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StartseiteKultur heuteBesuch aus Fernost10.04.2008

Besuch aus Fernost

Regisseur Wayne Wang kehrt mit "Mr. Shi und der Gesang der Zikaden" zu seinen Wurzeln zurück

Wayne Wang erzählt in seinem neuen Film von der Schwierigkeit, Kontinente, Generationen und Kulturgrenzen zu überwinden: Der chinesische Rentner Mr. Shi hat den weiten Weg aus China auf sich genommen, um seine Tochter im mittleren Westen der USA zu besuchen.

Von Josef Schnelle

Peking (AP)
Peking (AP)

Mr. Shi kann nicht gut englisch und doch unternimmt er den Versuch "Madame", einer älteren Dame aus dem Iran die Sache mit den Zikaden zu erklären. So ist das oft in diesem Film des Hongkong-Chinesen Wayne Wang über den fremden Blick eines chinesischen Rentners, der die Welt seiner Tochter im mittleren Westen der USA zu verstehen versucht. Im Kauderwelsch der Emigrantensprachen zählen dann plötzlich die Gesten und die Blicke - und schließlich versteht man doch alles, auch ohne erklärende Untertitel.

Wayne Wang hat der damaligen britischen Kronkolonie Hongkong zweimal den Rücken gekehrt. Als junger Mann mit 18 Jahren um in Amerika Malerei und Film zu studieren und dann noch einmal Anfang der 80er Jahre, als ihm klar wurde, dass die neue Welle der Filme aus Hongkong noch einige Zeit auf sich warten lassen würde. Mit "Chan is missing" drehte er 1982 seinen ersten soliden Programmkinoerfolg und wurde Teil der New Yorker Independentszene. Mit den Filmen "Smoke" und "Blue in the Face" machte er den kleinen Tabakladen in Brooklyn an der Ecke - geführt von Harvey Keitel - zum Inbegriff von großstädtischer Stadtviertelheimat. Paul Auster schrieb 1995 das Drehbuch dazu. Wayne Wang war endlich angekommen in seiner neuen Heimat Amerika. Nun lässt er Großvater Shi aus dem Mutterland China nachkommen und noch einmal die große Fremdheit der amerikanischen Provinz erleben, in der sich dessen Tochter mehr schlecht als recht eingerichtet hat. Schon am Flughafen gibt Mr. Shi zu allerlei Missverständnissen Anlass. Raketenwissenschaftler ist er nämlich nur kurze Zeit gewesen, aber den netten Sitznachbarinnen konnte er damit doch so gut imponieren.

Tochter Yilan sieht dem väterlichen Verwandtschaftsbesuch mit äußerst gemischten Gefühlen entgegen. Schließlich hat sie sich gerade von ihrem chinesischen Mann getrennt und möchte ihr unpassendes Verhältnis zu einem verheirateten Mann so gerne verbergen. Doch Mr. Shi ist ja gerade gekommen, um seiner Tochter beizustehen und ihr Leben neu zu ordnen. Doch zunächst muss er die Umgebung erkunden: den Park, die Buslinien des kleinen Ortes und den Supermarkt. Ein langsamer – gut beobachteter – schlichter Film, der von den kleinen Freuden erzählt und von der Schwierigkeit, Kontinente, Generationen und Kulturgrenzen zu überwinden. Wayne Wang ist der Chronist des Alltags.

Man muss sich mit seinem Mr. Shi schon die Zeit nehmen zu lauschen, bis man die Zikaden hören kann. Wayne Wang ist ein beglückender Film gelungen, der von der Kraft der Menschenliebe berichtet. Weswegen die kleinen satirischen Seitenhiebe, mit denen der Film ansatzlos aufwartet, auch so prächtig ankommen, wenn Mr. Shi etwa den Mormonenpredigern freundlich von den großen chinesischen Philosophen Marx und Engels berichtet oder wenn er sein rotes Halstuch aus der Kulturrevolution zum Gardinenraffer zweckverfremdet.

Tausend Jahre gute Gebete – so lautet übersetzt eigentlich der Titel Filmes. Doch die goldenen Worte der chinesischen Weisheit gehören Tochter Yilan. 300 Jahre Gebete braucht man, um gemeinsam einen Fluss zu überqueren, aber 3000 Jahre Gebete wenn man das Kissen miteinander teilen möchte. Vielleicht sollten die Olympiaorganisatoren öfter chinesische Philosophen lesen oder diesen schönen Film nach einer Kurzgeschichte von Yiyun Li anschauen.

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