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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDie Renaissance der "offenen Gesellschaft"17.12.2015

Bewährungsprobe durch Terror und FluchtDie Renaissance der "offenen Gesellschaft"

1945 prägte der österreichisch-britische Philosoph Karl Popper einen Begriff, der zurzeit eine Renaissance erfährt. Den Begriff der "offenen Gesellschaft". Sie ist heute herausgefordert durch religiösen Fundamentalismus, durch Terror im Namen Allahs, aber auch durch die in Europa Schutz suchenden Flüchtlinge.

Von Ingeborg Breuer

Flüchtlinge bei der Registrierung in der Zentralen Registrierungsstelle im nordrhein-westfälischen Greven. (PATRIK STOLLARZ / AFP)
Flüchtlinge bei der Registrierung in der Zentralen Registrierungsstelle im nordrhein-westfälischen Greven. (PATRIK STOLLARZ / AFP)
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"Die Attentate haben gezeigt, wie verwundbar die offene Gesellschaft ist, haben aber auch bewirkt, dass wir uns neu besinnen."

Bundespräsident Joachim Gauck nach den Anschlägen auf die Satirezeitung Charlie Hebdo.

"Und deswegen müssen wir sagen, wir werden diese offene Gesellschaft verteidigen gegen die Terroristen."

Thomas Oppermann, Fraktionschef der SPD-Bundestagsfraktion über islamistischen Terror.

"Heute können wir zeigen, dass eine wohlhabende Gesellschaft  versucht zu helfen, wo sie helfen kann. Und dass wir gemeinsam unsere offene Gesellschaft verteidigen, der wir alle miteinander so viel zu verdanken haben."

Stephan Weil, Ministerpräsident von Niedersachsen, zur Flüchtlingskrise.

Gegen den Totalitarismus Hitlers und Stalins

1945 prägte der österreichisch-britische Philosoph Karl Popper einen Begriff, der zurzeit eine Renaissance erfährt. Den Begriff der "offenen Gesellschaft". Sie ist heute herausgefordert durch religiösen Fundamentalismus, durch Terror im Namen Allahs, aber auch durch die in Europa Schutz suchenden Flüchtlinge. "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" hieß das Buch, das Karl Popper im neuseeländischen Exil während des Zweiten Weltkriegs schrieb. Es war ein Appell, so der Philosoph in einem Interview von 1974:

"All den großen Propheten zu misstrauen, die eine Patentlösung in der Tasche haben und sagen: Wenn ihr mir nur volle Gewalt gebt, dann werd ich euch in den Himmel führen. Die Antwort darauf ist, wir geben niemandem volle Gewalt über uns, wir wollen, dass die Gewalt auf ein Minimum reduziert wird."

Karl Poppers Buch wandte sich damals vor allem gegen den Totalitarismus Hitlers und Stalins. Aber totalitäres Denken ist älter. Schon Platon, aber auch Hegel und Marx wollten aus der Geschichte "Gesetze" destillieren, nach denen eine ideale Gesellschaft gezimmert werden könnte. Heute sind es islamistische Terroristen, die mit Berufung auf Gott ihr barbarisches Töten rechtfertigen.

Es gibt keine letzten Wahrheiten

Offensichtlich, so Popper, sei es das Bedürfnis nach dem "verlorenen Gruppengeist des Stammes", das die Menschen immer wieder zu der Sicherheit und Überschaubarkeit "geschlossener" Gesellschaftsordnungen streben lässt. Doch "der Versuch den Himmel auf Erden zu verwirklichen, produziert stets die Hölle", so Popper. Und die offene Gesellschaft hat erkannt, dass dieser "Traum vom Himmel sich auf Erden nicht verwirklichen" lässt.

"Das ist natürlich anstrengend auszuhalten. Wenn wir mit Nietzsche akzeptieren, dass wir sinnsuchende, sinnbedürftige Tiere sind, ist die offene Gesellschaft etwas, was wider unsere Natur ist."

Die offene Gesellschaft weiß, dass es keine letzten Wahrheiten gibt. Und ebenso wenig: Einen letzten Sinn, erläutert Professor Herfried Münkler, Politikwissenschaftler an der Humboldt-Universität in Berlin:

"Die offene Gesellschaft ist eine, die für sich anerkannt hat, dass das Weltgeschehen kontingent ist. Und pointiert könnte man sagen, die offene Gesellschaft ist eine, die ausgestellt ist in die Sinnlosigkeit der Welt und in die Häufung der Zufälle in ihr."

Aus dieser Einsicht folgt: Es liegt allein an uns, was der Sinn unseres Lebens sein soll.

"Es gibt keinen, der für uns das Leben ordnet und organisiert. Und das hatte wohl Popper im Auge, als er gesagt hat, die offene Gesellschaft ist keine Gesellschaft, die eine verbindliche Wahrheit für alle hat. Aber jeder Einzelne ist aufgerufen sich auf die Suche nach seiner Wahrheit oder auch nach der Wahrheit zu machen."

Offene Gesellschaft als Lebensentwurf

Diese Wahrheit kann durchaus banal sein. "Ihr habt die Waffen, wir den Champagner" titelten die Karikaturisten von Charlie Hebdo nach den Terrorattacken im November in Paris. Und zeichneten einen von Kugeln durchsiebten Mann, aus dem kein Blut, sondern Champagner fließt. Was so viel heißt wie: Wir setzen eurem fundamentalistischen Terror unseren Hedonismus entgegen. Fußballspiele, Heavy-Metal-Konzerte, Dinner-Partys. Doch ist Spaß haben wirklich das Kennzeichen einer offenen Gesellschaft? Ihre Feinde verachten sie deshalb als "dekadent".

"Das Hedonistische gehört auch zur offenen Gesellschaft, wenn wir uns vorstellen, dass geschlossene Gesellschaften in der Regel auch asketische Gesellschaften sind. Die offene Gesellschaft ist die Gesellschaft der aggregierten Individuen, von denen im Prinzip jeder für sich seinen Lebensentwurf und seinen Wochenendentwurf verwirklichen kann. Oder vier oder fünf Beziehungen gleichzeitig zu haben (oder) organisierte Sinnlosigkeit zu betreiben. - Aber sie ist natürlich viel mehr als individueller Lebensgenuss."

Dem Hedonismus der offenen Gesellschaft liegt die Freiheit des Individuums zugrunde, nach seiner Facon glücklich zu werden. Ohne sich für sein Tun oder Lassen, seine sexuellen Vorlieben oder seine politischen oder religiösen Überzeugungen rechtfertigen zu müssen. Ihr liegt die Überzeugung zugrunde, dass jeder Mensch und jeder Lebensentwurf gleich-berechtigt ist. Sie ist eine Gesellschaft ohne letztes Ziel, ohne, wie Herfried Münkler es nennt, "Heroismus". Aber eine, so Karl Popper:

"In der man frei atmen kann, frei denken kann, in der ein jeder Mensch einen Wert hat, und, in der die Gesellschaft keine überflüssigen Zwänge über die Menschen ausübt."

Es gibt keinen "Heilsplan"

Ihre politische Gestalt ist der demokratische Rechtsstaat. Und dessen hervorragendstes Merkmal war für Popper, dass man seine Repräsentanten schlicht und einfach - wieder absetzen kann.

"Nicht zu viel Macht, das ist die Grundidee der Demokratie. Die Macht muss verteilt sein, sodass nicht zu viel Macht in einer Hand ist. Die Demokratie ist ein großes Experiment. Es geht immer alles Mögliche in einer Weise schief, die man nicht hat voraussehen können."

Weil sie keinen Heilsplan hat, gehört das Experimentieren zur offenen Gesellschaft hinzu. Die Entwicklung, die sie nimmt, führt nach Popper "ins Unbekannte, ins Ungewisse, ins Unsichere". Und deshalb gehöre zu ihre eine ungemeine Innovationsbereitschaft und Kreativität. Die Bereitschaft jedes Einzelnen, sich nicht abzuschließen gegen neue Erfahrungen. Veränderungen zuzulassen, statt sie zu ersticken.

"Die offene Gesellschaft ist nicht nur eine ungemeine kreativitätsermöglichende, sondern sogar kreativitätsbedürftige Gesellschaft. Sie ist deswegen notorisch innovativ und häutet sich permanent. Die offene Gesellschaft muss immer kreativer sein, weil sie bestimmte Nachteile an Sinnvorgaben in Kauf nimmt. Sie hat auf diese Weise eine sehr hohe Flexibilität. Dem stehen geschlossene Gesellschaften gegenüber, die infolge dieser Geschlossenheit nicht die Innovativität aufbringen, die eigentlich im Prozess der Modernisierung permanent zurückfallen."

Offene Gesellschaft muss kreativ sein

Das andere, das Fremde gehört deshalb zu diesen Gesellschaften hinzu. Es ist ihr Lebenselixier, weil es der Anstoß für sie ist, sich immer wieder neu zu erfinden und nicht in Behäbigkeit zu erstarren.

"Die offene Gesellschaft ist eine, die in der Gefahr steht zu altern, unbeweglich zu werden, zu verholzen. Dann heißt das, dass das Hereinnehmen des Fremden und auch der Fremden eine Form der Revitalisierung, der Verjüngung ist. Also die offene Gesellschaft ist nicht nur offen für das Fremde, sondern sie ist darauf angewiesen. Sie muss sich erneuern, um eben nicht in diesen Prozess der Erstarrung hineinzugeraten."

Das Umgehen mit den nach Europa strömenden Flüchtlingen ist für Herfried Münkler deshalb eine Bewährungsprobe für die offene Gesellschaft. Würde sie ihre Grenzen schließen, wäre das eine zivilisatorische Unreife, sozusagen der vergebliche Versuch, den "verlorenen Gruppengeist des Stammes" – jene Sehnsucht nach der geschlossenen Gesellschaft – wiederherzustellen.

"Die aktuelle Herausforderungen durch die Migrantenströme stößt an den Punkt, ob die offene Gesellschaft sich als offene Gesellschaft weiß und sich behaupten will. Oder aber, ob sie eine schon so überalterte Gesellschaft ist, dass sie glaubt, sie muss sich abschließen, und das Fremde draußen halten. Konkret wird das in der Diskussion: Begreifen wir die zu uns gekommenen Flüchtlinge eher als eine Chance oder begreifen wir sie als eine Gefahr? Und je älter und erschöpfter eine Gesellschaft ist, desto eher wird sie sagen, es ist eine Gefahr."

Das Fremde als Chance zu verstehen und es in das Eigene zu integrieren, gehört zum Selbstverständnis der offenen Gesellschaft. Einer vitalen Gesellschaft, die deutlich macht, dass sie dem Fundamentalismus mehr entgegenzusetzen hat als Champagner. Und daraus folgt für Herfried Münkler eine klare politische Konsequenz: Ohne offene Türen keine offene Gesellschaft.

"Die offene Gesellschaft kennt keine Obergrenze. Sobald sie eine Obergrenze hat, ist sie ja eine gedeckelte Gesellschaft. Gewissermaßen geschlossen light."

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