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StartseiteCampus & Karriere"Betriebliche Ausbildung muss ein Update erfahren"18.04.2018

Berufe digital"Betriebliche Ausbildung muss ein Update erfahren"

Torben Padur vom Bundesinstitut für Berufsbildung sieht Erneuerungsbedarf in der betrieblichen Ausbildung. Nahezu alle Berufe seien von Digitalisierung betroffen und junge Menschen müssten viel früher auf die vernetzte Arbeitswelt vorbereiten werden, sagte er im Dlf. Dafür müssten die Ausbildungen anders gestaltet werden.

Torben Padur im Gespräch mit Kate Maleike

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Ein Landwirt fährt einen Traktor, der mit Hilfe von GPS gesteuert wird (dpa / Uwe Anspach)
Das Thema Digitalisierung spielt in nahezu allen Berufen eine große Rolle spielt - auch in der Landschaft (dpa / Uwe Anspach)
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Kate Maleike: Auch der digitale Wandel ist natürlich eine aktuelle Herausforderung für die berufliche Ausbildung in Deutschland. Nur: Wie werden Ausbildungsberufe eigentlich digital? Und was muss verändert werden, damit sie à jour bleiben? Torben Padur ist beim Bundesinstitut für Berufsbildung zuständig für den Bereich Digitalisierung. Wie digital, hab ich ihn gefragt, geht es denn schon zu in der dualen Berufsausbildung?

Torben Padur: Ich glaube, unsere Berufsbilder und unsere berufliche Bildung sind zurzeit sehr gut aufgestellt. Wir haben das Thema Digitalisierung, digitaler Wandel erkannt, wir fangen an zu gestalten, wir setzen um, wir modernisieren unsere Berufe und wir gehen aktiv in diesem Thema voran. Aber wir haben auch einige Handlungsspielräume, einige Stellschrauben, an denen wir künftig drehen wollen, um das System attraktiv zu halten.

Maleike: Was sind das denn für Stellschrauben?

"Nahezu alle Berufe sind von Digitalisierung betroffen"

Padur: Ja, sehen Sie, wir haben eine gewisse Flächenproblematik in der Bundesrepublik. Wir erkennen, dass nahezu alle Berufe von Digitalisierung betroffen sind. Wir haben aber eine hohe Ungleichzeitigkeit in der betrieblichen Entwicklung. Will einfach heißen, wir haben einige Betriebe, die haben die 4.0-Schwelle bereits überschritten, sind hoch digital, und wir haben andere Betriebe, die sind vielleicht noch sozusagen im digitalen Wandel etwas weiter zurück an dieser Stelle. Trotzdem bilden beide Betriebe gleiche Berufsbilder aus, mit gleichen Abschlüssen, sodass wir schauen müssen, wie wir hier keine Ausbildungshemmnisse schaffen auf der einen Seite, andererseits aber Angebote für die digital affinen Betriebe schaffen. Und da entwickeln wir gerade Lösungen, Möglichkeiten und wollen sozusagen so unsere Berufe fit halten.

"In kleinen und mittelständischen Unternehmen müssen wir hinschauen"

Maleike: Sie führen nämlich gerade eine Art Berufsscreening durch, das sie auch bald abschließen werden - seit zwei Jahren, zusammen mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung. Da nehmen Sie 12 Ausbildungsberufe gerade unter die Lupe, um herauszufinden, welche Zukunftskompetenzen da eigentlich vermittelt werden müssen und wie man eben digital zukunftsfähig bleiben kann. Erklären Sie uns doch mal ganz kurz: Was genau machen Sie da und um welche Berufe geht es?

Padur: Ja, ganz genau. Vielleicht gehe ich einen ganz kleinen Schritt zurück. Wir haben kurz vor diesem ein Projekt abgeschlossen, wo wir in der Automobilindustrie unterwegs gewesen sind und haben uns dort die Veränderung von Digitalisierung auf Facharbeit, auf Aufgaben, auf Anforderungen, auf Qualifikationen angeschaut und haben dann gesagt: Eigentlich ist das ein spannender Ausbildungsbereich, aber die Fläche spielt sich im Mittelstand ab, in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Die große Masse, da müssen wir hin, da müssen wir hinschauen - und sind dann mit diesen 12 Berufen ins Feld gegangen.

Da finden Sie beispielsweise den Industriekaufmann, aber auch die Fachkraft für Lagerlogistik, den Orthopädietechnik-Mechaniker, den Straßenbauer und den Landwirt, um nur einige der Berufe zu nennen - bewusst aus allen Wirtschaftsbereichen ausgewählt -, viele kleine und mittelständische Unternehmen dabei, um dann doch mal wirklich am Nabel der Berufsbildung zu schauen: Wie verändert Digitalisierung denn nun Berufe und wie müssen wir künftig qualifizieren und wie müssen künftig unsere Curriculare ausgestaltet werden? Und da haben wir, denke ich, ganz spannende Erkenntnisse generieren können.

Neben technischen auch soziale und personale Anforderungen

Maleike: Können Sie dazu denn schon was sagen? Noch ist das Projekt nicht ganz abgeschlossen, aber dass die Digitalisierung bei den Berufen zuschlägt - nehmen wir doch mal jetzt zum Beispiel den Landwirt -, ist doch sicher klar, oder?

Padur: Genau. Also wir haben ganz übergeordnete Ergebnisse feststellen können, in einer langen, qualitativen Phase, wo unsere Kolleginnen und Kollegen im Feld unterwegs gewesen sind, mit ausgebildeten Fachkräften gesprochen haben, Ausbildungsverantwortlichen, Betriebsinhabern, Herstellern, über die dann häufig Software zur Verfügung gestellt wird. Und so ganz pauschal kann man sagen, dass in allen Berufen das Thema Digitalisierung eine große Rolle spielt.

Der Umgang mit Daten wird immer wichtiger, Datenaustausch, IT-Sicherheit, Datenschutz, aber auch Kompetenzen, die gar nicht so sehr aus dieser technologischen Anforderung heraus resultieren, wie beispielsweise soziale oder personale Anforderungen - das Arbeiten in interdisziplinären Teams, der Austausch mit Dritten in virtuellen Räumen, der Umgang mit digitalen Medien und damit geforderte Kompetenzen. Beim Landwirt im Speziellen hat das heute, wenn man auf so einer Erntemaschine sitzt, wenig mit der Traktorromantik vergangener Tage zu tun, sondern erinnert doch viel stärker an ein Airbus-Cockpit, sodass gerade in diesem Bereich viel hochdigitalisiert ist und damit natürlich ganz andere Anforderungen an ein Berufsbild gestellt werden, was übrigens aus den 90-er-Jahren resultiert und damit durchaus modernisierungsbedürftig ist.

"Junge Menschen viel früher auf die vernetzte Arbeitswelt vorbereiten"

Maleike: Und jetzt geht es natürlich daran, zu gucken, wie sehen denn die Ausbildungen aus, die zu diesem Beruf führen. Was werden sie verändern müssen? Was sind die Erkenntnisse aus Ihrem Projekt?

Padur: Ganz genau. Also das, was erstmal ganz schön ist für uns, im dualen System, in der Berufsausbildung, unsere Ausbildungsordnungen sind technikoffen beschrieben. Das ist aus gutem Grund so, denn sonst müssten wir auf jede technologische Veränderung mit einer neuen Ausbildungsordnung reagieren, und dann kämen wir aus dem Neuordnen und Modernisieren nicht mehr raus und würden ohnehin per se der technologischen Entwicklung hinterherhinken in der beruflichen Bildung. Insofern hat sich diese Technikoffenheit bewährt. Sie haben ein Bauteile-Herstellen häufig in metallverarbeitenden Ausbildungsordnungen stehen und ob sie das dann sozusagen auf automatisierten Fertigungsanlagen machen oder von Hand, das ist nicht näher beschrieben und obliegt dem ausbildenden Betrieb. Das bietet heute viele Vorteile, weil wir viele Anker für das Thema Digitalisierung finden. Insofern sehen wir einen gewissen Entwicklungsbedarf auf Ebene der Curricula.

Aber viel spannender noch: Eigentlich muss betriebliche Ausbildung, betriebliche Ausbildungsgestaltung heute ein Update in digitalen Zeiten erfahren. Wir müssen eine andere Ausbildungsgestaltung an den Tag legen, junge Menschen viel mehr auf diese - oder viel früher auf diese vernetzte Arbeitswelt vorbereiten und ein Stück weit wegkommen von dem Gedanken, wir reichen Grundlagenlehrgang an Grundlagenlehrgang und bilden sozusagen künftig stärker projektorientiert, komplexer im System und diesem System- und Prozessverständnis aus. Das sind so ganz grundlegende Erkenntnisse, die wir da generieren konnten.

"Die Berufsschule wird wieder wichtiger als Partner"

Maleike: Ein ganz wichtiger Baustein bei der dualen Ausbildung in Deutschland ist ja auch der Lernort Berufsschule. Ich nehme mal an, den haben Sie dann bei diesen Modernisierungsstrukturen mit bedacht?

Padur: Natürlich. Also der duale Partner ist natürlich immer mit im Boot an der Stelle. Und die Berufsschule wird heute auch wieder ein Stück weit, ich will einfach sagen, ein Stück weit bedeutender, ein Stück weit wichtiger als Partner wieder. Das ist sehr, sehr schön zu sehen. Wir sind eng im Austausch mit der KMK, mit den Ländern, fahren da viele Projekte auch, im Beispiel, wo es um den Einsatz von Ausbildungsmitteln geht - Tablets in Berufsschulen, Tablets in Betrieben, wie unterlege ich das mit geeigneten Lernsituationen -, und da können wir häufig auch in der Gestaltung von Ausbildungssituationen von dem Wissen und der Erfahrung auf der Schulseite, in der Gestaltung von geeigneten Lernsituationen und Lehrsituationen profitieren. Wir sind da in einem engen Austausch, unter dem Schlagwort "Lernortkooperation 4.0" und werden da auch in diesem Jahr noch den einen oder anderen Workshop gemeinsam mit der Kultusministerseite gestalten.

Maleike: Torben Padur, vom Bundesinstitut für Berufsbildung BIBB mit Einschätzungen zur Digitalisierung von Ausbildungsberufen in Deutschland - vielen Dank für das Gespräch!

Padur: Sehr gerne.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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