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StartseiteHintergrundWo ist der Wohlstand geblieben?30.07.2017

Australiens Rekord-WirtschaftswunderWo ist der Wohlstand geblieben?

Australiens Wirtschaft hat die längste Expansionsphase der Welt zurückgelegt: 26 Jahre Wirtschaftswachstum. Doch immer mehr Australier äußern sich angesichts hoher Immobilienpreise und Steuern pessimistisch. Ökonomen kritisieren, dass australische Regierungen die Milliarden des Booms verschleudert hätten.

Von Andreas Stummer

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Autoimport im australischen Hafen von Fremantl am 18.06.2014 (dpa / Hinrich Bäsemann)
Australien war gewappnet gegen das Auf und Ab der Weltmärkte. Doch hat man sich zu lange auf den Lorbeeren ausgeruht? (dpa / Hinrich Bäsemann)
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Es ist längst ein Ritual. Alle drei Monate, zu Beginn jeden Quartals, tritt der australische Finanzminister in Canberra vor die Presse und informiert über den Stand der einheimischen Wirtschaft. Ist sie geschrumpft, tritt sie auf der Stelle oder ist sie gewachsen? Seit 1991 gab es immer wieder andere Finanzminister, die guten Nachrichten aber sind gleich geblieben. 

Australiens Wirtschaft wächst und wächst ununterbrochen seit nunmehr 26 Jahren oder 104 Quartalen. Das ist ein Weltrekord. Der längste je verzeichnete Aufschwung, länger als in den Niederlanden, dem bisherigen Rekordhalter. Australiens amtierender Finanzminister Scott Morrison sitzt im gemachten Nest. 

"Eine ganze Generation von Australiern ist aufgewachsen, ohne eine Rezession kennengelernt zu haben. Das ist ein enormer Erfolg, aber nichts, das wir für selbstverständlich nehmen sollten. Unsere Wirtschaftsleistung wurde von jedem Australier erbracht, der jeden Tag zur Arbeit gegangen ist, ein Unternehmen gegründet oder sonst seinen Teil zu unserem Wohlstand beigetragen hat."

Einwandererland der unbegrenzten Möglichkeiten

Ein starker Banken- und Finanzsektor, ein funktionierendes Gesundheitswesen, Sozialfürsorge und ein ungebrochen stabiler Großhandel vor allem mit Rohstoffen: Australiens Rekord-Wirtschaftswunder ist kein Zufall und es kam nicht über Nacht. Es wurde von langer Hand und vor langer Zeit geplant. 

Das Jahr 1983. Michael Jacksons "Thriller" wird zum meistverkauften Album aller Zeiten, der "Stern" fällt auf die gefälschten Hitler-Tagebücher herein und in Australien wird die Wirtschaftsgeschichte des Landes neu geschrieben. Durch radikale Reformen gab die Regierung damals die politische Kontrolle über den australischen Dollar, über Zinsen und Löhne auf, Zollmauern wurden beseitigt. "Wir verwandelten uns von einer der am strengsten regulierten Nationen in eine offene Marktwirtschaft", erinnert sich der Finanzjournalist George Megalogenis.

Australien war gewappnet gegen das Auf und Ab der Weltmärkte. Als einzige entwickelte Wirtschaft entgingen die Australier jeder größeren Schockwelle moderner Globalisierung. George Megalogenis zählt auf: "Da war die asiatische Finanzkrise in den späten 90er-Jahren, der US-Technologie-Crash um die Jahrtausendwende und 2008 die globale Finanzkrise."

"Unsere Banken blieben flüssig, die Regierung verwendete den Haushaltsüberschuss und stellte der gesamten Bevölkerung 1.000-Dollar-Schecks aus, die sie - quasi als Patriotenpflicht - ausgeben sollte. Die Zentralbank senkte die Zinsen und Unternehmer kürzten lieber die Arbeitszeiten ihrer Angestellten, statt sie zu entlassen. Die ganze Wirtschaft hielt zusammen und trotzte der Krise. Australien handelte damals vorbildlich."

Als dreizehntgrößte Volkswirtschaft ist Australien nicht das reichste Land der Welt, aber eines der sorgenfreiesten: eine stabile Arbeitslosenquote um die sechs Prozent, ein hohes Lohnniveau und kontinuierlicher Aufschwung. Vor allem dank eines historischen Rohstoffbooms - und Einwanderung. Denn nicht nur Australiens Wirtschaft wächst beständig, sondern auch Australiens Bevölkerung. 

Was nach den beiden Weltkriegen als Besiedelungsprogramm für die ehemalige Strafkolonie des britischen Empires begann, schuf bald eine neuen Heimat für Menschen, die einen Neuanfang suchten. Australien wurde zum Einwandererland der unbegrenzten Möglichkeiten. 

Im feierlich geschmückten Rathaus von Sydney, Einbürgerungszeremonie für 30 neue Australier - jung und aus aller Herren Länder. Stolz und im Chor schwören die Migranten aus Brasilien, Frankreich, Irland, den Philippinen, China, Vietnam und Wales den Treueeid auf die australische Fahne. Ein Händedruck der Bürgermeisterin, ein Foto mit Urkunde für's Familienalbum - und Australien hat 30 neue Mitbürger. 

Etwa 190.000 Menschen aus aller Welt werden jedes Jahr Australier. Wie Millionen Einwanderer vor ihnen bereichern sie das Land nicht nur kulturell, sie sind auch ein Wirtschaftsfaktor. Oder wie es Ökonom Chris Richardson nennt: menschliches Kapital. 

"Australien nimmt mehr Migranten auf als die meisten anderen wohlhabenden Länder - vor allem junge, hoch qualifizierte Zuwanderer. Eine ideale Kombination auch gegen eine zunehmende Überalterung. Wenn man den Lebensstandard der eigenen Bevölkerung anheben will dann lässt man nicht einfach wahllos Migranten ins Land, sondern achtet darauf, dass es auch die richtigen sind."

Klasse statt Masse. Australien hat ein striktes Einwanderungsgesetz. Ob Buchhalter, Architekt, Doktor, IT-Spezialist oder Handwerker: Eine berufliche Qualifikation zählt mehr als Familienzusammenführung. Dazu kommen gut 750.000 Menschen mit zeitlich begrenzten Arbeitsvisa. Aus diesem Pool stammen die meisten späteren Einwanderer. Wer gebildet ist, gebraucht wird und sich zu den sozialen Werten des Landes bekennt, ist willkommen. Wirtschaftsmigranten aber und Zuwanderer, die ethnische Abgrenzung in Parallelgesellschaften vorziehen oder es sich nur in der sozialen Hängematte bequem machen wollen, müssen draußen bleiben. Einwanderung und wirtschaftlicher Aufschwung gehen Hand in Hand in Australien - einschließlich der Nebenwirkungen. 

Weniger Wohnraum, steigende Mieten in den Großstädten

Rush Hour in Sydney, überall Kriechverkehr, Stoßstange an Stoßstange - über Kilometer. Einwanderer zieht es in die Großstädte, dahin, wo die Jobs sind. Immer mehr Menschen in Australiens Metropolen bedeuten aber auch immer weniger Wohnraum, steigende Mieten und astronomische Immobilienpreise. 

Die Skyline von Melbourne, Australien. (picture alliance / dpa / Heikki Saukkomaa)Die Skyline von Melbourne. Jedes Wochenende kommen Immobilien im Wert von hunderten Millionen Euro in Australien unter den Hammer. (picture alliance / dpa / Heikki Saukkomaa)

Jedes Wochenende kommen Immobilien im Wert von hunderten Millionen Euro in Australien unter den Hammer. Im Jahr 1991 lag der durchschnittliche Preis für ein Haus in Sydney noch bei etwas über 100.000 Euro, heute bei fast 600.000 Euro. In Melbourne ist es ähnlich teuer. Politikwissenschaftler Ian McAllister von der Universität Canberra misst regelmäßig in Umfragen den Stand des Stimmungsbarometers im Land. Er hat herausgefunden: Trotz kontinuierlichen Aufschwungs halten sich die Australier für weniger wohlhabend als früher. 

"Schon seit Längerem sind wir sehr pessimistisch, was die einheimische Wirtschaft und ihre eigene finanzielle Situation betrifft. Das liegt an hohen Steuern und noch höheren Immobilienpreisen. Besonders interessant aber ist, dass die Bevölkerung es der Regierung nicht zutraut, ihre Lage zu verbessern."

Reiche, ausländische Investoren heizen die Hauspreise zusätzlich an. Eine Spekulationsblase, die sich immer weiter aufbläht. Wer am Immobilienmarkt mitmischen will, muss sich haushoch verschulden. Die Schuldenlast der privaten australischen Haushalte beträgt das Doppelte des verfügbaren Einkommens, so viel wie in kaum einem anderen Land der Welt. Und mittendrin: die Generation Australier, für die Rezession ein Fremdwort ist. 

"Ich mache mir Sorgen um bezahlbaren Wohnraum", klagt ein junger Mann in Sydney. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mir jemals ein Eigenheim leisten kann." Auch sein Bruder, ein Student, schüttelt den Kopf: "Die Statistik mag gut aussehen, aber wo ist unser Reichtum? Wo ist sichtbar, dass wir über 20 Jahre Wirtschaftswachstum hatten?"

Digitale Revolution fällt Machtwechsel zum Opfer

Großkonzerne würden hofiert, der kleine Mann geschröpft und erst kurz vor der Wahl dann wieder mit Steuererleichterungen geködert. Ökonomen kritisieren, dass australische Regierungen - linke wie konservative - die Milliarden des Jahrhundert-Rohstoffbooms verschleudert hätten. Der öffentliche Nahverkehr in den Ballungszentren ist nur dürftig oder gar nicht ausgebaut. Der seit Jahrzehnten angekündigte zweite Flughafen für Sydney immer noch nicht gebaut und ein Hochgeschwindigkeitszug zwischen Brisbane und Melbourne weiter Zukunftsmusik. Und dann ist da noch das Schlamassel des nationalen Breitband-Netzwerks NBN. 

Es ist das größte und komplexeste Infrastruktur-Projekt in Australiens Geschichte. Bis ins Jahr 2020 sollen alle australischen Haushalte, Unternehmen und Büros, egal ob in Städten oder im dünn besiedelten Outback, eine Hochgeschwindigkeits-Internetverbindung bekommen. Werbespots der Regierung versprechen eine digitale Revolution. 

Jeder noch so entlegene Winkel des riesigen australischen Kontinents erreichbar nur durch einen Mausklick, ungeahnte Geschäftsmöglichkeiten für Industrie und Wirtschaft, mehr Dienstleistungen für ländliche Regionen. Patienten, die nicht mehr hunderte Kilometer weit fahren müssen, um einen Spezialisten zu sehen, Studenten mit Online-Zugang zu jedem Dozenten im Land. 

Doch die schöne neue Datenwelt hat ihren Preis - ursprünglich 20 Milliarden Euro. So viel wollte sich die damalige Labor-Regierung 2009 ein Glasfasernetz für ganz Australien kosten lassen. Der Bau begann. Doch dann gab es einen Machtwechsel in Canberra. Die Konservativen wollten von superschneller Glasfaser bis vor jede Haustür nichts wissen. Sie setzen auf das alte Kupfernetz der Telekom. "Wir werfen gerade die Milliarden, die uns der Rohstoff-Boom gebracht hat, zum Fenster hinaus", moniert Scott Ludlam, der als Kommunikationssprecher der Grünen das NBN-Debakel mitverfolgt hat. Statt des versprochenen Rolls Royce auf der Hochgeschwindigkeits-Datenautobahn bekäme der australische Steuerzahler nur einen klapprigen Pick-up-Truck. 

"Das Glasfasernetz sollte Australiens Zukunft sein. Stattdessen ist das nationale Breitbandnetz jetzt ein Flickenteppich aus Kupfer-, Faser-, Satelliten- und Wireless-Verbindungen. Australien bekommt ein Telekommunikations-System, das langsamer, teuerer und später fertig ist als das ursprünglich geplante Glasfasernetz. Was für ein Geniestreich."

Das Ausrollen des NBN-Netzwerks hinkt dem Zeitplan hinterher. Die Kosten sind von 20 auf 37 Milliarden Euro explodiert - und sie steigen weiter. Scott Ludlam fürchtet, dass Australien - trotz 26 Jahren ungebrochenen Wachstums - international, buchstäblich, den Anschluss verlieren könnte. 

"Unser Premierminister spricht gerne über Beweglichkeit und Innovation - davon, dass unsere Wirtschaft vielseitiger werden muss und nicht länger nur vom Export gewaltiger Mengen schwindender Rohstoffe abhängig sein darf. Für diesen grundlegenden Wandel brauchen wir modernste Telekommunikation von Weltformat. Aber was bekommen wir? Ein Breitband-Netzwerk, das am Tag der Fertigstellung bereits überholt sein wird."

"Infrastruktur" ist ein heikles Thema in Australien. Zu oft werden Großprojekte mit Steuergeldern finanziert und dann politisch opportun privatisiert.  Der Export-Hafen in Darwin im hohen Norden, Australiens Tor nach Asien, ist an China verpachtet. Sydneys Flughafen wurde an eine Investment-Bank verkauft. Mautstraßen und die australische Telekom wurden privatisiert. Die Folgen sind stets dieselben: höhere Kosten für die Nutzer, schlechterer Service seitens der Betreiber. Das ist nirgendwo offensichtlicher als im Energiesektor. 

Energieprobleme könnten Wirtschaft lahmlegen

Februar 2017. Adelaide tappt wieder einmal im Dunkeln. Zum zweiten Mal innerhalb von nur vier Monaten gingen überall im Staat die Lichter aus. Das südaustralische Stromnetz, zur Hälfte von alternativer Energie gespeist, war zusammengebrochen. Der Schaden für Industrie und den Einzelhandel ging in die hunderte Millionen australische Dollar. Sollte es auch in Zukunft zu Blackouts kommen, dann sieht der unabhängige Senator Nick Xenophon schwarz - nicht nur für den Wirtschaftsstandort Südaustralien. 

"Es gibt tausende Klein-und Großbetriebe, die sich schon jetzt die ständigen Preiserhöhungen für Energie kaum leisten können. Vor allem wenn die Stromversorgung nicht gesichert ist. Wenn wir unsere Energieprobleme überall im Land nicht lösen, wird Australiens Wirtschaft eine Rezession erleben und zehntausende Arbeitsplätze werden binnen eines Jahres verloren gehen." 

Australiens Energiekrise ist hausgemacht. Immer mehr schmutzige, unrentable Kohlekraftwerke, die über 70 Prozent des einheimischen Energiebedarfs decken, werden geschlossen. Der Großteil riesiger Gasvorkommen wird exportiert. "Unsere Regierung ist wie der Kapitän eines dahintuckernden Schiffs, der am Steuer eingenickt ist", bemängelt der Finanzanalyst Khobad Bhavnagry. Und dann sei da noch das nicht enden wollende politische Hickhack darum, was und wie viel Australien konkret gegen den Klimawandel unternehmen solle.  

"Wir haben zehn Jahre Politikversagen im Energiesektor hinter uns. Erst gab es einen Emissionshandel, dann wurde er wieder abgeschafft und der Zielwert von 20 Prozent für erneuerbare Energien wurde ständig nach unten korrigiert. Vor drei Jahren fielen Investitionen für große Wind- oder Solaranlagen um 88 Prozent - praktisch gegen null." 

Zu lange auf den eigenen Lorbeeren ausgeruht

Versorgungsengpässe und steigende Kosten: Vor allem Australiens Rohstoff-Industrie sucht jetzt nach Alternativen. Stahlunternehmen wollen sich mit einem Mix aus Wasserkraft, Wind- und Sonnenergie vom herkömmlichen Strommarkt abnabeln. Selbst die australische Telekom investiert verstärkt in Solarparks. Australiens oberster Wissenschaftler will, dass die Regierung umdenkt. Im Jahr 2030, so Alan Finkel, sollten mehr als 40 Prozent der Energieversorgung durch erneuerbare Alternativen erzeugt werden. "Solange wird die Industrie nicht warten", glaubt Finanzanalyst Kobad Bhavnagry, denn nach 26 Jahren ununterbrochenen Wachstums will niemand, dass Australiens Wirtschaft die Lichter ausgehen. 

Zwei Windräder stehen in Westaustralien in karger Landschaft vor blauem Himmel. (picture alliance /dpa /Hinrich Bäsemann)Versorgungsengpässe und steigende Kosten: Vor allem Australiens Rohstoff-Industrie sucht jetzt nach Alternativen. (picture alliance /dpa /Hinrich Bäsemann)

"Australiens Parteien sollten endlich eine solide Energiepolitik betreiben und aufhören sich ideologisch zu bekriegen. Dann könnte dieses Land mit die billigsten Energiepreise der Welt haben."

Es ist viel die Rede von "könnte" oder "sollte". Durch den ungebrochenen Rohstoffboom hat sich Australien zu lange auf den eigenen Lorbeeren ausgeruht. Die Infrastruktur des Landes wurde der wachsenden Bevölkerung nicht angepasst, Haushaltsüberschüsse lieber dem Wähler zurückgegeben als in S-Bahnen, Schulen oder Krankenhäuser investiert. "Politische Fehler, deren Korrektur uns früher oder später in eine Rezession treiben könnten", spekuliert der Ökonom Matthew Hassan. Jetzt sei die Regierung gefragt. Denn selbst nach 26 Jahren Aufschwung könne die australische Wirtschaft nicht ewig auf Autopilot laufen. 

"Wir können uns nicht einfach nur weiter auf den Bergbau oder den Immobilienmarkt verlassen. Die Konsumenten und auch die Industrie sind vorsichtig geworden. Niemand scheint zu Wissen, was Australiens Wirtschaftswachstum künftig und über dieses Jahr hinaus garantieren soll." 

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