)

Das klingt nach einer sehr schlichten Lösung. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Eran Shakine aus Israel kommt, einem Land, in dem Konflikte auf beiden Seiten seit Jahrzehnten mit Gewalt ausgetragen werden. Shakine war gerade mal fünf Jahre alt, als Ende der 1960er-Jahre der Sechstagekrieg ausbrach. Insgesamt hat er sieben Kriege erlebt, inklusive Bombenalarm und Terroranschlägen. Ein Leben, das immer wieder bedroht ist. Trotzdem fordert der Künstler mehr Gelassenheit - und Neugier aufeinander.

Auf einer Reise durch Popkultur und Kunstgeschichte 

Eran Shakine setzt bei seinen Bildern vom Muslim, dem Christen und dem Juden auf das, was alle miteinander verbindet: die gemeinsamen religiösen Wurzeln - und die gemeinsame Kultur.

"Die sind auf einer Reise, wie drei Freunde, die die Vergangenheit erforschen, die Zukunft und die Gegenwart, genauso wie die Entdecker im 19. Jahrhundert. Und hier erkunden die drei zum Beispiel die Kunstgeschichte, sie besuchen Moses, also natürlich nur ein Bild von Moses, und zwar die Skulptur von Michelangelo. Hier gibt es also auch noch ein bisschen Kunstgeschichte."

Michelangelos Moses strahlt eine Ruhe aus, die die drei Gentlemen anzustecken scheint. Die schwarzen Linien, die den "Tunnel der Liebe" bilden, flirren dagegen unruhig. Muslim, Christ und Jude tasten sich mit Taschenlampen durch diesen aufregenden Ort. Mit dem "Tunnel der Liebe" zitiert Eran Shakine auch Popkultur. Die Dire Straights haben den "Tunnel of Love" genauso besungen wie Bruce Springsteen. Für Eran Shakine ist Popkultur ein Schlüssel zum Frieden. "Ein Muslim, ein Christ und ein Jude wählen die Waffen", heißt es auf dem Bild, auf dem die drei vor unterschiedlichen E- und Akustikgitarren stehen. Auf dass die Kämpfe nur noch mit der Gitarre ausgetragen werden.

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